Reviel Netz/William Noel: "Der Kodex des Archimedes"

                                                                    
Die spannende Geschichte der Entschlüsselung eines alten Palimpsestes


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BuchumschlagDer griechische Mathematiker Archimedes fand 212 v. Chr. während seiner mathematischen Studien den Tod durch einen römischen Soldaten. Bis zu diesem Tage hatte er eine Reihe wichtiger mathematischer Theorien und Beweise erarbeitet und gilt nicht umsonst als der bedeutendste Wissenschaftler der gesamten Antike. Seine Erkenntnisse fasste er auf Papyrus-Rollen zusammen, die später in die sogenannten "Kodices" A, B und C eingingen. Die der Wissenschaft geneigten Chronisten der Spätantike und des (sehr) frühen Mittelalters kopierten diese Schriften mühsam an verschiedenen wissenschaftlichen Stätten und in Klöstern und stellten damit sicher, dass die "Esel" der Wissenschaft zumindest einen kleinen Sieg gegen die schnellen "Rösser" der alles vernichtenden Kriegshorden (siehe Alexandria, Konstantinopel) davontrugen. Doch die Kirche spielte bei der Weitergabe des antiken Wissens keine rühmliche Rolle. Im Hochmittelalter hatte die Religion absoluten Vorrang vor den ketzerischen Naturwissenschaften, und die Klöster hatten eine Menge von Gebetsliteratur für die jeweiligen Herrscher zu erstellen. Mangels Pergament (Papier gab es noch nicht) griff man einfach auf alte Schriften zurück, schabte die Schrift vom Pergament und schrieb den neuen Text über den alten. Solche "barbarischen" Überschreibungen nennt man Palimpseste.

Anfang dieser Dekade ersteigerte ein Privatmann ein solches Palimpsest, von dem man wusste, dass alte Archimedes-Texte darunter lagen. Da bereits im 19. Jahrhundert ein Gelehrter dieses Palimpsest untersucht und soweit möglich ausgewertet hatte, interessierte sich die offizielle Wissenschaft nicht besonders für das Dokument. Nur William Noel, Mitarbeiter an einem Museum in Baltimore und
ein Freund alt-griechischer Texte, erbat dieses seltene Stück zu Ausstellungszwecken für sein Museum und erhielt wider Erwarten eine Zusage.

Nun begann eine wahrhaft aufregende kriminalistische Untersuchung. Die anfänglich oberflächliche Untersuchung - schließlich gab es ja angeblich nicht viel Neues in dem Dokument -  ergab erstens, dass man mit zeitgemäßen Untersuchungsmethoden deutlich mehr Informationen aus dem Palimpsest würde extrahieren können als bekannt war, und zweitens, dass wohl auch einige bisher unbekannte Texte unter den Gebeten der "Oberschicht" ihrer Entdeckung harrten. Williams konnte eine Reihe hochkarätiger Experten aus verschiedenen Fachrichtungen für seinen Plan gewinnen, das Palimpsest zu entschlüsseln. Eine Kollegin arbeitete sogar jahrelang hauptamtlich an der sachgerechten Konservierung des im Laufe von nahezu 800 Jahren stark in Mitleidenschaft gezogenen Folianten.

Doch die Entzifferung der kaum noch zu erahnenden archimedischen Schriftzeichen (die natürlich nicht seiner eigenen Hand entstammten) zeigte sich als wesentlich schwieriger und aufwändiger als ursprünglich gedacht. Nachdem umfangreiche und langwierige Untersuchungen mit gängigen modernen Methoden keinen zufriedenstellenden Erfolg gebracht hatten, stimmte der Besitzer schließlich zu, es mit den modernsten Mitteln der Großphysik zu versuchen. Die als Nebenprodukt eines großen Teilchenbeschleunigers in Stanford anfallende starke Röntgenstrahlung erwies sich als letzte Hoffnung, die Struktur der unter verschiedenen Schichten verborgenen Urschrift offenzulegen. Und - Heureka! - es gelang.

Nach gut fünf Jahren intensiver Bemühung um die knapp 180 Seiten dieses Palimspestes konnte man nicht nur bisher vorhandene Texte von Archimedes bestätigen und ergänzen, man fand sogar aufgrund der Entzifferung völlig neuer Textpartien heraus, dass sich bereits Archimedes mit der Infinitesimalrechnung und der Kombinatorik beschäftigt hatte, beides Gebiete, deren erstes Erscheinen man bis dahin in die frühe Neuzeit gelegt hatte. Für die wissenschaftliche Welt war dies eine mittlere Sensation, für die (Mathematik-)Historiker ein Fest und für das Team ein in seiner Bedeutung kaum zu überschätzendes Erfolgserlebnis.

Die Geschichte dieser Entschlüsselung liest sich sowohl für mathematische Laien wie auch für Experten spannend und trotz des scheinbar trockenen Stoffes unterhaltsam. Der Leser erfährt eine Menge über die Entstehung und Geschichte antiker Dokumente und gewinnt einen tiefen Einblick in die Konservierung und Restaurierung der Bücher sowie in die komplexen Technologien der Zeichenerkennung und Bildgebung. Und ein Stück antiker und mittelalterlicher Geschichte liefern die Autoren auch gleich mit.


Das Buch ist im Verlag C. H. Beck unter der ISBN 978-3-406-56336-2 erschienen und kostet 19,90 € 

Frank Raudszus

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