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Seit rund 150 Jahren haben Trinkhallen, Kioske und
„Wasserhäuschen“, wie sie speziell in Frankfurt heißen,
Tradition im Rhein-Main-Gebiet. In Frankfurt gibt es etwa 330 davon, im
Umland noch einmal doppelt so viele. Sie gehören zur
Alltagskultur, denn am Wasserhäuschen kann man preiswert ein
Feierabendbier zischen, spätabends noch Zigaretten holen oder am
Sonntagmorgen Kaffee und die Sonntagszeitung. Höchste Zeit also,
einen Büdchen-Führer aufzulegen. Das hat jetzt der
Societäts-Verlag mit dem hübschen Bändchen „Die unteren
Zehntausend“ gemacht.
Die Autoren Ulrich Sonnenschein, Jens Bredendieck, Andreas Heller und
Peter Schenk sind ausgewiesene Wasserhäuschen-Experten. Ihnen ist
eine nette Hommage an die unersetzliche Institution Trinkhalle
gelungen. Die Autoren huldigen all den liebenswerten Kioskbetreibern
und besonders ihrem Warenangebot: zwischen Illustrierten und
Magenbitter, Tabak und Gummibärchen finden sich ausgefallene
Bierspezialitäten, aber auch exotische Früchte oder
selbstgebackener Kuchen. In bester Tante Emma-Manier bieten viele
Wasserhäuschen dazu noch Dinge, die gerne mal beim Einkaufen
vergessen werden wie Mehl, Shampoo oder Batterien. Serviert wird das
alles von engagierten Kioskbetreibern und ihren Helfern. Tagein, tagaus
stehen sie von morgens bis oft spät am Abend hinter ihren kleinen
Verkaufstheken.
Leider, das schreiben die Autoren, kämpft so manches
Wasserhäuschen mittlerweile gegen die nahe Konkurrenz der
Discounter und anderer Billigläden; einige Kioske sind schon auf
der Strecke geblieben. Aber viele haben ihr treues Stammpublikum.
Gerade in der Großstadt ist es bunt gemischt. Natürlich
steht der eine oder andere schon morgens da, um sein „Stützbier“
zu trinken. Aber auch das gehört zur Großstadt. Auch
gutsituierte „Promis“ erweisen sich als Kioskanhänger – etwa
Rudolf Scharping, der an einer Trinkhalle im Frankfurter Oeder Weg
gerne seine Zeitungen kauft.
Ulrich Sonnenschein & Co. liefern neben allerlei Wissenswertem
über Wasserhäuschen viele urbane Anekdoten und augezwinkernde
Geschichten über den Alltag der Büdchenbetreiber. Sie
dokumentieren die spontanen Begegnungen und den einen oder anderen
Spruch voller Lebensweisheit, der von den Trinkhallenphilosophen zum
Bier mitgeliefert wird.
Weit über 50 Büdchen stellen die Autoren vor und widmen jedem
eine bebilderte Doppelseite mit allen Informationen:
Öffnungszeiten, Warenangebot und Eigenheiten der Besitzer.
Der Rezensent kennt manche der beschrieben Wasserhäuschen – es
stimmt alles. Und er bittet darum, in einer Neuauflage eine weitere
Trinkhalle in das Angebot aufzunehmen: das Wasserhäuschen an der
Kreuzung Holzhausenstraße/ Eysseneckstraße im noblen
Frankfurter Holzhausenviertel. Die Trinkhalle ist im Stil eines
japanischen Teehauses gehalten und führt auf unnachahmliche Weise
alle Schichten zusammen – den nervösen Manager, der auf dem Weg in
die City ist ebenso wie den, der es nicht mehr so mit der Arbeit hat
und der auf einem der Stühle rund um das Wasserhäuschen
sitzt. Fragt sich nur, wem von beiden es besser geht.
Das Buch ist im Societäts Verlag (ISBN Nr. 978-3-7973-1046-0)
erschienen, hat 144 Seiten und kostet 9,90€.
Alexander Hoffmann
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