Deon Meyer: "Weißer Schatten"

                                                                    
Ein überzeugender Thriller aus Südafrika
 

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BuchumschlagThriller-Autoren erliegen leicht der Versuchung, der Auflage zuliebe dem Affen Zucker zu geben, sprich entlang den vermeintlichen Vorlieben der anvisierten Leserschaft für Sex, Crime und Action zu schreiben. Da jagt dann eine Schießerei die nächste, die erotischen Abenteuer übertreffen sich gegenseitig hinsichtlich Deutlichkeit und Originalität, und mit der Wahrscheinlichkeit in der realen Welt nimmt man es auch nicht so ganz genau. Darüber hinaus ist die - meist männliche - Hauptperson ein Ausbund an Intelligenz, Reaktionsschnelligkeit, erotischer Ausstrahlung und kaltschnäuzigem Humor. Ganz anders der Südafrikaner Deon Meyer: sein Roman spielt im heutigen Südafrika und nimmt doch die Zeit der Apartheid ins Visier. Sein Held Lemmer ist ein Bodyguard, der wegen Totschlags im Affekt im Gefängnis gesessen hat und sich selbst für zweitklassig hält. Die Handlung verbreitet zwar vom ersten Augenblick Spannung, verlässt jedoch nie den Boden der Wahrscheinlichkeit, und die anderen Personen zeichnen sich vor allem durch ihre Ambivalenz aus, sprich sie sind nicht leicht nach "gut" und "böse" einzuordnen, wie im richtigen Leben.

Lemmer erhält den Auftrag, die attraktive Emma zu beschützen, die einem Attentat in ihrer Wohnung nur mit knapper Not entgangen ist. Sie hatte geglaubt, in einem im Fernsehen gezeigten Foto eines angeblichen Mörders ihren seit zwei Jahrzehnten für tot gehaltenen Bruder erkannt zu haben und deswegen bei der zuständigen Polizeistation nachgefragt. Das Attentat hat sie noch nachdenklicher gemacht, und mit Lemmer fährt sie an die Stelle, wo der angebliche Mörder gelebt und gearbeitet hat. Schnell stellt sich heraus, dass er Wildhüter im Kruger Nationalpark war, ein Umstand, der seltsamerweise wieder auf Emmas Bruder hinweist, da dieser als junger Soldat in eben diesem Park gegen Wilderer eingesetzt war. Für Lemmer jedoch zerrinnen die Indizien zunehmend, nicht zuletzt aufgrund der Aussagen der zuständigen Polizeibehörden, die dem geflohenen  Mann sowohl einen anderen Namen - der Vorname ist jedoch wiederum fast deckungsgleich! - und eine andere Herkunft zuschreiben. Während er darauf wartet, dass Emma von ihrer fixen Idee ablässt, wird in deren Zimmer mitten in der Nacht eine gefährliche Mamba entdeckt, die er erst im letzten Moment und unter großer persönlicher Gefahr töten kann. Jetzt ist sein Jadgfieber soweit geweckt, dass er Emma weiter zu anderen angeblichen Zeugen begleitet. Doch als sie nach einer weiteren Sackgasse fast schon enttäuscht zurückfahren, geraten sie in eine tödliche Falle, die ihnen eine sie verfolgende Gruppe von nicht zu identifizierenden Männern stellt. Die beiden entkommen ihren Verfolgern wie durch ein Wunder - und Lemmers letzten Einsatz -  mehr oder minder schwer verletzt, wobei Emma ins Koma fällt und in der Intensivstation des Krankenhauses landet.

Nach diesem Vorfall ist Lemmer überzeugt, dass an der ganzen Sache mehr dran ist und - vor allem- dass dahinter etwas viel Wichtigeres als die unerlaubte Tötung von Elefanten oder anderen seltenen Tieren steht. Auch die Forderungen einiger schwarzer Stämme nach Land aus dem Kruger-Park können die brutale und kompromisslose Verfolgung der jungen Frau nicht erklären, die nur nach ihrem Bruder forschen will. Lemmer macht sich also mit dem wenigen Wissen und einigen dunklen Ahnungen auf den Weg, um vom Gejagten zum Jäger zu werden.

Wir wollen hier die weitere Entwicklung der Geschichte nicht verraten, um eventuellen Lesern nicht vorab die Spannung zu rauben.  Soviel sei jedoch gesagt: Meyers Plot erweist sich durchaus als tragfähig, d. h. realistisch und wahrscheinlich, und bedient sich verschiedener nie aufgeklärter politischer Ereignisse und tragischer Unfälle in den achtziger Jahren, die nie aufgeklärt wurden. Die Handlung führt an die Grenzen zu Mozambique und Swasiland, zu alten Rivalitäten und schwerwiegenden politischen Entscheidungen, in die Apartheid und zu den Bewegungen, die sich gegen die damaligen Zustände im südlichen Afrika wendeten. Als zweites Thema stellt Meyer den Raubbau an der Natur in Afrika in den Mittelpunkt, der selbst vor dem Nationalpark nicht Halt macht, wo das weltweit begehrte Elfenbein in Gestalt der Elefantenzähne und andere hochwertige Erzeugnisse von Fauna und Flora ausreichend vorhanden und nur unzureichend bewacht sind. Meyer rechnet mit der Gier nicht nur einzelner Privatleute sondern auch politischer Institutionen ab und malt ein schwarzes Bild vom gesellschaftlilchen Zustand in Südafrika. Zwar schlachtet er den immer noch vorhandenen Rassenkonflikt nicht ideologisch aus, weist jedoch immer wieder in und zwischen den Zeilen auf ihn hin.

Besonders hervorzuheben ist die feine psychologische Zeichnung der einzelnen Charaktere, die weit über das Maß eines handelsüblichen Thrillers hinausgeht. In diesen Passagen übersteigt der Roman eindeutig das ihm offiziell zugewiesene Genre des Thrillers. Wenn Lemmer einen Monolog über sein Leben führt, indem er es der im Koma liegenden Emma "beichtet", dann erreicht der Roman eine durchaus literarische und gesellschaftskritische Qualität. Ähnliches gilt für die mit knappen Federskizzen angefertigten Charaktere typischer Vertreter der südafrikanischen Gesellschaft, die sich kaum von anderen Ländern und Kontinenten unterscheidet. Sei es der selbstgerechte Reiche, der von allen Menschen Rechenschaft fordert, oder die einsame Vierzigerin, die sich mit uneinsichtigem Optimismus ein wenig beständiges Glück erhofft; sei es der junge Idealist, der plötzlich in den Mahlstrom des skrupellosen internationalen Machtpokers gerät und daran zerbricht, oder der Mann der Faust, der sich nach einer durchsetzungsstarken Jugend nur in zwielichtigen Organisationen noch beweisen kann: alle Charaktere sind glaubwürdig und ohne übertreibende Schwarzweiß-Malerei gezeichnet.

Wer einen wirklich spannenden Thriller mit Literaturpotential lesen und dabei noch Einiges über (Süd-)Afrika lernen möchte, sollte dieses Buch ernsthaft in Erwägung ziehen.

Das Buch ist im Verlag Rütten & Loening (Aufbau-Verlagsgruppe)  unter der ISBN 978-3-352-00759-0 erschienen und kostet 19,95 Euro.

Frank Raudszus

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