Hans Jansen: "Mohammed"

                                                                    
Eine kritische Biographie des Propheten, gespiegelt am Koran
 

Weitere Bücher dieses Autors:

 






















Ihre Meinung über E-Mail hier

 

BuchumschlagSpätestens seit dem 11. September 2001 ist der Islam in den Mittelpunkt der politischen, religiösen und historischen Betrachtungen westlicher Medien und Intellektueller gerückt. Eine wahre Flut von Büchern über die unterschiedlichsten Aspekte dieser neuen "Bedrohung" ist über den Markt hereingebrochen, wozu auch neue Biographien des Propheten Mohammed zu zählen sind. Nun sind solche Lebensgeschichten historischer Personen längst vergangener Zeiten nicht einfach zu verfassen, haben doch die Zeit und die mündliche Überlieferung viele Tatsachen verfälscht bzw. erst fälschlich in die Welt gesetzt. Das ist besonders der Fall bei religiösen Führern, deren Biographien oftmals mehr der Verbreitung der Lehre als einer historisch authentischen Wiedergabe des jeweiligen Lebenslaufs dienen sollen.

Im Falle Mohammeds stellt sich die Situation derart dar, dass man von der Historie des heutigen Saudi-Arabiens mangels ausreichender schriftlicher Dokumente nur über wenige gesicherte Kenntnisse verfügt. So dient eben der Koran, der doch als Leitfaden durch ein gottesfürchtiges und -gerechtes Leben gedacht war, als einer der wesentlichen Quellen für die heutige Geschichtsschreibung. Da liegt dann die Gefahr des historischen Zirkelschlusses sozusagen sichtbar auf dem Weg der Wahrheitsfindung.

Nun haben die muslimischen Leser des Korans einen anderen denn historischen Bezug zu diesem Buch. Ihnen dient es in erster Linie zur religiösen Unterweisung und Erbauung. Die dort erzählten Geschichten "beweisen" die Richtigkeit von Mohammeds Lehren aus sich heraus, ein Hinterfragen dieser Anekdoten gilt nicht nur als blasphemisch sondern vor allem als gegenstandslos. Die Frage einer lückenlosen, in sich geschlossenen Beschreibung von Mohammeds Leben und Lehren stellt sich der großen Mehrheit der Koranleser nicht. Wie es darum bei kritischen Geistern des islamischen Raums bestellt ist, ist eine andere Frage.

Hans Jansen, ausgewiesener Islam-Experte, versucht in seinem umfangreichen Buch, der historischen Person Mohammed aus dem Kontext und außerhalb des Korans nahe zu kommen. Wie alle westlichen Wissenschaftler geht er die Arbeit aus einer Position der Aufklärung auf, hinterfragt jedes Dokument und jede Behauptung nach ihrem realen, faktischen Gehalt. Hinsichtlich der allgemeinen geschichtlichen Situation im sechsten und siebenten Jahrhundert unserer Zeitrechnung zieht er alle seriösen schriftlichen Dokumente heran, derer er habhaft werden kann, und konstruiert daraus das allgemeine "Ambiente" der Zeit. An diesem - teilweise rudimentären - Wissen und den allgemeinen Gesetzen der Logik spiegelt er den Inhalt des Korans Sure für Sure. Die allgemeinen Daten sind schnell geklärt, da unstrittig: Geburt und Jugend Mohammeds, Auszug nach Medina (622) und Tod (632). Doch schon die Gründe für den Auszug nach Medina und der Empfang dort werfen für Jansen viele Fragen auf. Und wie in vielen anderen Fällen führt der Koran hier immer wieder zu Widersprüchen. Da Mohammed laut Überlieferung den Inhalt des Korans - wie Moses - von Allah persönlich erhalten hat, müssten ja sämtliche Suren die Zeit Anfang des siebenten Jahrhunderts widerspiegeln. Doch sowohl sprachlich wie auch inhaltlich tun sie das nicht, sondern enthalten oftmals Hinweise und Tatsachen, die erst ein- bis zweihundert Jahre später bekannt waren. Es schält sich also der - unter westlichen Wissenschaftlern längst unbestrittene - Verdacht auf, dass große Teile des Korans erst in diesem zeitlichen Abstand geschrieben worden sind und dabei aus verschiedenen Quellen stammen. Die anekdotische und - zwangsläufig - heterogene Zusammenstellung der Suren lässt sich demnach als allgemeine Unterweisung in die religiöse und alltägliche Lebensführung verstehen. Dass man diese Anweisungen nachträglich dem Propheten in den Mund legte, bot sich aus didaktischen Gründen geradezu an. Die Einkleidung in lehrreiche Anekdoten förderte außerdem das Verständnis bei breiten Volksschichten.

Daraus entwickelt sich ein Zirkelschluss, in dem Mohammeds Lebenslauf durch Erzählungen angereichert und schließlich beliebig fiktionalisiert wird, die eigentlich nur seine Lehre stützen sollen. Tatsächlich erhielten diese Lehren durch Mohammeds Autorität erhöhtes Gewicht und drehten seine Biographie schließlich über weite Strecken ins Fiktive. Jansen geht diesen inneren Widersprüchen und Ungereimtheiten Sure für Sure nach, verglicht sie mit gesicherten Erkenntnisse über die religiösen wie politischen Verhältnisse der Zeit und der Region und versucht, daraus Erkenntnisse über die tatsächlichen Ansichten und Handlungen des Propheten abzuleiten. Dabei muss er oftmals feststellen, dass für Mohammed ungünstige Tatsachen im Koran soweit geändert bzw. ausgelassen werden, wie es ein ungetrübtes Bild des Propheten verlangt. Doch Jansen geht es nicht um eine "Entlarvung" oder gar um eine fundamentale Kritik am Koran oder gar am Islam. Er respektiert diese Religion - und auch zum großen Teil ihre Vertreter - uneingeschränkt. Er ist sich sogar der Tatsache bewusst, dass der Islam mit guten Gründen seinen rationalen Ansatz der Koran-Analyse verurteilt, sieht sich jedoch der Tradition der okzidentalen Aufklärung verpflichtet, dem faktischen, rationalen Kern der Dinge auf den Grund gehen zu wollen.

Dieses Buch ist nicht für Leser gedacht, die einen breiten historischen Bogen über Mohammed und seine Zeit nachvollziehen möchten oder gar einen spannenden Bericht über eine längst vergangene Zeit im Sinne von Unterhaltungsliteratur erwarten. Jansen geizt zwar nicht mit Anekdoten und Erzählungen, aber behält stets den wissenschaftlichen Ansatz mit der unverzichtbaren Liebe zum Detail im Auge. Jede Hypothese wird anhand verschiedener Suren und anderer Kenntnisse gewissenhaft geprüft und mehrfach gewendet. Schnelle Schlüsse und reißerische Behauptungen à la Dan Brown sind nicht Jansens Sache. Wer tiefere Erkenntnisse über Mohammed und seine Zeit gewinnen möchte und auch das Eingeständnis mangelnden Wissens und den Mut zur Lücke nicht scheut, der ist mit diesem detailfreudigen Buch gut bedient.

Das Buch ist im Verlag C.H. Beck erschienen und kostet 24,90 Euro.

Frank Raudszus

Hier bestellen bei AMAZON