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Dietmar Dath: "Die Abschaffung der Arten" |
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Versuch eines ultimativen Roman des 21. Jahrhunderts |
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Wer diesen Roman halbwegs verstehen will, sollte
Philosophie, Juristerei, Medizin und - leider auch - Theologie
studiert haben (der Autor zitiert ebenso implizit). Jenseits dieses
Zitats mag die Juristerei unnötig sein, doch dafür sollte der
Leser zusätzlich in Physik, Chemie - vor allem Biochemie -,
Astronomie und Astrophysik, Evolutionsgeschichte (Darwin ff.),
Weltgeschichte und natürlich - last but not least - Literatur ein
gerüttelt Maß an Kenntnissen aufweisen. Der Rezensent
maßt sich nicht an, über all dies Wissen zu verfügen,
kann jedoch zumindest - Wikipedia sei Dank! - die jeweils
angesprochenen Gebiete zuordnen und eine schwache Ahnung der dahinter
stehenden Modelle entwickeln. Dietmar Dath versucht in diesem Buch nicht weniger als den ultimativen, letzten Menscheitsroman aus der Sicht des großen Generalisten zu beschreiben. Wir hatten zwar gedacht, dass dieser Archetypus mit Goethe dahingegangen sei, doch es schwingen sich immer wieder Autoren zu diesen Höhen auf. Ob sie dorthin gelangen, ist eine andere Frage. Vom letzten Roman der Menschheit kann man deswegen sprechen, weil Dath in seinem Roman die Gattung des homo sapiens untergehen lässt und eine ferne Welt danach - natürlich ebenfalls von intelligenten Lebewesen bevölkert - beschreibt. Der Roman beginnt in einer fernen Zukunft, etwa in fünfhundert bis tausend Jahren. Die Menschheit ist in einem weltweiten Kampf gegen die Tierwelt untergegangen. Die Tiere sind irgendwann des Raubbaus der Menschen überdrüssig geworden und haben sich um eine biochemische Kerntruppe neu organisiert. Sie haben ein auf molekularer Ebene angesiedeltes Modell der Evolution und Selektion entwickelt und auf dieser Basis Technologien und Waffen entwickelt, gegen die die Menschen mit ihren kruden elektronisch-mechanischen Waffen nichts ausrichten konnten. In einem grausamen Kampf mit Milliarden toter Menschen und Hunderttausenden gefallener Gente, wie sich die neue Gattung denkender und sprechender Tiere nennt, gewinnen letztere und vertreiben die überlebenden Menschen in elende Randbezirke der neuen Welt, die sie aus den Trümmern der alten - die sie sinnigerweise die "Langeweile" nennen - aufgebaut haben. Die Welt der Gente konzentriert sich in drei Städten auf dem Gebiet des alten Europa und umfasst alle Arten von Tieren. Der Herrscher - eine parlamentarische Demokratie gibt es hier nicht"! - ist ein Löwe mit einem ellenlangen, teilweise narzistischen Namen, die Dachse stellen das Militär, und auch die Fische und Vögel spielen eine wichtige Rolle. Die Kommunikation erfolgt über ein Netz - ein Web! - aus Gerüchen, oder besser: ein Pheroinfo-Feld, das Informationen aller Art in Überlichtgeschwindigkeit direkt in die Gehirne oder auf die Handflächen der anderen Gente überspielen kann. Überhaupt sind die Übergänge zwischen den einzelnen Tiergattungen dank modernster biochemischer Verfahren schwimmend: nicht nur, dass alle Tiergattungen sprechen können, nein, sie entleihen sich gegenseitig Funktionen und Fähigkeiten und können sogar ihre Gestalt weitgehend ändern. Dath knüpft hier an die Mythen der Märchen an, was sich auch in seiner Wahl der Gente-Protagonisten widerspiegelt. Da gibt es den einsamen Wolf, der ohne Bindung und Loyalitäten durch die veränderte Welt streift und seine Gerissenheit als Kundschafter für den Löwen einsetzt. Da ist der schlaue Fuchs, der die besondere Fähigkeit entzwickelt hat, sich in verschiedenster Gestalt zu materialisieren - in Pfützen, Getränken und anderer Materie - und von dort mit seinen Gattungsgenossen zu kommunizieren. Seine Schlauheit ist undurchdringlich und seine Absichten jenseits dessen, was ein normaler Gente verstehen kann. Die weiblichen Mitglieder dieser neuen Welt spielen eine besondere Rolle. Eine Luchsin - Tochter des Löwen, die auch mal ihre Gestalt ändert - hat sich aus dem engeren Dunstkreis des Löwen entfernt und führt eine Oppositionsgruppe an, die mehrfache Ex-Frau des Löwen hat sich ganz von diesem abgewandt und hat sich in einen Baum (des Lebens?) verwandelt, von dem sie sibyllinische Sprüche versendet. Man muss sich die Gente als glückliche Wesen vorstellen (Dath infiziert mit Zitaten!). Ihre Welt ist ökologisch aufgebaut, es gibt keine Versorgungsprobleme, und Arbeit als entfremdende Tätigkeit ist ihnen fremd. Man fragt sich zwar als pragmatischer Leser, wie diese ganze Welt einschließlich Unterhaltung der weitläufigen Städte, der Nahrungsversorgung und medizinischen Betreuung und der Sicherheit ohne Arbeit funktionieren soll, aber der Romanautor darf ein solches Utopia entwerfen und ist nicht an die praktische Nachprüfbarkeit gebunden. Doch die Welt der Gente ist gefährdet: fern auf dem südamerikanischen Kontinent hat sich ein kybernetisches Wesen entwickelt, das sich zwecks Machterweiterung menschlicher Körper bedient - die sind ja in Jahrtausenden bewährt und noch vorhanden - und mit diesen eine Technologie entwickelt, denen wiederum die Gente verständnis- und machtlos gegenüberstehen. Wie eine langsame, aber stetige horizontale Lawine rollt diese Menschmaschine erst über den nordamerikanischen Kontinent und dann über das Wasser auf den Kontinent, den man während der "Langeweile" Afrika nannte. Es ist abzusehen, wann sich der ungreifbare und unbegreifbare Koloss nach Norden ausbreitet. An dieser Stelle bietet es sich an, historische Analogien zu ziehen. In einer kurzfristigen Deutung kann man in der Welt der "Langeweile" den überwundenen Absolutismus und Frühkapitalismus sehen, in der Welt der Gente einen utopischen Sozialismus, wie ihn sich Marx, Engels und Lenin ausgedacht haben mögen. Diese schöne Welt wird jedoch vom neuen globalen und informationstechnisch gesteuerten Kapitalismus bedroht und schließlich vernichtet. Aus einer naiv-ökologischen Sicht ließe sich andererseits argumentieren, die Welt der Gente stelle die unschuldige Natur dar, die durch die Technik des Menschen zerstört wird. Beide Interpretationen schließen sich nicht aus, können durchaus nebeneinander existieren und lassen sich auch aus der mehrfach geäußerten - linken - Weltanschauung des Autors herleiten. Dabei nimmt es jedoch Wunder, dass diese schöne Welt aus biochemischen Experimenten entstanden ist, die aus ethischen Gründen heute in keinem westlichen Land erlaubt wären, da sie die vorhandene Natur gnadenlos vergewaltigen und Gattungen künstlich manipulieren. Aber vielleicht ist das auch die Kritik der zweiten Ebene in diesem Roman, denn die "Keramiker", so nennen sich die seltsamen Wesen aus dem Süden, vernichten in einem gnadenlosen Endkampf tatsächlich die Zivilisation der Gente, wobei der Löwe lange Zeit die Niederlage nicht wahrhaben will und auf den Endsieg setzt wie weiland....... Da hat jedoch seine Luchs-Tochter längst gemeinsame Sache mit dem Wolf gemacht und den Exodus per Raumschiff geplant, wobei dem Wolf die Aufgabe zukommt, den widerspenstigen Löwen, der strikt gegen eine Flucht von der Erde ist, in einem Attentat (Biss in die Gurgel) umzubringen. Ob dies an einem 20. Juli stattfindet, lässt sich aus dem Text nicht entnehmen, doch hier sterben sowohl Opfer wie auch Täter, während die Luchsin mit den Genom-Datenbank aller Gente und einer kleinen Schar "körperlicher" Gente erst auf den Mond und dann im Laufe der Jahrhunderte auf Venus und Mars auswandert. Beide Planeten werden mühsam bewohnbar gemacht - auf dem Mars absorbiert eine künstliche schwarze Oberfläche Licht und Wärme und auf der Venus lichten Millionen von Tonnen Wasserstoff vom Saturn die CO2-Wolken und lassen auf der Oberfläche Wasser entstehen - und bieten den mittlerweile auch genetisch an die jeweilige Umgebung angepassten Gente ein neues Zuhause. Doch auch hier drängen wieder die Gene der Aggression in den Vordergrund, obwohl man sie doch biochemisch neutralisiert zu haben glaubte. Auf dem Mars tobt Jahrhunderte lang ein experimentum crucis, bei dem die Wissenschaftler Hunderttausende von Echsen gegeneinander kämpfen lassen, um die Darwinschen Auslesetheorien zu überprüfen, und auch auf der Venus kämpfen verschiedene Gruppen um die Vorherrschaft und metzeln sich gegenseitig nieder. Die Auswanderung auf die Planeten bietet sich nicht nur aufmerksamen Lesern als Assoziation an Noahs Rettung des irdischen Lebens per Arche an sondern ist auch explizit so gemeint. Nicht nur, weil Dath einmal sogar den Begriff "Arche Noah" benutzt sondern auch wegen der Artenvielfalt, die hier allerdings nur in Form der Gensequenzen mitgenommen wird. Auch hier schlägt sich wieder der Zugriff des Autors auf die Religion als eine der bedeutendsten Ideen - oder Ideologien? - der Menschheit nieder. Luchsfrau und Wolf haben jedoch noch vor dem Exodus ein Kind gezeugt, das mit dem prometheischen Namen "Feuer" auf der heißen Venus aufwächst. Parallel dazu wird ein anderer Nachkomme des Löwen als Echse auf den Mars verschlagen und muss sich dort über Jahrzehnte in den Grabenkämpfen durchbeißen. Beide Königskinder - und jetzt beginnt ein wahrhaft mythisches Märchen - sind füreinander bestimmt und werden durch höhere Mächte, die nie richtig lokalisierbar sind, auf eine große Aufgabe vorbereitet. Was für Wolfram von Eschenbach der Parzival ist, sind für Dath Feuer und die Echse Padmasambhava. Beide können je nach Bedarf ihr äußeres Erscheinungsbild nahezu beliebig ändern, und daher stehen der Paarbildung keine Hindernisse gegenüber. Außerdem steht in ihren Genen eine automatische Geschlechtsumwandlung, die ihnen - statt der Einschränkung auf ein Geschlecht - die Erfahrungen von Ying und Yang zugänglich machen und sie - obwohl Geschwister - zu einem idealen Paar machen sollen. Natürlich besteht ihre Aufgabe darin, erst einander zu finden und dann zu ihren Wurzeln auf der Erde zurückzukehren, um dort den Zyklus des Lebens neu zu beginnen. Adam und Eva im Paradies? Natürlich landen die beiden über interstellare Bahnen auf der Erde, die mittlerweile keine Zeichen intelligenten Lebens mehr zeigt. Große Urwälder und Ozeane mit geradezu urwüchsiger Fauna und Flora überdecken den Planeten, und seltsame nichtmaterielle Intelligenzen bewachen und behüten dieses Naturparadies, in das die beiden Extraterristen für tausend Jahre aufgenommen werden. Sie haben trotz ihres ungeheuren Wissens - im ihren Köpfen sind riesige Wissensdatenbanken gespeichert - nur eine schwache Ahnung von den Wesen, die den Naturpark Erde beherrschen, spüren jedoch intuitiv das Fehlen jeglicher Aggression. Dort treffen sie auch eine anscheinend unsterbliche Frau, die bereits in der Welt der Gente eine Rolle spielte und vor allem durch ihre sarkastischen und respektlosen Reden auffiel. Wer seine Bibel gelesen hat, erkennt in dieser Frau Späth - so ihr Name - das uralte Sinnbild der Schlange aus dem Paradies wieder. Die Analogie ist geradezu unwiderstehlich. Dazu passt auch, dass es den die Erde beherrschenden Wesen gelungen ist, den so außerordentlich wandlungsfähigen Fuchs fernzuhalten, sodass sich das abgewandelte Zitat aufdrängt: "Das also ist des Fuchsen Kern!". Denn der Fuchs Ryuneke spielt tatsächlich durchgehend die Rolle des Mephistopheles: höchst intelligent, alles durchschauend, keiner allgemein gültigen Ethik sondern nur den eigenen, unergründlichen Interessen gehorchend. So kann denn am Ende auf der Erde das Leben wieder im Paradies beginnen. Adam und Eva sind jetzt besser gerüstet, weil sie die Lebenserfahrung beider Geschlechter verinnerlicht haben (ob das nun ein Vorteil ist, sei dahingestellt) und damit - so könnte der Autor denken - viele Konfliktherde aus dem Weg geräumt haben. Doch auch hier ist die Saat für eine Wiederholung der Geschichte bereits gelegt. Die Schlange Späth wird die beiden den Apfel vom Baum der Erkenntnis darreichen, und beide - Mann und Frau, Frau und Mann - werden davon naschen. Auf ein Neues................... Dietmar Dath legt mit diesem Roman eine wahre Meisterleistung der Recherche und der literarischen, philosophischen und historischen Anspielungen vor. Eine echte Sekundäranalyse müsste Seite für Seite durchgehen, um die Bedeutung von Zitaten - besonders gerne zitiert er Romeo und Julia -, Metaphern und Analogien herauszuarbeiten. Man muss sich Dietmar Dath als einen Menschen vorstellen, der tage- und nächtelang durch Wikipedia gereist ist, um Sachverhalte aus Wissenschaft, Technik und Geschichte zu evaluieren und zu klären. Herausgekommen ist dabei ein modernes Märchen voller alter und neuer Mythen, das sich überdies durch eine hohe Fabulierkunst und einen äußerst wandlungsfähigen Stil auszeichnet. Während manche Passagen etwas misanthropisch klingen(sind Linke eigentlich humorlos?), kommen die nächsten in einem ironischen oder gar saloppen Ton daher, vor allem der Einschub kurz vor Schluss, der erklärt, wie alles noch zur Zeit der alten Menschen entstand, und der uns eine reale Einordnung der mythischen Protagonisten in das Koordinatensystem unser heutigen Welt ermöglicht. Der Roman ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 978-3-518-42021-8 erschienen und kostet 24,80 €. Frank Raudszus |
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