| Reinhard Wolters: "Die Schlacht im Teutoburger Wald" |
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Arminius, Varus
und das römische Germanien |
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Im
Jahr 2009 jährt sich diese römische Kalamität - die
"clades varusiana" - zum zweitausendsten Male, und da liegt es nahe,
dieses vor allem im 19. Jahrhundert von vielen "Teutschen" als
Geburtsstunde Deutschlands gefeierte Ereignis wissenschaftlich
aufzubereiten und mit der entsprechenden Distanz zu würdigen. Zu
lange hatten Nationalisten und Rassisten den militärischen Erfolg
der Cherusker für ihre
zweifelhaften Zwecke missbrauchen können, als dass man dieses
Jubiläum hätte verstreichen lassen können, ohne das
Ereigniss und vor allem seine historischen Hintergründe
wissenschaftlich aufzuarbeiten. Reinhard
Wolters, Althistoriker und Archäologe an der Universität
Tübingen, hat sich dieser Aufgabe angenommen und unterzieht die
"Schlacht im Teutoburger Wald" einer strengen Analyse, wobei er sowohl
historische Quellen als auch aktuelle Ausgrabungsergebnisse einbezieht.
Indiz für die wissenschaftliche Ernsthaftigkeit, mit der er an das
Thema herangeht, ist die Tatsache, dass er überhaupt erst nach
etwa siebzig Seiten zur eigentlichen Schlacht kommt. Die
Ausführungen davor beziehen sich auf das grundsätzliche
Verhältnis zwischen Römern und Germanen, wobei er aus den
Augenwinkeln sogar den Beutezug der Kimbern und Teutonen hundert Jahre
vor der Varusschlacht berücksichtigt. Caesar, sein gallischer
Krieg ("Gallia est omnis divisa in partes tres...") und seine
germanischen Abenteuer kommen zur Sprache, wobei deutlich wird, dass
bereits Caesar die Germanen dämonisierte, um Gründe für
einen Einmarsch in deren Gebiete zu finden und damit Ruhm und Ehre an
seine persönlichen Fahnen zu heften. Die bis zur Elbe reichenden
Feldzüge des Drusus und das machtpolitische Kalkül dahinter
würdigt der Autor ebenso wie die generelle weltpolitische Linie
Roms unter Augustus und Tiberius. An
schriftlichen Quellen zieht Wolters vor allem Cassius Dio und Velleius
Peterculus heran, die sich ausführlich mit den Germanen und der
Varus-Schlacht beschäftigt haben. Auch Tacitus und seine
"Germania" sowie die "Annalen" zitiert er ausgiebig, wobei er immer
wieder auf die Ungereimtheiten und teilweise vordergründigen
Stereotypen verweist, deren sich gerade Letzterer in seiner "Germania"
bedient. In diesem Zusammenhang passt die neuerlich aufgekommene
Behauptung, die gesamte "Germania" sei eine Fälschung aus dem
fünfzehnten Jahrhundert zwecks Stärkung der deutschen
Identität, sehr gut in das Bild des großen römischen
Historikers. Wie dem auch sei, Wolters skizziert für die Jahre
kurz nach der Zeitenwende ein weitgehend "befriedetes" (das heißt
tributpflichtiges) Germanien, in dem die Stämme sich eher
gegenseitig als gemeinsam die Römer bekämpften. Selbst durch
das engste Familienumfeld des Arminius zog sich ein Riss zwischen
Römerfeinden und -freunden, und letztere dürften ihm dann
Jahre nach seinem großen Sieg im Morast des Teutoburger Walds
auch das tödliche Gift verabreicht haben. Aufschlussreich ist in
diesem Zusammenhang auch, dass angesichts der notorischen germanischen
Uneinigkeit die Römer von außen - sprich von der anderen
Rheinseite - genüsslich den Streitereien der Nordvölker
hätten zusehen können, und Tiberius hat das wohl auch
erkannt. Doch andere benötigten ihre glorreichen
militärischen Erfolge, um sich für die höchsten Posten
in Rom zu qualifizieren, und Varus als Teil einer alten
Patrizierfamilie gehörte zu diesem engen Kreis ausgewählter
Kandidaten für die höchsten Ämter. Nur machte ihm sein
Verbündeter Arminius einen Strich durch die Rechnung.
Seltsamerweise wurde der offensichtliche Verrat des Arminius - und ein
solcher war sein unerwarteter Überfall auf Varus' Truppen
zweifellos - im deutschen Bewusstsein über Jahrhunderte zu einer
genialen List umgedeutet..... Neben
den unterschiedlichen Darstellungen der Schlacht bei den o. a. Autoren
betrachtet Wolters auch die Folgen der Schlacht für die
Weltgeschichte. Dabei kommt er zu der nüchternen Feststellung,
dass die Niederlage für die Römer mittelfristig nur einen
Schönheitsfehler in ihrer Bilanz darstellte. Germanicus setzte -
übrigens gegen den Willen von Tiberius - die Feldzüge nach
dieser Niederlage ungerührt fort und "rächte" seinen
Vorgänger unbarmherzig. Zwar hat eine deutsche nationalistische
Geschichtsschreibung lange Zeit Arminius' Sieg zur Geburtsstunde des
Deutschtums und zum ersten Nagel an Roms Sarg hochstilisiert, doch ist
dies laut Wolters wohl mehr als Wunschdenken denn realistische
Geschichtsdeutung zu werten. In diesem Zusammenhang verweist Wolters
auch auf die umfangreiche literarische Verwertung - teilweise eher
"Verwurstung"? - des Stoffes durch Autoren wie Kleist, Schlegel,
Wieland und Klopstock bis hin zu Goethe. Bei den meisten von ihnen
steht das Erwachen des deutschen Einheits- und Freiheitsgeistes gegen
eine fremde Besatzungsmacht - im 18. und 19. Jahrhundert die Franzosen
- im Vordergrund. Wolters unterzieht die wichtigsten dieser Werke einer
kurzen vergleichenden Bewertung, wobei er weniger die literarische
Qualität als die jeweilige politische Aussage herausarbeitet. Den
Abschluss bildet ein detaillierter Bericht über die Versuche, die
Schlacht endgültig zu lokalisieren, nachdem im Laufe der Zeit
Dutzende von Städten und Landstrichen den Ort - meist aus
touristischen Gründen - für sich reklamiert haben und es
deswegen bereits zu verbalen Auseinandersetzungen gekommen ist (eine
zweite "Schlacht am Teutoburger Wald" ist nicht mehr ausgeschlossen!).
Nach den neuesten Ausgrabungen in Kalkriese, einem kleinen Dorf
nördlich von Osnabrück, scheint eine Reihe von Indizien -
umfangreiche Funde von Waffen, Werkzeugen und Münzen; ideale
Bedingungen für den Überfall auf einen unbeweglichen
Heereszug - für diesen Ort zu sprechen, wenn auch wiederum
einige Indizien dagegen sprechen - zu kleines Schlachtfeld, nur geringe
Knochenfunde. Da sich auch die schriftlichen Quellen im Laufe der Zeit
als ziemlich fragwürdig weil von gezielter Mythisierung oder
politischem Opportunimus geprägt erwiesen haben, wird die Frage
nach dem wahren Ort des großen Gemetzels im Jahr 9. n. Chr. wohl
noch lange unbeantwortet bleiben. Reinhard Wolters hat jedoch viel dazu
beigetragen, den vernebelnden Mythos sowie irreführende
Behauptungen und Annahmen auszuräumen. Das Buch ist im Verlag Verlag C.H. Beck unter der ISBN 978-3-406-57674-4 erschienen und kostet 18,90 Euro. Frank Raudszus |
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