Nelson de Mille: "Wildfire"

                                                                    
  Thriller über die nuklearen Ängste nach 09/11
 

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Buchumschlag Beim üblichen Kriminalroman löst der Leser den Fall zusammen mit dem Detektiv; beide verfügen mehr oder minder über den gleichen Kenntnisstand, und die reizvolle Aufgabe für den Leser besteht darin, dem Kommissar bei der Auswertung der vorliegenden Indizien zuvorzukommen. Dabei gibt ihm oft der - allwissende - Autor ein paar Hinweise, über die der Kommissar nicht verfügt. Der Thriller jedoch ist anders aufgebaut: hier geht es ausschließlich um die Spannung, die "Suspense". Meist lernt der Leser den Übeltäter und seine bösen Absichten bereits auf den ersten Seiten kennen, und die Frage beschränkt sich darauf, ob und wie der gute Held die Untat - meist im letzten Moment - verhindern kann. Wenn man dann das jeweilige Verbrechen noch in einen aktuellen welt- oder gesellschaftspolitischen Kontext verpackt, ist der engagierte und politisch relevante Thriller perfekt.

Genau nach diesem Muster verfährt Nelson de Mille in "Operation Wildfire". In einem Vorwort stimmt er den Leser die Leser mit einigen Anmerkungen über die Annahmen seines Romans entsprechend ein, indem er sie auf weit gehend authentische Sachverhalte oder auf wahrscheinliche Konstellationen zurückführt. Damit beschwört er sozusagen den Realitätsgehalt seines Buches. Eine dieser - im Internet gehandelten - Annahmen besagt, dass die US-Regierung beschlossen hat, im Falle eines nuklearen Terroranschlags auf eine amerikanische Großstadt automatisch einen vernichtenden Atomschlag gegen die gesamte islamische Welt auszulösen. Die diskrete Verbreitung dieses "Wildfire" genannten Plans bei den Regierungen einschlägiger islamischer Länder soll auch die fanatischsten Terroristen von einem Anschlag abhalten. Die Fortsetzung der Abschreckungspolitik des Kalten Krieges also.

Diese Tatsache benutzt bei de Mille der machtbesessene und paranoide Ölmilliardär Madox - man beachte die Symbolik des Namens - , indem er sich über dunkle Kanäle - Russland - vier nukleare Kofferbomben beschafft, um sie in zwei Großstädten der USA zu zünden. Der vermeintliche terroristische Anschlag soll automatisch Wildfire auslösen und den Islam weltweit vernichten. Nebenbei erhält Madox den Zugriff auf die nahöstlichen Ölgebiete. Schon früh erfährt der Leser nicht nur von diesem Plan, sondern auch, dass Madox hohe Vertreter von Regierung, CIA und Militär als Komplizen für seinen Plan gewonnen hat.

Als ein Agent der Bundespolizei von einer Beobachtung des Madoxschen Anwesens nicht zurückkehrt, erteilt dessen Vorgesetzten dem NYPD-Experten Corey und seiner Frau - einer FBI-Beamtin - den Auftrag, nach dem verschwundenen Kollegen zu fahnden. Schon nach dem ersten Besuch bei Madox - er war schließlich der Gegenstand des Auftrags -  ahnt Corey, dass dieser für das Verschwinden verantwortlich ist; und als der Gesuchte einen Tag später als vermeintliches Opfer eines Jagdunfalls tot im Wald aufgefunden wird, erhärtet sich der Verdacht zur Überzeugung, da die Umstände des Leichenfundes weder zur Arbeitsweise des Erschossenen noch zu einem typischen Jagdunfall passen. Von diesem Moment an geht es Corey nur noch darum, Madox wegen des Mordes dingfest zu machen. Instinktiv vermutet er ein Verbrechen ganz anderen Kalibers hinter diesem Mord, denn weshalb würde ein steinreicher Mann wie Madox sonst einen einfachen Fahnder umbringen? Unter Umgehung sämtlicher Polizeiregeln und Anweisungen verschafft Corey sich Zugang zur Leiche, entwendet Beweisstücke und nutzt sie für seine persönliche Recherche, denn mittlerweile ahnt er wegen des seltsamen und unsinnigen Beobachtungsauftrags, dass sein Kollege ein Bauernopfer höchster Regierungsstellen war, die alles andere als an einer schnellen Aufklärung interessiert sind. Als er und seine Frau von dem Fall abberufen werden, ahnt er sofort den Hintergrund und handelt eigenmächtig. Von diesem Augenblick mutiert das Geschehen von einer Routinefahndung zu einem Wettlauf gegen die Zeit an zwei Fronten: die gewaltsame Entfernung vom Fall - und Entlassung - durch seine Behörde und das Damoklesschwert der vermuteten, bisher noch unbekannten Aktion von Madox, die Corey bereits aufgrund einiger heimlicher Hinweise des ermordeten Agenten mit den Worten "ATOM" und "ELF" verbinden kann. Als er feststellt, dass ELF ein Niederfrequenzverfahren ist, mit dem man an beliebigen Orten der Erde elektronische Vorgänge auslösen kann, klingeln bei ihm alle Alarmglocken, aber der Verdacht gegenüber eingeweihten Regierungsstellen verbietet ihm die Weitergabe seiner Informationen an seine Dienststelle und zwingt ihn zum einsamen Handeln, bei dem ihn nur seine Frau unterstützt.

Wie dieses Wettrennen schließlich in einem dramatischen "Showdown" ausgeht, sollte jeder Thrillerfreund selbst nachlesen. Wir wollen hier niemandem die Spannung rauben. Neben der reinen Action bekommt er auch noch eine kräftige Portion typisch amerikanischen Macho-Humors mit einer nicht zu feinen Prise Ironie, Sarkasmus und sogar Zynismus geliefert. Die weit verbreitete Masche amerikanischer Autoren, ihre Helden auch in den kritischsten Situationen noch kalauern, eine Frau anmachen oder ein anderes "Alphatier" beschimpfen zu lassen, feiert auch in diesem Buch fröhliche Urständ. Corey ist immer "Pseudo"-witzig, hat stets einen (un)passenden Spruch auf Lager und ist letztlich natürlich der denkbar intelligenteste und erfahrenste Polizist. Obwohl ihn seine Frau - sie hat die pragmatische Rolle - laufend wegen seiner losen Redensarten und Regelverletzungen beschimpft, verzeiht sie ihrem Macho aus Liebe alles und geht alle Wege mit ihm zusammen. Schwerer wiegt jedoch eine andere, ebenfalls typische Eigenschaft amerikanischer Thriller-Literatur: beim Showdown schiebt Corey bewusst und gezielt rechtsstaatliche Bedenken beiseite und übt - in der Ahnung späterer juristischer und politischer Winkelzüge - kaum noch als Notwehr zu kaschierende Selbstjustiz. Charles Bronson und "Ein Mann sieht rot" lassen grüßen und John Waynes Cowboy-mentalität feiert fröhliche Urständ.

Wenn man von diesen etwas fragwürdigen Aspekten absieht, ist das Buch wegen seiner politisch-militärischen Brisanz und Realitätsnähe durchaus lesenswert. Wahrscheinlich glaubt der Autor oder der Verlag, Macho-Kalauer und Selbstjustiz zur Erreichung eines möglichst großen Leserkreises verwenden zu müssen.

Das Buch ist im Ullstein-Verlag unter der ISBN 978-3-550-08662-5 erschienen und kostet 22,90 Euro.

Frank Raudszus



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