Ernst Augustin: "Schönes Abendland"

                                                                    
Drei Biografien, drei Weltsichten - eine Epoche


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BuchumschlagDas 20. Jahrhundert ist für die schreibende Zunft wahrlich zu einem Brennpunkt um nicht zu sagen: Fixpunkt der Retrospektiven geworden. Weltkriege, Holocaust und wirtschaftliche wie politische Umbrüche ohnegleichen haben bei der geradezu obsessiven Beschäftigung der Schriftsteller mit der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit eine besondere Rolle gespielt. Diese zugegebenermaßen triviale Erkenntnis trifft zwar für alle Epochen zu, doch in diesem Falle scheint sie wegen der vom üblichen Tenor abweichenden Berichterstattung noch einmal erwähnenswert.

Auch Ernst Augustin, Jahrgang 1927, beschäftigt sich in seiner "Dreifach-Biographie" mit seinem Zeitalter, doch seltsamerweise ohne konkreten Bezug auf die unbestreitbar spektakulären Zeitläufte um die Mitte des 20. Jahrhunderts. Wo andere Schriftsteller das Trauma des 3. Reiches bis ins letzte Detail ausleuchten oder - im Falle eigener biographischer Koinzidenz - Einzelheiten erst spät einem verschütteten Gedächtnis entreißen, schildert Augustin diese Zeit aus einer Sicht, die auf nahezu jedes der letzten drei bis vier Jahrhunderte zutreffen könnte, wären da nicht simple technische Details des Zeitkontextes im Wege.

Augustin wählt drei Brüder - Drillinge - als Zeitzeugen und schildert die Zeit nacheinander aus der subjektiven Perspektive dieser drei Protagonisten. Ein solcher Ansatz kann sich durchaus als reizvoll und erhellend erweisen, wenn er dieselben Ereignisse, Verhältnisse oder Entscheidungen aus verschiedenen, vorzugsweise konträren Sichtwinkeln beschreibt, wird doch gerade an der unterschiedlichen Interpretation vordergündig eindeutiger Fakten die Fragwürdigkeit "objektiver" Weltsicht und die Subjektivität  der handelnden und wertenden Protagonisten deutlich. Doch gerade das tut Augustin nicht, und das benkommt dem Roman nicht unbedingt gut.

Die Drillinge Stani, Kulle und Beffchen wachsen in einer merkwürdig zeitlosen Umgebung auf, obwohl die Randbedingungen deutlich auf das 20. Jahrhundert verweisen. Stani ist der geborene aber eben nicht brilliante Kaufmann, der schon als junger, etwas hochfahrender und unerfahrener Mann von seinen Geschäftspartnern übers Ohr gehauen wird. Selbstüberschätzung und geringe Urteilskraft führen ihn immer wieder in aussichtslose Situationen, die er jedoch - fast immer - mit viel Glück und wenig Verstand zu seinen Gunsten wenden kann. Schließlich heiratet er eineTochter aus reichem Handelshaus, die ihm im Wahn das Haus abbrennt und ihn verarmt im Kreise der Familie zurücklässt, die ihn buchstäblich zu Tode füttert. Stani ist zwar der Archetyp des unermüdlichen Händlers, der immer wieder auf die Beine fällt, doch von der Geschichte des 20. Jahrhunderts ist in seiner Biographie kaum etwas zu spüren. Zwar erkennt man den augenzwinkernden Verweis auf den Schelmenroman, doch will mehr als ein halbherziger Anklang an diese Gattung - Simplicissimus, Felix Krull - nicht gelingen, weil sowohl die geniale Ironie eines Thomas Mann als auch die hintergründige Naivität eines Grimmelshausen fehlen. Augustin beschreibt lediglich einen recht durchschnittlichen Zeitgenossen, der schließlich ein ziemlich durchschnittliches Ende findet.

Ähnlich verläuft die Biographie von Stanis Bruder Kulle, der sich früh für die Soldatenlaufbahn entscheidet und es dort bis zum General bringt. Doch weder militärische Leistungen noch gar eine satirische Abrechnung stehen im Mittelpunkt von Augustins schriftstellerischen Bemühungen um das Soldatenwesen. Er schildert wiederum lediglich den archetypischen Verlauf einer Soldatenkarriere, ohne zeittypischen Kontext - diese Karriere hätte so unter Friedrich dem Großen oder Wilhelm II. ablaufen können - und berufstypische Konflikte oder gar Entwicklungen. Erotische Verirrungen à la Schnitzler einschließlich einer längeren, bis ins letzte technische Detail beschriebenen Duellszene stehen im Mittelpunkt, ohne dass diese in irgendeiner Art typisch für eine deutsche Offizierskarriere in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts wären. Der geradezu demonstrative Verzicht auf eine Einbeziehung der unbestreitbar dramatischen (militär)politischen Verhältnisse dieser Zeit wird zum Programm, doch zu welchem? Dass auch Kulle schließlich der Weiblichkeit erliegt und innerlich immer um seine Mutter - die Mamma! - kreist, zeigt sich als folgerichtiges aber aussageloses Strukturprinzip des Romans. Die Biographien herausgehobener Männer dieser Zeit ausgerechnet auf einen Mutter- und Frauenkomplex zurückzuführen, erscheint etwas dünn, vor allem wenn ein solches Buch nicht die satirische Fülle eines wirklichen Schelmenromans - siehe Grimmelhausen -aufweist.  Da ist es denn nur folgerichtig, wenn auch der dritte Bruder, Beffchen, sinn- und ziellos im Leben schwebt oder besser hängt, auch wenn er nach Kaufmann und Soldat den dritten zeitlosen Beruf ausübt, den des Arztes. Als Quereinsteiger zu dieser Profession gekommen, erwirbt er durch handwerkliches Können, Glück und die Koinzidenz der Zufälle medizinische Meriten, bis er schließlich in einer geradezu katastrophalen um nicht zu sagen apokalyptischen Operation sein berufliches Ende zu finden. Dass sich daran sein physisches Ende und eine Reinkarnation in der eigenen Geburt - alles wiederholt sich, könnte das nur scheinbar tiefsinnige Motto dieser literarischen Wendung lauten - anschließen, verleiht dem Buch zwar einen symbolhaften Überbau, der aber nicht zu höherer Glaubwürdigkeit führt.

Am Ende hat Augustin die Entwicklung dreier Männer in archetypischen Berufen vorgestellt, lässt diese jedoch alle in einem historischen Vakuum leben und entschweben, sodass sich der Leser am Ende fragt, was die Aussage dieser drei noch nicht einmal besonders satirisch oder humoristisch gefärbten Lebensläufe ist. Fast sieht es so aus, als habe sich der Autor nur einige Lebenserinnerungen in Gestalt fiktiver Personen von der Seele geschrieben: doch das reicht nicht für ein literarisches Werk mit einer Halbwertszeit von mehr als fünf bis zehn Jahren.

Das Buch ist im Verlag C. H. Beck  unter der ISBN 978-3-406-56371-3 erschienen, umfasst 435 Seiten und kostet 22,90 €.


Frank Raudszus



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