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Norbert Gstrein: "Die Winter im Süden" |
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Ein historischer Spagat über fünfzig Jahre |
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Weitere Bücher dieses Autors: Selbstportrait mit einer Toten
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Das
Dritte Reich und
die tiefen (un)menschlichen Einschnitte dieser Epoche in das
historische Bewusstsein bewegen viele Autoren auch sechzig Jahre nach
dem Untergang der faschistischen Regimes noch und bilden einen
wesentlichen Hintergrund ihrer literarischen Werke. Dabei ergibt sich
jedoch zunehmend ein Zeitproblem: will man nicht einen rein
historischen Roman schreiben sondern das damalige Geschehen mit der
heutigen Zeit verknüpfen, so bietet sich zwar jederzeit die
Möglichkeit, die Nachfahren von Opfern und Tätern in
Familienarchiven suchen und fündig werden zu lassen, aber diese
Variante marginalisiert
den aktuellen Zeitbezug. Bezieht man jedoch die Tätergeneration -
und damit auch die Opfer - in das aktuelle Geschehen ein, hat man es
zwangsläufig mit vergreisten Protagonisten zu tun, die sich
schwerlich für Anklagen oder gar eine spannende, Schuld zuweisende
und entlarvende Handlung eignen. Wer 1945 in verantwortlicher Stellung
Verbrechen begangen hat, muss damals mindestens fünfundzwanzig
Jahre alt gewesen sein und wäre heute an die neunzig! Wie bindet
man einen Neuzigjährigen glaubwürdig als Täter - Opfer
sind in einem solchen Kontext literarisch weniger interessant -
in einen "Entlarvungsroman" ein? Norbert Gstrein, der sich schon in seinem Buch über das Handwerk des Tötens mit der Unmenschlichkeit des (Bürger-)Krieges befasst hat, hat sich in seinem aktuellen Roman für einen Kompromiss entschieden: sein Protagonist hat sich als junger Mann von etwa 25 am Ende des Krieges nach aktiver Teilnahme an der Partisanenbekämpfung - natürlich auf deutscher Seite - in Kroation aus naheliegenden Gründen nach Argentinien abgesetzt und dort von der Vertreibung der Kommunisten aus seinem Heimatland geträumt. Anfang der neunziger Jahre kehrt er als Siebzigjähriger zurück, um den aufflackernden Kampf um Kroatiens Selbständigkeit aktiv zu unterstützen. Mangels Geld und Interesse seitens der dortigen Kämpfer ist er jedoch zum Zuschauen verurteilt und wird am Ende von einer jungen Frau erschossen. Hinrichtung statt Kampf! Gstrein geht es jedoch nicht um die Art und den Umfang alter Greueltaten sondern eher um die Befindlichkeit der Beteiligten zu Beginn der neunziger Jahre - wie gesagt, die aktuelle Zeit kommt wegen der erwähnten Gründe nicht in Frage. Dazu führt er gleich zu Beginn die Tochter des alten Kämpfers ein, die damals als kleines Mädchen mit ihrer Mutter in Wien auf dessen Rückkehr gewartet hat, aber nie wieder etwas von ihm gehört hat. Ohne von der Rückkehr ihres vermeintlich toten Vaters etwas zu ahnen, kehrt sie zu Beginn der Unruhen ebenfalls nach Zagreb zurück, um sich ein Bild von dem zu erwartenden Umbruch zu machen und um sich eine Auszeit von ihrem selbstgefälligen Ehemann zu nehmen. Dieser war einst radikaler Linker, hat sich jedoch im Laufe der Jahre zum etablierten und hofierten Journalisten entwickelt, der gern auch unter Pseudonym vom Standpunkt der Gegenseite schreibt, frei nach dem Motto "für eine gute Fomulierung tue ich alles". In Zagreb stoßen dann Vater und Tochter aufeinander, jedoch nie persönlich, sondern nur über die Lektüre von Zeitungsartikeln. Da beide sich gegenseitig für tot gehalten haben, vermeiden sie ein direktes Zusammentreffen. Bei der mittlerweile fünfzigjährigen Frau spielen auch die Verletzungen eines verlassenen Kindes eine wesentliche Rolle. So streifen Vater wie Tochter wie verloren durch ein Land, das einmal ihre Heimat darstellte, zu dem sie aber in der aktuellen Lage keinen Bezug mehr finden. Die Frau geht zwar eine Beziehung zu einem jüngeren Soldaten ein, doch diese "amour fou" entspringt dem momentanen Gefühl der Verlorenheit und hat keine Zukunft. Ein eher loser Kontakt zu drei älteren Herren führt sie ebenfalls nicht in das Zentrum des aktuellen Kroatiens sondern lässt sie ebenfalls als ziellose Beobachterin zurück. So verlässt sie denn folgerichtig nach einer Zeit verzagter Unentschiedenheit das ihr fremde Land und kehrt in jeder Hinsicht ernüchtert zu ihrem Mann zurück, dessen widersprüchliche Konturen sie aus dem Abstand der freiwilligen Klausur um so schärfer sieht. Als weitere zentrale Figur führt der Autor den persönlichen Leibwächter und Sekretär des emigrierten Kämpfers ein, den dieser nur den "Alten" nennt. Ludwig ist geschiedener Vater einer kleinen Tochter und hat den Polizeidienst quittiert, nachdem seine Kollegin und Geliebte bei einem Einsatz ums Leben gekommen ist. Seitdem lebt er von Gelegenheitstätigkeiten im Sicherheitsbereich und ist schließlich im Bedürfnis, eine möglichst große Distanz zwischen sein altes und neues Leben zu legen, in Buenos Aires bei dem "Alten" gelandet. Dort beschränkt sich seine Tätigkeit bald darauf, den nostalgischen Kampferinnerungen seines Arbeitgebers und dessen ebenso faschistischen Kampfgenossen und Paters zuzuhören, die beiden kleinen Töchter und die junge Frau des Alten in Buenos Aires herumzufahren und schließlich auch andere Aufgaben bei letzterer wahrzunehmen. In einer seltsam trägen Erwartung verharrt die ganze Familie, wobei der Alte und sein zwielichtiger klerikaler Kumpan gespannt die Nachrichten aus dem zerfallenden Jugoslawien verfolgen und eines nicht zu fernen Tages des Eingreifens harren. Als dieser dann endlich mit der Reise nach Europa kommt, geschieht - nichts. Um Vergangenheit und Ende des Alten legt Gstrein einen geradezu enigmatischen Schleier. Bis zum Schluss erfährt man nicht, was eigentlich in den letzten Monaten des Krieges geschehen ist und in welcher Form der Alte daran beteiligt war. Doch seine Andeutungen über "Standhaftigkeit" und "Feigheit" lassen eindeutige Grausamkeiten erahnen. Als er eine Historikerin der Universität zur Sichtung seiner Unterlagen aus dem Krieg hinzuzieht, beschreibt der Autor aus der Sicht Ludwigs deren Arbeitskleidung fast wie die eines Metzgers, der in Blut watet, was auf den Inhalt der Aufzeichnungen schließen lässt. Als die junge Tochter der Historikerin den Alten im Hotel besucht, verweisen alle äußeren Anzeichen dieses Besuches auf die Dienstleistungen einer Prostituierten, doch beim zweiten Blick wird klar, dass es um eine andere, wesentlich tiefer gehende Beziehung geht, die das junge Mädchen in einer Art Schockstarre verharren lässt und schließlich dazu führt, dass sie mit einer Pistole zum finalen Treffen wiederkommt. Der Schlüssel zu dem Besuch und der Hinrichtung liegt in den Unterlagen, die ihre Mutter gesichtet hat, und der Alte hat diesen Einblick und die Folgen offensichtlich beabsichtigt. In diesen Szenen liegt so etwas wie eine ungesühnte Schuld, die der Alte nicht öffentlich eingestehen sondern nur am Orte des Geschehens ausgewählten Personen offenlegen und dann mit seinem Leben sühnen kann. Seine Reden über die endgültige Befreiuung seiner Heimat vom Joch des Kommunismus sind nur ein Vorwand für die Rückkehr und die Einlösung der Schuld. Die Einbeziehung der jungen Frau gilt seiner Schuld gegenüber seiner eigenen Familie, die er stets als in den Kriegswirren umgekommen verleugnet hat. Obwohl er in Kroatien mit der Existenz seiner eigenen Tochter konfrontiert wird, verweigert er - aus Angst? - ein persönliches Treffen, lässt ihr aber über Ludwig halbherzige Zeichen seiner Anwesenheit zukommen. Man kann diese Verweigerung durchaus so verstehen, dass er sie nicht mit seiner Vergangenheit konfrontieren und belasten will, die Tochter jedoch noch einmal in dem jungen Mädchen wiedersehen will. "Der Rest ist Schweigen". Ludwig spielt von Anfang bis Ende nur die Rolle des Beobachters und wird damit zum "alter ego" nicht nur des Autors sondern des Schriftstellers überhaupt. Gstrein zeigt an seiner Person die Probleme des Schriftstellers (und Journalisten!), der einerseits die Rolle des sich nie einmischenden Beobachters zu seinem Paradigma erhoben hat, andererseits aber unter eben dieser Nichteinmischung leidet und sie als eine eigene Schuld begreift. Nicht umsonst bezahlt Ludwig seine Rolle mit dem Verlust sämtlicher persönlichen Bindungen und irrt in einer gewissen Haltlosigkeit fremdgesteuert von einem Ereignis zum nächsten. Den Alten hat er schon bald durchschaut und ahnt seine schuldbeladene Vergangenheit, zieht jedoch daraus für sich keine Konsequenten; die Verunsicherung und Zerrissenheit der Tochter des Alten erkennt er ebenfalls, beschränkt sich ihr jedoch auf die angeordnete Überwachung; dem dubiosen und eindeutig antisemitischen Pater widerspricht er nur halbherzig und mit der Ehefrau des Alten kommt es nicht zu mehr als einer Reihe von "one-night-stands". Den seltsamen Auftritt des jungen Mädchens mit der unmissverständlichen Ankündigung eines Mordes schließlich nimmt er nur zur Kenntnis. Wenn man es genau nimmt, entspricht das weitgehend der Rolle des Kriegsberichterstatters, der Gstrein ja auch einmal war. Die Passagen in Argentinien wirken hinsichtlich der eigentlichen Handlung des Romans ein wenig langatmig, fast wie ein in die Länge gezogenes Vorspiel. Allein der Ort und die Herkunft der Hauptperson sagen genug über die Konstellation aus; die überdetallierten Beschreibungen des Alltags und der diversen Lokalitäten in Buenos Aires sind wohl letztlich nur dem Wunsch zuzuschreiben, eigene Kenntnisse des Landes und Erinnerungen an einen Aufenthalt dort unterzubrigen. Das ist durchaus legitim, mindert jedoch ein wenig die zentrale Aussage des Buches, das ansonsten durchaus spannend und mit einigem psychologischen Gespür für Menschen und deren Beziehungen untereinander geschrieben ist. Der Roman "Die WInter im Süden" ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 978-3-446-23048-4 erschienen und kostet 19,90 €. Frank Raudszus |
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