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Gregor Schweitzer:
"Hautnah USA - Wahnsinn einer Traumgesellschaft" |
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Die erneute Entdeckung Amerikas per "Motor Home" |
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Im Jahre 1492
endeckte Christoph Kolumbus Amerika, genau fünfhundert Jahre
später wagte ein Deutscher dieses Unterfangen ein zweites Mal,
dieses Mal jedoch im "Inneren" des nordamerikanischen Kontinents und
mit einem Landgefährt, das es an Fahrtüchtgkeit problemlos
mit
der berühmten "Santa Maria" aufnehmen konnte.Schweitzer hatte zu dieser Zeit bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Nach Abitur und Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr hatte er unter anderem Amerikanische Kulturgeschichte studiert und daher ein besonderes Interesse für dieses Land entwickelt. Ob nun der visionäre Genueser Seeman ihn dazu bewegt hat, genau fünf Jahrhunderte nach diesem noch einmal die Neue Welt zu entdecken, wissen wir nicht, angesichts des hintergründigen Humors des Autors ist es jedoch durchaus zu vermuten. Schweitzer beginnt seine USA-Rallye in Kalifornien - wo sonst? -, genauer gesagt in Riverside. Schon der Ankauf eines "Motor Homes", zu deutsch Wohnmobil, erweist sich als richtungsweisend für die gesamte Tour. Glaubt doch der Autor den vollmundigen, geradezu begeisterten Ausführungen des kommerziell talentierten Verkäufers und legt nach längeren - seiner Meinung nach harten - Verhandlungen siebeneinhalb Tausend "Bucks" für ein Gefährt auf den Tisch, das sich im Laufe der nächsten Monate als geradezu prädestiniert für die (deutsche) Abwrackprämie erweisen wird. Doch das ahnt er zu Beginn seiner Abenteuerreise durch die Weiten der USA noch nicht. Sein Weg führt ihn auf verschlungenen Pfaden von Kalifornien - für einen Schriftsteller sind Salinas und Monterey eines John Steinbeck natürlich ein "Muss"! - nach Arizona mit dem Grand Canyon und Utah mit dem Monument Valley. Von dort geht es ins heiße Texas fast bis an den Golf von Mexiko, dann über Louisiana - New Orleans - nach Florida, das er bis zu den berühmten "Gangstern von Key Largo" abklappert, ehe es an der Ostküste nach Georgia und Tennessee geht. Dann führt ihn seine Reiseroute tief in den - zu Recht - berüchtigten mittleren Westen - Missouri, Kansas, Nebraska - mit seinen endlosen Getreidefeldern, bevor es über South Dakota - "Wounded Knee"! - nach Yellowstone in Wyoming geht. Dort trifft er zwar nicht "Yogi Bear", doch andere skurrile Gestalten und wendet wieder nach Osten, um in einem langgezogenen Treck über das nördliche Montana, Minnesota und Illinois schließlich nach "New England" zu kommen. Dort besucht er Maine, Massachusetts, Connecticut und - last but not least - New York, wo er schließlich im letzten Moment sein schrottreifes Gefährt mit hohem Verlust loswird, bevor sein Flugzeug nach Europa abhebt. Schweitzer hat sich für die Reise einen schweigsamen und doch zuverlässigen Partner ausgesucht: seinen Hund "Goldbär", der ihn in so mancher Enttäuschung durch seine Anhänglichkeit und Unerschütterlichkeit wieder aufgerichtet hat. Sein zweiter, mindestens ebenso wichtiger Reisehelfer ist jedoch sein unerschütterlicher Humor, den er angesichts so mancher menschlichen und zivilisatorischen Enttäuschung auch dringend benötigt. Vor allem seine Dauerfehde mit dem störrischen "Motor Home" und dessen reihum und in schöner Regelmäßigkeit ausfallenden Einzelteilen schildert er mit geradezu erfrischendem Galgenhumor. des Öfteren sieht man ihn buchstäblich - mal allein, mal in Begleitung eines netten Zeitgenossen - ölverschmiert unter dem Auto liegen und hört ihn buchstäblich fluchen. Doch hinter der sehr direkten Ausdrucksweise und dem deftigen Humor versteckt sich eine gehörige Portion Enttäuschung - und bisweilen Entsetzen - über den "american way of life". Die Einwohner des "freiesten und schönsten Landes der Welt" (O-Ton USA-Einwohner) tragen eben diese Vokabeln gerne und oft vor sich her, erweisen sich selbst aber als das genaue Gegenteil. Im besten Falle sind sie depravierte Verlierer, die an irgendeiner Tankstelle "in the middle of nowhere" ihr Dasein fristen und ihre Befindlichkeit mit dem inflationären Gebrauch des Wortes "f..." umschreiben, im schlimmeren Fall zeigen sie jedoch schnell eine ausgesprochene Fremdenfeindlichkeit und lassen den harmlosen Wohnmobil-Reisenden als potentiellen Dieb, Räuber, Mörder, Kinderschänder - Zutreffendes bitte ankreuzen - durch die Polizei von seinem nächtlichen Parkplatz vertreiben. Schweitzers fast angeborene Amerika-Liebe leidet unter diesen vordemokratischen Erscheinungen sichtlich und lässt sich nur von einem hohen Maß an Abstraktion, Optimismus und einer großartigen Landschaft wiederherstellen. Der besondere Vorzug dieses Reiseberichts liegt in seiner einzigartigen Perspektive. Obwohl auch Schweitzer - natürlich! - all die großen Sehenswürdigkeiten der USA besucht, verfällt er nie in den begeisterten oder salbungsvollen Ton des Bildungsreisenden, sondern lässt die Bürger des Landes zu Wort kommen. Seine Beschreibung dieses Landes stammt nicht aus dem Munde eines europäischen Kultursammlers, sondern aus den vollen Herzen und unterdrückten Frustrationen der amerikanischen Durchschnittsbürger, die er überall antrifft. McDonalds und Mickey Mouse lassen auf jeder Seite grüßen, und seine Gegenüber erweisen sich in den seltensten Fällen als aufgeschlossene, gebildete und politisch tolerante Zeitgenossen. Doch Schweitzer denunziert diese Vertreter des "american way of life" nicht als minderwertige Unterschichtgenossen sondern als Stehaufmännchen, die in der gnadenlosen Konkurrenzgesellschaft der USA den Zipfel des großen Glücks nicht haben erwischen können und sich jetzt mehr schlecht als recht durchs tägliche Leben schlagen. Dabei können sie nicht immer auf Recht und Gerechtigkeit achten sondern müssen auch auf ihren Vorteil achten - z. B. der "Motor Home"-Verkäufer. Bis auf wenige Ausnahmen sind seine kurzlebigen Bekanntschaften keine Ausbünde an Schlechtigkeit, sondern normale Menschen mit Problemen und Ressentiments. Dabei stellen letztere allerdings eine hohe Hypothek dar, die Schweitzer schließlich bedenklich stimmt. Schweitzer hält die ironisch-humorvolle Distanz fast bis zum Schluss des Buches durch. Erst auf den letzten Seiten fügt er einen ernsten Epilog über die gesellschaftspolitische Situation in den USA an, der leider etwas verkorkst und nebulös daherkommt. Man hat das Gefühl, er wolle seine Bedenken artikulieren und sie gleichzeitig durch vernebelnde Formulierungen wieder einebnen. Die Leser werden seine Kritik auch aus seinen herrlich direkten und treffenden Situationsschilderungen verstanden haben und brauchen am Ende keine Aufklärung mit dem mahnenden Zeigefinger. Aber diese leichte Eintrübung am Ende kann den positiven Gesamteindruck nicht maßgeblich beeinträchtigen. "Hautnah USA" ist im Conbook Medien Verlag unter der ISBN 978-3-934918-30-6 erschienen und kostet 14,90 €. Frank Raudszus |
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