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Frans de Waal:“Primaten
und Philosophen“ |
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Wie die Evolution die Moral hervorbrachte |
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Nachdem
die jahrzehntelangen schweren Auseinandersetzungen über Charles
Darwins Evolutionstheorie endgültig zu dessen Gunsten beendet zu
sein schienen, kamen Ende des letzten Jahrhunderts mit den
Kreationisten und dem „intelligent design“ wieder zwei Tendenzen an die
Oberfläche der populärwissenschaftlichen Diskussion, die
deutlich zeigen, dass sich ein Großteil der Menschheit immer noch
nicht damit abgefunden hat, aus bloßer Materie hervorgegangen und
unmittelbare Verwandte der Menschenaffen zu sein. Unter diesen
Vorzeichen läuft – zumindest teilweise – auch die Diskussion
über den Charakter menschlicher Moral.Lange Zeit galt es als sicher, dass nur der Mensch moralische Systeme entwickeln und sich an sie halten kann. Den Tieren wurde nur die Fähigkeit zuerkannt, den Eigennutz zu verfolgen oder sich unmittelbar für die eigene Gruppe – Partner, Nachwuchs – einzusetzen. Auf den Menschen bezogen entwickelten sogar Wissenschaftler wie T.H. Huxley das kulturpessimistische Modell einer moralischen „Fassade“, die sich die Menschen über eine durch und durch egoistische Natur gestülpt hätten. Abgesehen von dem logischen Problem, warum sich wechselseitig für böse haltende Wesen ein positives moralisches System errichten sollten, sprechen viele empirische und theoretische Erkenntnisse gegen diese Sicht. Mit Blick auf Darwins Evolutionstheorie jedoch haben die „Fassadentheoretiker“ damit jedoch erreicht, die Moral als allein menschliche Geistesleistung zu definieren und damit einen Keil in das Kontinuum der Evoution zu treiben. Frans de Waal hat im Laufe vieler Jahre intensiv mit Menschenaffen – vor allem Schimpansen – gearbeitet und ist dabei immer wieder auf eindeutig altruistische und sogar „moralische“ Handlungen seiner Schützlinge gestoßen. Zwar wurde die sogenannte „Reziprozität“ - kraulst Du mir mein Fell, kraul ich Dir das Deine - immer schon als typische altruistische Handlungsweise akzeptiert, jedoch aufgrund des zeitnahen Wechsels von „Geben“ und „Nehmen“ zu Recht nicht als „moralische“ Handlung betrachtet. Frans de Waals Beobachtungen gehen jedoch weit über diesen direkten Austausch von Nettigkeiten hinaus und betreffen teilweise sowohl hinsichtlich der zeitlichen Folge als auch der Gruppenzugehörigkeit deutlich auseinanderliegende Situationen. Damit stellt sich die Frage, ob bereits Menschenaffen sowohl eine gewisse Abstraktion hinsichtlich problematischer Situationen sowie eine gewisses Maß an Empathie aufzubringen vermögen. Für Frans de Waal liegt diese Interpretation nahe, da er die Evolution nicht als Menge deutlich abgegrenzter Sprünge sondern als Kontinuum betrachtet, in dem auch die Primaten als Vorläufer des Menschen bereits über die Grundbausteine eines moralischen Verhaltens verfügen. In dem vorliegenden Buch fasst de Waal seine Erkenntnisse und Erfahrungen in einer vorsichtig formulierten Theorie zusammen und stellt sie zur Dikussion. Vier bekannte Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen – u.a. der Philosophie – greifen seine Aussagen auf und kommentieren sie kritisch. Bei aller Kritik im Einzelnen überwiegt dabei eine generelle Zustimmung zu der Sicht eines evolutionären Kontinuums auch der geistig-seelischen Entwicklung. Zwar verweisen einige auf die – von de Waal nicht besonders hervorgehobene – Bedeutung der einzigartigen menschlichen Sprache als Trägersystem für Formulierung und Vereinbarung moralischer Systeme, alle jedoch stimmen ihm zu, den Tieren – und vor allem den Primaten – künftig einen höheren Stellenwert einzuräumen, nicht nur beim Tierschutz - schon wichtig genug – sondern vor allem bei der Bewertung und der generellen Behandlung. Dass bei den einzelnen Kommentaren teilweise schwere logisch-philosophische „Geschütze“ aufgefahren werden, versteht sich fast von selbst, geht es hier doch um Themen wie Selbsterkenntnis, Ich-Bewusstsein, Erkenntnis des „Anderen“ und die Möglichkeit, über das Denken nachzudenken. Wer an philosophischen Grundfragen interessiert ist, kann sich hier in manchen Kommentar buchstäblich „verbeißen“; wer eher empirisch orientiert ist, kann de Waals leicht verständlichen und engagierten Ausführungen viele neue Erkenntnisse entnehmen. Das Buch ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 978-3-446-23083-5 erschienen und kostet 18,90 €. Frank Raudszus |
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