Carolin Emcke:"Stumme Gewalt - Nachdenken über die RAF"

                                                                    
Eine ganz persönliche Auseinandersetzung mit einem politischen Mord
 

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BuchumschlagAm 30. November 1989, nur wenige Wochen nach dem weithin bejubelten Fall der Berliner Mauer, fiel Alfred Herrhausen, der Sprecher des Vorstandes der Deutschen Bank, an seinem Wohnort Bad Homburg einem Sprengstoffattentat zum Opfer. Am Ort der Tat fand man das in Folie eingeschweißte Symbol der RAF - der "Rote Armee Fraktion". Der Höhepunkt dieser Terrorgruppe war eigentlich bereits 1977 mit dem Selbstmord von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe in Stammheim überschritten, doch die zweite Generation der RAF - darunter Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt - setzte den Kampf trotz der dramatisch veränderten Situation und fehlender konkreter Ziele verbissen fort. Nach offizieller Sicht gehen auch die bis heute unaufgeklärten Morde an Bundesanwalt Buback, dem Siemens-Chef Kurt Beckurts, besagtem Alfred Herrhausen, MTU-Vorstand Zimmermann und Treuhand-Vertreter Rohwedder auf das Konto der RAF. 

Carolin Emcke, Jahrgang 1967, war Patentochter von Alfred Herrhausen und an dessen Todestag gerade einmal Anfang zwanzig. Der Mord an ihrem persönlich verehrten Patenonkel riss sie nicht nur aus ihrem geregelten Studentenleben in London sondern änderte ihr Leben von diesem Zeitpunkt an grundlegend. Der verständliche Schock über den gewaltsamen Tod eines ihr nahe stehenden Menschen war für die junge Frau schon schlimm genug, doch die nie geklärten Umstände seines Todes und vor allem die bleibende Anonymität der Täter belasten sie bis heute. Nun ist Carolin Emcke nicht irgendeine junge Frau, die mit tragischen Ereignissen in ihrem Leben nicht fertig wird, sondern eine hoch gebildete, die ständige Reflektion über ihre eigenen und fremde Lebensbedingungen gewohnte Geisteswissenschaftlerin. Ihre Studienfächer waren u. a. Politik und Philosophie, und als selbsterklärte Linksintellektuelle waren und sind ihr zumindest die Denkmuster linker Extremisten nicht fremd, was nicht bedeuten muss, dass sie mit ihnen sympathisiert.

In dem vorliegenden Buch geht es der Autorin jedoch nicht um die theoretische Aufarbeitung potentieller Mordmotive, die sie als Wissenschaftlerin bis zu einem gewissen Grad rational diskutieren könnte. Ihr geht es vielmehr um die subjektiv empfundene Leere der fehlenden Aufklärung. Als mittelbares Opfer der Tat benötigt sie zur Verarbeitung des seelischen Schocks die Identitäten und öffentlich geäußerten Motive der Täter. Die gestanzten Bekennerschreiben, nach denen Herrhausen als "Vertreter des Systems" habe sterben müssen, reichen ihr nicht, da sie nicht von menschlichen Tätern mit Visionen, Ängsten oder gar Zweifeln sondern von ideologischen Maschinen stammen. Emcke verlangt kategorisch ein Ende des Schweigens, um endlich innerlich zur Ruhe zu kommen. Dabei sind in erster Linie die inhaftierten RAF-Mitglieder und in zweiter eventuelle andere, bis heute unentdeckte und von den schweigenden Gefängnisinsassen geschützte Täter die Adressaten. Eben aufgrund des Schweigens der einzig identifizierten RAF-Mitglieder bleiben die potentiellen Täter reine Schimären und Kopfgeburten. Und gerade das Schweigen der Gefangenen nährt die Annahme, dass diese die wahren Täter kennen. Die Vorstellung jedoch, dass bestimmte Menschen den genauen Tathergang und seine Hintergründe kennen, ist für die Autorin unerträglich. Sie sieht sich - und andere mittelbare Opfer - als einzige im Ungewissen verharren. Dass auch der Rest der Republik nicht mehr weiß, spielt keine Rolle, da er nicht persönlich involviert ist. Der nicht betroffene Bürger kann sich mit einer gewissen Berechtigung sagen, dass spätestens mit dem biologischen Ende der letzten RAF-Generation, was in spätestens dreißig Jahren der Fall sein dürfte, der Spuk endgültig beendet ist. Auf junge Menschen übt diese Sicht sogar eine gewisse Attraktivität aus. Wer jedoch persönlich betroffen ist, muss unter dieser Ungewissheit bis an sein Lebensende leiden.

Da die Positionen zwischen RAF-Gefangenen und Justizbehörden durch die Schweigetaktik der ersteren weitgehend verhärtet sind, plädiert Emcke für die Schaffung einer Ausnahme-Regelung, unter der alle Beteiligten frei sprechen können, ohne strafrechtliche Sanktionen befürchten zu müssen. Nicht nur den Schuldigen sondern auch der Gesellschaft brächte dieses Verfahren ihrer Meinung nach Frieden und die Möglichkeit eines Neubeginns. Weit davon entfernt, der RAF vorab irgendwelchen Vertrauensvorschuss oder gar inhaltliches Verständnis zu gewähren, fordert Emcke den Staat auf, den ersten Schritt zu tun, um die offenen Fragen zu den ungeklärten Morden endgültig zu beantworten. Dabei unterstellt sie natürlich, dass die RAF an diesen Fällen maßgeblich beteiligt war und dass die Inhaftierten auch davon wissen. Die Möglichkeit, dass ganz andere Organisationen für diese Taten verantwortlich sind und die Gefängnisinsassen aus ganz anderen Gründen dazu schweigen, schließt sie zwar nicht ausdrücklich aus, aber die fehlende Erwähnung dieser Variante spricht für sich.

Carolin Emckes Stil verzichtet bewusst auf literarische Elemente und beschränkt sich auf kurze, knappe Sätze, die oftmals noch wie Feststellungen zeilenweise aneinandergereiht sind. Sie psychologisiert und philosophiert nicht, sie fixiert, fragt und fordert.

Man könnte diesen engagierten Aufruf für sich stehen lassen und sich auf persönliche Standpunkte zurückziehen. Doch die Herausgeber haben noch zwei Kommentatoren um ihre Meinung gebeten und diese hinzugefügt. Der Bundesrichter Winfried Hassemer unterzieht Carolin Emckes Ausführungen einer juristischen Würdigung, die weit über die lobhudelnden Klappentexte anderer Nachwortschreiber hinausgeht, unterscheidet er doch genau zwischen menschlich verständlichen und juristisch fragwürdigen Aspekten ihrer Forderungen. Dabei ist die Frage nach der Gerechtigkeit einer massiv ungleichen Sanktionierung vergleichbarer Strafe nur ein Aspekt. Er bestreitet auch die bei Emcke implizit vorhandene Sicht einer archaischen, auf Rache und Sühne angelegten Rechtsprechung und verweist auf den Grundsatz der Resozialisierung und weitgehenden Wiederherstellung einer ausgewogenen Rechtsgemeinschaft in der deutschen Rechtsprechung. Obwohl er in vielen Punkten mit den Forderungen der Autorin sympathisiert - nicht nur als Mensch sondern auch als Jurist -, wirft er ihr doch eine gewisse Einseitigkeit in der Bewertung der Situation vor.

Ähnlich argumentiert Wolfgang Kraushaar, der die RAF vornehmlich aus der psychologischen Sicht analysiert. Für ihn haben sich in der RAF bereits frühzeitig gewisse Identitätsstrukturen gebildet, bei denen die Mitglieder ihren persönlichen Lebensentwurf untrennbar mit Sinn und Ziel der RAF verbunden haben. Jede spätere Gesprächsbereitschaft gegenüber dem politischen Gegner - sprich: dem System - oder gar Aufdeckung der inneren Strukturen und Aktivitäten der RAF käme nicht nur einem Verrat sondern sogar der Selbstaufgabe gleich. Für Kraushaar ist die Angst vor dem Verlust der eigenen (Widerstands-)Identität sogar höher zu bewerten als die vorauseilende Scham über einen Verrat. Letztere würde mit dem Tod oder Ausstieg der anderen Genossen gegenstandslos, erstere nie. Daher glaubt Kraushaar von einem rationalen Standpunkt nicht an den Erfolg eines ergebnisoffenen Gesprächskreises zum Thema "offene Fälle der RAF".

Das Buch ist im S. Fischer-Verlag unter der ISBN 978-3-10-017017-0 erschienen und kostet 16,90 Euro.

Frank Raudszus



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