Fritz von Herzmanovsky-Orlando: "Scoglio Pomo"....

                                                                    
....oder "Rout am Fliegenden Holländer"


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BuchumschlagDer Titel dieses Buches klingt wahrhaftig sybillinisch. Stutzt man bereits bei dem Begriff "Scoglio Pomo", so klingt der Zusatz "Rout am Fliegenden Holländer" noch seltsamer. Dazu kommt, dass nur Wenigen, auch wenn sie sich in der Literaturlandschaft durchaus auskennen, der Name des Autors ein Begriff sein wird. So gehen die Fragen "Woher stammt der Autor" und "Worum geht es eigentlich" Hand in Hand.

Fritz Ritter von Herzmanovsky-Orlando war Österreicher und lebte von 1877 bis 1954, war also ein intimer Kenner der "k.u.k."-Zeit. Wie sein großer Landsmann Robert Musil beschäftigte auch er sich mehr oder minder ironisch mit dem Untergang des Hauses Habsburg, nur nicht so dezent-intelektuell wie Musil, sondern mit einer eher der deftigen Satire zuneigenden Ironie. Sein literarisches Pech bestand darin, dass seine Werke über das Ende des k.u.k.-Reiches in die zwanziger Jahre fielen, als man sich ungerne mit satirischen Werken über die gerade lautstark zugrunde gegangene Epoche beschäftigte. Außerdem kam sein deftiger bis grotesker Stil nicht bei jedem (konservativen) Kritiker an. Man kann dies bei der unvoreingenommenen Lektüre dieses ungewöhnlichen Buches sogar in gewisser Weise verstehen, denn selten hat ein ernst zu nehmender Literat die ungeschriebenen Gesetze seines Standes so mutwillig und konsequent gebrochen wie Herzmanovsky-Orlando. Das beginnt mit der für das 20. Jahrhundert ungewöhnlich grotesken, teilweise ins Märchen abgleitende  Erzählweise und endet noch lange nicht bei der lautmalerischen Wiedergabe der verschiedenen Dialekte des Vielvölkerstaates. Man muss schon einige Geduld aufbringen, um sich in das Buch einzulesen und sich auf den ganz eigenen Rhythmus einzulassen.

Doch worum geht es in diesem Buch? Eine Gruppe von mehr oder minder (hoch)adligen Sommerfrischlern verbringt die Ferien auf der fiktiven Insel Scoglio Pomo in der Adria, für die die reale Insel Brioni Pate gestanden haben soll. Schon der Name deutet auf einen hüpfende Adamsapfel hin, also auf eine gewisse Lächerlichkeit. "Rout" bedeutet im alten österreichischen Sprachgebrauch wohl soviel wie ein Tanzfest, und ein solches findet tatsächlich auf dem berühmten "Fliegenden Holländer" statt. Man sieht schon, der Autor mischt beherzt reale und phantastische Elemente, ohne sich um die rationale Logik der Handlung zu scheren. Die  Gruppe besteht aus wahrhaft absonderlichen Figuren: da ist der "bartumrauschte" Baron Zois, seines Zeichens Direktor der weit- und weltläufigen Hotelanlage. Adjektiv und Name erinnern nicht zufällig an Homers "Ilias" oder "Odysseee". Ähnlich wie Zeus im Olymp regiert auch Zois auf Scoglio Pomo. Dann sind da diverse Adlige, ein dandyhaft-jugendlicher Prinz, der gelangweilt im nasalen Weaner Dialekt Gäste und Ereignisse kommentiert, ein jugendlicher Empokömmling, der bei seinem Versuch, unbedingt eine Adlige oder Millionärstochter zu angeln, von einem Fettnapf in den nächsten stürzt; eine narzistische und leicht verrückte Schauspielerin, die allen Männern den Kopf verdreht und sie an der Nase im Kreis führt; ein dubioser Magier, der tatsächlich eines Abends den "Fliegenden Holländer" - ein Segelschiff in Originalgröße - am Strand des Hotels anlegen und um Mitternacht verschwinden lässt, was zum unfreiwilligen Bad der sich auf dem Schiff verlustigenden Hotelgäste führt; verschiedene Adlige und Möchtegern-Adlige, die den ganzen Tag um die Nähe der "wichtigen" Personen buhlen und dabei viel Unsinn reden; die Umbuhlten selbst - meist steif und "waaansinnig faaad" - sowie einige Angehörige verschiedener Balkanvölker, die ihre lokalen Sitten und Gebräuche nicht immer passend zur Schau tragen oder ausleben.

Die Gespräche zwischen diesen Vertretern einer wahren k.u.k-"Elite" zitiert der Autor mit viel Liebe zum Detail in einer Art Lautschrift, die den gedehnten Sprechgesang der Wiener genauso treffend wiedergibt wie die falschen Satzstellungen und harten Konsonanten der diversen "Beehmen und Bosniaaken". Man liest sich diese Dialoge am besten laut vor, wobei man merkt, dass es gar nicht so einfach ist, etwas selbst nachzuahmen, was man im Ohr zu haben glaubt. Auf jeden Fall hört man die Menschen bei Herzmanovsky förmlich in ihrem Heimatdialekt räsonnieren oder bramarbasieren, jeden nach seiner eigenen Art, seiner Arroganz oder seiner Anbiederei. Allein schon die herzig-bösartige Charakterisierung dieser Sommerfrischler mit ihren Allüren und ihren abenteuerlichen Kleidungsgewohnheiten - alleweil "Frack und Zylinder bei die Heern" - lohnt die Lektüre. Darüber hinaus füllt Herzmanovsky die Gespräche und Seitenbemerkungen noch mit einem gerüttelt Maß an humanistischer Bildung. Da jagen sich in den Monologen und Streiterein der Herrn die historischen, mythologischen und literarischen Zitate, Assoziationen und Begriffe, und um sie alle zu verstehen, muss man eine wahre Exegese durchführen. Der Rezensent jedenfalls gesteht ein, dass er nur einen Bruchteil dieser Anspielungen verstanden hat. Entschuldigend ist dabei jedoch anzuführen, dass viele dieser literarischen oder politischen Zitate deutlichen Zeitbezug aufweisen, der heute weitgehend verloren gegangen ist. Dadurch erhält das Buch eine außergewöhnliche barocke Fülle; die Worte blähen die Gespräche zu einer bewusst satirischen Größe auf und bringen dabei den Selbstzweck dieser Bildung in der ausgehenden k.u.k.-Zeit zum Ausdruck. Dass ein Gelehrter ein angeblich fossiles Unikat als weltweite Besonderheit, der andere es nur als vertrockneten Hundekot betrachtet, mag als Beispiel für diese groteske Verzerrung des Gelehrtentums und Bildungsbegriffs dienen.

Während Herzmanovsky auf diese Weise viele Männer (und Frauen) der k.u.k-Monarchie MIT Eigenschaften präsentiert, entsteht unweigerlich so etwas wie Sympathie mit diesen verschrobenen Kauzen, und das Ganze entwickelt sich zu einer Burleske mit Faunen, Satyrn und Nymphen. Doch mitten in diese groteske Idylle bricht urplötzlich die nackte Gewalt. Herzmanovsky lässt jetzt in seinem nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Buch eben diesen mit urzeitlicher Wucht einnbrechen. Ein Geschwader englischer Kriegsschiffe verwechselt die Insel mit einer Marine-Zielscheibe und bombardiert alles kurz und klein. Und während wir noch den kleinen und großen Schwächen der mehr oder minder liebenswerten Figuren nachsinnen, werden diese plötzlich zerfetzt, pulverisiert oder nur schlicht getötet. Herzmanovsky schildert auch dies wie eine unglücklich verlaufende Jagdpartie und hütet sich vor plötzlicher Betroffenheit, die zu dem grotesk-satirischen Stil des Buchs überhaupt nicht passen würde. Gerade diese Beiläufigkeit der Vernichtung macht den Leser betroffen, nicht ein moralisierender Schwenk. Ein kurzer Epilog führt zu einem nüchtern-politischen Rückblick auf die Ereignisse aus Sicht des Kaisers - "Geehn's!" - und setzt mit dieser Reaktion dem Roman noch eine fein-ironische Krone auf.

Das Buch ist im Residenz-Verlag  unter der ISBN 978-3-7017-1469-8 erschienen, umfasst 347 Seiten und kostet 24,90€.


Frank Raudszus



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