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Ein Mannn mittleren Alters mit einem
mittelmäßigen Posten an einer mittelmäßigen
Universität im mittleren
Westen der USA: so etwa ließe sich das Thema dieses Buchs
umreißen. Der Ich-Erzähler Michael Reed lehrt an eben dieser
"Allerwelts"-Universität Geschichte,
allerdings lediglich im Rahmeneines jährlich verlängerten
Vertrages. Seit Reed vor vier Jahren Frau und kleine Tochter bei einem
Autounfall verloren hat, lebt er sozusagen neben sich in den Tag
hinein. Er minimiert die Kontakte zur Außenwelt auf das sozial
notwendige Maß, geht seiner Tätigkeit routiniert und ohne
besonderes Engagement nach und lebt allein in einem gemieteten Haus in
der Nähe der Universität. Der Verlust seiner Familie hat ihn
in einem emotional tauben Zustand hinterlassen. Zwar trauert er nicht
mehr bewusst und emotional wie in der ersten Zeit, hat sich jedoch in
eine Art Kokon eingesponnen, der einer Schockstarre gleicht und ihn
nach außen gleichgültig bis abwesend wirken lässt. Er
geht gern allein spazieren, schaut den Studenten beim
Schlittschuhlaufen zu, besucht die obligatorischen
Universitätsveranstaltungen - Kaffenachmittage und Institutsdinner
- und verkehrt persönlich nur mit wenigen Kollegen auf einer halb
dienstlichen, halb privaten Ebene.
Im Rahmen seiner lockeren Bekanntschaft zu einer ebenfalls
alleinstehenden Kunsthistorikerin - man versucht, die beiden zu
verkuppeln - lernt er das Kunstinstitut und dessen Lehrkräfte und
Studenten ein wenig kennen. Dabei fällt ihm eine aparte junge
Studentin auf, die sich bei einer gewagten "Kunstperformance" geradezu
exhibitioniert und die er später als Bedienung bei einer
universitären Veranstaltung wiedertrifft. Obwohl die so
unkonventionelle wie direkte Studentin ihn erotisch in einem gewissen
Maße reizt, entwickelt sich aus den kurzen
Gesprächskontakten anfangs keine Beziehung, wohl auch, weil der
nahezu fünfzigjährige Reed dies nicht nur für unpassend
hält sondern für den Fall eines Annäherungsversuches
auch einen Korb befürchtet. Erst mehrfache, eher zufällige
Zusammentreffen wecken sein aktives Interesse an der jungen Frau und
veranlassen ihn schließlich, den Kontakt zu ihr zu suchen. In
einem von ihm forcierten Gespräch erzählt sie ihm
schließlich die Geschichte ihres Namens, die aus einer seltsamen
Begegnung mit einem unbekannten Mann entstand, als sie noch ein kleines
Mädchen war. Die Geschichte trägt - wie "Rotkäppchen" -
Märchencharakter und eine unterschwellige sexuelle Bedeutung, die
jedoch nie konkretisiert wird und im Bereich des Symbolischen bleibt.
So wie die Geschichte dieses Mädchens und ihres Namens schwebt
auch Reed im Unbestimmten, doch gerade aus diesem Treffen zieht er die
Konsequenz, zu handeln und sein Leben fortan selbst zu bestimmen. Da
eine weitere Verlängerung seines Lehrvertrages sich als
unwahrscheinlich herausgestellt hat, packt er seine wenigen
Habseligkeiten, setzt sich ins Auto und verlässt die Stadt am Ende
seines letzten Vorlesungssemesters. Statt eine Beziehung zu der jungen
Frau einzugehen und damit den unbestimmten Lebensstil der letzten Jahre
fortzuführen, geht er eine Beziehung zum konkreten Leben ein, wird
Journalist und berichtet in dieser Funktion von verschiedenen
Schauplätzen der Welt.
Reed
beschreibt in seinem Roman die "midlife crisis" eines
durchschnittlichen Akademikers, der sich plötzlich seiner
Mittelmäßigkeit schmerzlich bewusst wird. Die Trauer um
seine Familie hat diese Selbsterkenntnis lange verdrängt und ihm
ein Alibi für seine Antriebslosigkeit gegeben. Erst die
unkonventionelle Lebensart und die Lebenskraft der jungen Frau
verleihen auch dem Protagonisten wieder die Kraft, sich seiner eigenen
Situation zu stellen. Reeds Roman erinnert in manchem an die
biographischen Berichte der "alten Männer" Updike und Roth, die
ihrem Sexualleben nachtrauern und in Altmännerphantasien
schwelgen. Wie diese sieht Reed die Welt ohne Illusionen und lange auch
ohne Zukunftsvision, doch schließlich gewinnt er - da erst
fünfzigjährig - dem Leben wieder neue Ziele ab, auch wenn
diese die ephemeren Züge des Journalismus tragen. Reeds Roman lebt
von der melancholischen Innensicht eines Mannes an der Grenze zum
Alter, und in dieser Beschreibung zeigen sich auch seine Stärken.
Daneben treten jedoch die Schwächen unübersehbar hervor: Reed
erzählt keine in sich geschlossene Geschichte, die am Ende eine
Aussage liefern könnte, sondern reiht lediglich Episoden ohne
Konsequenzen aneinander. Sei es das Dinner mit Freunden, sei es der
Streit zweier Literaten, sei es die berufliche Situiation oder sei es
sogar die Beziehung zu der jungen Frau: nichts entwickelt sich, jede
Sitiuation bleibt ohne erzählerische Konsequenzen für sich
stehen. Diese mangelnde Stringenz in der Handlungsführung verleiht
dem Roman einen Zug der Beliebigkeit und lässt ihn zum
beiläufigen Selbstgespräch des Autors gerinnen. Das zeigt
sich auch in den Niederungen der Erzähltechnik, so wenn er in
einen einfachen und absolut undramatischen Handlungsstrang - der
Ich-Erzähler geht mit einem Kollegen essen - einne Rückblende
einbaut, die erstens mit der Situation nichts zu tun hat und zweitens
dank mangelnder stilistischer Trennschärfe erst spät als
solche zu erkennen ist. Dem Leser drängt sich der Eindruck auf,
die Episode sei dem Autor beim Schreiben eingefallen, woraufhin er sie
ohne weitere Planung in den gerade beschriebenen Handlungsverlauf
einbaute. Spannung oder gar eine zwingende Aussage ergibt sich bei
einer solchen Vorgehenswweise nicht.
Am
Ende legt man das Buch weg und fragt sich, was der Autor eigentlich
damit bezweckte. Wollte er sich den Frust der "midlife crisis" von der
Seele schreiben, so ist ihm das - unfreiwillig - gelungen, da er den
Frust aus seiner Brust direkt in den absichts- und ziellos
dahintreibenden Handlungsstrom einfließen lässt. Eine
konsistente psychologische, gesellschaftliche oder politische Weltsicht
lässt sich diesem Roman jedoch nicht entnehmen.
Das
Buch ist im Rowohlt-Verlag
unter der ISBN
978-3-498-03230-2 erschienen, umfasst 143 Seiten und
kostet 14,90 €.
Frank Raudszus
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