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Jan Seghers: „Partitur des Todes“ |
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Ein Frankfurt-Krimi mit historischem Bezug |
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Neben
der kaum noch überschaubaren Sachliteratur zum Dritten Reich haben
sich neben zahllosen Autobiografien auch Autoren von Kriminalromanen
intensiv mit diesem Thema beschäftigt. Abgesehen von einigen
historischen Kriminalromanen zeichnet diese Gattung der Anspruch aus,
aktuelle gesellschaftliche Themen und Zustände zu thematisieren.
Wer dabeio beides miteinander verbinden möchte, läuft Gefahr,
in die „Zeitfalle“ zu laufen. Will man Täter oder Opfer des
Dritten Reiches in einen neuen, zeitnahen Bezug zueinander und zu ihrer
Vergangenheit setzen, so müssen die Protagonisten – bei Einhaltung
realistischer Randbedingungen – zu Kriegszeiten entweder Kleinkinder
oder jetzt Greise sein. Beides mindert die Wirkung und kann bis zu
einer ungewollten Lächerlichkeit führen, so wenn – in einem
Krimi der späten Neunziger, sich zwei Greise um die halbe Welt
jagen.Jan Seghers hat diese Gefahr offensichtlich erkannt und – soweit möglich – gebannt. In seinem Roman gibt sich ein naturalisierter Franzose im Jahr 2005 bei einem Fernsehinterview als deutsches Waisenkind zu erkennen, das seine Eltern einen Tag vor der Deportation nach Auschwitz in Sicherheit gebracht hatten. Daraufhin erhält er wenige Tage später im Beisein des Fernsehens ein spätes Geschenk seines Vaters, der eine wiederentdeckte Operettenpartitur von Jacques Offenbach kurz vor Kriegsende über einen französischen Häftling aus dem KZ hatte schmuggeln können. Als daraufhin die junge Fernsehjournalistin in Erwartung einer sensationellen Geschichte nach Frankfurt fährt, um dort mit Interessenten über die Partitur zu verhandeln, wird sie zum Opfer einer gewaltsamen Entführung, bei der fünf Menschen auf brutale Weise ermordet werden. Nun tritt die Frankfurter Mordkommission unter der Leitung von Kommissar Marthaler in Aktion, schlägt sich mit den Widersprüchen angeblicher Zeugen und dem Schweigen potentiell Verdächtiger herum und ist angesichts des brutalen Verbrechens vom ersten Moment an dem Druck der Öffentlichkeit ausgesetzt. Seghers schildert nicht nur den menschlichen Mikrokosmos einer physisch und psychisch überlasteten Mordkommission, sondert verleiht auch deren einzelnen Mitgliedern ein jeweils unverwechselbares Profil. Er verzichtet dabei jedoch dankenswerterweise auf die unter Krimiautoren gerne gepflegte Überzeichnung hinsichtlich Alkoholkonsum, Zynismus oder anderer schwerwiegender Defizite seiner kriminalen Protagonisten. Sie sind zwar Menschen wie andere mit Hobbys, kulinarischen oder erotischen Eigenarten und Wünschen, bleiben jedoch im Rahmen des „Normalen“ – was immer das ist. Daneben führt Seghers die Leser mit viel Liebe zum Detail durch Frankfurt, lässt bekannte wie unbekannte Örtlichkeiten Revue passieren und bleibt sogar bei Kleinigkeiten wie die Dauer einer Autofahrt in der Stadt oder bei der Beschreibung des jeweiligen Lokalkolorits realitätsnah. Frankfurtkenner können so die Bewegungen der Personen durch die Stadt sowie ihre nähere und weitere Umgebung gut nachvollziehen. Die Handlung gestaltet Seghers mit viel Gespür für Spannung, ohne diese mit „Action“ zu verwechseln. Obwohl oft scheinbar nichts passiert, vermittelt er hervorragend den zeitlichen und damit psychischen Druck, unter dem die Ermittler stehen. Während die Presse zeitweise – aufgrund eigenwilliger Methoden – sogar einen echten oder vermeintlichen Wissensvorsprung präsentiert, müssen sie Ergebnisse aus dem Nichts zaubern. Dass es sich hier nicht um eine einfache Beziehungstat handelt, merken sie schnell, und lange Zeit tappen sie hinsichtlich Motiv und Verdächtigen vollständig im Dunkeln. Wie so oft weiß natürlich der allmächtige Autor und damit der Leser mehr als der Kommissar, und aus dieser Perspektive scheinen die Zusammenhänge klarer als aus der Sicht eines mitten im Problem stehenden Ermittlers. Doch zügig lässt der Autor die Ermittler auf die den Lesern bereits in Teilen bekannten oder von ihnen vermuteten Beziehungen stoßen, wobei er auf den berühmten „Kommissar Zufall“ verzichtet und stattdessen auf die Logik der Zusammenhänge achtet. Was der aufmerksame Leser gleich zu Beginn vermutete, erweist sich natürlich als richtig: die besagte Partitur trägt noch weit mehr Informationen als nur musikalische Notierungen, und deren Entschlüsselung enthüllt schreckliche Tatsachen, führt aber schließlich auch zur Identifizierung der Täter und zur Auflösung des Falls. Zum Schluss fügt Seghers jedoch noch eine polizei-kritische Pointe zum Thema „finaler Rettungsschuss“ hinzu, die in den politischen Hintergrund passt. Nicht umsonst heißt sein - fiktiver - hessischer Innenminister Roland Wagner (sic!). Jan Seghers ist mit diesem Buch eine Synthese zwischen Vergangenheitsaufarbeitung – wir möchten hier nicht „Bewältigung“ sagen – und einem spannenden Krimi mit aktuellem Zeitbezug gelungen, ohne das heikle Thema „Auschwitz“ als wohlfeile Moralkeule einzusetzen. Die Zitate aus den Protokollen des Auschwitz-Prozesses und die fiktiven(?) Aufzeichnungen des KZ-Insassen, die vermutlich auch echten Dokumenten entlehnt sind, drücken mehr aus als jede vordergründige Entrüstung, die dem zugrunde liegenden Tatbestand sowieso nicht gerecht werden könnte. Das Buch ist im Rowohlt-Verlag unter der ISBN 978-3-8052-0839-0 erschienen und kostet 19,90 €. Frank Raudszus |
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