Rolf Dobelli: "Fünfunddreißig"

                                                                    

Bericht über einen Crash in der Lebensmitte
 

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BuchumschlagDer Verweis auf das andere Buch des Autors führt in gewisser Weise in die Irre, denn eigentlich ist jenes die logische weil chronologische Fortsetzung des vorliegenden Romans. Dort ist Gehrer, ehemals Marketingchef einer Schweizer Softwarefirme, arbeitslos geworden, hier jedoch ist er fünf Jahre jünger und - noch - im Vollbesitz seiner Position wenn auch nicht seiner Sinne.

Gehrer erleidet in diesem Buch das, was man Männern üblicherweise erst Mitte bis Ende der Vierziger prophezeit: eine schwere Sinnkrise oder neudeutsch "midlife crisis". Die Tatsache, dass Dobelli seinen Helden so früh schon am Sinn des Lebens zweifeln lässt, wird manchen Mittdreißiger unter den Lesern entweder den Kopf schütteln oder frösteln lassen. Das Bild des erfolgreichen Mannes Mitte dreißig strotzt in unserer Gesellschaft normalerweise vor Ehrgeiz und Selbstvertrauen, ob nun zu Recht oder nicht. Doch sei's drum: der Autor hat sein Buch nun einmal "35" und nicht "45" betitelt, und die Gattung des Romans gibt dem Autor nun einmal die weitestgehenden Freiheiten.

Gehrer sitzt eines Geburtstages am verregneten Züricher See. Statt von einem vierwöchigen Crashkurs an der Harvard Business Scholl zwecks Karrieresprungs kommt er aus Indien, das er, nur mit einem Rucksack als Gepäck, drei Wochen lang mit verschiedenen vorsintflutlichen Zügen durchfahren und durchwandert hat. Mitten während des Management-Kurses hat ihn plötzlich die Abscheu vor der erschreckenden Eindimensionalität der dort verkündeten Theorien über Management, Marketing und Methoden gepackt und er ist Hals über Kopf ohne klares Ziel mit dem nächsten Flugzeug nach Indien geflohen. Firma und Ehefrau in Zürich hat er per Handy im Glauben gelassen, er studiere eifrig. Jetzt sitzt er an seinem 35. Geburtstag willen- und tatenlos am Ufer des Sees und lässt sein Leben Revue passieren. Er sieht seine stromlinienförmiges Karriere, die aus einer geraden Linie nach oben bestand, seine zunehmende Anpassung an die Erfordernisse des Berufslebens, seinen Verlust aller Spontaneität und Neugier, seine zur Routine erstarrte Ehe mit einer erfolgreichen Anwältin, seine Ablehnung von Kindern, da diese doch nur die persönliche Entfaltung behindern, und er erkennt auch, dass sein beruflicher Erfolg mittlerweile zur "self fulfilling prophecy" geworden ist, da der Erfolg ungefragt und ungeprüft zu denen kommt, die ihn in Form einer Karriere bereits haben. Sein Privatleben ist zunehmend von gesellschaftlich akzeptierten Ritualen geprägt, Freunde wählt man nur noch unter dem Aspekt der Nützlichkeit aus - auch weil man das von eben diesen so erfahren hat - und kulturelle Aktivitäten werden nur unter dem Aspekt ihrer beruflichen Verwertbarkeit betrieben.

Gehrer geht gnadenlos mit sich ins Gericht, schaut zurück in seine Studentenzeit, als er noch spontan ohne Ziel gereist ist, nur um des Reisens willen, während er heute entweder beruflich oder nur zur Entspannung und aus Hedonismus reist. Immer wieder Schweifen seine Gedanken ab zum See, den Schwänen darauf oder den Fischen darin, und er stellt sich irreale und irrationale Szenen vor, die alle gemeinsam haben, dass sie seine rationale Welt sprengen; er denkt zurück an Indien mit seinen unvorstellbaren sozialen  Gegensätzen, seiner weiten Landschaft und seltsamen Gebräuchen, und kommt doch immer wieder zurück zu seiner einsamen Bank im Regen am grauen Züricher See. Die Wirklichkeit lässt sich nicht abschütteln. Er stellt sich vor, wie die Mitarbeiter - wie verabredet - auf ihn warten, um auf seinen Geburtstag und sein Harvard-Diplom anzustoßen, wie seine Frau abends im Edelrestaurant seiner harrt und vergeblich versucht, ihn auf seinem bewusst abgestellten Handy zu erreichen. Doch er sitzt den ganzen Tag - er hat absichtlich die am Morgen gelandete Maschine aus Indien genommen, um sich alle Optionen offen zu halten - wie erstarrt am See und lässt alle Gelegenheiten aus, die Angelegenheit mit einigem Anstand und einem blauen Auge zu erledigen. Nach einer in Regen und Kälte durchwachten Nacht fällt er in eine Art Fieber und wacht erst in einem Krankenhausbett wieder auf. Finis.

Dobelli breitet in einem mitreißenden Strom die Gedanken eines sich in einer schweren psychischen Krise befindenden Mannes aus, die natürlich letztlich die des herrschenden Systems ist. Nicht die physische oder psychische Ausbeutung des Menschen steht dabei im Vordergrund, sondern gerade die Einengung auf eine sogenannte Professionalität, die mit nicht geringem Stolz alle üblichen menschlichen Regungen als Schwächen marginalisiert und stigmatisiert. Die damit einhergehende Isolation des erfolgreichen "homo oeconomicus" im Hamsterrad des Erfolgs wird dem Betroffenen nicht oder - wie in diesem Fall - mit einem Schlage bewusst. Die in seinen Augen völlige Sinnlosigkeit seiner gesamten Lebensplanung lässt ihn in eine Art Schockstarre fallen, der selbst der Dauerregen nichts anhaben kann. Obwohl er bisher im Leben alles "richtig" gemacht hat, ist Gehrer vernichtet, da er noch nicht einmal die Alternative zu diesem Leben kennt. Denn das Indien, das er auf seiner Reise gesehen hat, eignet sich nicht für einen neuen Lebensentwurf; aus dem Alter der selbstvergessenen Guru-Verehrung ist Gehrer endgültig heraus. Die verlorene Unschuld kann er nicht mehr zurückgewinnen, und weiterleben wie bisher kann er eigentlich auch nicht.

Dobelli erweist sich insofern als inkonsequent, als er laut Nachfolgebuch (siehe Link) seinen Protagonisten noch fünf Jahre lang in der bisherigen Position belässt - man hat ihm also offenbar seine Extravaganz von Harvard/Indien verziehen - und ihn erst dann aus ganz anderen Gründen in die Arbeitsklosigkeit schickt. Wer daher beide Bücher noch nicht kennt, sollte daher erst dieses Buch und dann das andere lesen.

Das Buch ist im Diogenes-Verlag unter der ISBN 978-3-257-23445-9 erschienen und kostet 7,90 €.

Frank Raudszus

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