Denis Johnson: Der Name der Welt"

                                                                    
Befreiung aus dem Mittelmaß


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BuchumschlagEin Mannn mittleren Alters mit einem mittelmäßigen Posten an einer mittelmäßigen Universität
im mittleren Westen der USA: so etwa ließe sich das Thema dieses Buchs umreißen. Der Ich-Erzähler Michael Reed lehrt an eben dieser "Allerwelts"-Universität Geschichte, allerdings lediglich im Rahmeneines jährlich verlängerten Vertrages. Seit Reed vor vier Jahren Frau und kleine Tochter bei einem Autounfall verloren hat, lebt er sozusagen neben sich in den Tag hinein. Er minimiert die Kontakte zur Außenwelt auf das sozial notwendige Maß, geht seiner Tätigkeit routiniert und ohne besonderes Engagement nach und lebt allein in einem gemieteten Haus in der Nähe der Universität. Der Verlust seiner Familie hat ihn in einem emotional tauben Zustand hinterlassen. Zwar trauert er nicht mehr bewusst und emotional wie in der ersten Zeit, hat sich jedoch in eine Art Kokon eingesponnen, der einer Schockstarre gleicht und ihn nach außen gleichgültig bis abwesend wirken lässt. Er geht gern allein spazieren, schaut den Studenten beim Schlittschuhlaufen zu, besucht die obligatorischen Universitätsveranstaltungen - Kaffenachmittage und Institutsdinner - und verkehrt persönlich nur mit wenigen Kollegen auf einer halb dienstlichen, halb privaten Ebene.

Im Rahmen seiner lockeren Bekanntschaft zu einer ebenfalls alleinstehenden Kunsthistorikerin - man versucht, die beiden zu verkuppeln - lernt er das Kunstinstitut und dessen Lehrkräfte und Studenten ein wenig kennen. Dabei fällt ihm eine aparte junge Studentin auf, die sich bei einer gewagten "Kunstperformance" geradezu exhibitioniert und die er später als Bedienung bei einer universitären Veranstaltung wiedertrifft. Obwohl die so unkonventionelle wie direkte Studentin ihn erotisch in einem gewissen Maße reizt, entwickelt sich aus den kurzen Gesprächskontakten anfangs keine Beziehung, wohl auch, weil der nahezu fünfzigjährige Reed dies nicht nur für unpassend hält sondern für den Fall eines Annäherungsversuches auch einen Korb befürchtet. Erst mehrfache, eher zufällige Zusammentreffen wecken sein aktives Interesse an der jungen Frau und veranlassen ihn schließlich, den Kontakt zu ihr zu suchen. In einem von ihm forcierten Gespräch erzählt sie ihm schließlich die Geschichte ihres Namens, die aus einer seltsamen Begegnung mit einem unbekannten Mann entstand, als sie noch ein kleines Mädchen war. Die Geschichte trägt - wie "Rotkäppchen" - Märchencharakter und eine unterschwellige sexuelle Bedeutung, die jedoch nie konkretisiert wird und im Bereich des Symbolischen bleibt. So wie die Geschichte dieses Mädchens und ihres Namens schwebt auch Reed im Unbestimmten, doch gerade aus diesem Treffen zieht er die Konsequenz, zu handeln und sein Leben fortan selbst zu bestimmen. Da eine weitere Verlängerung seines Lehrvertrages sich als unwahrscheinlich herausgestellt hat, packt er seine wenigen Habseligkeiten, setzt sich ins Auto und verlässt die Stadt am Ende seines letzten Vorlesungssemesters. Statt eine Beziehung zu der jungen Frau einzugehen und damit den unbestimmten Lebensstil der letzten Jahre fortzuführen, geht er eine Beziehung zum konkreten Leben ein, wird Journalist und berichtet in dieser Funktion von verschiedenen Schauplätzen der Welt.

Reed beschreibt in seinem Roman die "midlife crisis" eines durchschnittlichen Akademikers, der sich plötzlich seiner Mittelmäßigkeit schmerzlich bewusst wird. Die Trauer um seine Familie hat diese Selbsterkenntnis lange verdrängt und ihm ein Alibi für seine Antriebslosigkeit gegeben. Erst die unkonventionelle Lebensart und die Lebenskraft der jungen Frau verleihen auch dem Protagonisten wieder die Kraft, sich seiner eigenen Situation zu stellen. Reeds Roman erinnert in manchem an die biographischen Berichte der "alten Männer" Updike und Roth, die ihrem Sexualleben nachtrauern und in Altmännerphantasien schwelgen. Wie diese sieht Reed die Welt ohne Illusionen und lange auch ohne Zukunftsvision, doch schließlich gewinnt er - da erst fünfzigjährig - dem Leben wieder neue Ziele ab, auch wenn diese die ephemeren Züge des Journalismus tragen. Reeds Roman lebt von der melancholischen Innensicht eines Mannes an der Grenze zum Alter, und in dieser Beschreibung zeigen sich auch seine Stärken. Daneben treten jedoch die Schwächen unübersehbar hervor: Reed erzählt keine in sich geschlossene Geschichte, die am Ende eine Aussage liefern könnte, sondern reiht lediglich Episoden ohne Konsequenzen aneinander. Sei es das Dinner mit Freunden, sei es der Streit zweier Literaten, sei es die berufliche Situiation oder sei es sogar die Beziehung zu der jungen Frau: nichts entwickelt sich, jede Sitiuation bleibt ohne erzählerische Konsequenzen für sich stehen. Diese mangelnde Stringenz in der Handlungsführung verleiht dem Roman einen Zug der Beliebigkeit und lässt ihn zum beiläufigen Selbstgespräch des Autors gerinnen. Das zeigt sich auch in den Niederungen der Erzähltechnik, so wenn er in einen einfachen und absolut undramatischen Handlungsstrang - der Ich-Erzähler geht mit einem Kollegen essen - einne Rückblende einbaut, die erstens mit der Situation nichts zu tun hat und zweitens dank mangelnder stilistischer Trennschärfe erst spät als solche zu erkennen ist. Dem Leser drängt sich der Eindruck auf, die Episode sei dem Autor beim Schreiben eingefallen, woraufhin er sie ohne weitere Planung in den gerade beschriebenen Handlungsverlauf einbaute. Spannung oder gar eine zwingende Aussage ergibt sich bei einer solchen Vorgehenswweise nicht.

Am Ende legt man das Buch weg und fragt sich, was der Autor eigentlich damit bezweckte. Wollte er sich den Frust der "midlife crisis" von der Seele schreiben, so ist ihm das - unfreiwillig - gelungen, da er den Frust aus seiner Brust direkt in den absichts- und ziellos dahintreibenden Handlungsstrom einfließen lässt. Eine konsistente psychologische, gesellschaftliche oder politische Weltsicht lässt sich diesem Roman jedoch nicht entnehmen.

Das Buch ist im Rowohlt-Verlag  unter der ISBN 978-3-498-03230-2 erschienen, umfasst 143 Seiten und kostet 14,90 €.


Frank Raudszus



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