Georg M. Oswald: „Vom Geist der Gesetze“

                                                                    
Eine Zeitsatire über Recht und Gerechtigkeit.


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BuchumschlagRecht und Gesetz sind ein weites Feld. Da sind einmal die Rechtsphilosophen und  -gelehrten, die eine bestimmte Vorstellung vom Sinn und „Geist“ der Gesetze und ihrer normativen Kraft hegen. Da sind zum zweiten wir armen Normalmenschen, die wir meist ein sehr subjektives und oftmals naives Verständnis von Recht (und Gerechtigkeit) haben. Und da sind schließlich die Rechtsorgane – Staatsanwälte, Rechtsanwälte und Richter -, die letztlich eine Praxis pflegen, die sich nicht unbedingt mit den Vorstellungen der vorgenannten Gruppen decken muss. Schließlich sind auch sie nur Menschen, die Karriere machen möchten, sich gerne in bestimmten Kreisen bewegen und – nicht zuletzt – für bestimmte Wohltaten aller Schattierungen empfänglich sind. Das alte Juristensprichwort „Auf hoher See und vor Gericht sind wir alle in Gottes Hand“ beschreibt diesen Zustand ziemlich treffend.

Der Münchner Autor Georg M. Oswald stammt selbst aus dem Juristen-„Milieu“ – er ist Rechtsanwalt -, und setzt sich in seinen Büchern mit diesem „weiten Feld“ (s. o.) auseinander. Nun stehen dem Schriftsteller je nach Naturell verschiedene Perspektiven zur Verfügung: er kann in seinen Romanen das Gute siegen und das Böse dramatisch scheitern lassen – der „Grisham“-Ansatz -, oder in spiralförmig abwärts weisendem Kulturpessimismus den Triumph des Bösen „feiern“. Diesen Ansatz wählen gerne mediokre Krimischreiber, die ihren versoffenen „Philip-Marlowe“-Verschnitt als einzige aufrechte Figur in dieser verruchten Welt stilisieren. Und dann bleibt da noch Oswalds satirische Sicht, die zwar eine mehr oder minder kaschierte Rechtsbeugung als generelle Tendenz entlarvt, deswegen jedoch die „Opfer“ nicht unbedingt zu Märtyrern mit Heiligenschein verherrlicht. Oswald schildert in seinem Roman das „real existierende“ Rechtssystem als ein Produkt der freien Marktwirtschaft, in der letztlich der Tüchtigste und Wendigste gewinnt – wie im Sport…..

Der Roman spielt in einer nicht konkret benannten Landeshauptstadt. Allerdings zeichnet sich der Ministerpräsident des Landes durch sprachliche Fehlleistungen aus, deren Peinlichkeit bisweilen an Genialität grenzt. Außerdem kämpft die hiesige Staatsanwaltschaft einen geradezu quichotteschen Kampf gegen einen dubiosen Waffenhändler namens Einz, der sich nach Kanada abgesetzt hat und sich mit allen Mittel gegen eine Auslieferung wehrt. Alles klar? Gesellschaftliche Insider einer süddeutschen Landeshauptstadt mögen noch mehr Hinweise auf Ort und Zeit der Handlung finden, die beschriebenen sollen uns hier jedoch reichen.  

In dieser Stadt fährt der Generalsekretär der herrschenden Partei einen erfolglosen Drehbuchautor an und lässt seinen Fahrer, der ausnahmsweise im Fond saß, das Problem mit einer „ad hoc“-Zahlung am Straßenrand und einer impliziten Schuldübernahme regeln. So weit, so schlecht. In einer Parallelhandlung wird ein junger Jura-Absolvent in einer renommierten Anwaltskanzlei trotz eher mittelmäßiger Noten eingestellt, weil Kanzlei-Inhaber und Onkel des Bewerbers – Direktor einer Landesbank – eine Geldwäsche-Leiche im gemeinsamen Keller versteckt haben. Wie zu erwarten, kommt der Autounfall dank der rührigen Freundin des Unfallopfers doch vor Gericht, der angeblich schuldige Fahrer – ein kleiner Mann! – wird seltsamerweise von der führenden Kanzlei der Stadt verteidigt und das Ganze fängt an, aus dem Ruder zu laufen, nicht zuletzt, weil der unschuldig Schuldige sich plötzlich querlegt. Das Ganze kommt an die Presse, die eine Skandalgeschichte wittert, und die Beteiligten fangen an, alle Register zu ziehen. Dann sind da noch die so attraktive wie intelligente Frau und berufliche Partnerin des Kanzleiinhabers, eine außereheliche Affäre ihres eitlen Gatten und deren rachebedingten Folgen sowie einige Milieuschilderungen aus den Niederungen der erfolglosen aber Träumen nachhängenden Vorstadt-Anwälte und (Lebens)Künstler.

Das Ganze geht natürlich aus wie das berühmte Hornberger Schießen. Geld heilt schließlich alle echten und vermeintlichen Wunden, und am Ende bleiben die „da oben“ unversehrt auf ihrem Platz und die „da unten“ ebenfalls. Das Rechtssystem ist die einzige Instanz, die schwer verwundet auf dem Schlachtfeld zurückbleibt, aber mangels Lobby und sozialer Diskriminierung merkt das niemand. Dank nicht mehr aufzuklärender Schlamperei irgendwelcher subalterner Beamter verschwinden sämtliche konfiszierten Beweismittel gegen geldwaschenden Anwalt und Bankdirektor über Nacht aus der Asservatenkammer der Polizei, und am Ende gehen alle Beteiligten einer finanziell verbesserten oder zumindest nicht verschlechterten Zukunft entgegen.

Oswald beschreibt das gesellschaftliche Milieu dieser Stadt – und sie steht nur als Beispiel – mit viel satirischem Humor, jedoch ohne verbissenes Eiferertum. Die Welt besteht nicht nur außerhalb der Rechtsorgane aus schwachen Menschen, sondern – welch Wunder! – auch innerhalb dieses Systems stehen Eigennutz, politischer Opportunismus, Ruhe als erste Bürgerpflicht und Korpsgeist an erster Stelle. Das Leben besteht aus Geben und Nehmen, und gestandenen Persönlichkeiten (mit Einfluss!) sollte man nicht gleich aus jedem kleinen Ausrutscher einen Strick drehen……

Oswald trifft die Tonlage in der Mitte zwischen unverbindlichem Humor und bösartiger Satire hervorragend. Man erregt sich, schüttelt den Kopfs und lacht doch am Ende über die durchgängige Unvollkommenheit der Menschen. Der Autor vermittelt einen guten Einblick in das Rechtssystem, ohne deswegen  mit langatmigen juristischen Details zu langweilen. Rundherum ein lesenwertes Buch, das zwar keinen Anspruch auf Tiefsinn erhebt, aber gerade deswegen ehrlich und glaubwürdig wirkt.

Das Buch ist im Rowohlt-Verlag unter der ISBN 978-3-498-05037-5 erschienen und kostet 19,90 €

Frank Raudszus



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