Barry McCrea: "Poeten der Nacht"

                                                                    
Roman über eine absonderliche literarische Suchtkrankheit
 

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BuchumschlagViele Romane gerade jüngerer Schriftsteller - vorzugsweise Erstlingswerke - verarbeiten einschneidende oder gar traumatische Erfahrungen des jeweiligen Autors, wobei das Risiko mitschwingt, dass nach diesem "Befreiungsschlag" kein vergleichbares Buch mehr folgt. Im Falle des vorliegenden Romans ist zumindest die Vermutung eines solchen Hintergrunds berechtigt, dreht sich doch die Handlung in geradezu obsessiver Weise um typische Probleme junger Menschen an der Schwelle zum Erwachsensein. Barry McCreas Alter (34) und seine universitäre Laufbahn als Literaturprofessor weisen zumindest in diese Richtung, und auch die typischen strukturellen Schwächen lassen auf einen stark autobiographisch gefärbten Roman schließen.

Niall, Anfang zwanzig, hat gerade sein behütetes Elternhaus verlassen und in Dublin mit dem Studium der Literaturwissenschaften begonnen. Sein größtes Geheimnis liegt in seiner Homosexualität, die er noch nicht einmal seinen Eltern oder seiner Schwester offenbart hat. Höchstens sein bester Freund könnte etwas ahnen. Im College macht er die Bekanntschaft einer jungen Studentin, die sich etwas seiner annimmt. Ihre eventuell weitergehendes Interesse stößt natürlich auf wenig Resonanz und so bleibt es bei einer reinen Freundschaft. Derweil trauert Niall seiner Liebe Ian nach, einem gut aussehenden Rugby-Spieler, der ihn jedoch immer nur als netten Kumpel betrachtet hat. Während Niall seine Freiheit und Anonymität in Dublin zu ersten zögerlichen Kontakten im homosexuellen Milieu nutzt, lernt er anlässlich einer Tätlichkeit, deren Opfer er wird, einen jungen Mann kennen, der den angeschlagenen Niall vor seinen Angreifern rettet und nach Hause bringt. Bei dem nächsten Treffen stellt John, so heißt der Wohltäter, ihn seiner Bekannten Sarah vor, die auf Niall einen seltsam zerfahrenen und gleichzeitig hochkonzentrierten Eindruck macht. Ihn behandelt sie eher wie ein lästiges Kind, zu John scheint sie ein besonderes Verhältnis zu pflegen, das die beiden jedoch geheim halten. In einer schwachen Stunde enthüllt John das Geheimnis und weiht Niall gleichzeitig in einen okkulten Ritus ein: dabei stellen die Teilnehmer eine Frage, die sie gerade bewegt, und suchen in einem beliebigen Buch aus dem vorhandenen Vorrat nach einer Antwort. Das innere Gefühl sagt dem Suchenden dabei, welches Buch, welche Seite und welchen Absatz er auswählen muss. Dessen Aussage muss er dann für die Beantwortung seiner Frage interpretieren. Wichtig dabei ist, dass die Bücher vorab nicht festgelegt sind, weder nach Gattung - es können Romane, Gedichtbänder oder Lexika sein - noch nach Autor oder Zeit. Der Zufall oder ein lenkender Geist lenkt den Suchenden auf die richtige Stelle. Niall betrachtet dieses Spiel anfangs als unterhaltsamen Zeitvertreib und amüsiert sich über den tödlichen Ernst, den John und Sarah in diese Tätigkeit legen. Doch je länger und intensiver er an diesem "Spiel" teilnimmt, in das ihn John und Sarah nur widerwillig aufnehmen, desto mehr gerät er in einen Sog, der scheinbar von den Büchern ausgeht. Denn die wahllos ausgesuchten Bücher scheinen die Fragen fast jedesmal stimmig zu beantworten, und die Antworten führen zu weiteren Fragen, die sich wieder aus Büchern beantworten lassen. Wie eine Droge wirkt das Ritual bald auch auf Niall, und er beginnt, Studium, Freunde und Elternhaus zu vernachlässigen. Die nächtelange Beschäftigung der drei mit dem literarischen Ritual wirkt sich nicht nur auf ihre Gesundheit aus - Schlafentzug, unregelmäßiges Essen, mangelhafte Hygiene - sondern auch auf ihren Geisteszustand. Niall folgt John und Sarah in einen Zustand, der einer schweren Suchtkrankheit wie Alkoholismus oder Drogenkonsum in nichts nachsteht. Parallel dazu unterhält Niall verschiedene kurze aber intensive homosexuelle Beziehungen, die ihm zusätzlich den Blick für die Realitäten verstellen.

Als die Dinge sich bis zu schweren Halluzinationen steigern, gelingt es Niall, sich im letzten Augenblick am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen und den Kontakt zu den beiden abzubrechen. Im Kreise seiner Familie und alten Freund erholt er sich wie von einer schweren Krankheit, muss sich aber mit der Tatsache abfinden, ein Jahr des Studiums verloren zu haben und im schlimmsten Fall auch sein Stipendium zu verlieren. Doch mit knapper Not beginnt er im nächsten Semester erneut und mit großer Distanz zu dem Albtraum des vergangenen Jahres, bis er John wiedertrifft, der ihn auf Knien anfleht, mit ihm zusammen die verschwundene Sarah zu suchen. Nialls brüske und scheinbar endgültige Weigerung hält nicht lange vor, die Bücher sind stärker und ziehen ihn wiederum in den Bann der beiden, die schon seit Beginn des Rituals nach den im Hintergrund tätigen Lenkern des Kults gesucht hatten, um den nächsten "Level" zu erreichen. Gleichzeitig folgt er wieder seinen alten homosexuellen Neigungen, trifft mal alte, dann mögliche neue Liebhaber und reist schließlich auf Anraten der Bücher nach Paris, um John und Sarah und weitere Erkenntnisse zu treffen. Dort arbeitet er in einem Café, lernt wiederum merkwürdige Menschen kennen, und schüttet einem Zimmernachbarn gegenüber all seine erotischen und esoterischen Probleme aus, obwohl er diesen kaum kennt. Auch die investigativen Nachfragen des Nachbarn und seine nächtelangen Aufzeichnungen der Gespräche irritieren ihn nicht. Nach dieser Aussprache findet er mysteriöserweise in Paris Sarah und John wieder, befragt mit ihnen zusammen noch einmal die Bücher, muss die Unmöglichkleit erkennen, den Sinn des Kults zu verstehen, und kehrt nach Hause zu Eltern und Studium zurück.

Die Handlung des Buches verweigert jede Art von systematischer Entwicklung oder gar Aufklärung eines Sachverhalts. Die Aufarbeitung eines gesellschaftlichen Konflikts - Suchtkrankheiten, der Verlust der Realität - ist nicht Gegenstand der Handlung. Auch irritiert das offene Ende, das weder den Kult als eine höhere Bewusstseinsebene glorifiziert noch ihn als Scharlatanerie entlarvt. Ob Niall am Ende wirklich geheilt ist, ja, ob er wirklich jeh "krank" war, bleibt ungeklärt. Auch literarische Bezüge spielen keine Rolle in diesem Buch, denn die ausgewählten Textstellen sind völlig zufällig und errichten kein Metasystem an Aussagen über Literatur. Ob ein Absatz aus - rein hypothetisch - "Krieg und Frieden" oder einem homöopathischen Lehrbuch, ob ein Fremdenführer durch Paris oder eine Strophe aus einem Gedicht des Symbolismus: all diese Textstellen scheinen willkürlich gewählt und bilden keinen allgemein erkennbaren Kontext, der etwa eine vom Autor imaginierte innere Struktur der Weltliteratur aufdecken würde. So bleibt am Ende nur die symbolisch überhöhte Geschichte eines jungen Mannes, der sich in der Welt der Bücher verirrt und nur schwer wieder in die Realität zurückfindet. Der Pariser Zimmernachbar ist dann nichts anderes als das "alter ego" des Protagonisten, der diesem durch die literarische Verarbeitung die Last von der Schulter nimmt, und gleichzeitig auch das Spiegelbild des Autors selbst . Das ist wohl letztlich auch die Absicht des Autors: er beschreibt die Außenseiterrolle eines jungen, literarisch interessierten Homosexuellen, der sein erotisches Außenseitertum zu verbergen versucht und sich vor der feindlichen Welt in die Bücher zurückzieht und dort Trost und Antworten sucht. Die "Sortes", wie im Roman die okkulte Befragung der Bücher genannt wird, sind also nichts anderes als die Suche nach Antworten in der Literatur, die diese letztlich nicht geben kann. Und wie heute viele Warner die "Internet-Sucht" beklagen, verweist McCrea auf eine ähnliche Flucht in die Welt der Bücher, die ebenfalls die reale Welt nicht ersetzen kann. Als Literaturprofessor kennt er die Gefahr, das Geschriebene Wort für die reale Welt zu nehmen - "am Abglanz haben wir das farb'ge Leben" - und damit den Kontakt zum eigentlichen Leben zu verlieren. Inwieweit die Homosexualität nur als literarische Verortung des Außenseitertums und als Auslöser für die Flucht in die Bücher oder autobiographisch zu deuten ist, bleibt dahingestellt.

Als psychologische Studie einer Suchtkrankheit im Zusammenhang mit einer pathologischen Stilisierung von Literatur bietet dieser Roman durchaus eindringliche Einsichten und eine intensive Schilderung menschlicher Grenzsituationen. Der eher einem Tagebuch ähnliche Aufbau mit seiner gebrochenen Spannungslinie und einer Reihe von "losen Fäden" lässt am Ende jedoch viele Fragen offen und lädt damit zu einer Rezeption der Beliebigkeit ein.

Das Buch ist im Verlag Aufbau-Verlag unter der ISBN 978-3-351-03222-7 erschienen und kostet 22 Euro.

Frank Raudszus

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