| Jeremy Scahill: "Blackwater" |
| Eine
Dokumentation über die Söldner in den Diensten der
US-Regierung |
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Weitere Bücher dieses Autors:
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Jeremy
Scahill geht in seiner hervorragend recherchierten und nur selten ein
wenig übers Ziel hinausschießenden
Enthüllungsgeschichte auf die Aktivitäten privater Firmen in
den derzeitigen Kriegen der USA ein. Wenn man aus dem Fernsehen oder
der Zeitung erfährt, dass im Irak wieder einmal einige
Hilfskräfte bei einem - natürlich feigen - Attentat von
Terroristen umgekommen sind, denkt man spontan an Mitglieder des Roten
Kreuzes oder andere mit karitativen Missionen betraute Menschen. Doch
dieser Eindruck täuscht nicht nur, er wird auch bewusst von den
interessierten Stellen erzeugt, um die wahren Sachverhalte zu
verschleiern. Schon
vor "09/11" gab es - wie überall in der Welt - private
Sicherheitsdienste, die Leibwächter stellten oder teure Anwesen
bewachten. Diese Tätigkeiten bewegten sich jedoch meist im
außerstaatlichen Bereich und kollidierten daher selten mit den
offiziellen Funktionen von Polizei und Militär. Mit den Kriegen in
Afghanistan und vor allem im Irak änderte sich die Situation
schlagartig. Die unter starkem Erfolgsdruck und Personalknappheit
leidende Armee konnte all die vielfältigen Überwachungs- und
Schutzaufgaben nicht erfüllen, die infolge der instabilen Lage in
den Ländern erforderlich waren. Es entstand daher ein akuter
Bedarf an zusätzlichen Sicherheitskräften. Dazu kam noch,
dass jeder im Dienst gefallene Soldat ein negatives Licht auf die
Regierung warf, die ihn dort - zum Sterben - hingeschickt hatte. In
dieser Situation boten sich private Firmen an, heikle Sicherungs- und
Überwachungsaufgaben zu übernehmen, natürlich zu
kommerziellen Konditionen. Schnell fanden sich ehemalige Soldaten von
Spezialeinheiten - Marines, SEALs -, die für ein stattliches
Gehalt in den Irak gingen, um Politiker wie Paul Bremer vor Attentaten
zu schützen oder Versorgungskonvois zu bewachen. Da diese "freien
Berater" freiwillig dorthin gehen und nicht unmittelbar dem
Militär unterstehen, können sich die offiziellen Stellen der
Verantwortung für deren eventuellen Tod entziehen. Dass
diese Lösung ein Mehrfaches an Kosten vergleichbarer
militärischer Einsätze verursacht, spielt angesichts der
astronomischen Kosten des gesamten Krieges eine nur noch marginale
Rolle, sodass der beträchtliche Profit privater Sicherheitsfirmen
aus den Kriegen zwar zu Lasten des Steuerzahlers geht, aber kaum
wirklich sichtbar wird. Die
Branche erkannte die Chancen sofort und reagierte entsprechend. Allen
voran agiert hier die von Erik Prince, dem "artgerechten" Nachkommen
einer ultrakonservativen Familie, gegründete und geführte
Firma "Blackwater", die sich zum unangefochtenen Marktführer
aufgeschwungen hat. Blackwater bechäftigte in den Jahren 2004 bis
2006 zeitweise tausende von schwer bewaffneten Sicherheitskräften
- man kann sie auch "Söldner" nennen - vor allem im Irak. Die
eigentliche Brisanz dieser fragwürdigen Entwicklung steckt in der
mangelnden rechtlichen Kontrolle. Unter dem Druck der Nachfrage gestand
die US-Regierung Blackwaters Mitarbeitern weitgehende Straffreiheit
für alle dienstlich bedingten Handlungen zu: ein Freifahrtschein
für alle Rambos und Rächer, zumal in den Wirren der
irakischen Nachkriegszeit sowieso nur schwer private von dienstlichen
Aktivitäten zu unterscheiden waren. Erst nachdem einige dieser
privaten Kräften bei Hinterhalten ums Leben kamen und ihre Leichen
durch die Straßen geschleppt wurden, rückten Blackwater und
seine Mitarbeiter mehr in den Mittelpunt des Interesses. Jetzt erkannte
man auch öffentlich, dass aktive Soldaten den Dienst quittierten,
um sich denselben Tätigkeiten für wesentlich mehr Geld aber
weniger Kontrolle zu widmen, und wurde sich der Brisanz dieser
Entwicklung bewusst. Die republikanische Regierung unter George W. Bush
jedoch folgte ihrer Philosphie der weitgehenden Privatisierung
staatlicher Aufgaben und steht auch heute noch zu dem Einsatz von
Firmen wie Blackwater. Jeremy
Scahill hat diese Entwicklung und ihre politischen wie
militärischen Hintergründe im Detail recherchiert und breitet
vor dem Leser die erschreckende Bilanz einer unkontrollierten
Soldateska aus, die sich unter Berufung auf die freie Marktwirtschaft -
gemeint ist der unbegrenzte Profit - ein eigenes militärisches
"Credo" für die Erledigung ihrer Aufgaben zurechtgelegt hat, das
nicht an irgendwelche Eide oder Verhaltenscodices gebunden ist. Mehr
noch: nach anfänglicher Konzentration auf ehemalige Mitglieder von
Spezialeinheiten der US-Armee erkannten Firmen wie Blackwater bald,
dass man diese Aufgaben viel kostengünstiger ins Ausland verlagern
konnte, und rekrutieren seitdem ihre Mitarbeiter aus den Armeen von
Chile, Kolumbien und anderen Ländern, deren Soldaten wesentlich
geringere finanzielle Ansprüche stellen als ehemalige US-Soldaten.
Obwohl
der skandalöse Zustand mittlerweile in den USA aktenkundig
geworden ist, hat sich die Regierung nur halbherzig zu einigen
Kontrollmaßnahmen durchgerungen. Dass die Überlassung von
hoheitlichen Aufgaben und vor allem des Gewaltmonopols an private
Firmen in keiner Weise mit der US-Verfassung übereinstimmt,
unterschlägt die Regierung im Wissen um eine breite Basis beim
Wahlvolk, das sich der rechtllichen und ethischen Problematik nicht
bewusst ist und in den Rambos mit Sonnenbrillen und
Schnellfeuergewehren Verteidiger des "american way of life" sieht. So
ist derzeit nicht abzusehen, dass sich die Blackwater-Privatarmee kurz-
oder mittelfristig in Luft auflösen und die Firma sich auf
seriösere Aktivitäten beschränken wird. Mittlerweile hat
die "Blackwater-Industrie" bereits derart viele faktische
Abhängigkeiten
geschaffen, ganz abgesehen von den persönlichen und
geschäftlichen Beziehungen in höchste Regierungskreise, dass
aus rein pragmatischer Sicht eine schnelle Beendigung der
Söldner-EInsätze gar nicht denkbar ist. Jeremy
Scahill lässt am Ende des Buches sich und den Leser ob einer
verfahrenen und eines demokratischen Rechtsstaats unwürdigen
Situation ratlos zurück und kann nicht einmal die Aussicht
vermitteln, dass sich die Situation kurzfristig einschneidend
ändert. Vielleicht hilft die Präsidentenwahl im November den
USA, sich aus dieser selbstgeschaffenen Unrechtslage zu befreien. Wer
weiß! Das Buch ist im Verlag Antje Kunstmann erschienen und kostet 22 Euro. Frank Raudszus |
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