Sven-Eric Bechtolf: "Vorabend"

                                                                    
Ein autobiografischer Blick auf Wagners Werk undWesen


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BuchumschlagNachdem der Hauptstadt-Bürgermeister bereits nach Vollendung von fünf Lebensdekaden beschlossen hat, Volk und Vaterland die Früchte seiner Lebenserfahrungen zugute kommen zu lassen, scheint sich dieses Alter sich als Maßstab für die Herausgabe der eigenen Erinnerungen zu etablieren. Vorbei also das endlose Warten auf das hohe Pensionärsalter, bevor man sich zurücklehnen und zurückschauen darf. Zu Recht fragt sich da mancher Zeitgenosse: wenn so durchschnittliche Party- und Zaungäste wie der umtriebige Berliner bereits im besten Alter das Volk mit ihren Reminiszenzen beglücken, warum soll ich dann schweigen? So wird auch der Schauspieler und Regisseur Sven-Eric Bechtolf gedacht haben, als er am "Vorabend" seines Lebens schriftlich auf seine nunmehr fünfzig gelebten Jahre zurückblickte.

Allerdings muss man ihm zugute halten, dass er nicht schamlos das eigene Ego in den Vordergrund stellt, sondern einen externen Gegenstand in den Mittelpunkt stellt und diesen mit seinen eigenen Erinnerungen garniert. Zum zentralen Thema hat er Richard Wagner und dessen "Rheingold" gewählt. Auch diese Wahl erfolgte vor einem konkreten Hintergrund, nämlich der bevorstehenden Inszenierung des "Rheingolds". Bechtolf, der neben Schauspielen bereits verschiedene Opern inszeniert hat, nähert sich diesem Thema also nicht (nur) in langen Waldspaziergängen, sondern in Form eines Buches, in dem er seinen Gedanken und Erkenntnissen aus der Lektüre der "Rheingold"-Partitur und der ihr zugrunde liegenden mythischen Literatur Struktur verleiht und sich der wesentlichen Elemente der Wagnerschen Musik bewusst wird. Dabei setzt er sich geradezu unvermeidlich auch mit dem Menschen, Musiker und My(s)thiker Richard Wagner auseinander. Daraus hätte nun eine werkorientierte Wagner-Biografie oder eine personalisierte "Rheingold"-Interpretation werden können. Doch Bechtolf sind bei der Beschreibung des allzumenschlichen Göttererzwists und der unbezweifelten Egomanie des Komponisten offensichtlich deutliche Parallelen zu seinem eigenen Berufsstand - Mime! - aufgefallen. Um nicht in wohlfeile Kollegenschelte zu verfallen, hat er flugs sich selbst als Vergleichsobjekt für seine Betrachtungen über die Unzulänglichkeiten der Wagnerschen Götter- und Riesenwelt eingesetzt. Dabei folgt er konsequent dem Grundsatz, bei der Selbstkritik nicht auf halbem Weg stehenzubleiben, sondern mit den Selbsttäuschungen und dem inneren Schweinehund gründlich aufzuräumen.

Auf unterhaltsame weil spielerisch-ironsiche Weise bringt Bechtolf dem Leser die "Rheingold"-Geschichte nahe. Fernab jeglicher weihevollen Zitate schildert er handfest die Geschichte der albernen und doch verführerischen Rheintöchter, die das Gold tief im Rhein besingen, führt uns in die Tiefe der Erde nach Nibelheim, wo die Zwerge für den falschen Alberich schuften müssen, der  nicht nur den Rheintöchtern das Gold, sondern auch seinem Bruder Mime die Tarnkappe (des Schauspielers) gestohlen hat, um sich die Herrschaft über die Welt zu sichern. Den Göttervater Wotan beschreibt er ganz im Sinne der antiken Götterwelt als notorischen Schürzenjäger und Karreristen, der sich jedoch zur Erreichung seiner Ziele des Intellektuellen Loge bedienen muss. Dann sind da noch die tumben Riesen, die sich leicht betrügen lassen ud dann übereinander herfallen, die gern ale Handelsware geführten Frauen, vor allem Freia, sowie deren Brüder Froh und Donner. Die Kernfiguren in ihrer Schwäche erinnern Bechtolf immer wieder an seine Kindheit oder sogar die Gegenwart, wenn er etwa die Krötengestalt Alberichs zitiert oder in Loge den typischen Intellektuellen ausmacht. Auch Wagner analysiert er dabei, dessen inneren Widersprüche zwischen Revolutionärtum und Liebe zum Luxus, seine Egomanie und seinen Drang zum Großen, Übermenschlichen. Dabei gelingt ihm - fast nebenbei - eine Liebeserklärung an Mozart, wenn er den Salzburger im "Zweikampf der Kleinen" gegen den Wahl-Bayreuther um Längen siegen lässt. Originalton: "...., Wagner begehrt, Mozart liebt, ...,Wagner zürnt, Mozart vergibt,...,Wagner scheint, Mozart ist,.....". Allein dieser Absatz mit den kurzen Gegenüberstellungen ist wegen seiner treffenden Zuspitzungen die Lektüre des Buches wert.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Wagner für ihn ein zweitrangiger Komponist ist. Gegen Mozart sieht halt jeder schlecht aus. Bechtolf macht sich kein vorschnelles, schon gar nicht klischeehaftes Bild des großen Stabreimers. Er geht sowohl der Person Wagner als auch der gesellschaftlichen wie allgemeinmenschlichen Aussage des "Rheingolds" auf den Grund, als wolle er dort das Gold finden. Und tatsächlich hebt er einen Schatz von Erkenntnissen aus dem nur scheinbar trüben Grund des "Rheingolds".  Für ihn steckt das Libretto voller zeitloser Erkenntnisse über das menschliche (Un-)Wesen. Jede Figur und jedes Handlungselement dieses Kampfes um Gold und Macht lässt sich als Symbol für die Triebkräfte des Menschen und der von und mit ihm konstituierten Gesellschaft auffassen. Und diese Erkenntnisse führen Bechtolf immer wieder zu der Person des Komponisten und seinen extremen Charaktereigenschaften. Revolutionär aber Freund des Wohllebens, Gegner des Eigentums aber professioneller Schnorrer - um nur zwei Aspekte des Wagnerschen Charakters zu nennen. Und jede der Schwächen führt Bechtolf wieder zu sich und seinem Berufsstand, so wenn er das revolutionär-kritische "Über-den Dingen-Stehen" des Künstlers als Selbstbetrug des ausgehaltenen Hofnarren entlarvt oder wenn er alle die in die Wagnerschen Figuren und der Person des "Meisters" aufgedeckten Schwächen auf sich selbst projiziert. Wir wollen hier keine Details aufführen, nicht zuletzt, weil die Berichte aus dem eigenen Leben auch vor kleinen und großen Peinlichkeiten, und seien sie nur selbst als solche empfunden, nicht halt machen. Wer ehrlich mit sich ist, wird in vielen dieser Szenen aus dem "Leben eines Taugenichts" - wie es Bechtolf oft zu empfinden scheint - sich selbst wiedererkennen, denn all diese Schwächen sind doch allzu menschlich.

So versöhnen die Ehrlichkeit des Autors mit sich selbst und der trockene Humor am Ende für die zeitweilige Beiläufigkeit der biografischen Notizen, und der Leser erfährt außerdem viel über Wagners Welten und Wehs, über das Überzeitliche in seinen Werken und über den egozentrischen Finanzhasardeur und Allmachtsträumer selbst. Wer sich in diese Welt einlesen möchte und dabei noch einiges über die (Schein-)Welt des Theaters erfahren möchte, dem sei dieses Buch empfohlen.

Das Buch ist im Haymon-Verlag  unter der ISBN 978-3-85218-545-3 erschienen, umfasst 232 Seiten und kostet 17,90€.


Frank Raudszus



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