![]() |
Axel Hacke: "Wortstoffhof" |
![]() |
Sprachgeschichten von "Äh" bis "Zeitfenster" |
Weitere Bücher desselben Autors: Ihre Meinung über E-Mail hier |
Jede bessere deutsche Kommune verfügt über einen
"Wertstoffhof", der Abfälle und ausgediente Gegenstände aller
Art entgegennimmt, sie nach ihren Grundmaterialien sortiert, diese
extrahiert und über ein ausgeklügeltes Recyclung wieder der
Verwertungskette zuführt. Der Kolumnist und bekennende Sprach-
nein, nicht "-Fan" sondern "-Liebhaber" Axel Hacke hat dieses Prinzip
auf die deutsche Sprache angewendet, da er im Laufe der Jahre
feststellte, dass auch die Sprache ihre alten Wörter ausmustert
und in neuem Gewande wieder auftauchen lässt. Dabei ergeben sich
plötzlich und unerwartet groteske Sprachgebilde, denen entweder
eine unfreiwilligige Komik oder eine unerkannte Schönheit
innewohnt. In Hackes Überlegungen zur Mehrfachverwertung der
Sprache ist jedoch die feine bis deftige Ironie nicht zu
übersehen, nimmt er doch viele Sprachsünden nicht mit dem
Bierernst des Oberlehrers sondern mit dem vermeintlichen Staunen eines
Kindes auf die Schippe, das falsche Metaphern wörtlich und
verschwurbelte Wortschöpfungen als Zeichen des Erwachsenenstandes
nimmt. Die Struktur des Buches lässt deutlich den Kolumnisten erkennen, besteht es doch aus einer Reihe voneinander unabhängiger Glossen zu jeweils einem aktuellen Thema, das dem Schreiber auf der Zunge oder im Bleistift brennt. Die Länge des einzelnen Beitrags entspricht jeweils einer typischen Zeitungskolumne, und die alphabetische Reihenfolge ergibt sich fast zwangsläufig aus dem Fehlen eines übergreifenden "wissenschaftlichen" Konzepts. Das vermisst man jeedoch auch nicht, denn Hacke geht es nicht um eine Theorie der "richtigen" Sprache sondern um die Entlarvung all der kleinen - und leider eher goßen - Sünden von Politikern, PR-Schreibern und anderen literarischen Kleinkriminellen. Da steht dann das berüchtigte "Äh" eines bekannten bayerischen Politikers nicht nur zufällig aus Gründen des Alphabets ganz am Anfang der Glossen des Münchner Autors. Ihm entspricht in seiner Aussagekraft das diesen Band abschließende "Zeitfenster", ebenfalls ein bei allen unpassenden Gelegenheiten verwendeter Begriff von Politikern, den Hacke genüsslich bis auf die Knochen seiner Unlogik seziert. Einen großen Teil seiner Betrachtungen widmet der Autor Gebrauchsanleitungen von Geräten ausländischer Herkunft oder Warnungen und Beschreibungen in fremden Ländern. Wir kennen alle Anpreisungen der touristischen Qualitäten eines Ortes wie "Durchnässen Sie auf der Atmosphäre des Landes zusammen mit dem Probieren des örtlichen Apfelstrudels" und amüsieren uns köstlich darüber. Nun enthalten all diese Schenkelklopfer über falsches Deutsch im Ausland einen Kern von intellektuellem Hochmut, der uns eigentlich nicht ansteht, wenn wir nur einmal an unsere eigenen kläglichen Sprachversuche in Italien, Frankreich oder Spanien denken (ja, es gibt auch Meister der fremden Sprache....). Doch Hacke gewinnt dem Pidgin-Deutsch in fernen Ländern auch andere Qualitäten jenseits höhnischen Lachens ab: er genießt förmlich die grammatischen und orthografischen Kreationen der jeweiligen Autoren und gesteht ihnen eine gehörige Portion von Sprachkraft und Originalität zu - wenn auch mit einem gewissen Augenzwinkern. Auf der anderen Seite fragt er sich natürlich zwischen den Zeilen, warum die Urheber der jeweiligen Texten nicht einen Kenner der deutschen Sprache zu Rate gezogen haben. Denn irgendwo endet der Spaß an der naiven Originalität eines Textes, wenn die Verständlichkeit und damit das kommunikative Ziel verloren geht. Auch falsche Trennungen zusammengesetzter Worte, wie sie unser Gehirn immer wieder in einer Arrt Fehlschaltung durchführt, führen nicht nur zur Erheiterung des Autors sondern widerfahren auch ihm selbst, wenn auch der Fall des vermeintlich feministischen "Fahrzeuginnenausbaus" von einer Leserin (sic!) kam. Über penetrante Redewendungen wie "Kein Problem" kann er ebenso zweifelnd-fragend den Kopf schütteln wie über seine eigene Anwandlung, der Bäckersfrau beweisen zu wollen, dass es "zwei Panini" und "ein Panino" heißen muss (originalantwort: "Noah, des san bei uns Panini!"). Wer über das Gespür für eine in sich konsistente und aussagekräftigen (deutsche) Sprache verfügt, wird dieses Buch mit Vergnügen lesen und des Öfteren zustimmend mit dem Kopf nicken und auch einmal wegen der unfreiwilligen Komik vieler Passagen schmunzeln oder sogar auflachen. Im Gegensatz zu Sebastian Sicks "Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod" fehlt diesem kleinen Band der missionarische und besserwisserische Ton, den sein Kollege doch oft pflegt (auch wenn er Recht hat). Hacke amüsiert sich über den Wildwuchs der Sprache in vielen Bereichen und über die seltsamen Blüten, die sie im täglichen Gebrauch durch Landsleute und Fremde treibt. Das Buch ist im Verlag Antje Kunstmann unter der ISBN 978-3-88897-508-0 erschienen und kostet 16,90 €. Frank Raudszus |
|