| Deon Meyer: "Weißer Schatten" |
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Ein
überzeugender Thriller aus Südafrika |
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Lemmer
erhält den Auftrag, die attraktive Emma zu beschützen, die
einem Attentat in ihrer Wohnung nur mit knapper Not entgangen ist. Sie
hatte geglaubt, in einem im Fernsehen gezeigten Foto eines angeblichen
Mörders ihren seit zwei Jahrzehnten für tot gehaltenen Bruder
erkannt zu haben und deswegen bei der zuständigen Polizeistation
nachgefragt. Das Attentat hat sie noch nachdenklicher gemacht, und mit
Lemmer fährt sie an die Stelle, wo der angebliche Mörder
gelebt und gearbeitet hat. Schnell stellt sich heraus, dass er
Wildhüter im Kruger Nationalpark war, ein Umstand, der
seltsamerweise wieder auf Emmas Bruder hinweist, da dieser als junger
Soldat in eben diesem Park gegen Wilderer eingesetzt war. Für
Lemmer jedoch zerrinnen die Indizien zunehmend, nicht zuletzt aufgrund
der Aussagen der zuständigen Polizeibehörden, die dem
geflohenen Mann sowohl einen anderen Namen - der Vorname ist
jedoch wiederum fast deckungsgleich! - und eine andere Herkunft
zuschreiben. Während er darauf wartet, dass Emma von ihrer fixen
Idee ablässt, wird in deren Zimmer mitten in der Nacht eine
gefährliche Mamba entdeckt, die er erst im letzten Moment und
unter großer persönlicher Gefahr töten kann. Jetzt ist
sein Jadgfieber soweit geweckt, dass er Emma weiter zu anderen
angeblichen Zeugen begleitet. Doch als sie nach einer weiteren
Sackgasse fast schon enttäuscht zurückfahren, geraten sie in
eine tödliche Falle, die ihnen eine sie verfolgende Gruppe von
nicht zu identifizierenden Männern stellt. Die beiden entkommen
ihren Verfolgern wie durch ein Wunder - und Lemmers letzten Einsatz
- mehr oder minder schwer verletzt, wobei Emma ins Koma
fällt und in der Intensivstation des Krankenhauses landet. Nach
diesem Vorfall ist Lemmer überzeugt, dass an der ganzen Sache mehr
dran ist und - vor allem- dass dahinter etwas viel Wichtigeres als die
unerlaubte Tötung von Elefanten oder anderen seltenen Tieren
steht. Auch die Forderungen einiger schwarzer Stämme nach Land aus
dem Kruger-Park können die brutale und kompromisslose Verfolgung
der jungen Frau nicht erklären, die nur nach ihrem Bruder forschen
will. Lemmer macht sich also mit dem wenigen Wissen und einigen dunklen
Ahnungen auf den Weg, um vom Gejagten zum Jäger zu werden. Wir
wollen hier die weitere Entwicklung der Geschichte nicht verraten, um
eventuellen Lesern nicht vorab die Spannung zu rauben. Soviel sei
jedoch gesagt: Meyers Plot erweist sich durchaus als tragfähig, d.
h. realistisch und wahrscheinlich, und bedient sich verschiedener nie
aufgeklärter politischer Ereignisse und tragischer Unfälle in
den achtziger Jahren, die nie aufgeklärt wurden. Die Handlung
führt an die Grenzen zu Mozambique und Swasiland, zu alten
Rivalitäten und schwerwiegenden politischen Entscheidungen, in die
Apartheid und zu den Bewegungen, die sich gegen die damaligen
Zustände im südlichen Afrika wendeten. Als zweites Thema
stellt Meyer den Raubbau an der Natur in Afrika in den Mittelpunkt, der
selbst vor dem Nationalpark nicht Halt macht, wo das weltweit begehrte
Elfenbein in Gestalt der Elefantenzähne und andere hochwertige
Erzeugnisse von Fauna und Flora ausreichend vorhanden und nur
unzureichend bewacht sind. Meyer rechnet mit der Gier nicht nur
einzelner Privatleute sondern auch politischer Institutionen ab und
malt ein schwarzes Bild vom gesellschaftlilchen Zustand in
Südafrika. Zwar schlachtet er den immer noch vorhandenen
Rassenkonflikt nicht ideologisch aus, weist jedoch immer wieder in und
zwischen den Zeilen auf ihn hin. Besonders
hervorzuheben ist die feine psychologische Zeichnung der einzelnen
Charaktere, die weit über das Maß eines handelsüblichen
Thrillers hinausgeht. In diesen Passagen übersteigt der Roman
eindeutig das ihm offiziell zugewiesene Genre des Thrillers. Wenn
Lemmer einen Monolog über sein Leben führt, indem er es der
im Koma liegenden Emma "beichtet", dann erreicht der Roman eine
durchaus literarische und gesellschaftskritische Qualität.
Ähnliches gilt für die mit knappen Federskizzen angefertigten
Charaktere typischer Vertreter der südafrikanischen Gesellschaft,
die sich kaum von anderen Ländern und Kontinenten unterscheidet.
Sei es der selbstgerechte Reiche, der von allen Menschen Rechenschaft
fordert, oder die einsame Vierzigerin, die sich mit uneinsichtigem
Optimismus ein wenig beständiges Glück erhofft; sei es der
junge Idealist, der plötzlich in den Mahlstrom des skrupellosen
internationalen Machtpokers gerät und daran zerbricht, oder der
Mann der Faust, der sich nach einer durchsetzungsstarken Jugend nur in
zwielichtigen Organisationen noch beweisen kann: alle Charaktere sind
glaubwürdig und ohne übertreibende Schwarzweiß-Malerei
gezeichnet. Wer
einen wirklich spannenden Thriller mit Literaturpotential lesen und
dabei noch Einiges über (Süd-)Afrika lernen möchte,
sollte dieses Buch ernsthaft in Erwägung ziehen. Das Buch ist im Verlag Rütten & Loening (Aufbau-Verlagsgruppe) unter der ISBN 978-3-352-00759-0 erschienen und kostet 19,95 Euro. Frank Raudszus |
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