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Götz Aly: "Unser Kampf - 1968" |
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Eine Abrechnung mit der (eigenen) Vergangenheit |
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"Nomen est Omen" - dieses lateinische Sprichwort
ergänzt sozusagen den Buchtitel als unsichtbarer Untertitel.
Selbst Lesern der jüngeren Generation, die im Geschichtsunterricht
nicht gerade geschlafen haben, wird sich die Assoziation zu Adolf
Hitlers "Mein Kampf" geradezu aufdrängen, und das ist gut so, weil
vom Autor beabsichtigt. Götz Aly setzt zwar den "Aufstand" der
68er-Generation gegen die verkrusteten Strukturen und den "Muff unter
den Talaren" nicht mit dem nationalsozialistischen Sturmlauf Anfang der
30er Jahre gleich, führt ihn jedoch weitgehend darauf zurück.Das schmeckt natürlich den mittlerweile in Ehren und so manchem hohen Staatsamt ergrauten ehemaligen Revolutionären überhaupt nicht, verstanden und verstehen sie sich doch immer noch als der bessere Teil der Menschheit und als Vorhut einer besseren Welt. Bis heute geistert die Mär durch die 68er-Generation, dass nur sie das Abgleiten der BRD in einen neuen Faschismus (der ja angeblich damals bereits herrschte!) verhindert und die Wende zu einem erträglichen demokratischen Staat bewirkt hätten. Dazu gehören natürlich auch das selbstzufriedene Schulterklopfen, die wiederkehrenden, an Erzählungen von Stalingrad-Kämpfern erinnernden Rückschauen auf die alten Kampfzeiten und die moralische Abkanzelung einer ach so politikfernen und konsumorientierten Jugend. Verständlich, dass die Vertreter der 68er beim Erscheinen von Alys Buch geradezu "aufheulten" wie getroffene Hunde; zu sehr traf der Autor mit seiner Vergangenheitsbewältigung das narzisstische Selbstbild, das eher dem berühmten "Che"-Poster gleicht. Alys Kritik schmerzt umso mehr, als sie nicht von "außen", also einem eingefleischten "per se"-Reaktionär, sondern aus dem innersten Zirkel der damaligen "Revolution" kommt, gehörte doch Aly nach eigenem so offenen wie zerknirschten Eingeständnis zum "harten Kern" der radikalen Studenten am Berliner "Otto-Suhr-Institut", von dem die Revolte damals maßgeblich ausging. Aly vergleicht die revolutionären Reden und Aktionen der studentischen Jahrgänge 1967 bis 1970 - Dutschke, Rabehl u.a.m. - mit den studentischen Aktivitäten der 20er Jahre. Hier wie dort sieht er die kompromisslose Ablehnung des "Systems" der parlamentarischen Demokratie und ihrer gewählten Vertreter und hebt vor allem die unbedingte Bereitschaft zur Gewalt gegen Sachen und - wenig später - auch gegen Personen hervor; von der gewalttätigen Rhetorik und den persönlichen Angriffen auf sämtliche etablierten Autoritäten ganz zu schweigen. Dabei unterstellt er seiner Generation ein Salon-Revolutionärstum, da die meisten radikalen Studenten aus gutbürgerlichen Famillien stammten, seit den frühen 50er Jahren in wachsendem Wohlstand aufgewachsen waren und sich - im Gegensatz zu den verklärten sozialistischen Staaten - einer außerordentlichen Freiheit in Wort und Tat erfreuten. Dass der Staat diese Freiheit in einer ersten Reaktion auf die Proteste missachtete, steht auf einem anderen Blatt. Doch Aly macht es sich nicht so leicht, seine damaligen Genossen in die Tonne der verwöhnten Spaßrevolutionäre zu treten. Er untersucht akribisch die Hintergründe der Revolte und stößt dabei auf deutliche Versäumnisse von Politik und Gesellschaft. Die 50er und 60er Jahre zeichneten sich durch einen - von den Westalliierten durchaus angestrebten - strammen Antikommunismus sowie durch eine ausgesprochene Obrigkeitsgläubigkeit aus. Seitenlang zitiert er die im besten Fall nur spießige, oftmals jedoch geradezu reaktionäre Grundhaltung von Lehrern, Eltern und öffentlichen Autoritäten, die der heranwachsenden Jugend nur das Recht bzw. die Pflicht zugestanden, "erst einmal etwas zu leisten, ehe man den Mund aufmacht". Sein ungeschminkter Rückblick auf diese Jahre zeigt eine erschreckende demokratische Rückständigkeit und den geradezu unverfrorenen Versuch, gesellschaftlich dort wieder anzuknüpfen, wo man 1945 aufgehört hatte. Schuld an der Misere war ja sowieso nur die kleine Clique der Nazis gewesen. Dabei spießt er auch den bis heute vor allem bei der Linken virulenten Antiamerikanismus auf und ortet seine Ursprünge bei der Kriegsgeneration, die den Amerikanern statt Dankbarkeit für die Rettung aus dem braunen Abgrund nur kulturelle Verachtung für ihr Kaugummikauen und ihre "Negermusik" (Jazz!) entgegenbrachte. Gerade in den besseren Elternhäusern wurde das Eigenbild der großen Kulturnation gegenüber den Yankee-Barbaren gepflegt und an die Nachkommen weitergereicht. Die zwölf Jahre dazwischen waren nur ein Betriebsunfall. Aly verweist auch auf die merkwürdige Tatsache, dass die versammelte extreme Linke dieser Jahre keinerlei Kommentare zu den gerade beginnenden KZ-Prozessen abgab, ja diese Ereignisse geradezu ignorierte, und fragt sich, wie das zu den ständig im Munde geführten antifaschistischen Parolen passte. Seine Diagniose dieser widersprüchlichen Verhaltensweise führt zurück ins Dritte Reich, und seine These lautet, dass die Jugend von dem, was nach und nach zum Vorschein kam, geradezu traumatisiert war. Doch die natürliche Bindung an Familie und Elternhaus verbot es psychologisch, die eigenen Eltern im wahrsten Sinne zu verdammen, und so musste das Entsetzen und die Wut über die Verbrechen der eigenen Elterngeneration auf ein Ersatzfeindbild projiziert werden. Dieses bot sich mit dem anonymen und abstrakten Konstrukt des "Staates" geradezu an. Die Tatsache, dass die besseren weil sozialistischen (und natürlich "antifaschistischen") Staaten auf der Gegenseite standen und der von den Amerikanern gesteuerte (natürlich!) deutsche Staat deren antifaschistischen Parolen nicht ernstnahm, machte das westliche und speziell das deutsche Gesellschaftssystem zum idealen Feindbild. Die geradezu unerträgliche Erkenntnis, wegen der Nazi-Greuel im Gegensatz zum romantisch-heroischen Eigenbild doch nicht zum "besseren Teil" der Welt zu gehören, ließ die Studenten scharenweise zu edlen Sozialisten und Kommunisten werden und das eigene Gesellschaftssystem abgrundtief verachten, um sich mit dieser Häutung doch wieder zum "besseren Teil" zu veredeln. Denn Aly sieht hinter der Revolte auch den Wunsch, immer auf der richtigen, der "besseren" Seite der Menschheit zu stehen, ohne daran täglich zweifeln zu müssen. Eine extreme, durch und durch konsequente Ideologie, die einen theoretischen "guten Menschen" predigt, hilft laut Aly bei dieser Selbsteinordnung außerordentlich, allerdings zum Preise der vollständigen geistigen Isolierung und eines weitgehenden Realitätsverlustes. Doch wie man nicht "ein bisschen schwanger" sein kann, kann man auch nicht "ein bisschen" an seinen eigenen Idealen zweifeln, ohne lawinenartig in einen Abrund von Selbstzweifeln zu stürzen. Dagegen ist bedingungslose Radikalität die beste Medizin. Doch Aly rechnet nicht nur mit den Jahren zwischen 1968 und 1970 ab. Er selbst wandte sich Anfang der Siebziger endgültig wegen der zunehmenden Unmenschlichkeit der radikalen Linken von dieser ab und wieder der bürgerlichen Gesellschaft - was immer das sei - zu. Doch viele der alten Kampfgenossen folgten zwar nicht der RAF in den Terror, sagten sich jedoch auch nicht von der linken Ideologie los. Das hätte bedeutet, einen Teil des eigenen Lebens nachträglich als falsch oder gar als vergeudet abzuschreiben, und eine solche Demut vor dem Leben brachten nur wenige der selbstgerechten Linken auf. Aly verfolgt die weiteren Karrieren der alten Genossen durch staatliche Fördersysteme ("Staatsknete") und durch die verschiedenen Stufen mehr oder minder erfolgreicher Beamten- und sogar Politikerkarrieren. Das jahrelange Saugen der ehemaligen Revolutionäre gegen das "Schweine-System an den Zitzen eben dieses deutschen "Staatsschweines" kann Aly nur noch mit kalter Verachtung vermerken, jedoch erliegt er nicht der Versuchung, dem ehemaligen Straßenkämpfer und Außenmimister selbstgerechte Vorwürfe nachzurufen. Die knappe Erwähnung dieser Biografie reicht auch. Götz Aly hat ein sehr persönliches, engagiertes Buch geschrieben und dabei nicht an Herzblut gespart. Man spürt die verhaltene Wut über die Heuchelei und Selbstgerechtigkeit einer Generation, die Massenmörder wie Stalin und Mao verehrt hat, ihr System gepriesen hat und hier verwirklichen wollte, und dennoch auch Jahrzehnte danach nicht einmal den Mut hat, zu den damaligen Verirrungen zu stehen. Dass sie nicht mehr an die alten "Werte" glauben, betrachtet er nur als selbstverständlich, doch dass sie öffentlich leugnen - jetzt wohl bestallte Nutznießer des "Systems" - , jemals so gedacht zu haben, kann er nicht akzeptieren. Und so klopft er die Erinnerungen, Rückblicke oder gar "wissenschafrtlilchen Analysen" der damals Beteiligten auf deren eigenen Part ab - leider mit ernüchternden Erkenntnissen. Selbst nach vierzig Jahren sind diese Erinnerungen geschönt und lassen die Autoren maximal als jugendliche Idealisten mit ein wenig Überschwang erscheinen. Aly hält ihnen jedoch in seinem Buch die damaligen Reden, Flugblätter und revolutionstheoretischen Schriften wie einen Spiegel vor Augen und konfrontiert sie mit ihren eigenen Lügen und Auslassungen. Dass man sich mit diesem - wenn auch noch so ehrlichen - Renegatentum keine Freunde macht, versteht sich von selbst, doch bei dem "schlechteren Teil" der Menschheit hat Aly mit diesem Buch deutlich an Reputation gewonnen, nicht zuletzt wegen der Ehrlichkeit, mit der er sich selbst in die Kritik mit einbezieht. Ein umfangreicher Anhang mit Anmerkungen und Literaturhinweisen lädt Interessierte zu weiteren Recherchen über eine der spannendsten Perioden der jüngeren deutschen Geschichte nach 1945 ein und beweist, dass Aly diese Jahre nicht nur mit heißem Herzen sondern auch mit akribischer Genauigkeit aufgearbeitet hat. Das Buch "Unser Kampf - 1968" ist im Verlag S. Fischer unter der ISBN 978-3-10-000421-5 erschienen und kostet 19,90 €. Frank Raudszus |
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