François Vallejo: „Monsieur Lambert oder die Ordnung der Welt“

                                                                    

Ein Roman aus dem restaurativen Frankreich des 19. Jahrhunderts


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BuchumschlagHistorische Romane verfolgen meist das Ziel, bedeutende Epochen und ihre Protagonisten in eine fiktive Rahmenhandlung einzubetten, die einerseits an historische Ereignisse anknüpft, andererseits jedoch dem Autor freie Hand bei der Skizzierung seiner Charaktere lässt. In der Mehrzahl ergeben sich aus diesem Ansatz voluminöse und mehr oder minder authentische Romane. Selten jedoch versucht ein Autor, die innere Welt der Personen vergangener Epochen zu sezieren. Genau diesen Versuch hat François Vallejo in dem vorliegenden Buch unternommen.

Auf einem weitab von Paris in der Normandie gelegenen Schloss wächst der Baron de l'Aubépine als einziger Sohn seines Vaters auf. Von diesem erntet er jedoch statt Lob und Förderung nur Hohn und Spott, da er weder den äußeren noch den charakterlichen Vorstellungen des stattlichen Vaters entspricht. Da der Vater ihn fern vom Schloss erziehen lässt, nimmt es nicht Wunder, dass der Junge zu einem verklemmten, verschlossenen und exaltierten Mann ohne vernünftige soziale Bindungen heranwächst.  Erst als sein Vater stirbt, zieht er zurück in das Schluss und tritt die Nachfolge seines Vaters an.

Schon beim Vater hat jahrelang der Wildhüter Lambert gedient, der auf dem Schlossgelände mit Frau und zwei Kindern lebt. Für ihn herrscht in der Welt eine feste Ordnung mit Herren und Dienern, und die klare Trennung der beiden Welten dient dabei beiden Gruppen. So nimmt er auch die seltsamen Angewohnheiten des neuen Schlossherrn gleichmütig hin und geht weiter seiner Arbeit nach. Über lange Strecken erleichtert ihm die für einen Adligen seltsame und naiv-verquere Begeisterung seines Herrn für die Revolution das Leben, weil de l'Aubépine sich öfter und über längere Zeiträume in Paris aufhält, wo er Kontakt zu bedeutenden Vertretern der revolutionären Avantgarde sucht. Besonders Victor Hugo hat es ihm angetan, und aus einem eher beiläufigen Briefwechsel mit dem bewunderten Literaten macht Baron de l'Aubépine für sich eine revolutionäre Blutsbrüderschaft.

Auch erotisch zeigt der Schlossherr eine krankhafte Seite: die Lebedamen und Prostituierten, die er sich von Zeit zu Zeit aus Paris mitbringt, jagt er nächtens in einer Art sado-masochistischem Liebesspiel splitternackt durch das ganze Schloss, so dass die Schreie der jungen Frauen auf dem ganzen Gelände zu vernehmen sind. All diese seltsamen Marotten erträgt Lambert mit Gleichmut, solange sie seine tägliche Arbeit und seine Familie nicht gefährden.  Doch Lamberts Tochter kommt langsam in ein Alter, in dem sie die Aufmerksamkeit solcher innerlich zerstörter Männer wie Aubépine weckt.

Als eine von Aubépines Mätressen eines Nachts nach einer besonders schrillen Hetzjagd durchs Schloss spurlos verschwindet und Lambert zusammen mit seiner Tochter einen geheimnisvollen Pferdewagen das Gelände verlassen sieht, reimt er sich einen Mord zusammen. Als dann Aubépine nach einem weiteren Aufenthalt in Paris entkräftet und an Geist und Körper zerrüttet zum Schloss zurückkehrt, sperrt Lambert ihn zu seinem eigenen Schutz kurzerhand ein und bewacht ihn im Wechsel mit seiner Tochter. Dabei kommt es zu eindeutigen sexuellen Annäherungen des Schlossherrin an seine kleine Bewacherin, die damit weder fertig wird noch ihrem Vater davon erzählt. Erst als Aubépine nach Genesung und Freilassung in einem Wutanfall Lambert nicht nur kündigt sondern ihm auch in gehässigem Ton den „Eroberung“ seiner Tochter gesteht, beginnt Lambert über höhere Gerechtigkeit und Selbstjustiz nachzudenken. Nach außen bleibt er jedoch der alte.

Als schließlich Aubépine bei einem seiner üblichen wilden Ausritte schwer verletzt wird, lässt Lambert die zur Suche ausgeschwärmten Jagdhunde auf den Bewusstlosen los, um ihn zu zerreißen. Nach seinen Aussagen und für die Öffentlichkeit haben die Hunde in einer Art gruppendynamischem Blutrausch zugebissen und müssen dafür sterben. Nur Lamberts Tochter ahnt aufgrund ihrer Erfahrung mit den Hunden und mit dem Schlossherrn den wahren Sachverhalt, behält dieses Wissen jedoch für sich.

Vallejo baut in diesem Roman eine Dreieckshandlung zwischen einem dekadent-exaltierten Adligen, einem standesgläubigen Bediensteten und dessen Tochter auf, vergleichbar Lessings "Emilia Galotti". Doch während letzterer in seinem Theaterstück alle Aspekte einer dünkelhaften Standesgesellschaft konsequent durchdekliniert, bleibt Vallejo in seinem Roman seltsam unentschieden. Seine weibliche Hauptperson schwebt in der akuten Gefahr einer Vergewaltigung durch den Adligen, ohne dass es wirklich dazu kommt. Die offensichtlichen Züge einer Geisteskrankheit lassen den Schlossherr nicht als gewissenloses Produkt seiner Gesellschaftsschicht sondern als kranken Sohn eines unmenschlichen Vaters und damit selbst als Opfer erscheinen. Der Wildhüter Lambert wiederum durchläuft keine Entwicklung vom obrigkeitshörigen Diener zum Revolutionär, sondern erliet lediglich der Emotion des Augenblicks. Anschließend zeigt er weder Reuegefühle noch Zeichen eines Aufbruchs zu neuen gesellschaftlichen Ufern. Bezeichnend für die Unentschiedenheit des Buches ist auch die passive Haltung des Mädchens, das den Mord an dem Schlossherrn zwar als Verbrechen erkennt, aber unkommentiert hinnimmt. Vallejo gelingen durchaus einige eindringliche Charakterstudien, seine Personen durchlaufen jedoch keinerlei Entwicklung, sondern scheinen vom Leben und von den jeweiligen Verhältnissen durch den Alltag getrieben zu werden. Die Geschichte zehrt zwar von ihrer Dichte und auch Spannung, aber die Aussage bleibt bis zum Schluss unklar. Es ist weder eine flammende Anklage gegen die Standesgesellschaft - das wäre nach eineinhalb Jahrhunderten auch etwas spät - noch die detaillierte Aufarbeitung einer historischen Epoche. Der Novellencharakter - die Darstellung eines "besonderen Ereignisses" - des Romans ist zwar unübersehbar, aber die Länge weicht diesen Charakter wieder ein wenig auf. Man legt am Ende das Buch weg und fragt sich, welches Ziel der Autor damit eigentlich verfolgt hat. Eine eindeutige Antwort auf diese Frage will sich nicht einstellen.



Das Buch ist im Aufbau-Verlag unter der ISBN 978-3-351-03231-9 erschienen und kostet 19,95 €.

Frank Raudszus

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