| Barry McCrea: "Poeten der Nacht" |
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Roman über
eine absonderliche literarische Suchtkrankheit |
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Niall,
Anfang zwanzig, hat gerade sein behütetes Elternhaus verlassen und
in Dublin mit dem Studium der Literaturwissenschaften begonnen. Sein
größtes Geheimnis liegt in seiner Homosexualität, die
er noch nicht einmal seinen Eltern oder seiner Schwester offenbart hat.
Höchstens sein bester Freund könnte etwas ahnen. Im College
macht er die Bekanntschaft einer jungen Studentin, die sich etwas
seiner annimmt. Ihre eventuell weitergehendes Interesse
stößt natürlich auf wenig Resonanz und so bleibt es bei
einer reinen Freundschaft. Derweil trauert Niall seiner Liebe Ian nach,
einem gut aussehenden Rugby-Spieler, der ihn jedoch immer nur als
netten Kumpel betrachtet hat. Während Niall seine Freiheit und
Anonymität in Dublin zu ersten zögerlichen Kontakten im
homosexuellen Milieu nutzt, lernt er anlässlich einer
Tätlichkeit, deren Opfer er wird, einen jungen Mann kennen, der
den angeschlagenen Niall vor seinen Angreifern rettet und nach Hause
bringt. Bei dem nächsten Treffen stellt John, so heißt der
Wohltäter, ihn seiner Bekannten Sarah vor, die auf Niall einen
seltsam zerfahrenen und gleichzeitig hochkonzentrierten Eindruck macht.
Ihn behandelt sie eher wie ein lästiges Kind, zu John scheint sie
ein besonderes Verhältnis zu pflegen, das die beiden jedoch geheim
halten. In einer schwachen Stunde enthüllt John das Geheimnis und
weiht Niall gleichzeitig in einen okkulten Ritus ein: dabei stellen die
Teilnehmer eine Frage, die sie gerade bewegt, und suchen in einem
beliebigen Buch aus dem vorhandenen Vorrat nach einer Antwort. Das
innere Gefühl sagt dem Suchenden dabei, welches Buch, welche Seite
und welchen Absatz er auswählen muss. Dessen Aussage muss er dann
für die Beantwortung seiner Frage interpretieren. Wichtig dabei
ist, dass die Bücher vorab nicht festgelegt sind, weder nach
Gattung - es können Romane, Gedichtbänder oder Lexika sein -
noch nach Autor oder Zeit. Der Zufall oder ein lenkender Geist lenkt
den Suchenden auf die richtige Stelle. Niall betrachtet dieses Spiel
anfangs als unterhaltsamen Zeitvertreib und amüsiert sich
über den tödlichen Ernst, den John und Sarah in diese
Tätigkeit legen. Doch je länger und intensiver er an diesem
"Spiel" teilnimmt, in das ihn John und Sarah nur widerwillig aufnehmen,
desto mehr gerät er in einen Sog, der scheinbar von den
Büchern ausgeht. Denn die wahllos ausgesuchten Bücher
scheinen die Fragen fast jedesmal stimmig zu beantworten, und die
Antworten führen zu weiteren Fragen, die sich wieder aus
Büchern beantworten lassen. Wie eine Droge wirkt das Ritual bald
auch auf Niall, und er beginnt, Studium, Freunde und Elternhaus zu
vernachlässigen. Die nächtelange Beschäftigung der drei
mit dem literarischen Ritual wirkt sich nicht nur auf ihre Gesundheit
aus - Schlafentzug, unregelmäßiges Essen, mangelhafte
Hygiene - sondern auch auf ihren Geisteszustand. Niall folgt John und
Sarah in einen Zustand, der einer schweren Suchtkrankheit wie
Alkoholismus oder Drogenkonsum in nichts nachsteht. Parallel dazu
unterhält Niall verschiedene kurze aber intensive homosexuelle
Beziehungen, die ihm zusätzlich den Blick für die
Realitäten verstellen. Als
die Dinge sich bis zu schweren Halluzinationen steigern, gelingt es
Niall, sich im letzten Augenblick am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu
ziehen und den Kontakt zu den beiden abzubrechen. Im Kreise seiner
Familie und alten Freund erholt er sich wie von einer schweren
Krankheit, muss sich aber mit der Tatsache abfinden, ein Jahr des
Studiums verloren zu haben und im schlimmsten Fall auch sein Stipendium
zu verlieren. Doch mit knapper Not beginnt er im nächsten Semester
erneut und mit großer Distanz zu dem Albtraum des vergangenen
Jahres, bis er John wiedertrifft, der ihn auf Knien anfleht, mit ihm
zusammen die verschwundene Sarah zu suchen. Nialls brüske und
scheinbar endgültige Weigerung hält nicht lange vor, die
Bücher sind stärker und ziehen ihn wiederum in den Bann der
beiden, die schon seit Beginn des Rituals nach den im Hintergrund
tätigen Lenkern des Kults gesucht hatten, um den nächsten
"Level" zu erreichen. Gleichzeitig folgt er wieder seinen alten
homosexuellen Neigungen, trifft mal alte, dann mögliche neue
Liebhaber und reist schließlich auf Anraten der Bücher nach
Paris, um John und Sarah und weitere Erkenntnisse zu treffen. Dort
arbeitet er in einem Café, lernt wiederum merkwürdige
Menschen kennen, und schüttet einem Zimmernachbarn gegenüber
all seine erotischen und esoterischen Probleme aus, obwohl er diesen
kaum kennt. Auch die investigativen Nachfragen des Nachbarn und seine
nächtelangen Aufzeichnungen der Gespräche irritieren ihn
nicht. Nach dieser Aussprache findet er mysteriöserweise in Paris
Sarah und John wieder, befragt mit ihnen zusammen noch einmal die
Bücher, muss die Unmöglichkleit erkennen, den Sinn des Kults
zu verstehen, und kehrt nach Hause zu Eltern und Studium zurück. Die
Handlung des Buches verweigert jede Art von systematischer Entwicklung
oder gar Aufklärung eines Sachverhalts. Die Aufarbeitung eines
gesellschaftlichen Konflikts - Suchtkrankheiten, der Verlust der
Realität - ist nicht Gegenstand der Handlung. Auch irritiert das
offene Ende, das weder den Kult als eine höhere Bewusstseinsebene
glorifiziert noch ihn als Scharlatanerie entlarvt. Ob Niall am Ende
wirklich geheilt ist, ja, ob er wirklich jeh "krank" war, bleibt
ungeklärt. Auch literarische Bezüge spielen keine Rolle in
diesem Buch, denn die ausgewählten Textstellen sind völlig
zufällig und errichten kein Metasystem an Aussagen über
Literatur. Ob ein Absatz aus - rein hypothetisch - "Krieg und Frieden"
oder einem homöopathischen Lehrbuch, ob ein Fremdenführer
durch Paris oder eine Strophe aus einem Gedicht des Symbolismus: all
diese Textstellen scheinen willkürlich gewählt und bilden
keinen allgemein erkennbaren Kontext, der etwa eine vom Autor
imaginierte innere Struktur der Weltliteratur aufdecken würde. So
bleibt am Ende nur die symbolisch überhöhte Geschichte eines
jungen Mannes, der sich in der Welt der Bücher verirrt und nur
schwer wieder in die Realität zurückfindet. Der Pariser
Zimmernachbar ist dann nichts anderes als das "alter ego" des
Protagonisten, der diesem durch die literarische Verarbeitung die Last
von der Schulter nimmt, und gleichzeitig auch das Spiegelbild des
Autors selbst . Das ist wohl letztlich auch die Absicht des Autors: er
beschreibt die Außenseiterrolle eines jungen, literarisch
interessierten Homosexuellen, der sein erotisches Außenseitertum
zu verbergen versucht und sich vor der feindlichen Welt in die
Bücher zurückzieht und dort Trost und Antworten sucht. Die "Sortes", wie im Roman die okkulte
Befragung der Bücher genannt wird, sind also nichts anderes als
die Suche nach Antworten in der Literatur, die diese letztlich nicht
geben kann. Und wie heute viele Warner die "Internet-Sucht" beklagen,
verweist McCrea auf eine ähnliche Flucht in die Welt der
Bücher, die ebenfalls die reale Welt nicht ersetzen kann. Als
Literaturprofessor kennt er die Gefahr, das Geschriebene Wort für
die reale Welt zu nehmen - "am Abglanz haben wir das farb'ge Leben" -
und damit den Kontakt zum eigentlichen Leben zu verlieren. Inwieweit
die Homosexualität nur als literarische Verortung des
Außenseitertums und als Auslöser für die Flucht in die
Bücher oder autobiographisch zu deuten ist, bleibt dahingestellt. Als
psychologische Studie einer Suchtkrankheit im Zusammenhang mit einer
pathologischen Stilisierung von Literatur bietet dieser Roman durchaus
eindringliche Einsichten und eine intensive Schilderung menschlicher
Grenzsituationen. Der eher einem Tagebuch ähnliche Aufbau mit
seiner gebrochenen Spannungslinie und einer Reihe von "losen
Fäden" lässt am Ende jedoch viele Fragen offen und lädt
damit zu einer Rezeption der Beliebigkeit ein. Das Buch ist im Verlag Aufbau-Verlag unter der ISBN 978-3-351-03222-7 erschienen und kostet 22 Euro. Frank Raudszus |
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