John Updike: „Terrorist“

                                                                    

Ein realitätsnaher Roman über die Genese eines Selbstmordattentäters


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Buchumschlag "Terrorist"Nachdem John Updike in seinen letzten Romanen eher die allgemein körperlichen und speziell die erotischen Defizite alternder Männer beklagt hat, spielen diese in seinem neuesten Roman, dessen Titel bereits Programm ist, eine eher nebensächliche Rolle – auch wenn er sie nicht vollständig ausgeblendet hat. Zwar siedelt er die Protagonisten und die Handlung wiederum in einer eher hässlichen Kleinstadt an der Ostküste der USA an, doch diesmal spielen nicht die Querelen zwischen typischen US-Bürgern des Mittelstands die Hauptrolle, sondern die dramatische und so folgerichtige wie tödliche Entwicklung eines jungen Muslims.

Ahmed ist Sohn einer Irin und eines Ägypters, der sich schon bald nach Ahmeds Geburt davon gemacht hat, da er offensichtlich die Verantwortung für eine Familie nicht übernehmen wollte. Der vaterlose Ahmed sucht Ersatz in der Moschee, wo er der Koranklasse des lokalen Imams beitritt und bald dessen einziger Schüler wird. Geschickt präsentiert dieser dem Heranwachsenden die Einzigartigkeit des Islams und die Freuden des Paradises nach einem gottgefälligen Leben, so dass Ahmed als Achtzehnjähriger zum glühenden Anhänger seiner Religion und hasserfüllten Verächter der dekadenten und ungläubigen Lebensweise der “weißen Teufel“ geworden ist. An diesem Punkt setzt die Handlung ein.

An Ahmeds Highschool lehrt Jack, ein assimilierter Jude ohne religiösen Hintergrund, der als nunmehr Sechzigjähriger auf ein ereignisloses Leben zurückschaut, das die wenigsten Blütenträume des jungen Jack reifen ließ. Er bekleidet die eher mittelmäßige Position eines Vertrauenslehrers an einer durchschnittlichen Schule in einem unbedeutenden Ort, zu seiner fettleibigen Frau unterhält er ein eher organisatorisches Eheverhältnis, und wirkliche Interessen nennt er auch nicht sein eigen. Ziel- und perspektivenlos kriecht er dem Ruhestand  entgegen.

Nur für Ahmed entwickelt er ein gewisses Interesse, weil dieser seine durchaus vorhandene Intelligenz nicht für einen guten Schulabschluss und einen College-Laufbahn nutzt. Dass Ahmed nach dem Schulabschluss als LKW-Fahrer zu arbeiten beabsichtigt, beunruhigt ihn eher aus pädagogischen Gründen, und bei dem Versuch, seine Mutter auf seine Seite zu ziehen, geht er ein Verhältnis mit ihr ein. Zur gleichen Zeit beginnt Ahmed seine Arbeit bei einem Transportunternehmen, das von Exilarabern geleitet wird. Bei den Möbeltransporten fragt ihn sein Betreuer Charlie, äußerlich ein gut integrierter Amerikaner, seinen Redensarten zufolge jedoch ein fanatischer Muslim, nach seiner Einstellung zur Religion, zu seiner Umgebung und zu Amerika aus. Bald ist man sich einig im Hass auf die dekadenten Ungläubigen und schwärmt gemeinsam retrospektiv vom 11. September. Den Imam besucht Ahmen weiterhin und wird von ihm systematisch bestärkt, sich für große Taten im Namen des Islams bereitzuhalten. Ahmed ahnt nicht, worum es seinen Bezugspersonen gilt, der Leser jedoch sehr wohl.

So kommt es denn konsequent, wie es kommen muss. Nachdem die Drahtzieher sicher sind, dass Ahmed keine Freundin und auch keine engen Freunde außerhalb des Unternehmens und der Moschee hat und dass er sogar seine Mutter wegen ihres freizügigen Lebenswandels verachtet und ihr keine Geheimnisse anvertraut, tragen sie ihm die große Aufgabe an, einen LKW mit einer großen Menge Sprengstoff kurz nach dem 11. September mitten im New Yorker Lincoln-Tunnel zu zünden. Ahmed sagt quasi sofort zu und sehnt sich von diesem Augenblick an nur noch nach der unmittelbaren Nähe zu seinem Gott im Paradies, in das er unmittelbar nach der Tat einziehen wird.

Doch die Behörden haben Hinweise auf die Tat, ohne den genauen Ort, die Zeit und die ausführende Person zu kennen. Aufgrund zufälliger verwandschaftlicher Beziehungen landet jedoch eine entsprechende Anfrage bei Jack, und dieser ahnt sofort die Zusammenhänge. Am Morgen des Attentat-Tages – das ahnt Jack natürlich nur – fängt er Ahmed im morgendlichen Stau ab und gelangt zu ihm in das Führerhaus des Todeslasters.

Nun beginnt eine dramatische verbale Auseinandersetzung, deren potentielles Ende am tiefsten Punkt des Tunnels bevorsteht. Als Ahmed merkt, dass Jack den Zweck der Fahrt an dem nicht zu übersehenden Zündmechanismus erkannt hat, entsichert er diesen und droht mit sofortiger Zündung, falls Jack irgendwelche Aktivitäten unternimmt. Es bleibt also nur das Reden gegen die Zeit. Die üblichen Argumente – der Tod unschuldiger Bürger, der wenig religiöse Zynismus von Ahmeds Komplizen, Ahmeds zu früh endendes Leben - verfangen jedoch nicht bei einem fanatischen Fundamentalisten, und auf jedes Argument weiß Ahmed eine kühle Antwort. Wie das Buch ausgeht, wollen wir hier nicht verraten, damit die Leser zumindest noch zwanzig spannende Seiten vor sich haben.

Dieses Buch zeichnen jedoch außer der vordergründigen Handlung ganz andere Qualitäten aus. Da ist zum Einen die Konstellation des fanatischen Muslims und des abgefallenen Juden, die sich von Beginn an einen Zweikampf liefern. Die Charakterisierung der beiden Antipoden macht auch unmittelbar den Unterschied zwischen einem asketischen, religiösen Fundamentalisten und einem desillusionierten Mitglied einer Konsumgesellschaft deutlich. Jack weiß nicht, wofür er lebt und arbeitet, Ahmed durchaus. Dennoch kämpft Jack bis zum letzten Moment, auch wenn die Hoffnung immer weiter schwindet. Updike lässt Ahmeds mentale Stärke keinen Moment lang lächerlich wirken, sondern – auch wenn durch jugendliche Naivität verzerrt – als Stärke erscheinen. Jack und seinen Lebensumständen dagegen gewährt er keinen großen Vertrauensvorschuss.

Darüber hinaus lässt er Ahmed und vor allem seinen Kollegen Charlie über den „american way of life“ räsonnieren. Und das klingt durchaus nicht grotesk oder gar verrückt, sondern jeder Satz sitzt wie ein intellektueller Faustschlag. Obwohl die Anklagen gegen die westliche Konsumgesellschaft aus dem Munde eines Muslims kommen – dass Charlie ein verdeckter CIA-Agent ist, spielt hier keine Rolle -, klingen sie in sich schlüssig und entlarven tatsächlich die gesellschaftlichen Verhältnisse. Damit wird Updikes Roman weniger zu einer Anklage gegen verrückte Fundamentalisten – obwohl auch der letztlich feige Imam alles andere als gut davon kommt -  sondern gegen seine eigenen Landsleute und ihr bigottes Wertesystem. Die Sprengkraft des Updikeschen Textes liegt gerade darin, dass er nicht mit der großen moralischen Geste den Zeigefinger hebt, sondern lediglich den Feind vernünftig reden lässt. Wenn der sich derart verständig äußert, dann muss die Unvernunft woanders sitzen…..

Updike gelingt es überdies hervorragend, sich in einen jugendlichen Muslim hineinzuversetzen, seine Aversion gegen Konsum, Sex und Freizügigkeit, seine Sehnsucht nach einem starken Vater und seine Einsamkeit nachzufühlen. Nach Jahren der Beschreibung von Altherren-Befindlichkeiten ist das eine Leistung, die allein schon die Lektüre dieses Buches lohnt.

Das Buch ist im Rowohlt-Verlag in der rororo-Reihe unter der ISBN 978-3-499-24473-5 erschienen und kostet 9,95 €.

Frank Raudszus

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