Robert Menasse: "Don Juan de la Mancha"

                                                                    
Roman über einen Mann, der(den) die Frauen liebte(n)

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BuchumschlagDer Zusatz "de la Mancha" im Titel dieses Romans setzt natürlich bei jedem literarisch interessierten Leser sofort eine eindeutige Assoziation frei. Man denkt an einen alten Klepper, Windmühlen und rostige Rüstungen sowie an die Weigerung, die Realität wahrzunehmen und zu akzeptieren, stattdessen lieber - zumindest in Gedanken - alte Schlachten zu schlagen. Doch die Parallele zu Cervantes' Helden will sich in Robert Menasses neuem Roman nicht so recht ausbilden; die literarische Assoziation verspricht mehr, als der Roman wirklich halten kann.

Zwar trägt der Ich-Erzähler Nathan durchaus einige Quichotte-Züge, aber diese erschöpfen sich in einer gewissen Gleichgültigkeit dem realen Leben und seinen Anforderungen gegenüber. Dieser "Don xxx de la Mancha" kämpft keine Schlachten, weder echte noch überholte. Wenn überhaupt, dann trifft hier eher der erste Teil des Titel, "Don Juan", zu; jedoch nicht im landläufigen Sinne als erfolgreicher, unwiderstehlicher Verführer der Frauen, sondern eher im Sinne Kierkegaards (und  Mozarts), wobei man schon das "Entweder - oder" des dänischen Philosophen gelesen haben sollte, um die Parallelen zu entdecken. Offensichtlich hat sich Menasse mit dem "Don Juan"-Bild Kierkegaards und mit dessen Interpretation der Mozart-Oper auseinandergesetzt, denn er zitiert den nordischen Denker fast wörtlich, wenn er auf die Liebe zur Begierde im Sinne eines Selbstzweckes verweist. Und so, wie Mozarts Don Juan nicht die Frauen, sondern ausschließlich die Eroberung der Frauen liebt, so endet auch für den Protagonisten bei Menasse jede Beziehung im Grunde genommen schon mit dem ersten Beischlaf. Wie ein kleiner Junge, der sich für ein Spielzeug nur so lange interessiert, bis er dessen Mechanismus durchschaut hat, endet auch bei Nathan die Faszination, sobald er die jeweilige Frau im Alltag kennenlernt. Ob oder dass diese Frauen im Einzelnen tatsächlich mit der Festigung einer Beziehung ihr Wesen ändern, spielt dabei keine Rolle. Auf jeden Fall empfindet er es so und distanziert sich von jeder Frau bereits am Tage der besiegelten Bindung.

Menasse zeigt sich in diesem Roman durchaus von einer humoristischen und selbstironischen Seite. Sein Nathan glänzt nicht gerade durch übergroße emotionell-erotische, staatsbürgerliche oder moralische Standhaftigkeit und Prinzipientreue. Eine Geliebte neben der Ehefrau gehört zum Alltag eines Mannes, und im beruflichen Betrieb sieht Nathan als Chefredakteur eines "Lifestyle"-Magazins die alltägliche Klein-Korruption nicht mit Empörung sondern eher mit erstauntem Desinteresse. Nach einem abgebrochenen Studium ist er eigentlich nur auf Fürsprache seines Vaters - Redakteur für Klatschspalten - zur Zeitung gekommen. Zwar zeigt er Interesse und einiges Talent und schafft es schließlich auch zum Chefredakteur des Blattes, doch die tägliche Berufsausübung hat wenig mit seinen inneren Bedürnissen und Sehnsüchten zu tun, die sich dem Leser übrigens auch nie erschließen. Menasse hat offensichtlich nicht den moralistischen Roman über einen einsamen "Philip Marlowe" im Sinn, den die Verkommenheit der Welt zum desillusionierten Einzelgänger werden lässt; sein Protagonist schwimmt im Strom der Welt mit, nimmt die Frauen ohne sie zu genießen und bleibt im Grunde genommen immer ein emotioneller Autist ohne tiefgehende Beziehungen.

Nathan schaut durch den Rahmen einer psychotheraputischen Behandlung auf sein Leben zurück und beschreibt dessen bisherigen Verlauf der Therapeutin Hannah von der Pubertät bis zum heutigen Tage. Zwischen Patient und Therapeutin knistert es, wobei dieses Knistern durchaus allein in der Einbildung des Patienten existieren mag. Auf jeden Fall weigert er sich innerlich, sie nur als Ärztin und nicht als Frau zu betrachten. Das "Don-Juan"-Syndrom lässt ihn auch hier nicht los. Die Therapie hat er auf Drängen seiner Frau aufgenommen, die seine Lethargie nach der Entlassung bei der Zeitung nicht ertragen konnte. Allerdings beruht diese Lethargie weniger auf dem Schock der plötzlichen Arbeitslosigkeit, die ihn merkwürdig kalt lässt. Er betrachtet die Welt wie durch die Scheiben eines Aquariums; sie weckt bei ihm nur noch peripheres Interesse, und am liebsten liegt er in der Badewanne und überlässt sich den ziellos kommenden und gehenden Gedanken. Ob dies das Krankheitsbild einer Depression darstellt oder eher eine höhere Abgeklärtheit widerspiegelt, die keinen Wert mehr auf die äußeren Zeichen des Erfolgs legt, bleibt offen.

Nathan schleppt ein langes Register von Frauen hinter sich her. Die ersten hat er mehr durch Zufall und ohne zielgerichtete Werbung erobert, bis er an Alice, einer aufmüpfigen 68erin, scheitert, die sich nach einer halbherzigen Beziehung mit ihm einem  testosterongestählten Jungkünstler an den Hals wirft und mit diesem nach Paris zieht. Doch obwohl Nathan geglaubt hat, Alice zu lieben, kommt er erstaunlich schnell über diesen Verlust weg und lebt weiterhin in den beruflichen und privaten Tag hinein. In der  Redaktion ist er durch die Schlafzimmer der meisten Kolleginnen - nicht nur - gewandert, so wie andere ins Fitness-Studio oder in die Volkshochschule gehen. Es gehört halt dazu, und man nimmt die Gelegenheiten wahr, die sich bieten. Selbst als er seine spätere Frau kennenlernt, muss mehr oder weniger sie die Beziehung forcieren, damit sie nicht im unverbindlichen Nebeneinander untergeht. Als sie dann Karriere macht und zunehmend auf Reisen weilt, legt sich Nathan die eine oder andere Freundin zu, praktischerweise verheiratete Frauen, die dann auch bei ihm gerne die aktive Rolle übernehmen. Gerne ist er ihnen  erotisch zu Diensten, aber der Leser gewinnt den Eindruck, dass der Alltag auch der außerehelichen Beziehungen für Nathan eher eine Pflichtübung darstellt, die zwar mit einer durchaus angenehmen Triebabfuhr verbunden ist, ansonsten aber das eigene Leben nicht zu stark einengen darf. So nimmt er auch die mehr oder weniger deutlichen Beendigungen solcher Beziehungen durch die Frauen nur mit einem Minimum an emotionellem Protest hin, wohl wissend, dass die nächste Eroberung ihn wieder in eine Anfangsphaase führen wird, die höhere Befriedigung verspricht als die Gewohnheit einer dauerhaften Beziehung. Vor diesem Hintergrund versteht es sich fast schon von selbst, dass Nathan seiner Frau gegenüber keinerlei Gewissensbisse verspürt, nur durch vorausschauende Organisation seiner Affären den lästigen Krach mit dem unvermeidlichen Entscheidungsdruck zu vermeiden weiß.

Menasse beschreibt in diesem Roman eine typisch zeitgeistige Befindlichkeit. Engagement sowohl beruflicher wie auch privater Art gehört nicht mehr zum Kanon der bürgerlichen Tugenden. Doch auch Rebellion wie 1968 ist keine Alternative mehr. Die Männer - und nur um die geht es Menasse - haben eine deutliche Distanz zum Leben eingenommen. Sex gehört dazu wie Essen und Trinken, hat aber sonst keinen besonderen Stellenwert mehr. Sowohl Erfolge als auch Misserfolge in Beruf und Privatleben werden eher ironisiert denn als Schock empfunden. Der Konkurrenzkampf unter "Alpha-Tieren" wird höchstens belächelt und die Trophäe der eroberten Frau trägt man nicht mehr als solche triumphierend vor sich her. Menasse drückt diese Haltung an einer Stelle mit einem anderen literarischen Zitat aus, wenn er sagt: "...ich will keine Rosen keine Rosen keine Rosen...", als wolle er die Stein des Anstoßes kickend aus dem Weg räumen. Am Ende dieses Buches bleibt ein seltsames Gefühl der Ambivalenz. Zwar enthält es viele Elemente des Schelmenromans - eine gewisse (Schein-)Naivität, (Selbst-)Ironie und Sinn für komische oder groteske Situationen; auch nimmt er vordergründig nichts wirklich ernst und hinterfragt dadurch die Bedeutung der großen und oft hohlen Wertesystemein; doch am Ende bleibt die Aussage des Buches offen. Es klagt weder an noch analysiert es, es zeichnet weder politische noch gesellschaftliche Entwicklungen ernsthaft, d. h. kritisch nach, sondern bedeckt alle eventuell in diese Kategorien fallenden Ereignisse mit dem Schleier einer marginalisierenden Ironie. Das liest sich über weite Strecken durchaus amüsant, und man ist versucht, die literarischen Zitate und Quebezüge zu entdecken und zu entschlüsseln, aber am Ende schließt sich der Vorhang, und alle Fragen bleiben offen.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41910-6 erschienen und kostet 18,80 €

Frank Raudszus



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