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Lukas Hartmann: "Bis ans
Ende der Meere" |
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Eine literarische Aufarbeitung von James Cooks letzter Entdeckungsreise |
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Der englische Seefahrer und Entdecker James Cook unternahm
in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts drei große Reisen
in die noch weitgehend unentdeckte Welt des Pazifiks vom tiefsten
Süden bis in den höchsten Norden. Zu seinen wichtigsten
Aufgaben gehörten die Kartographierung bekannter und unbekannter
Küsten sowie die Erkundung fremder Lebenswelten
einschließlich Fauna, Flora und menschlicher Bewohner. Um alle
Entdeckungen für die britische Heimat und die Nachwelt
festzuhalten, begleiteten ihn - im Zeitalter vor Foto- und Filmkamera -
ausgebildete Maler, die in erster Linie die Aufgabe hatten, die
Wirklichkeit so naturgetreu wie möglich abzubilden. Auf seiner
letzten und für ihn - auf Hawai - tödlich endenden Reise
hatte er zu diesem Zweck John Webber an Bord, dessen Leben der Autor
mit dieser Reise als Kristallisationspunkt in dem vorliegenden Roman
schildert.Nun gehören historische Romane seit langer Zeit zu den eher skeptisch beurteilten Literatur-Genres, folg(t)en sie doch zu oft einem vermeintlich simplen Publikumsgeschmack und bedienten daher die Nachfrage nach Liebe, Sex und atemloser Spannung. Nicht zuletzt Daniel Kehlmann hat jedoch mit "Die Vermessung der Welt" in Romanform ein seriöses Doppelportrait von Gauß und Humbold geschaffen, das präzise historische Schilderung mit glaubwürdiger Charakterisierung der Protagonisten und einem einprägsamen Stil verbindet. Der Schweizer Lukas Hartmann tritt mit seinem Buch sozusagen in Kehlmanns Fußstapfen, ohne deswegen in den Verdacht des Epigonentums zu geraten. Der seriöse literarische Umgang mit historischen Ereignissen und Personen scheint eher eine Zeiterscheinung als eine Nachahmungswelle zu sein. Qualität lässt sich halt nicht nachahmen, ergibt sich jedoch zwangsläufig und führt zu ähnlichen Ergebnissen, wenn sich Autoren ohne das Schielen auf die Verkaufszahlen ehrlich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Ohne den Vergleich mit Kehlmann überstrapazieren zu wollen, sei schon an dieser Stelle gesagt, dass Hartmanns Buch dem seines deutschen Kollegen in nichts nachsteht. Hartmann baut seinen Roman in Form von Rück- und Vorblenden auf. Die eigentliche dritte Reise Cooks rahmt er mit Szenen aus Kindheit und Jugend Webbers sowie mit Kapiteln aus seinem - nicht mehr sehr lange dauernden - Leben nach der Reise und über die Verwertung seiner Ergebnisse ein. Dadurch bricht er einerseits den üblichen chronologischen Erzählstrang, der sich bei einer reinen Reiseschilderung anbieten würde, und schafft es gleichzeitig, sowohl Webbers ganzes Leben als auch die nur wenige Jahre umfassende Weltreise plastisch und vollständig darzustellen. In einer nur chronologischen Darstellung wäre entweder die Reise zu kurz gekommen oder hätte die Schilderung seines restlichen Lebens zu Längen geführt. John Webber kommt Mitte des 18. Jahrhunderts als Sohn eines verarmten Künstlers schweizerischen Ursprungs - Wäber - in England zur Welt. Bereits mit sechs Jahren muss er wegen der Armut der Familie England verlassen und allein in die Schweiz reisen, wo fortan eine entfernte Tante die Erziehung des Jungen übernimmt. Dort geht er auch bei einem Maler in die Lehre, der ihm die Grundlagen für seinen späteren Beruf vermittelt. Zurück in London, versucht er sich mit Ausstellungen von Landschaftsbildern und weckt das Interesse eines Malers, der James Cook bereits auf seiner zweiten Reise begleitet hat. Den Vorschlag, als Bordmaler an der dritten Reise des Antdeckers teilzunehmen, nimmt er nach kurzer Bedenkzeit - er kennt nur die Berge, nicht die See - an und sticht kurze Zeit danach mit James Cook in See. Die Reise führt über Kapstadt, Tasmanien und Neuseeland nach Tahiti, von dort aus weiter nach Hawai, dann über die Westküste Nordamerikas hoch nach Alaska, von wo aus Cook eingehend und erfolglos nach der berühmten Nordwest-Passage durch das Packeis sucht. Zurück in Hawai, fällt James Cook einem bis heute ungeklärten Aufstand der Bevölkerung zum Opfer. Seine Nachfolger kehren noch einmal wegen der Nordwest-Passage in die Arktis zurück - wieder erfolglos - und bringen die Resolution und die Discovery schließlich über Petropawlowsk (Kamtschatka), Japan, Macao und Kapstadt nach über vier Jahren zurück nach London. Der Tod von James Cook, gemalt von John
WebberHartmann schildert realistisch und historisch weitgehend glaubwürdig das enge, entbehrungsreiche Leben auf dem kleinen Schiff. Eintönige, vitaminarme Verpflegung, schlechte hygienische Verhältnisse, Feuchtigkeit und richtige Nässe, Kälte und Wind prägen die Tage, Wochen und Monate auf See. Krankheiten greifen um sich, Freundschaften zerbrechen oder enden durch den Tod an TBC oder anderen Krankheiten. Hartmann vermeidet jegliche Romantisierung der Seefahrt in jenen Zeiten, und selbst die kurzen Aufenthalte in der paradiesischen Inselwelt des Süd-Pazifiks - Tahiti, Hawai - tragen den Stachel der unterschiedlichen Kulturen und der mangelnden Sensibilität der Entdecker in sich. Wo die in jeder Hinsicht ausgehungerten Seeleute auch hinkommen, bringen sie die Syphilis und andere Geschlechtskrankheiten mit sich, die sich unter den ahnungslosen Naturvölkern schnell ausbreiten. Und selbst James Cook als Leiter der Expedition betrachtet die Ureinwohner der "entdeckten" Inselwelten als primitive Gesellschaften, denen man die Werte der christlichen Zivilisation notfalls mit sanfter Gewalt nahebringen müsse. Dem Ausverkauf der Töchter des Landes an ausgehungerte Seeleute gegen Messer und billige Waren tritt er nur halbherzig und eher aus disziplinarischen denn ethischen Gründen entgegen. Hartmann schildert auch diese Seite der Entdeckungsreise konsequent aus der Sicht des Malers John Webber und nicht aus der objektiv aufgeklärten Perspektive des nachgeborenen Autors. Doch auch Webber spürt in vielen Situationen das Falsche im Auftreten der westlichen Eroberer, die sie in Wahrheit sind, kann sich jedoch aufgrund seiner geringen Stellung an Bord nicht artikulieren geschweige denn durchsetzen. Das schlechte Gewissen ist jedoch sein ständiger Begleiter auf dieser Fahrt durch die letzten Paradiese der Welt. Nicht nur die historischen Verhältnisse beschreibt Hartmann eindringlich, sondern auch die Charaktere der beteiligten Personen modelliert er sorgfältig. Dabei hat er sämtliche verfügbare Informationen über die Teilnehmer der Reise gesammelt und ausgewertet. Auch wenn er sein Buch als "Roman" bezeichnet, bezieht sich das nur auf die Ausgestaltung dessen, was gesichert ist, nicht jedoch auf freie Erfindungen. So wird bei ihm die ambivalente Gestalt des James Cook durchaus deutlich, der die ihm gestellte Aufgabe über alles stellt und dafür auch den frühen Tod des Schiffsarztes und des anderen Schiffsführers in Kauf nimmt. Dabei leidet er jedoch an den Ungerechtigkeiten und Härten, die er sowohl seinen Männern als auch den Einwohnern der besuchten Inseln zumutet. Auch die Schicksale der Besatzung, etwa eines erst 17jährigen Fähnrichs, der die Geborgenheit eines Elternhauses vermisst, einen echten Freund sucht und sich der sexuellen Annäherungsversuche gröber gestrickter Besatzungsmitglieder erwehren muss, gestaltet er glaubwürdig und eindringlich. Jeder Mann der Besatzung, soweit er sich im Gesichtsfeld von John Webber befindet, gewinnt eine einmalige, unverwechselbare Identität. Dem Mikrokosmos der auf sich gestellten Schiffsbesatzung stellt er das städtische London mit seiner kleinbürgerlichen Sicherheit aber auch Erbärmlichkeit des täglichen Lebens gegenüber. Das Leben an Bord ist zwar punktuell härter und gefährlicher, bietet jedoch auf einer anderen Ebene ein wesentlich größeres Maß an Freiheit und persönlicher Entfaltung. Lukas Hartmann entwirft ein facettenreiches Bild des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit besonderer Berücksichtigung des Entdeckungsrausches dieser Zeit. Ein Orts- und ein Personenregister mit kurzen Lebensgeschichten der historischen Personen ergänzen das Buch auf informative Weise. "Bis zum Ende der Meere" ist im Diogenes-Verlag unter der ISBN 978-3-257-86183-9 erschienen und kostet 21,90 €. Frank Raudszus |
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