| Kristian Ditlev Jensen:"Leibspeise" |
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Eine kulinarische Trauerreise durch die Metropolen der Welt |
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Der Leser erfährt nie, weshalb seine Frau sich umgebracht hat, genauso wenig, wie er eine chronologische Geschichte von McCoys Leben und Ehe zu lesen bekommt. Stattdessen reist McCoy von Perugia nach Paris, Lissabon, New York, Kopenhagen, Rom, Neapel und Tokio, besucht dort einschlägige Restaurants, beschreibt die jeweiligen Speisen und verfällt immer wieder in aufwühlende Erinnerungen an seine Ehe mit Midori und ihren schockierenden Tod. Dabei beschreibt er seine Frau in Gestalt vieler kleiner Alltagsszenen als äußerst sensiblen Menschen, den er nie richtig verstanden hat. Ob und wie weit das Leben fern der japanischen Heimat in Kopenhagen zu ihrer Schwermut beitrug, bleibt für den Protagonisten und damit auch für den Leser offen. Die eingehende Erörterung von Geschmacksnuancen der Speisen in den Nobelrestaurants der einzelnen Weltstädte beschreibt Jensen mit einem geradezu überbordenden Vokabular an Assoziationen und Metaphern. Bei ihm gewinnt das Essen nahezu liturgische Züge, und sowohl Gerüche wie auch einzelne Geschmackserlebnisse wecken in ihm Erinnerungen und Empfindungen ganz anderer Art. Denn immer wieder ruft ihm das Essen seine Ehe und deren abruptes Ende ins Gedächtnis. Momentane kulinarische Feinheiten, Assoziationen und Erinnerungen bilden ein dichtes Gewebe von Befindlichkeiten, die für den Leser streckenweise kaum deutbar sind. So kann ihn - und mit ihm den Leser - eine bestimmte Speise unmittelbar in eine vergangene Episode versetzen, oder Albträume von Tod, Blut und Leiden verbinden sich unlösbar mit einer bestimmten Speisefolge. Neben den Speisen der verschiedenen Großstädte schildert Jensen auch Umfeld und Ambiente der jeweiligen Stadt und ihrer Bewohner. Doch bilden sie gegenüber der Geschichte seiner Ehe nur den Hintergrund, eine Schablone. Ihm geht es weniger um eine Reisebeschreibung über die Metropolen der Welt als vielmehr darum, sich die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen von der Seele zu schreiben. Die Kurzbiographie über den Autor sagt nichts über eine eventuelle Ehe oder gar vergleichbare Katastrophen aus, so dass ein autobiographischer Bezug außerhalb der kulinarischen Kritiken nicht auf der Hand liegt. Doch die Betroffenheit des früh verwitweten Protagonisten ist derart glaubwürdig geschildert, dass man eigene Erfahrungen dahinter vermuten muss. Bei aller Eindringlichkeit der Erzählweise und geradezu expressionistischen Dichte des Stils dreht sich der Roman jedoch im Kreise oder - besser gesagt - steht auf der Stelle. Eine Entwicklung der Trauerarbeit seines Protagonisten zeichnet sicht ebenso wenig ab wie eine Bedeutung der kulinarischen Rezensionen über die reine Schilderung des Geschmackserlebnisses hinaus. Fast könnte man das Schwelgen in Gaumensensationen im engen Zusammenhang mit der Verarbeitung eines Selbstmordes für makaber oder gar morbid halten. Hobbyköchen möchte man dieses Buch weniger empfehlen, da es womöglich völlig falsche Assoziationen bei ihnen freisetzt. Das Buch ist im Deutschen Taschenbuchverlag(dtv) unter der ISBN 978-3-423-13657-o erschienen und kostet 9,90 Euro. Frank Raudszus |
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