Susan Choi: "Reue"

                                                                    

Ein psychologischer Roman aus dem Herzen Amerikas
 

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BuchumschlagDer Klappentext dieses Buchs lobt den Roman als Beispiel für den "paranoiden Unterton der amerikanischen Gesellschaft in der Zeit des Terrors", weckt jedoch mit dieser sehr freizügigen Verortung falsche Vostellungen. Die Daten siedeln den Roman eindeutig Mitte der neunziger Jahre an, als 09/11 noch eine abstruse Vorstellung, Afghanistan ein von den Taliban beherrschten und international eher vernachlässigtes Land und der Irak noch fest in den Händen von Saddam Hussein war. Der Terror, um den es in diesem Buch eher zweitrangig geht, bezieht sich vor allem auf den Rechtsextremen Timothy McVeil, der 1995 aus Protest u. a. gegen die technologische Entwicklung ein Regierungsgebäude in Oklahoma in die Luft sprengte. Er selbst lebte als exzentrischer Außenseiter fernab der Zivilisation in den Bergen.

Susan Choi baut dieses Ereignis in ihren Roman ein, ohne sich jedoch an die Fakten zu halten. Bei ihr geht es nicht um ein spektakuläres Attentat auf eine großes Gebäude sondern "nur" um Attentate gegen einzelne Vertreter der Technologiebranche. Und diese geben lediglich den Anlass zu den menschlichen Konflikten und inneren Auseinandersetzungen, die den eigentlichen Kern des Buches darstellen. Auch wenn am Ende der einsame Verrückte in den Bergen gestellt und unschädlich gemacht wird, ergibt sich dies nicht als Endpunkt eines spannenden Thrillers à la Tom Clancy sondern als Ergebnis der unfreiwilligen Auffrischung einer alten Männerbekanntschaft. Zwar führt die Autorin durchaus Ressentiments und Vorverurteilung der Öffentlichkeit bei spektakulären Verbrechen vor, aber nicht als singuläre Eigenschaften eines paranoiden Amerikas sondern als archetypische Eigenschaften jeglicher menschlichen Gesellschaft.

Lee arbeitet als Professor für Mathematik an einer unscheinbaren Universität im amerikanischen Mittelwesten und hat bereits das Pensionsalter erreicht. Nach dem Krieg ist er als Flüchtling aus einem asiatischen Land - wahrscheinlich Japan - gekommen, hat hier studiert, promoviert und schließlich als Universitätslehrer gearbeitet. Zwei gescheiterte Ehen und eine beruflich unstete Tochter mit wenig Bezug zum Vater lassen ihn langsam aber stetig vereinsamen und seelisch verkommen. Seinem Zimmernachbarn und "Star" der Universität, einem Informatikprofessor mit sehr viel Sinn für Öffentlichkeitswirkung und mediales Auftreten, begegnet er mit Skepsis, gesteht sich in besseren Stunden jedoch auch eine gewisse Portion Neid ein. Als eines Tages ein Attentat auf den Nachbarn verübt wird, das auch ihn im Nebenraum fast das Leben kostet, verändert sich für Lee alles. Im verständlichen Schock reagiert er irrational, gesteht sich eine gewisse Schuld wegen seiner Antipathie gegenüber dem Getöteten ein und verkriecht sich in seinem Haus. Als der FBI von Unstimmigkeiten der Zimmernachbarn erfährt und Lee als Zeugen vernimmt, und als er auch nicht zu der Trauerfeier erscheint, ergeben sich die Gerüchte und Verdächtigungen wie von selbst. Für seine Umwelt ist der allein lebende und etwas verschrobene Professor bereits der Täter.

Doch die Situation steigert sich zur Katastrophe, als ein Brief eines alten Studienkollegen eintrifft, der sein Bild in der Zeitung gesehen hat und seltsame Andeutungen macht. Für Lee steht der Absender fest: diesem ehemaligen Freund hat er einst die Frau weggenommen, die dann auch bei ihm nicht blieb, und Lee sieht darin so etwas wie einen Fingerzeig des Schicksals. Als sein Antwortbrief als unzustellbar zurückkommt, ist die Perfidie für ihn perfekt, vor allem, da das FBI mittlerweile den Briefwechsel entdeckt hat und den geheimen Briefschreiber als den Bombenleger identifiziert. Im Nu steht Lee jetzt auch bei der Polizei im Mittelpunkt des Interesse und bald auch im Verdacht der Mittäterschaft. Bei Lee kehren diese Ereignisse das Unterste zuoberst, und als ihm auch noch die Universität den Abschied nahelegt und erste Steine in seine Fensterscheibe fliegen, durchschaut er das Ganze als Rachefeldzug seines ehemaligen Freundes, der bei seinem Attentat mit eiskalter Planung den Verdacht auf ihn lenken und sein Leben zerstören will.

Insoweit wäre die Situation eine hervorragende Ausgangslage für einen Kriminal- oder Politthriller, bei dem nach allen Regeln der Kunst in letzter Sekunde der Schuldige entlarvt und der unschuldig Verfolgte rehabilitiert wird. Doch Susan Choi geht es um etwas ganz anderes. Die dramatische Situation wirkt bei Lee wie eine Katharsis. Psychisch schwerstens verstört, am Ende seines Selbstbewusstseins und ohne jegliche Hilfe von Verwandten oder Freunden - beide hat er die facto nicht -, beginnt er sich notgedrungen mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Schmerzlich wird ihm bewusst, dass er damals nicht nur seinen Freund betrogen, sondern seiner Frau auch die wichtigste seelische Unterstützung versagt hat, die sie damals gebraucht hätte. Als sie sich mit ihrem neugeborenen Sohn von ihrem bigotten, selbstgerechten Mann lossagte und sich Lee anvertraute, hat dieser das fremde Kind abgelehnt und nichts dagegen unternommen, dass der Vater es der Mutter entzog und mit ihm auf legale Weise verschwand. Diese Schuld erkennt Lee von Tag zu Tag deutlicher und mit zunehmender Schärfe. Seine mittlerweile lange verstorbene erste Frau hat er selbst auf dem Sterbebett nie wegen ihres Sohnes angesprochen und nur seine eigene Befindlichkeit als "zweite Wahl" in den Vordergrund gestellt. Im Grunde genommen hat er Zeit seines Lebens seinen Sonderstatus als Flüchtling aus einer fremden Kultur als Alibi für eine verantwortungsfreie Lebensführung herangezogen. Seine durchaus verständliche Unsicherheit als Einzelner im fremden Land hat er unbewusst zum Opferstatus umgedeutet und damit alle eigenen menschlichen Schwächen entschuldigt bzw. gar nicht erst als solche erkannt. Dies wird ihm jetzt immer stärker bewusst und tritt mehr und mehr gegenüber den Anfeindungen der ihn für einen Attentäter haltenden Umwelt in den Vordergrund.

Als er schließlich - nur Zeuge, kein Verdächtiger! - auf eigene Faust und mit dem eigenen Auto an den vermeintlichen Wohnort seines alten Freundes und mittlerweile Erzfeindes fährt, entwickeln sich die Dinge plötzlich völlig anders als erwartet, bringen jedoch eine Klärung, die er so nicht erwartet hat. Am Ende ist er durch diese geradezu symbolisch aufgeladene Fahrt quer durch Amerika bei sich angekommen und kann sich in seiner Schwäche akzeptieren. Die Autorin lässt ihn anlässlich dieser seelischen Genesung auf einen wirklichen alten Freund treffen, der ihm wieder das Gefühl für die Gemeinschaft und für Freundschaft vermittelt, und auch seine Tochter zeigt nach dem Pressewirbel um ihren Vater wieder familären Sinn. Dass auch der Sohn seiner ersten Frau auftaucht und in gewisser Weise die Familie ergänzt, streift am Ende ein wenig die Grenze zu Rosamunde Pilcher, jedoch in akzeptablem Maße und nachvollziehbar.

Susan Choi thematisiert in ihrem Roman weniger den Terror und seine Folgen sondern vielmehr die Vereinsamung von Flüchtlingen in einer fremden Kultur. Dabei geht es ihr jedoch nicht um eine Anklage gegen die Gesellschaft, die diese Flüchtlinge nicht offen aufnimmt - denn gerade dies war bei Lee damals der Fall -, sondern um die Selbstisolation and Verkapselung des Einzelnen, die nicht nur Merkmal des Fremden sondern generell der (nur US-?)Gesellschaft sind. Aus Unsicherheit, Angst vor der Ablehnung und falschem Stolz ziehen sich die Menschen mehr und mehr auf sich selbst zurück, verlieren die sozialen Kontakte und werden schließlich Zielscheiben für alle möglichen inoffiziellen und offiziellen Verdächtigungen, wenn sie zufällig in den Brennpunkt spektakulärer Ereignisse geraten. Dann fehlen ihnen die psychische Stärke und das Augenmaß, das man nur in einer gesunden sozialen Umgebung entwickeln kann. Leicht machen sich dann die Vereinsamten und Verschrobenen selbst zu Verdächtigen und - oftmals - zu Schuldigen.

Auch die Polizei - hier das FBI - erhält bei Choi nicht den Stempel der repressiven Staatsmacht. Ihre Vertreter tun ihre Arbeit, machen auch Fehler, die sie anfangs natürlich nicht als solche sehen, und der Apparat selbst lässt einen einmal auch nur vage Verdächtigten nicht so schnell aus seinen Fängen. Doch Choi geht es nicht um die Entlarvung eines Polizeistaates und einer Klassenjustiz, sondern immer wieder um die Stellung des Einzelnen zu seiner unmittelbaren Umgebung und der Gesellschaft. Und so nimmt es nicht wunder, dass am Ende Lee für den FBI eine wichtige - und gefährliche - Mission übernimmt, um den Fall zu lösen. Und das FBI kommt am Schluss zwar nicht als "Strahlemann" wie die CIA bei Tom Clancy aus der Geschichte heraus, jedoch als eine Organisation, deren einzelne Vertreter menschliche Züge tragen und auch ihre Meinung ändern können. Da Susan Choi jedoch dem FBI nur eine - wenn  auch wichtige - Nebenrolle in ihrem Roman einräumt, gerät ihr dieses Polizeibild letztlich nicht zur lokalpatriotischen Affirmationskampagne.

Erstaunlich ist die Fähigkeit der noch jungen Susan Choi, sich in die Psyche eines alternden und einsamen Mannes zu versetzen. Ihr eigener Name und ihr eurasisch anmutendes Aussehen lassen jedoch daraif schließen, dass sie aus einem entfernt vergleichbaren Elternhaus stammt und daher viele psychologischen Merkmale aus eigener Anschauung studieren konnte, ob nun am eigenen Vater oder anderen Verwandten. Auf jeden Fall scheint einiges autobiographisches Material in den Roman eingeflossen zu sein. 

Das Buch ist im Aufbau-Verlag unter der ISBN 978-3-351-03239-5 erschienen und kostet 19,95 €.

Frank Raudszus

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