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Andrew Keen: "Die Stunde
der Stümper" |
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Wie wir im Internet (angeblich) unsere Kultur zerstören |
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Unter
dem Begriff
"Philippika" findet man bei Wikipedia den
kurzen Text "Philippika (Femininum,
Plural Philippiken, leidenschaftliche Rede abgeleitet von griechisch
Φιλιππικά), bezeichnet eine Angriffs-, Brand-, oder Kampfrede. Der
Ausdruck Philippika geht auf Demosthenes zurück, der zum
Widerstand gegen König Philipp II. von Makedonien aufrief."
Ein Beitrag im Forum "wer-weiss-wass"
gibt darüber folgende Auskunft: "Philippiken
(lat. Philippicae orationes), drei heftige Reden des Demosthenes gegen
König Philipp von Mazedonien als den Feind der Freiheit
Griechenlands. Danach hießen auch Ciceros 14 Reden gegen Antonius
P.; daher Philippika sprichwörtlich soviel wie leidenschaftliche,
strafende Rede." Soweit die über Google aus dem Internet
eingeholten Auskünfte über einen nur scheinbar
willkürlich ausgewählten Begriff. Eine solche Philippika, die verschiedene Quellen im Web augenscheinlich widerspruchsfrei definieren, führt der Autor dieses Buches gegen die neuen nutzer-generierten Inhalte im Web 2.0. Wikipedia, Google und YouTube stehen dabei - neben vielen anderen Webseiten - im Mittelpunkt seiner Kritik. Seine Hauptvorwürfe gegen die Vertreter des Web 2.0 lassen sich in etwa wie folgt zusammenfassen:
Stöbert man in historischen Dokumenten, so stellt man fest, dass ähnliche Brandreden bereits bei Erfindung der Druckerpresse - sie nahm kopierenden Mönchen die Arbeit und erlaubte es, von der Kirche nicht autorisierte Schriften in größerer Zahl unters Volk zu bringen - sowie bei der Erfindung maschineller Druckereien im 19. Jahrhundert - auch hier nahmen plötzlich die Möglichkeiten der Schrifttumverbreitung sprunghaft zu - gehalten wurden, ähnlich dem Aufstand der Weber bei der Einführung der mechanischen Webstühle. Nun trifft Keen in vielen Dingen tatsächlich den Nagel auf den Kopf. Wer sich die Mühe macht, Seiten wie YouTube länger zu durchforsten, wird neben unterhaltsamen und informativen Beiträgen auf eine große Zahl von miserablen oder gar politisch und gesellschaftlich fragwürdigen Machwerken stoßen. Auch die heute so beliebten Blogs quellen oft geradezu über von Selbstdarstellung und -entblößung und bieten keinen nachhaltigen Wert für die Leser. Doch abgesehen von der Tatsache, dass niemand sich diesen Schund anschauen muss, sind solche Pänomene nicht erst mit dem Internet entstanden. Wir kennen sie sowohl von der Presse - "BILD" lässt grüßen - als auch vom Dauerthema (Privat-)Fernsehen. Keen stellt in seiner Brandrede gerne den journalistisch chaotischen Zustand des Webs dem seriösen Auftritt der herkömmlichen Presse gegenüber. So empört er sich - wenn auch zwischen den Zeilen - darüber, dass in Wikipedia jeder "mit opponierbaren Daumen und Grundschulbildung einfach alles über jedes Thema...veröffentlichen darf", auch wenn er nicht "über ein Redaktionsteam noch über Erfahrung ... verfügt". Keen unterstellt damit zumindest implizit allen - übrigens ehrenamtlichen - Mitarbeitern von Wikipedia generelle Inkompetenz, die er umgekehrt Organisationen wie CNN und BBC und natürlich der Presse nahezu unbesehen und pauschal zugesteht. Auf die Idee, dass der größte Teil der Wikipedia-Beiträge von Fachleuten verfasst ist, scheint er nicht zu kommen; stattdessen breitet er geradezu genüsslich unbestrittene und mehr oder minder spektakuläre Falscheinträge in Wikipedia aus. Schon einmal von Kujau und den Hitler-Tagebüchern im "Stern" gehört? Wer sich der Wikipedia-Seite zwecks Information bedient, wird feststellen, dass der überwiegende Teil der Einträge von Sachkenntnis und Sorgfalt geprägt ist. Die Möglichkeit für jeden Besucher von Wikipedia, Beiträge zu überarbeiten, betrachtet Keen in erster Linie als Freibrief für - teilweise sogar böswillige - Verfälschungen; die Idee, dass die weitgehend unbeschränkte Korrekturmöglichkeit letztlich zu einer sachlich korrekten Darstellung des jeweiligen Sachverhalts führt, scheint ihm gar nicht erst zu kommen. Eines seiner wichtigsten Argumentation ist der Verlust der Arbeitsplätze bei seriösen Verlagen durch das Internet. Wenn eine gedruckte Enzyklopädie wegen mangelnder Attraktivität an Käufern verliert, ist das Internet im Sinne einer moralischen Verfehlung "schuld" daran. Die Frage, welchen Wertbeitrag die physische Herstellung und Verbreitung des gedruckten Wortes heute noch leisten, stellt er sich erst gar nicht. Für ihn sind auch Druck und Vertrieb von Nachschlagewerken unverzichtbare kulturelle Leistungen, während die direkte weil elektronische Vermittlung von Autor zu Nutzer von vornherein gefährlich weil anarchisch ist und herkömmliche Arbeitsplätze vernichtet. Womit wir wieder bei den mechanischen Webstühlen des 19. Jahrhunderts sind. Technologische Innovationen, die alte Berufsbilder gefährden oder gar obsolet machen, müssten verboten werden! Nun ist das Arbeitsplatzargument sicherlich nicht trivial und muss mittelfristig auch zu neuen Formen der bezahlten Arbeit führen. Deshalb aber an alten Methoden der Wissensverbreitung festzuhalten, ist keine Alternative. Natürlich greift Keen auch den illegalen Musiktransfer und die geschäftlichen Einbußen der Musikverlage auf. Doch dabei erhebt er das sicherlich weitgehend gerechtfertigte und von den "Downloadern" sträflich missachtete Urheberrecht auf den Sockel der Unantastbarkeit, und wiederum rechtfertigt er den physichen Vertriebsapparat - Platten- und CD-Läden - als unverzichtbaren Bestandteil unserer Kultur. Warum ein elektronisch vermittelbares Kunstwerk erst über ein physisches Medium und einen aufwändigen Vertriebsapparat verteilt werden muss, diskutiert er gar nicht erst, sondern wirft wieder die Arbeitsplätze in den Musikläden mit dem verletzten Urheberrecht in einen Topf. Selbst die 99 Cents für einen Song bei iTunes hält er für unanständig und trauert der guten alten LP für 20 Dollar nach. Dass einige Visionäre das herkömmliche Urheberrecht hinterfragen und künstlerische Erzeugnisse - im Sinne von "Open Source" - als beliebig verwertbares Material für weitere Bearbeitung betrachten, kann man mit Fug und Recht als fragwürdig betrachten, sollte es jedoch diskutieren anstatt es zu skandalisieren. Das Abwandern der Werbung ins Internet hält Keen allein schon wegen der "Vermüllung" des Internets für schädlich, während er die Werbung in klassischen Zeitungen für ein gerechtfertigtes und nicht zu hinterfragendes Mittel hält, die Redaktionen zu bezahlen. Nicht, dass wir die Werbung in Zeitungen verurteilen, doch sollte man nicht mit zweierlei Maß messen. Keen verfolgt in seinen Ausführungen zumindest unbewusst einen elitären Ansatz, der "per definitionem" jedem Vertreter der alten Medien einen hohen Grad von Kompetenz zuerkennt, den Nutzern des Internets jedoch generell Inkompetenz und sogar bewusste Verfälschung unterstellt. Diesen Kompetenzkern gilt es vor der wirtschaftlichen Konkurrenz des Internets zu schützen. Dass auch die Vertreter der alten Medien - wie er selbst! - zu intensiven aktiven und passiven Nutzern des Internets gehören - bekannte Kulumnisten betätigen sich als Blogger! -, scheint er dabei vergessen zu haben. Natürlich zeichnet sich das Internet durch eine Reihe gravierender Missstände aus, unter anderm in Gestalt der Möglichkeit der Anonymität. Die internationale Gemeinde wird hier auch tätig werden müssen - oder ist es schon -, um auffällige Mitglieder der Webgemeinde zu entlarven und im Fall von Gesetzesbrüchen zur Rechenschaft zu ziehen. Beim Online-Handel tut man dies bereits und bei schwerwiegender Desinformation, Verleumdung und Mobbing wird dies sicherleich auch in absehbarer Zeit erfolgen. Keen jedoch skandalisiert auch diesen Tatbestand und spielt vor allem mit dem Empörungspotential über sexuelle Belästigung im Internet. Das ist sicher ein Problem, das dringend gelöst werden muss, gewinnt bei ihm jedoch den Charakter eines bewusst gewählten Verstärkers für seine Totalkritik. Keen geht Stück für Stück die verschiedenen Bereiche des Internets durch, führt Spammer und Abzocker vor, stellt die von manchen Internet-Euphorikern hoch gejubelte "Weisheit der Vielen" in Frage, geht auf Online-Sucht und Glücksspiel im Internet ein und warnt uns am Schluss vor der "ultimativen Suchmaschine", die aus den Anfragen der Nutzer vollständige Nutzerprofile entwickelt und vermarktet. Jeder dieser Problembereiche verdient tatsächlich Aufmerksamkeit und benötigt vor allem eine Lösung, Keen jedoch arbeitet mit dem Skandaleffekt und der impulsiven Empörung, die sich gegen die Zumutungen der technologischen Entwicklung richtet. Statt zu analysieren, wendet er sich an die schlummernden Ressentiments derer, die "schon immer dagegen waren". Wenn er schließlich zu dem Kapitel "Lösungen" kommt, steht er mit leeren Händen da. Zwar erwähnt er Konkurrenzprodukte zu Wikipedia wie "Citizendium", das ausschließlich von dafür - selbst - autorisierten Experten betrieben wird, zeigt aber keinen Weg für ein weiteres Vorgehen. Wenn sich die zentral und autoritativ - wir wollen nicht das Wort autoritär benutzen - gesteuerten Webanwendungen gegen die derzeitigen "demokratisch" genannten Sites wie Wikipedia durchsetzen könnten, hätten sie es sicherlich schon getan. Wahrscheinlich werden sie neben Wikipedia ein Schattendasein führen. Ähnliches würde wohl für Musik-Sites gelten, die virtuelle Alben oder LPs (mit ihren minderwertigen "B-Seiten") zu Preisen der guten alten Zeit statt einzelne Songs für 99 Cents anbieten. Die logische Folgerung aus dieser Situation ist dann die Forderung nach dem Staat, der nutzergenerierte Inhalte schlichtweg verbieten, jede Website durch ein staatliches Gremium "abnehmen" und überwachen lassen und schließlich sogar noch das Ausweichen in die E-Mail durch entsprechende Inhaltskontrolle verhindern soll. Und das alles zum Wohle der als Kultur definierten etablierten Kulturindustrien. Keen ist zugute zu halten, dass er eine Menge von Problemen im Kontext des Internets aufgreift und offen darlegt. Seine Schlussfolgerungen sind jedoch überwiegend emotional gefärbt und rückwärtsgewandt und leisten diffusen Ressentiments und einer latenten Technophobie Vorschub, statt einer sachlichen und rationalen Diskussion den Weg zu ebnen. Hoffen wir, dass andere den Faden aufnehmen und ihn gründlicher weiterspinnen. Das Buch ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 978-3-446-41566-9 erschienen und kostet 19,90 €. Frank Raudszus |
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