| Robert Schneider: "Die Offenbarung" |
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Roman über die Magie der Musik |
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Jeder kennt das Gefühl, dass bestimmte Gerüche, Geräusche oder Geschehnisse Erinnerungen an längst vergangene Ereignisse oder Befindlichkeiten wecken. Ein bestimmter Geruch ist fest an ein Kindheitserlebnis gebunden und holt dies plötzlich nach Jahrzehnten des Vergessens aus der Versenkung der Erinnerung hervor. Robert Schneider überträgt diese Macht der Assoziation auf die Musik, doch nicht auf die ertönende sondern bereits auf die geschriebene, wobei er die Aktivierung verschütteter Ereignisse auf eine Bedeutungsebene hebt. Jakob Kemper lebt in dem kleinen sächsischen Ort Naumburg und widmet sich ganz der Musik, vor allem der Johann Sebastian Bachs. Gegen seinen Willen vom Vater zum Beruf des Bürstenmachers gezwungen, verweigert er diese Tätigkeit und schlägt sich schlecht und recht als Organist an der örtlichen Kirche durchs Leben, immer herablassend vom amusischen, reaktionären Vater kritisiert. Da er nicht gerade das Abbild des Idealmanns darstellt, haben sich auch die erotischen Träume nicht erfüllt, ja, ausgerechnet der Vater heiratet in zweiter Ehe seine unerreichte Jugendliebe und macht sie dadurch zu seiner Stiefmutter. Dieser Sonderling findet nun eines Tages in der alten Orgel ein Notenkonvolut, das der Beschriftung zufolge ein unbekanntes Spätwerk Bachs enthält, die "Offenbarung des Johannes". Mit seinen autodidaktisch erworbenen Musik- und Bachkenntnissen untersucht Kemper das Werk auf eigene Faust, anstatt es umgehend an die Leipziger Bachgesellschaft zu schicken. Zu sehr hat deren Leitung ihn gedemütigt, als er seine aktive Mitarbeit an der längst überfälligen Renovierung der örtlichen - eigentliche "seiner" - Orgel angeboten hat. Hier bietet sich die einmalige Gelegenheit groß herauszukommen und sich zumindest ein wenig an diesen Herren zu rächen. Doch seltsamerweise weckt die Beschäftigung mit dem zutiefst abgründigen, in seiner Modernität geradezu verstörenden Werk nagende Erinnerungen an seine Kindheit und unerklärliche Schuldgefühle im Zusammenhang mit dem frühen Tod seines Bruders, über dessen Hintergründe er nie etwas erfahren konnte. In ähnlich deutlicher Weise sieht er plötzlich den nahenden Tod seines Vaters vor sich, und es will ihm scheinen, als ob allein die Noten der "Offenbarung" Schuld aufdecken und Zukünftiges vorhersagen kann. Knapp kann er seinen Verstand über diese Spekulationen siegen lassen. Währenddessen treffen die Vertreter der Bachgesellschaft in Naumburg zwecks Untersuchung der Orgel ein und Kemper erhält Gelegenheit, sie persönlich kennenzulernen. Als diese seine schwachen Andeutungen über ein eventuell verschollenes Werk Bachs geradezu hohnlachend kommentieren, ist seine Leidensfähigkeit überstrapaziert. Dazu kommt, dass er wieder einmal so leidenschaftlich wie hoffnungslos verliebt ist und seiner Angebeteten bereits von dem Fund erzählt hat. So beschließt er - fast in einer Kurzschlussreaktion - das Konvolut dem einzigen anständigen Kommissionsmitglied, einem Japaner, zu vermachen und sich so von der immer drückenderen Last zu befreien. Doch es kommt anders als gedacht, und die Dinge nehmen noch einmal einen dramatischen Verlauf. Robert Schneider greift zwar den seit einiger Zeit in der Literatur durchgespielten Fall wertvoller alter Schriften auf, aber durchaus nicht in der trivialen Form eines Dan Brown ("Das Sakrileg"), sondern ohne jegliche Thriller- oder Agenten-Ingredienzien. Bei ihm spielt sich alles in Naumburg ab, und die Protagonisten bewegen sich in der Welt der Durchschnittsmenschen mit all ihren Schwächen. Dafür baut er den Roman auf höchst kunstvolle, geradezu musikalische Weise auf. Wie sein musikalischer Gegenstand, das Oratorium, besteht die Handlung aus mehreren, teils gegenläufigen Stimmen. Dadurch wird die Handlung zum Spiegel der Musik und diese wiederum intoniert die Handlung. Schneider zeigt nicht nur tiefes Wissen über Bachs Musik im allgemeinen und Oratorien bzw. Messen im speziellen, er zeigt dies auch in einer detaillierten Beschreibung eines Werkes, das es nachweislich(?) in der Realität gar nicht gibt. Er erfindet also - zumindest in groben Zügen - ein einmaliges Werk der musikalischen Weltliteratur, komponiert es geradezu satzweise, nur ohne die Stimmen auszunotieren. Dafür schildert er die Wirkung der einzelnen Sätze auf die Betrachter des Notenwerks. Jeder der - mehr oder minder geheimen - Leser ist nicht nur überwältigt von dieser jenseitigen, ultimativen Musik, sondern sieht sich unversehens in bestimmte, teils fürchterliche Szenen seiner Vergangenheit zurückversetzt. Ohne überhaupt zu erklingen, verändert die Musik ihre Betrachter. Wie ein Generalbass in der Musik zieht sich das Thema der Schuld durch das ganze Buch, und so, wie das Oratorium alle zeitlosen menschlichen Befindlichkeiten durch unterschiedliche Instrumentierung, Harmonik und Melodik ausdrückt, kommen die unterschiedlichen Bereiche in Kempers Leben - Erotik, Liebe, Familie, Beruf - als schicksalsträchtige Stimmen im Roman zu Gehör. In Kempers Fall singen diese Stimmen lange ein düsteres Lied, voll der Selbstanklage und des Misslingens, doch zum Schluss schlägt diese Stimmung in ein ganz schlichtes, zukunftsfrohes Motiv um, genau wie der unerwartete und unerklärliche Schluss des Oratoriums. Kemper entledigt sich allen Ballasts, klärt das seit Jahrzehnten schwelende Verhältnis zu seinem Vater, verzichtet fast leichten Herzens auf die angebetete Frau und erkennt die wesentlichen Aufgaben in seinem einfachen, beschränkten Leben. Doch Schneider verfällt hier nicht etwa einem kitschigen Aufruf zur mönchischen Selbstbeschränkung auf das "Gute, Schöne, Wahre", sondern beschreibt nichts weiter als die kathartische Erfahrung großer Musik, die letztlich immer im Einfachen mündet. Neben diesem musikphilosophischen Kern seines Romans liefert Schneider jedoch auch ein gerüttelt Maß an aktueller Gesellschaftskritik. Die Eitelkeiten des Kunst- und Musikbetriebs schildert er mit schonungslosem Sarkasmus am Beispiel der fiktiven Vertreter der Bachgesellschaft, und das Milieu der typischen Kleinstadt Naumburg erfährt eine ebenso treffende wie schonungslose Beschreibung. Doch die Ironie und der Sarkasmus stehen stets an zweiter Stelle hinter der so eingehenden wie berührenden Beschwörung der Musik Johann Sebastian Bachs. Nach der Lektüre des Buches steht der Wunsch, dieses so detailliert vorgestellten Werkes zu hören, an erster Stelle, und man könnte fast meinen, Robert Schneider habe eben dieses Werk gefunden und seine Erfahrungen damit in einen Roman umgesetzt, anstatt seinen Fund abzuliefern. Das Buch ist im Aufbau-Verlag unter der ISBN 978-3-351-03212-8 erschienen und kostet 19,95 Euro. Frank Raudszus |
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