| Bernhard Schlink: "Das Wochenende" |
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Fast eine Dokumentation der Zeitgeschichte |
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Deutschen Schriftstellern wird gern - nicht unbedingt zu
Unrecht - die Nabelschau vorgeworfen. Wo man von einem Autor die
Thematisierung aktueller gesellschaftlicher
Probleme erhofft, liest man nur über eigene
Befindlichkeiten und Probleme. Allein schon der Hauptberuf
"Schriftsteller" ist in sich unlogisch weil ohne direkten Kontakt zum
täglichen Leben der meisten Menschen. Selbst Goethe war Minister
und Theaterdirektor, und Schiller war Professor.Bernhard Schlink jedoch kann man den Vorwurf der poetisierten Nabelschau gewiss nicht machen. Von Beruf Jurist, arbeitet er auch noch in dieser Profession und kennt daher die aktuelle gesellschaftliche Situation sozusagen aus seiner täglichen Praxis. Seine anderen Bücher, genannt sei hier stellvertretend nur "Der Vorleser", beschäftigen sich durchweg mit der jeweiligen politischen oder gesellschaftlichen Situation. In seinem neuesten Buch nimmt er wiederum einen aktuellen Fall auf: die bevorstehende Entlassung des ehemaligen Terroristen Christian Klar aus 26jähriger Haft. Natürlich verleiht er seinem Protagonisten einen neuen Namen, Jörg, und erfindet auch sein Umfeld neu. Doch die mentale Situation entnimmt er fast detailgenau Klars Leben. Wie Klar hat auch Jörg aus dem Gefängnis ein aufmunterndes Grußwort an eine linksextreme Aktionsgruppe lanciert, und wie bei Klar hat ihn das auch eine frühere Freilassung gekostet. Der Roman beginnt mit Jörgs Entlassung. Seine ältere Schwester Christiane holt ihn an einem Freitag am Gefängnistor ab und fährt mit ihm auf ein einsames Anwesen in Brandenburg, wo sie mit einer Freundin ihre freien Tage verbringt. Dazu hat sie noch weitere ehemalige Weggefährten von Jörg geladen, von denen sie sich eine Aufmunterung ihres im Gefängnis fast zum Autisten mutierten Bruders erhofft. Die Erinnerung an alte gemeinsame Zeiten soll ihn lockern und ihm die Wiedereingliederung in die Gesellschaft ermöglichen. Doch das Wochenende entwickelt sich anders als von Christiane erhofft. Erst einmal geht sie selbst von falschen Voraussetzungen aus. Schon als Jugendliche hat sie ihrem Bruder die früh verstorbene Mutter ersetzt und sich zu seinem Vormund gemacht. Im Stillen bewundert sie ihren Bruder immer noch und sieht in seinen vier nachgewiesenen terroristischen Morden eher eine lässliche Jugendsaison, ohne diese fatale Einstellung natürlich laut zu artikulieren. Doch im Stillen hofft sie auf eine gute Selbstdarstellung ihres Bruders in der Öffentlichkeit - Talkshows! - und vielleicht sogar noch auf späten Ruhm als Autor eines Buchs über seine Zeit im Gefängnis. Jörg zieht sich jedoch erst einmal in sich selbst zurück und ist kaum in der Lage, zu seiner Umwelt eine normale Kommunikation aufzubauen, was nach einem Vierteljahrhundert gesellschaftlicher Isolierung auch nicht verwundert. Die alten Freunde zeigen sich auch nicht unbedingt als treue Weggefährten. Ulrich, als Besitzer mehrerer Dentallabors ein wohlhabender Mann, befragt Jörg direkt und unverblümt über seine innere Haltung zu seinen Morden und verweigert ihm von vornherein den Heiligenschein des Märtyrers. Andreas, der Anwalt, sieht die Angelegenheit distanziert, verweist auf juristische Aspekte und will Jörg zwar helfen, ohne ihm aber deswegen zu huldigen. Die Theologin Karin möchte über alles am liebsten die Soße der Versöhnung gießen und jeglichen - hier sich geradezu aufdrängenden - Prinzipienstreit im Keim ersticken. Die Lehrerin Ilse dagegen bewunderte früher als graues Mäuschen die Terroristenhelden, hat ein einsames Singleleben mit Katzen geführt und setzt sich erst spät schreibend mit dem Innenleben der Terroristen auseinander. Henner, der Journalist, wird von Jörg frontal mit dem Vorwurf des Verrats an die Polizei konfrontiert, doch es stellt sich heraus, dass ausgerechnet Jörgs Schwester Christiane damals die Polizei informiert hat, um ihrem Bruder den Tod im Kugelhagel zu ersparen. Die anfangs zäh dahin fließende Handlung - jeder fühlt sich ein wenig unsicher in Jörgs Gegenwart - gewinnt an Fahrt, als Ulrichs Tochter gleich am ersten Abend zu Jörg ins Bett springt, um mit einem berühmten Terroristen geschlafen zu haben, jedoch eine Abfuhr erhält. Dieser peinliche Ausrutscher dient für alle als ideales Gesprächsthema und damit als erleichternder Ausweg in der prekären Situation. Diese spitzt sich noch zu, als erst der junge Linksextreme Marko vehement versucht, Jörg als Galionsfigur für den "Kampf gegen das System" zurückzugewinnen, und als dann ein weiterer junger Mann, angeblich ein Kunststudent auf Gebäuderecherche, sich als Jörgs Sohn zu erkennen gibt. Nun wandert die bisher nur politisce auf eine persönliche Ebene, auf der Jörgs Sohn diesem Feigheit, Unanständigkeit und Vernachlässigung seiner menschlichen Pflichten als Geliebter und Vater vorwirft. Jörg, der sich in den letzten dreißig Jahren nur in ideologischen Welten bewegt hat, ist dieserm Angriff schutzlos preisgegeben und bricht beinahe zusammen. Schlink lässt das Stück offen enden und verzichtet auf eine eindeutige Lösung, sei es die echte Reue des Terroristen oder die Wiederaufnahme des Kampfes. Doch er zeigt an der Person Jörgs deutlich die Lebensidentifikation mit der eigenen Vergangenheit. Wer einen solchen Anspruch an sich und die Gesellschaft stellt wie Jörg, kann nicht mit Ende fünfzig zugeben, dass alles falsch gewesen sei. Der einzige Stolz und die Selbstvergewisserung liegen gerade in der eigenen Vergangenheit, und ein Leben ohne diese Selbstbestätigung wäre nicht mehr lebenswert. Man kann durchaus sagen, dass Jörg die Begriffe Reue und Demut nie wirklich erfasst hat, denn nur auf deren Basis wäre ein echter Neuanfang möglich. Jörg wird in Zukunft zwar in Ulrichs Dentallabors arbeiten, wird, dort aber wahrscheinlich Stück für Stück verkümmern und sich an sein altes Selbstbild klammern. Schlink vermeidet auch jede plakative Verurteilung aus der Sicht des Autors ohne deswegen die terroristischen in irgendeiner Weise zu rechtfertigen. Ihn interessieren viel mehr die handelnden Personen, ihre Beweggründe und ihre innere EInstellung zuz sich und dem eigenen Leben. Auch die anderen Mitgleider dieser Wochenend-Gesellschaft, die manchmal an Tschechov, in manchen Schilderungen sogar an Goethes "Wahlverwandschaften" erinnert, erfahren eine subtile und nie einseitige Charakterisierung. Selbst der Fanatiker Marko erntet noch ein gewisses Verständnis und auch Jörgs Sohn, der in seiner Unerbittlichkeit und Unversöhnlichkeit ganz nach dem Vater kommt. Am Ende wagt Schlink jedoch einen kleinen optimistischen Ausblick, indem er zwei Paare zueinander finden lässt. Man kann diese Entwicklung durchaus dahingehend interpretieren, dass nur die Liebe die Wunden heilen kann. Der Roman ist im Diogenes-Verlag unter der ISBN 978-3-257-06633-3 erschienen und kostet 18,90 €. Frank Raudszus |
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