![]() |
Roger Willemsen: „Der
Knacks“ |
![]() |
Eine essaistische Gedankensammlung über die Brüche von Lebensläufen |
|
Ähnliche
Bücher
zum Vergleich:
Ihre Meinung über E-Mail hier |
An
einer
zentralen Stelle dieses Buches bezeichnet der Autor den Stil
eines Textes als die Widerspiegelung der Defekte seines Verfassers.
Eine satirische Rezension könnte diese Bemerkung aufnehmen und
gegen ihren Gegenstand – und damit den Autor – wenden. Bei allen
geistreichen Bonmots, die ein solches Verfahren ermöglicht, lohnt
es sich jedoch nur einem Autor gegenüber, der sich selbst
außerhalb – das heißt oberhalb - dieses
Bewertungsmaßstabs dünkt. Roger Willemsen jedoch lässt
in seinem Text deutlich durchschimmern, dass er sich selbst seinem
Verdikt unterwirft, und das ohne jede kokette Selbstironie. Die
bewusste Bemerkung fällt in seinen Ausführungen über den
„Knacks“ in der Kunst, und wenn er über diesen elementaren Bereich
menschlicher (Selbst-)Erfahrung nachdenkt, so ist bei einem studierten
Philosophen des letzten halben Jahrhunderts die Berufung auf Adorno
fast schon obligatorisch. Wenn man sich dann einige der Sätze
Roger Willemsens mehr oder weniger genüsslich einzuverleiben
versucht, so ist sein lakonischer Nachsatz „auch wolkig“ zu einem
typischen Adorno-Zitat fast schon ungewollt(?) selbstironisch zu
verstehen. Denn Willemsen kann wie sein – zugegebenermaßen nicht
über Gebühr strapazierter - Zitatengeber recht enigmatisch,
um nicht zu sagen „wolkig“ formulieren.Der „Knacks“ ist für Willemsen die Diskontinuität des intendierten Lebens. Er zeichnet sich gerade nicht durch einen spektakulären, katastrophischen Charakter aus, sondern schleicht sich langsam ins Leben ein, induziert durch die Menge kleiner und größerer Enttäuschungen und den „Zahn der Zeit“, der an jedem noch so fest erscheinenden Lebensgerüst nagt. Willemsen legt seine Gedankensammlung chronologisch an, beginnt mit dem Tod des eigenen Vaters – der erste „Knacks“ im Leben des Kindes –, und endet mit dem Tod als dem unabänderlichen Ziel allen Lebens, auf diese Weise den Themenkreis schließend. Zwischen diesen beiden Erfahrungen der fremden und eigenen Vergänglichkeit geht er durch die verschiedenen Stadien der individuellen Entwicklung, vom „Kinderleben“ über das „Erwachen“ des jungen Menschen, zu den „Sprüngen“ im Leben und den „gebrochenen Helden“. In jeder dieser Lebensphasen identifiziert er spezielle Arten des Knackses, sei es die pubertäre Erfahrung elterlicher Fehlbarkeit, sei es die plötzliche Erkenntnis, keine großen Taten mehr vollbringen zu können. Willemsen unterscheidet jedoch den Knacks deutlich vom Trauma. Jenes ist einem einschneidenden Erlebnis in der Vergangenheit zuzuschreiben, dieser entsteht aus der Erkenntnis einer stetig sich verkürzenden Zukunft. Das Trauma ist für Willemsen eine Narbe, der Knacks eine sich langsam aber unaufhaltsam bildende Falte. Dieser Begriff der Falte führt denn auch fast zwangsläufig auf das Alter als einen, wenn nicht den Urheber des Knackses. Das bekannte Zitat, Alter und Verfall begännen schon mit der Geburt, erweitert er zu der komprimierten Erkenntnis „Denken ist Sterben“. Tod und Selbsttötung – er vermeidet bewusst den Begriff „Selbstmord“ - finden bei Willemsen eine breite Darstellung. Die tödliche Krankheit kommt bei Willemsen nicht als Schicksal oder gar göttliche Fügung, sondern als etwas, das den Menschen in existenziellem Ausmaß auf sich selbst zurückwirft. Die Erkenntnis des bevorstehenden eigenen Todes weckt völlig neue Gedanken und Lebenseinstellungen und hebt den Sterbenden aus dem Kreis der (Über-)Lebenden hinaus. Willemsen kann diese Erkenntnis – glücklicherweise – nicht aus eigener Erfahrung sondern nur aus dem Miterleben eines befreundeten Sterbens gewinnen, geht aber der Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit soweit wie irgend möglich auf den Grund. Für Willemsen ist die tödliche Krankheit gerade wegen ihrer Unerbittlichkeit das letzte Erhabene im Leben eines Menschen. In diesem Zusammenhang – im Buch schon vorher – beschäftigt er sich intensiv mit dem Freitod, zitiert berühmte Selbstmörder, u. a. mit der Feststellung, die wichtigste Entscheidung im Leben dürfe man nicht diesem überlassen, und kommt auf den „heroischen Suizid“, in dem der Selbstmörder die Welt mit sich und seiner Lebenszeit synchronisieren will. Der nicht namentlich erwähnte Adolf Hitler steht als düsteres Beispiel hinter diesen Zeilen. Der „Knacks“ jedoch endet für Willemsen nicht zwangsläufig im Suizid, sondern besteht – im Gegenteil – gerade im Weiterleben(müssen). Doch nicht nur um Tod und Leiden geht es bei Willemsen, wenn dieser Bereich auch eine wesentlichen Teil ausmacht. Über die Kunst lässt sich der Autor mit einigem Scharfsinn und einem umfassenden Bildungshintergrund aus. Kunst – bei den ersten Höhlenmalereien angefangen – ist für ihn der verzweifelte Versuch, die Totalität der Natur zu fassbarer Größe zu reduzieren. Sie kann sich dieser nie ebenbürtig erweisen und unterwirft sich ihr daher. Der Knacks in der Kunst besteht dabei in der Verweigerung der Illusion, ja selbst einer scheinbar autonomen Desillusionierung. Zwangsläufig steht am Ende das Schweigen, in das ja auch manche Künstler nach einer intensiven Schaffensperiode gefallen sind. „Es gibt keinen Standpunkt außerhalb der Zeit“ - formuliert Willemsen an einer Stelle als Replik auf Marcel Duchamp, und die Versuche, berühmte Gemälde und Fresken über Jahrhunderte immer wieder zu restaurieren, widersprechen dem zeitlichen Charakter der Kunst und lassen am Ende den Begriff des Originals hinfällig werden. Bei der philosophischen Analyse des Glücks zeigt Willemsen keine besondere Originalität. Seine Feststellung, dass Glücksempfinden nur im Wachstum liege und der Stillstand – selbst auf einem vermeintlichen Höhepunkt – bereits als Unglück bzw. als „Knacks“ empfunden werde, haben bereits andere vor ihm mit der knappen Wendung „Der Weg ist das Ziel“ oder mit dem Vers „Wenn ich zum Augenblicke sage, verweile doch.....“ auf den Punkt gebracht, wenn auch nicht so „enigmatisch“ wie Willemsen. Das bedeutet natürlich nicht, dass Willemsen mit seinen Ausführungen falsch liegt, nur fehlt die Neuartigkeit des Gedankens. Überhaupt fällt eine gewisse Larmoyanz auf hohem Niveau auf, die darin besteht, dass Willemsen den Knacks hauptsächlich im Verstreichen der Zeit, dem Altern und dem Tod sieht. Zwar beschreibt er auch „Knacks-Erlebnisse“ in Kindheit und Adoleszenz, jedoch fehlt diesen Passagen das Allgemeingültige, lassen sie doch unübersehbar autobiographische Elemente erkennen. Mit dem Phänomen des jugendlichen Amokläufers – leider sehr aktuell – oder des Selbstmord-Attentäters beschäftigt er sich jedoch ebenso wenig wie mit anderen „Knacks“Erlebnissen jüngerer Menschen. Der Schwerpunkt liegt bei ihm eindeutig auf der Zeit jenseits der Lebensmitte, wenn nachlassende Körperfunktionen und Attraktivität sowie die bewusste Wahrnehmung des Endes die Oberhand gewinnen. Nun mag dies zwar durchaus zutreffen, ist den Menschen jedoch seit Beginn ihrer bewussten Existenz bekannt. Viele antike Autoren gehen mit diesem Thema souveräner, sprich gelassener um. Da die Vergänglichkeit alles Irdischen eine allen aufgeklärten Menschen durchaus bekannte Tatsache ist, erwartet man von einem philosophischen Kopf des 21. Jahrhunderts mehr als nur die – zugegeben auf hohem Niveau geführte – Diskussion über die psychischen Auswirkungen dieser Naturkonstante. Wer das "memento mori“ grundsätzlich über das „carpe diem“ stellt, verharrt in einer geradezu barock anmutenden Endzeitverzweiflung und trägt nur begrenzt zu einer erweiterten Erkenntnis bei. Das Buch ist im S.Fischer-Verlag unter der ISBN 978-3-10-092105-5 erschienen und kostet 18,90 €. Frank Raudszus |
|