| Jessica Durlacher: "Emoticon" |
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Ein doppeltes Beziehungsdrama um Juden und Palästinenser |
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Im
Mittelpunkt der Handlung stehen zwei niederländische Frauen in den
späten Dreißigern. Beide haben als Neunzehnjährige
freiwillig in einem israelischen Kibbuz gearbeitet und sind schwanger
zurückgekommen. Ester treibt ab, Lola bringt ihr Kind zur Welt.
Ester hat Lola stets verdächtigt, ihr im Kibbuiz den Freund
ausgespannt zu haben, zweifelt aber Lolas Behauptung, ihr Sohn Daniel
sei von ihrem damaligem Liebhaber, nicht an. Doch die beiden verbindet
aufgrund der damaligen unklaren Beziehungssituation eine gespannte
Freundschaft, in der beide die Aussprache über die Kernpunkte
vermeiden. Als der mittlerweile siebzehnjährige Daniel aufgrund
einer unglücklichen Liebe beschließt, nach Israel zu gehen,
um dort seinen Vater kennenzulernen und etwas für den
Überlebenskampf der Juden in ihrem Stammland zu tun, treibt die
Handlung der Katastrophe und der endgültigen Klärung vieler
offener Fragen entgegen. Parallel
zu diesem Handlungsstrang lernt der Leser die junge
Palästinenserin Aischa kennen, die alle Juden hasst und sich bei
Steinewürfen auf israelische Soldaten mutiger zeigt als viele
junge Männer und vor allem ihr Bruder. Dieser rächt sich
für diese "Insubordination" der hierarchisch unter ihm stehenden
Schwester durch Schläge, die jedoch Aischa nur abhärten. Sie
ist der Diskussionen über den Palästina-Konflikt
überdrüssig und fordert entschiedene Aktionen. Als der
Chefredakteur der Zeitung, für die sie engagierte Artikel
schreibt, sich von ihr nicht radikalisieren lässt sondern sie
vielmehr zu zügeln versucht, beschließt sie, die erste
Gelegenheit für ein Fanal zu nutzen. Ester dagegen, die Daniel als
"Ersatzmutter" nach Israel begleitet hat, träumt ein wenig naiv
von einer Aussöhnung zwischen Jugendlichen beider Lager und gibt
Aischa, die sie zufällig in einem Hotel trifft, zu diesem Zweck
Daniels Mailadresse. Kurz
baut sich beim Leser die Vorstellung auf, die beiden Antagonisten
würden sich treffen, lieben und die Feindschaft der Völker
überwinden, und die ganze Geschichte scheint in einem
pilcher-ähnlichen Beziehungssumpf zu versinken. Doch weit gefehlt:
die Autorin dekliniert die Situation bis zum letzten Fall durch. Daniel
trifft die exotische Aischa und träumt von erotisch-exotischen
Abenteuern, doch seine Träume enden schnell in der Katastrophe.
Für Ester und Lola heißt dies, ihre Beziehung endlich auf
den Punkt zu bringen und alte Probleme aufzuarbeiten. Doch auch hier
gönnt die Autorin dem Leser nicht eine einfache weil kathartische
Lösung sondern bleibt im Rahmen der realen Welt. Noch
nachträglich wird so manches schön geredet, verdrängt,
und nur tröpfchenweise kommen die Wahrheiten ans Licht. Zwar ist
die Freundschaft zwischen den beiden Frauen nicht zerstört, am
Ende stellt sich jedoch eine größere Distanz ein, mit der
keine von beiden glücklich ist, mit der sie aber beide werden
leben müssen. Die
Autorin beschreibt die beiden Frauen aus verschiedenen Perspektiven:
während sie Lola nur von außen, über Esters Wahrnehmung
zeigt, charakterisiert sie Ester von innen, aus ihrem eigenen Denken
und Empfinden heraus. Das lässt auf gewisse autobiographische
Aspekte schließen, was ein Besuch bei Google bestätigt: wie
ihre Protagonistin Ester hat auch Jessica Durlacher einen
jüdischen Vater, der als einziger seiner Familie Auschwitz
überlebt hat. Ester leidet unter der schweren Last des
väterlichen Leids und ihres eigenen Wohlergehens. Sie ist eine
außerordentlich komplizierte Persönlichkeit, die nur schwer
zu normalen Beziehungen fähig ist. Einerseits hat das eigene
Vaterbild sie stark geprägt, andererseit wittert sie überall
Misstrauen und Verrat. In einer Art "self fullfilling prophecy" zieht
sie dann auch das Unglück an, das sie befürchtet und
vermeiden will. Am Ende des Romans lebt sie zwar mit ihrem Liebhaber
aus alten Kibbuzzeiten zusammen, doch scheint dies eher eine Flucht in
einen sicheren Hafen als eine exhte Liebesbeziehung zu sein. Ester wird
Zeit ihres Lebens mit sich und ihren Befindlichkeiten beschäftigt
sein. Sie ist egozentrisch, ohne exaltiert oder prätentiös zu
sein, verlangt von ihren Mitmenschen eine schwer zu definierende aber
heiß ersehnte emotionale Perfektion, die diese nicht leisten
können. Daher wird sie selbst in einer scheinbar intakten
Beziehung einsam bleiben. So
gesehen ist dieses Buch keine Auseinandersetzung mit dem
Nahost-Konflikt, sondern ein psychologischer Roman, der zufällig
in Isarel und Palästina spielt. Zwar wird der Konflikt auch aus
der Sicht Aischas und damit der Palästinenser dargestellt, aber
eher eindimensional, d. h. bei Jessica Durlacher sind die
Palästinenser nahezu alle Fanatiker. Ob das zutrifft, sei
dahingestellt. Das Problem dieses Buches ist, dass diese Sicht in der
Person Aischas zementiert wird, ohne dass diese deshalb
vordergründig als Monster dargestellt wird. Auch kommt es nicht zu
einer verbalen Auseinandersetzung aus Vertretern beider Lager - etwa
Aischa und Daniel - sondern beide Handlungsstränge laufen parallel
ab und berühren sich im Grunde genommen gar nicht. Der Autorin
geht es weniger um den Nahost-Konflikt, seine Hintergründe und
Lösungsmöglichkeiten, sondern um das Psychogramm einer
schwierigen jungen Frau mit leidbeladenem jüdischen Hintergrund.
In der Schilderung der beiden Frauen und ihrer psychologischer
Strukturen zeigt sich die Autorin jedoch als wahre Meisterin und folgt
den Gedankengängen, Taktiken und Strategien im täglichen
Kampf um die Deutungshoheit über das Leben bis in die letzten,
widersprüchlichen Verästelungen. Allein diese Stärke der
psychologischen deutung lohnt schon die Lektüre des Buches. Das Buch ist im Diogenes-Verlag unter der ISBN 978-3-257-23657-6 erschienen und kostet 9,90 Euro. Frank Raudszus |
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