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Monaldi & Sorti: "Die
Zweifel des Salaì" |
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Die Entlarvung geschichtlicher Fälschungen in Romanform |
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Geschichtsklitterungen
und -verfälschungen waren und sind in autokratischen und
totalitären Systemen immer schon ein beliebtes Mittel gewesen, die
Größe und Bestimmung der herrschenden Schicht aus der
Vergangenheit zwingend abzuleiten und - vor allem - eigene Fehler und
Schwächen verschwinden zu lassen. In den mehr oder minder
demokratischen westlichen Ländern nahmen und nehmen wir dagegen
an, dass sich im Laufe der Jahrhunderte die Tatsachen im Dialog der
Experten und der Öffentlichkeit durchgesetzt haben, soweit sie
sich nachprüfen lassen. Doch weit gefehlt: wie dieses Buch mehr
als deutlich zeigt, blüht die "Kunst" der historischen Lüge
auch heute noch unvermindert und vor allem in wissenschaftlichen
Kreisen.Worum geht es in diesem Buch? Vordergründig um Leonardi da Vinci und seinen Adoptivsohn Salaì - ein Spitzname, der soviel wie "Saladin" bedeutet. Etwa um 1501 unternehmen die beiden Florentiner eine Reise nach Rom, wo Leonardo die üblen Gerüchte über den spanischen Papstes Alexander VI. - Rodrigue Borgia - aufklären soll. Von dieser Reise schickt der etwa zwanzigjährige Salaì fast täglich Briefe an einen unbekannten Auftraggeber in Florenz - erst spät fällt dessen Name - mit detaillierten Berichten über ihre Erlebnisse und Aktivitäten. Die beiden Autoren, die Altphilologin Rita Monaldi und der Musikwissenschaftler Franceso Sorti, berichten im Vorwort von der sensationellen Entdeckung dieser Briefe in einem Mailänder Altersheim und implizieren damit deren dokumentarische Echtheit. Nur die Einordnung des Buchs als Roman lässt auf eine Fiktion schließen, die diese angebliche Auffindung als legitimen literarischen Kniff nutzt. Das Wichtigste an diesem Buch ist jedoch der über achtzig Seiten umfassende "Apolog" (Laut Wikipedia "Die Moral von der Geschicht..."), eine ernsthafte historische Aufarbeitung der vorangegangenen Handlung. Wer sich diesen Anhang erspart, vielleicht sogar aus einer gewissen Ungläubigkeit gegenüber dem Inhalt der Briefe, begeht einen schweren Fehler. Die fiktiven Briefe des Salaì kreisen um drei wesentliche Themen: Erst einmal geht es um Leonardo selbst, der nach allgemeiner Auffassung den Platz eines nicht hinterfragbaren Genies einnimmt. In Salaìs Briefen erscheint er jedoch zunehmend als ein zerstreuter, unpraktischer und vor allem illoyaler Zeitgenosse, der seine Dienste allen anbietet, auch den Feinden seiner Heimatstadt Florenz. Außerdem borgt der ewig an Geldnöten Leidende sich von seinem eigenen Adoptivsohn ständig Geld, das dieser ihm postwendend des Nachts wieder entwendet. Die Autoren lassen Salaì als hellwachen, wenn auch nicht gerade sehr gebildeten jungen Mann erscheinen, den die Frauen wegen seines guten Aussehens anhimmeln und der von diesen Angeboten reichlich Gebrauch macht. Salaìs' grammatisches und stilistisches Können ist zwar sehr überschaubar, doch er hat einen sehr klaren Blick für die praktischen Seiten des Lebens und durchschaut intuitiv Fallen und Scharlatane. Er erkennt auch Leonardos massive Schwächen - er kennt sich weder im Lateinischen noch auf politischem Gebiet aus und ist vor allem entsetzlich ängstlich bis hin zur nackten Feigheit - und löst für ihn die auftretenden Probleme, weil sein eigenes Schicksal an Leonardos hängt. Bisweilen erscheinen Salaìs Einsichten und Rettungsaktionen ein wenig unrealistisch - Bonsai Bond -, doch sie sorgen auf jeden Fall für Spannung und Unterhaltung. Der zweite Themenkreis dreht sich um den berüchtigten Borgia-Papst Alexander VI., der wohl nach herrschender Meinung kein Laster und kein Verbrechen ausgelassen hat. In Salaìs Briefen kommt er selbst nicht vor, da die beiden den Papst - natürlich - nicht persönlich treffen. Doch mit zunehmender Dauer ihres Aufenthalts in Rom erkennen die beiden - vor allem Salaì -, dass seltsame Kreise hinter den üblen Geschichten über den Papst stecken, bei denen vor allem Deutsche aus Straßburg eine Rolle spielen. Beim heimlichen Belauschen dieser Geheimbünde vernimmt Salaì wüste Beschimpfungen des Papstes und deutliche Anzeichen auf gezielte Desinformationskampagnen. Doch seine mangelhafte bzw. nicht vorhandene klerikale Ausbildung lässt ihn nicht alles auf Anhieb erkennen. Seine unstillbare Neugier und schnelle Auffassungsgabe lässt ihn aber zu all diesen Themen bei verschiedenen Vertretern von Staat und Kirche nachfragen und die einzelnen Stücke eines großen Puzzles zusammentragen. Am Ende des Aufenthalts, bevor sie Hals über Kopf vor ihren vielen Gläubigern nach Florenz fliehen, können die beiden nach mancherlei gefährlicher Situation ihrem Auftraggeber mitteilen, dass die Deutschen bewusst die Gerüchte verbreiten, um in Deutschland eine eigene Gegenkirche aufzubauen. Der Zeremonienmeister des Papstes selbst, eigentlich diesem zu Loyalität verpflichtet, stammt offensichtlich aus den Kreisen der deutschen Verschwörer und trägt selbst zu der üblen Nachrede bei. Das dritte Thema hängt mit dem zweiten eng zusammen. Im Rahmen von Salaìs Nachforschungen, die eigentlich Leonardos sein sollten, stößt Salaì des Öfteren auf die "Germania" von Tacitus. Dieses Werk gilt als die maßgebliche Abhandlung über die frühen Deutschen und gesteht ihnen - erstaunlicherweise - ausgeprägte Reinrassigkeit, Unverfälschtheit, Sittenstrenge und Durchsetzungsfähigkeit zu. Salaì nun stößt per Zufall auf dieses ihm bis dahin unbekannte Buch, blättert darin und amüsiert sich köstlich über die Klischeevorstellungen und Unwahrscheinlichkeiten. An dieser Stelle überziehen die beiden Autoren ein wenig, wenn sie einem unbelesenen Zwanzigjährigen beim schnellen Durchblättern eines anspruchsvollen Geschichtswerkes, und das noch unter hohem Stress der Begleitumstände, eine literarisch-historische Analyse zutrauen, die viele Experten nur über Jahrhunderte und das auch nur in Bruchstücken - oder überhaupt nicht! - geschafft haben. Aber dies sei Ihnen im Sinne einer dichterischen Freiheit zugestanden, schließlich mussten sie doch die Botschaft über Tacitus' "Germania" in irgendeiner Weise in die Handlung einflechten. Schaut man sich diese drei Themenkreise an, so stellt man fest, dass der Roman in jedem der Fälle an vermeintlich gesicherten Erkenntnissen rüttelt, und das auch noch in Form eines wenig seriösen Schelmenromans. Man könnte sich jetzt die Frage stellen, was die Autoren zu diesen "Denkmalsschändungen" bzw. "fragwürdigen Rehabilitierungen" trieb. Sind sie fundamentalistische Katholiken, die keinen Fleck auf der weißen Weste der Päpste dulden und daher die Geschichte in ihrem Roman umdrehen? Hassen sie Genies wie Leonardo, weil sie selbst keine sind? Wollen sie die Ausführungen von Tacitus über die Frühzeit der Deutschen denunzieren, weil sie die Deutschen nicht mögen? Diese Fragen gehen dem sich in einer stabilen historischenh Erkenntniswelt wähnenden Leser tatsächlich durch den Kopf, wenn er den letzten Brief gelesen hat, den Salaì angeblich auf einem Bauernkarren während der Fahrt nach Florenz - übrigens an Niccolò Machiavelli - geschrieben hat. Die Antwort folgt dann im anschließenden "Apolog" sozusagen auf dem Fuß, und jetzt ziehen die Autoren erst richtig vom Leder. Was vorher eine bloße literarische Behauptung im Rahmen einer fiktiven Handlung war, mutiert jetzt zur weitgehend dokumentierten Realität. Die Autoren haben sich nach eigenen Aussagen durch nahezu zweitausend Bücher zu den erwähnten Themen gekämpft, haben Kleinigkeiten wie Entfernungen in und zwischen Städten sowie bestimmte Örtlichkeiten geklärt - wegen der Glaubwürdigkeit -, sind aber auch den großen historischen Fragen nachgegangen und haben dazu alles verfügbare Schriftgut analysiert. Dabei haben sie - unter anderem - festgestellt und nachgewiesen, dass
Ähnliches gilt für Leonardo da Vinci. Die einschlägige Literatur bestätigt nicht nur, dass er sich ständig in Geldnot befand und daher jedem Interessierten seine Dienste anbot, sondern auch, dass seine technischen Erfindungen nicht funktionieren konnten. Letzteres ist an sich nicht weiter erwähnenswert - wer erwartet schon von einem Renaissancekünstler die einwandfreie Konstruktion von Fluzeugen? -, die Herkunft seines Wissens jedoch schon eher. So ist heute bekannt, dass bereits die alten Griechen über einen hohen technologischen Kenntnisstand bis hin zur Dampfmaschine und Überlegungen zu fliegenden Geräten verfügten. Mit dem Untergang Roms gingen jedoch Wissen und Dokumente verloren. Erst die italienische Renaissance stieß wieder auf die alten Dokumente und Leonardo zeigte besonderes Interesse für sie. Doch sein fehlender historischer Bildungshintergrund - schließlich war man gerade erst dem dunklen Mittelalter entronnen - machte es ihm unmöglich, die antiken Technologien wirklich zu verstehen. Und so wurstelte er zwangsläufig an der Peripherie alter Erkenntnisse herum und "verkaufte" seine technischen Zeichnungen als eigene Erfindungen. Im Fall Tacitus belegen die Autoren ihre Behauptung, es handle sich um eine Fälschung, einerseits mit inhärenten Argumenten - Inkonsistenzen und Unwahrscheinlichkeiten - andererseits mit einer Vielzahl von historischen Dokumenten, die alle darauf hindeuten, dass die "Germania" von der oben erwähnten kirchlichen Gegenbewegung in Deutschland mit dem Zweck hergestellt wurde, den Deutschen eine lange, ruhmvolle und ethisch unanfechtbare Vergangenheit zu erschaffen. Die deutsche Romantik mit ihrem neu erwachenden Nationalismus nahm dieses Geschenk dankbar an, und der Nationalsozialismus baute darauf sein germanisches Helden- und Rassenbild auf. Schlimmer noch, viele der im Dritten Reich - eifrig - tätigen "Germanen"-Historiker setzten ihre Tätigkeit nach dem Krieg unbekümmert und ungehindert unter der Flagge des seriösen, demokratisch gesinnten Historikers fort und sorgten als Seilschaft dafür, dass ihre Kanonisierung der "Germania" nicht angetastet wurde. Bis in das neue Jahrhundert hinein gelten in historischen Expertenkreisen Papst Alexander VI. weiterhin als Monster und Tacitus' "Germania" weiterhin als unantastbares Werk über die Frühgeschichte der Deutschen. Monaldi & Sorti hatten diese Erkenntnis zu Beginn ihrer Nachforschungen noch nicht einmal in Ansätzen für möglich gehalten, sahen sich jedoch schließlich mit einem hermetisch abgeriegelten, sich selbst erhaltenden Lügengebäude konfrontiert. Ihre Hoffnung besteht - nach der Boykottierung ihrer Bücher in Italien! - in ausländischen Verlagen und im Internet. Es ist zu hoffen, dass vor allem letzteres maßgeblich zu einer neuen Aufklärung beiträgt. Dem Kindler-Verlag (Teil der Rowohlt-Gruppe) ist jedenfalls dafür zu danken, ein solch brisantes Werk herausgegeben zu haben. Das Buch umfasst 506 Seiten, ist im Kindler-Verlag erschienen und kostet 19,90 €. Frank Raudszus |
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