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Sven-Eric Bechtolf: "Vorabend" |
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Ein
autobiografischer Blick auf Wagners Werk undWesen |
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Allerdings
muss man ihm zugute halten, dass er nicht schamlos das eigene Ego in
den Vordergrund stellt, sondern einen externen Gegenstand in den
Mittelpunkt stellt und diesen mit seinen eigenen Erinnerungen garniert.
Zum zentralen Thema hat er Richard Wagner und dessen "Rheingold"
gewählt. Auch diese Wahl erfolgte vor einem konkreten Hintergrund,
nämlich der bevorstehenden Inszenierung des "Rheingolds".
Bechtolf, der neben Schauspielen bereits verschiedene Opern inszeniert
hat, nähert sich diesem Thema also nicht (nur) in langen
Waldspaziergängen, sondern in Form eines Buches, in dem er seinen
Gedanken und Erkenntnissen aus der Lektüre der
"Rheingold"-Partitur
und der ihr zugrunde liegenden mythischen Literatur Struktur verleiht
und sich der wesentlichen Elemente der Wagnerschen Musik bewusst wird.
Dabei setzt er sich geradezu unvermeidlich auch mit dem Menschen,
Musiker und My(s)thiker Richard Wagner auseinander. Daraus hätte
nun eine werkorientierte Wagner-Biografie oder eine personalisierte
"Rheingold"-Interpretation werden können. Doch Bechtolf sind bei
der Beschreibung des allzumenschlichen Göttererzwists und der
unbezweifelten Egomanie des Komponisten offensichtlich deutliche
Parallelen zu seinem eigenen Berufsstand - Mime! - aufgefallen. Um
nicht in wohlfeile Kollegenschelte zu verfallen, hat er flugs sich
selbst als Vergleichsobjekt für seine Betrachtungen über die
Unzulänglichkeiten der Wagnerschen Götter- und Riesenwelt
eingesetzt. Dabei folgt er konsequent dem Grundsatz, bei der
Selbstkritik nicht auf halbem Weg stehenzubleiben, sondern mit den
Selbsttäuschungen und dem inneren Schweinehund gründlich
aufzuräumen. Auf
unterhaltsame weil spielerisch-ironsiche Weise bringt Bechtolf dem
Leser die "Rheingold"-Geschichte nahe. Fernab jeglicher weihevollen
Zitate schildert er handfest die Geschichte der albernen und doch
verführerischen Rheintöchter, die das Gold tief im Rhein
besingen, führt uns in die Tiefe der Erde nach Nibelheim, wo die
Zwerge für den falschen Alberich schuften müssen, der
nicht nur den Rheintöchtern das Gold, sondern auch seinem Bruder
Mime die Tarnkappe (des Schauspielers) gestohlen hat, um sich die
Herrschaft über die Welt zu sichern. Den Göttervater Wotan
beschreibt er ganz im Sinne der antiken Götterwelt als notorischen
Schürzenjäger und Karreristen, der sich jedoch zur Erreichung
seiner Ziele des Intellektuellen Loge bedienen muss. Dann sind da noch
die tumben Riesen, die sich leicht betrügen lassen ud dann
übereinander herfallen, die gern ale Handelsware geführten
Frauen, vor allem Freia, sowie deren Brüder Froh und Donner. Die
Kernfiguren in ihrer Schwäche erinnern Bechtolf immer wieder an
seine Kindheit oder sogar die Gegenwart, wenn er etwa die
Krötengestalt Alberichs zitiert oder in Loge den typischen
Intellektuellen ausmacht. Auch Wagner analysiert er dabei, dessen
inneren Widersprüche zwischen Revolutionärtum und Liebe zum
Luxus, seine Egomanie und seinen Drang zum Großen,
Übermenschlichen. Dabei gelingt ihm - fast nebenbei - eine
Liebeserklärung an Mozart, wenn er den Salzburger im "Zweikampf
der Kleinen" gegen den Wahl-Bayreuther um Längen siegen
lässt. Originalton: "...., Wagner begehrt, Mozart liebt,
...,Wagner zürnt, Mozart vergibt,...,Wagner scheint, Mozart
ist,.....".
Allein dieser Absatz mit den kurzen Gegenüberstellungen ist wegen
seiner treffenden Zuspitzungen die Lektüre des Buches wert. Das
bedeutet jedoch nicht, dass Wagner für ihn ein zweitrangiger
Komponist ist. Gegen Mozart sieht halt jeder schlecht aus. Bechtolf
macht sich kein vorschnelles, schon gar nicht klischeehaftes Bild des
großen Stabreimers. Er geht sowohl der Person Wagner als auch
der gesellschaftlichen wie allgemeinmenschlichen Aussage des
"Rheingolds" auf den Grund, als wolle er dort das Gold finden. Und
tatsächlich hebt er einen Schatz von Erkenntnissen aus dem nur
scheinbar trüben Grund des "Rheingolds". Für ihn steckt
das Libretto voller zeitloser Erkenntnisse über das menschliche
(Un-)Wesen. Jede Figur und jedes Handlungselement dieses Kampfes um
Gold und
Macht lässt sich als Symbol für die Triebkräfte des
Menschen und der von und mit ihm konstituierten Gesellschaft auffassen.
Und diese Erkenntnisse führen Bechtolf immer wieder zu der Person
des Komponisten und seinen extremen Charaktereigenschaften.
Revolutionär aber Freund des Wohllebens, Gegner des Eigentums aber
professioneller Schnorrer - um nur zwei Aspekte des Wagnerschen
Charakters zu nennen. Und jede der Schwächen führt Bechtolf
wieder zu sich und seinem Berufsstand, so wenn er das
revolutionär-kritische "Über-den Dingen-Stehen" des
Künstlers als Selbstbetrug des ausgehaltenen Hofnarren entlarvt
oder wenn er alle die in die Wagnerschen Figuren und der Person des
"Meisters" aufgedeckten Schwächen auf sich selbst projiziert. Wir
wollen hier keine Details aufführen, nicht zuletzt, weil die
Berichte aus dem eigenen Leben auch vor kleinen und großen
Peinlichkeiten, und seien sie nur selbst als solche empfunden, nicht
halt
machen. Wer ehrlich mit sich ist, wird in vielen dieser Szenen aus dem
"Leben eines Taugenichts" - wie es Bechtolf oft zu empfinden scheint -
sich selbst wiedererkennen, denn all diese Schwächen sind doch
allzu menschlich. So
versöhnen die Ehrlichkeit des Autors mit sich selbst und der
trockene Humor am Ende für die zeitweilige Beiläufigkeit der
biografischen Notizen, und der Leser erfährt außerdem viel
über Wagners Welten und Wehs, über das Überzeitliche in
seinen Werken und über den egozentrischen Finanzhasardeur und
Allmachtsträumer selbst. Wer sich in diese Welt einlesen
möchte und dabei noch einiges über die (Schein-)Welt des
Theaters erfahren möchte, dem sei dieses Buch empfohlen. Das
Buch ist im Haymon-Verlag
unter der ISBN 978-3-85218-545-3 erschienen, umfasst 232 Seiten und
kostet 17,90€. |
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