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Ernst Augustin: "Schönes Abendland" |
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Drei Biografien,
drei Weltsichten - eine Epoche |
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Augustin
wählt drei Brüder - Drillinge - als Zeitzeugen und schildert
die Zeit nacheinander aus der subjektiven Perspektive dieser drei
Protagonisten. Ein solcher Ansatz kann sich durchaus als reizvoll und
erhellend erweisen, wenn er dieselben Ereignisse, Verhältnisse
oder Entscheidungen aus verschiedenen, vorzugsweise konträren
Sichtwinkeln beschreibt, wird doch gerade an der unterschiedlichen
Interpretation vordergündig eindeutiger Fakten die
Fragwürdigkeit "objektiver" Weltsicht und die
Subjektivität der handelnden und wertenden Protagonisten
deutlich. Doch gerade das tut Augustin nicht, und das benkommt dem
Roman nicht unbedingt gut. Die
Drillinge Stani, Kulle und Beffchen wachsen in einer merkwürdig
zeitlosen Umgebung auf, obwohl die Randbedingungen deutlich auf das 20.
Jahrhundert verweisen. Stani ist der geborene aber eben nicht
brilliante Kaufmann, der schon als junger, etwas hochfahrender und
unerfahrener Mann von seinen Geschäftspartnern übers Ohr
gehauen wird. Selbstüberschätzung und geringe Urteilskraft
führen ihn immer wieder in aussichtslose Situationen, die er
jedoch - fast immer - mit viel Glück und wenig Verstand zu seinen
Gunsten wenden kann. Schließlich heiratet er eineTochter aus
reichem Handelshaus, die ihm im Wahn das Haus abbrennt und ihn verarmt
im Kreise der Familie zurücklässt, die ihn buchstäblich
zu Tode füttert. Stani ist zwar der Archetyp des
unermüdlichen Händlers, der immer wieder auf die Beine
fällt, doch von der Geschichte des 20. Jahrhunderts ist in seiner
Biographie kaum etwas zu spüren. Zwar erkennt man den
augenzwinkernden Verweis auf den Schelmenroman, doch will mehr als ein
halbherziger Anklang an diese Gattung - Simplicissimus, Felix Krull -
nicht gelingen, weil sowohl die geniale Ironie eines Thomas Mann als
auch die hintergründige Naivität eines Grimmelshausen fehlen.
Augustin beschreibt lediglich einen recht durchschnittlichen
Zeitgenossen, der schließlich ein ziemlich durchschnittliches
Ende findet. Ähnlich
verläuft die Biographie von Stanis Bruder Kulle, der sich
früh für die Soldatenlaufbahn entscheidet und es dort bis zum
General bringt. Doch weder militärische Leistungen noch gar eine
satirische Abrechnung stehen im Mittelpunkt von Augustins
schriftstellerischen Bemühungen um das Soldatenwesen. Er schildert
wiederum lediglich den archetypischen Verlauf einer Soldatenkarriere,
ohne zeittypischen Kontext - diese Karriere hätte so unter
Friedrich dem Großen oder Wilhelm II. ablaufen können - und
berufstypische Konflikte oder gar Entwicklungen. Erotische Verirrungen
à la Schnitzler einschließlich einer längeren, bis
ins letzte technische Detail beschriebenen Duellszene stehen im
Mittelpunkt, ohne dass diese in irgendeiner Art typisch für eine
deutsche Offizierskarriere in der ersten Hälfte des letzten
Jahrhunderts wären. Der geradezu demonstrative Verzicht auf eine
Einbeziehung der unbestreitbar dramatischen (militär)politischen
Verhältnisse dieser Zeit wird zum Programm, doch zu welchem? Dass
auch Kulle schließlich der Weiblichkeit erliegt und innerlich
immer um seine Mutter - die Mamma! - kreist, zeigt sich als
folgerichtiges aber aussageloses Strukturprinzip des Romans. Die
Biographien herausgehobener Männer dieser Zeit ausgerechnet auf
einen Mutter- und Frauenkomplex zurückzuführen, erscheint
etwas dünn, vor allem wenn ein solches Buch nicht die satirische
Fülle eines wirklichen Schelmenromans - siehe Grimmelhausen
-aufweist. Da ist es denn nur folgerichtig, wenn auch der dritte
Bruder, Beffchen, sinn- und ziellos im Leben schwebt oder besser
hängt, auch wenn er nach Kaufmann und Soldat den dritten zeitlosen
Beruf ausübt, den des Arztes. Als Quereinsteiger zu dieser
Profession gekommen, erwirbt er durch handwerkliches Können,
Glück und die Koinzidenz der Zufälle medizinische Meriten,
bis er schließlich in einer geradezu katastrophalen um nicht zu
sagen apokalyptischen Operation sein berufliches Ende zu finden. Dass
sich daran sein physisches Ende und eine Reinkarnation in der eigenen
Geburt - alles wiederholt sich, könnte das nur scheinbar
tiefsinnige Motto dieser literarischen Wendung lauten -
anschließen, verleiht dem Buch zwar einen symbolhaften
Überbau, der aber nicht zu höherer Glaubwürdigkeit
führt. Am
Ende hat Augustin die Entwicklung dreier Männer in archetypischen
Berufen vorgestellt, lässt diese jedoch alle in einem historischen
Vakuum leben und entschweben, sodass sich der Leser am Ende fragt, was
die Aussage dieser drei noch nicht einmal besonders satirisch oder
humoristisch gefärbten Lebensläufe ist. Fast sieht es so aus,
als habe sich der Autor nur einige Lebenserinnerungen in Gestalt
fiktiver Personen von der Seele geschrieben: doch das reicht nicht
für ein literarisches Werk mit einer Halbwertszeit von mehr als
fünf bis zehn Jahren. Das
Buch ist im Verlag C. H. Beck
unter der ISBN
978-3-406-56371-3 erschienen, umfasst 435 Seiten und
kostet 22,90 €. |
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