| Hans Magnus Enzensberger: "Hammerstein oder Der Eigensinn" |
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Eine dokumentarische Fiktion über ein exemplarisches Leben im Dritten Reich |
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Enzensberger geht das Thema "Drittes Reich" nicht von einem allgemeinen, politisch-historischen Blickwinkel an, sondern von einem speziellen, individuellen. Er betrachtet eine besondere, durch Stellung, Charakter und Verhalten hervorgehobene Person und dessen Familie in der Zeit vor und nach dem Umbruch 1933. Enzensberger beweist anhand dieser Familien-Biographie, dass es durchaus Möglichkeiten der Gegnerschaft gegen das Hitler-Regime gab, dass diese auch im individuellen Rahmen genutzt wurden, dass sie aber dennoch keinen historisch-politischen Nutzen zeitigten. Kurz gesagt: Enzensberger schildert die Tragik des inneren Widerständlers, der dennoch am Lauf der Welt nichts ändern kann. Kurt von Hammerstein-Equord wurde mangels finanzierbarer Alternativen Offizier und brachte es in diesem Beruf dank seiner außergewöhnlichen Intelligenz und Souveränität bis zum General und Chef der Heeresleitung. Privat mit einem Hang zur großbürgerlichen Lebensführung - im besten damaligen Sinne - ausgestattet, erzog er seine vier Töchter und drei Söhne durch seine liberale Haltung von klein auf zu selbständigem Denken. Seine älteren Töchter dankten es ihm damit, dass sie sich Ende der turbulenten zwanziger Jahre mit mehr oder minder großem Engagement zum Kommunismus bekannten. Das führte bereits im "Weimarer" Umfeld des Generals - er lebte natürlich in Berlin - zu Stirnrunzeln und hatte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten eine erhöhte Gefährdung der gesamten Familie zur Folge. Hammerstein machte aus seiner Ablehnung der neuen Regierung keinen Hehl und führte bis zu seinem krankheitsbedingten Tod im Jahr 1943 ein sehr offenes Wort. Seine sowohl politische als auch menschlich-moralische Ablehnung des Regimes war öffentlich bekannt. Doch Hitler wagte sich anfangs wegen Hammersteins hohen Ansehens und der noch unsicheren Haltung der Reichswehr gegenüber der neuen Regierung nicht an ihn heran, und später spielte er als Pensionär aus der Sicht der Parteiführung keine Rolle mehr. Enzensbergers Buch müsste im Grunde genommen den Titel "Die Töchter eines aufrechten Mannes" - oder so ähnlich - tragen, denn eigentlich spielen die drei älteren Töchter Marie-Luise, Maria-Theresa und Helga die zentrale Rolle. Den Anfang und - konsequent - das Ende machte Marie-Luise. Sie fand früh zur kommunistischen Partei, betätigte sich dort aktiv und blieb auch während des Dritten Reiches im Untergrund tätig. Einen großen Teil der unglücklichen zwölf Jahre verbrachte sie im ausländischen Exil, war mit verschiedenen kommunistischen Aktivisten liiert und kehrte Anfang der fünfziger Jahre nach Deutschland zurück, um dort ihren Wohnsitz in der DDR zu nehmen. Dieser bewussten, politisch motivierten Entscheidung blieb sie auch über den Fall der Mauer hinaus treu, obwohl zwei ihrer Kinder in den Westen ausreisten. Die geistige Verwirrung ihrer letzten Jahre mag nicht zuletzt auf den endgültigen Zusammenbruch des Kommunismus zurückzuführen sein. Maria-Theresa hingegen gewann nach anfänglichen Kontakten zur linken Szene bald Abstand zum Kommunismus, blieb aber ebenfalls Gegnerin des Hitler-Regimes. Ihr verdankt der Autor die umfangreichen Informationen über die Rolle der Familie Hammerstein vor und während des Dritten Reiches. Helga dagegen, die jüngste, erwies sich als politischer Feuerkopf und wagte sich am weitesten aus der Deckung. Ihre Beziehung zu dem kommunistischen Widerstandskämpfer Leo Roth endete erst mit dessen gewaltsamem Tod durch Erschießen in der Moskauer Lubjanka. Die russische Revolution fraß unter Stalin ihre Kinder, vor allem die treuesten. Helga verbrachte einen großen Teil ihres Lebens nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA, wohin sie vor der politischen Verfolgung der Nazis geflohen war. Die jüngeren Kinder, vor allem die Söhne, kamen erst zu Kriegsbeginn in ein "politisches Alter", beteiligten sich jedoch peripher am Attentat des 20. Juli 1944, wobei sie der Festnahme - und der unvermeidlichen Hinrichtung - nur durch Glück entgingen. Enzensbergers Buch lässt sich grob in vier Teile aufgliedern: im ersten Teil Hammersteins frühe militärische Laufbahn, seine Heirat mit der Tochter des Generals von Lüttwitz und seine Dienstzeit im Ersten Weltkrieg. Hier legt der Autor die Grundlagen für das Verständnis der Person und der politischen Position von Hammersteins. Der zweite Teil umfasst die Weimarer Republik mit dem Aufkommen von Kommunisten und Nationalsozialisten, von Hammersteins politische Konditionierung und seine Freundschaft zu Kurt Schleicher sowie den dramatischen Höhepunkt dieser Zeit mit Hitlers Machtergreifung. In den Tagen davor kam die Überlegung auf, Hitler bei einer eventuellen Ernennung zum Reichskanzler seitens Hindenburg durch die Reichswehr festsetzen zu lassen und eine Militärregierung zu installieren. Nicht zuletzt von Hammerstein schlug diese Idee wegen des befürchteten Bürgerkriegs in einem beratungsresistenten Volk nieder. Aus der Sicht der Nachgeborenen erscheint natürlich selbst ein zwei- oder dreijähriger Bürgerkrieg harmlos im Vergleich zu der tatsächlichen historischen Entwicklung. Aber wer konnte die Katastrophe in diesem Ausmaß vorhersehen? Nur von Hammerstein, allerdings erst 1939, und da war es zum Militärputsch zu spät. Seine persönliche Tragik besteht darin, dass sich der finale "Showdown" des Dritten Reiches als viel schrecklicher erwies denn jeder vorstellbare Bürgerkrieg oder gar die politischen Folgen eben dieser Dolchstoßlegende. Der dritte Teil handelt von den gefährlichen Aktivitäten der Töchter im Dritten Reich und von der - vor allem kommunistischen - Opposition gegen Hitler. Er endet 1945 mit dem Debakel sowohl der Nationalsozialisten als auch der - echten - Kommunisten, von denen nicht viele überlebt haben. Im vierten und letzten Teil schließlich, eher ein "nachklappender" Epilog, schildert Enzensberger das Schicksal der einzelnen Familienmitglieder bis zum jeweiligen Lebensende bzw. zum heutigen Tage. Dieser Teil ist eher der Vollständigkeit der Geschichte als einer Erhellung irgendwelcher Hintergründe geschuldet. Enzensberger verzichtet in seinem Buch auf jegliche pathetische Anklage gegen das Dritte Reich. "Der Worte sind genug gewechselt...." - scheint er zu denken. Andere haben diese Epoche der deutschen Geschichte bis zum letzten Wort und Buchstaben um und um gedreht und analysiert. Wieder andere haben die Keule von Schuld und Sühne in einem kaum noch zu übertreffenden Maße geschwungen. So beschränkt sich Enzensberger auf die Mechanismen und Strukturen einer instabilen Gesellschaft im Umbruch. Ihn interessieren mehr einzelnen Personen an den Schaltstellen der Macht, ihre Handlungen, ihre Gedanken und ihre Absichten. Vor allem faszinieren ihn der demokratische Eigensinn und der voraussetzungslose Zusammenhalt einer Familie, die aufgrund ihrer Herkunft - Adlige! - nicht unbedingt das Objekt der Bewunderung eines Enzensberger darstellen würde. In wohltuend sachlicher und nüchterner Weise schildert er die Abläufe während der Machtergreifung 1933, aber auch die Untergrundtätigkeiten der Hammerstein-Töchter während der Hitler-Jahre, wobei er sich jeder subjektiven Stellungnahme zum Kommunismus stalinscher Prägung oder zum Nationalsozialismus enthält. Mit Recht darf Enzensberger vermuten, dass man ihm keine falsche Objektivität unterstellt, daher kann er sich auf die bekannten Fakten und schlüssige Erklärungen unbekannter Hintergründe beschränken. Wie ein Betrachter von Mikroorganismen oft eine gewisse Distanz von der Lupe einnehmen muss, um die Details besser zu erkennen, so erlaubt sich auch Enzensberger eine historische Distanz zu den Geschehnissen der dreißiger und vierziger Jahre, die erst die Bewertung des historischen oder individuellen Details ermöglicht. Dennoch ist Enzensberger Schriftsteller genug, um die Dinge mittels origineller Einfälle zuzuspitzen. So führt er mit verschiedenen Protagonisten seines Buches posthume Interviews, in denen er die vermuteten Eigenarten des jeweiligen Gesprächspartners fiktiv gestalten kann, ohne in den Verdacht der Charakterklitterung zu geraten. Die Charakterisierung als "Gespräch mit einem Toten" nimmt dem Text von vornherein jeden Anspruch auf objektive Richtigkeit und kennzeichnet ihn als persönliche Interpretation der jeweiligen Persönlichkeit. Dass er diese Gespräche packend und überzeugend zu gestalten weiß, versteht sich bei einem Autor wie Enzensberger von selbst. Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 978-3-518-41960-1 erschienen und kostet 22,90 Euro. Frank Raudszus |
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