Vikram Chandra: "Bombay Paradise"

                                                                    
Zweiter Teil des zeitgenössichen indischen Epos

Weitere Bücher desselben Autors:

Der Gott von Bombay


 

BuchumschlagMan muss den ersten Teil dieses zweibändigen Werkes zwar nicht unbedingt gelesen haben, um einen Eindruck vom Leben im heutigen Indien und speziell Bombay zu gewinnen, es hilft jedoch außerordentlich, um die Figuren zu verstehen. Wir werden daher in dieser Rezension die Kenntnis des ersten Bandes voraussetzen.

Am Ende des ersten Bandes saß ser Polizeioffizier Sartaj Singh ratlos am Straßenrand und wusste nicht, wo und wie er weiter recherchieren sollte. Ganesh Gaitonde, der Chef der lokalen Gangster-"Company", war zwar in seinem Bunker zusammen mit einer schönen Frau erschossen aufgefunden worden, aber Singh hatte bisher nichts Erhellendes herausgefunden und war immer wieder auf Widerstände der Politik gestoßen. Der zweite Band beginnt mit der Fortsetzung von Gaitondes Lebensbeichte.  Um hinter internationale Aktivitäten von politischen Gegnern - Pakistan - und Terroristen zu kommen, hatte die Polizei Gaitonde freigelassen. Vom sicheren Ausland aus zieht er nicht nur weiterhin die Fäden in seiner Company sondern sucht auch nach verdächtigen Personen und Aktivitäten im internationalen kriminellen Milieu. Allerdings haben seine persönlichen Interessen deutllich Vorrang gegenüber seinen "staatsbürgerlichen Pflichten".

Ein wichtiger Part des zweiten Teils befasst sich mit der Institution des "Gurus". Auch Gaitonde pilgert zu einem solchen, wie es Muslims nach Mekka zieht opder Katholiken an Wallfahrtsorte. Doch während Gaitonde an seinen Guru glaubt, lässt der Autor bei dem Leser den Verdacht der Doppelbödigkeit aufkommen. Ohne dass handfeste Beweise vorliegen, gewinnt der aufmerksame Leser zunehmend den Eindruck, bei diesem Guru handele es sich um eine doppelbödige wenn nicht zwielichtige Figur. Er nutzt die spirituelle Macht über seine Anhänger zwar nicht vordergründig finanziell aus, nutzt aber die Abhängigkeit und Anhänglichkeit der Menschen offensichtlich für andere, nicht deutlich erkennbare Zwecke.

Parallel findet Sartaj Singh Lösungen für eine Reihe lokaler Krminalfälle, die für den Fortgang der Handlung keine große Rolle spielen, aber das gesellschaftliche Lokalkolorit von Bombay kräftig einfärben. Mord, Totschlag, Erpressung und Bestechung sind an der Tagesordnung, und auch die Polizei hat ihren Anteil daran. Als der indische Geheimdienst einem vagen Verdacht auf terroristische Aktivitäten atomaren Charakters nachgeht, gewinnt die Handlung an Tempo und Dynamik. Von mehreren Seiten mehren sich die Anzeichen, dass eine terroristische Gruppe eine Atombombe in Bombay zu zünden plant. Ob der Nachbar Pakistan, unabhängige muslimische  Terroristen oder ganz andere Organisationen dahinterstecken, bleibt lange unklar, doch die Bedrohung wächst nahezu stündlich. Als auch Gaitonde davon erfährt, durchfährt ihn zum ersten Mal ein menschlicher Schock, da Bombay sein Leben bedeutet. Unabhängig von einem eventuellen plötzlichen Ende seiner kriminellen Aktivitäten in der indischen Metropole kann er nicht mit dem Gedanken leben, dass diese Stadt dem Erdboden gleichgemacht werden soll. Er zapft alle seine Informationskanäle an, jedoch ohne Erfolg. Als er seinen Guru um Rat fragen will, kann er ihn nicht mehr finden. Er ist wie vom Erdboden verschluckt und auch durch Gaitondes weitverzweigtes Informationsnetz nicht zu lokalisieren. Aufgrund einiger Indizien und verschiedener Bemerkungen des Gurus keimt ein furchtbarer Verdacht in Gaitonde auf, dem er in einer fast verzweifelten Rallye mit seinen treuesten Gefährten durch halb Indien nachjagt, ohne fassbare Beweise oder gar den Guru zu finden. Schließlich zieht er sich in seinen Bunker in Bombay zurück, wo das erste und letzte Treffen mit der Frau, die ihm seit Jahren junge Frauen zugeführt hat, tödlich endet.....

Auf der anderen Seite hat sich beim indischen Geheimdienst der Verdacht auf einen unmittelbar bevorstehenden atomaren Angriff auf Bombay zu konkreten Beweisen verdichtet, und es gilt "nur", den Aufenthaltsort der Attentätergruppe ausfindig zu machen.  Kommissar Zufall und die Rivalitäten der Gangster-"Companies" helfen Sartaj Singh, vor dem entscheidenden Tip muss er allerdings noch zuim Verräter an einem Kollegen werden......

Der Schluss ist dann alles andere als dramatisch. Der "Showdown" läuft sozusagen im Hintergrund ab, ohne persönliche Beteiligung von Singh und ohne den tödlichen Zweikampf der beiden Protagonisten auf dem Rand einer Klippe - wie in amerikanischen Thrillern. Stattdessen  liefert der Autor in einem scheinbar "angeklebten" Epilog noch eine Pointe, die zeigt, wie lächerlich im Grunde genommen ethnische und religiöse Konflikte sind. Doch diese Pointe bleibt bitter-süß, da sie eben nicht die Spannungen wie ein "deus ex machina" auflöst, sondern lediglich beim Leser ein "Aha"-Erlebnis auslöst. Die Situation auf dem indischen Subkontinent bleibt am Ende dieses Bandes unverändert und ermöglicht damit die Fortsetzung dieser Romanserie entlang der Linie der jeweiligen weltpolitischen Ereignisse.

Das Buch ist im Aufbau-Verlag unter der ISBN 3-351-03092-4 erschienen und kostet 22,90 €

Frank Raudszus



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