Nicholson Baker: "Menschenrauch"

                                                                    

Eine dokumentarische Verdichtung der Vor- und Frühgeschichte des zweiten Weltkrieges
 

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BuchumschlagDas vorliegende Buch des US-amerikanischen Autors (Jahrgang 1957) trägt bewusst keine Gattungsbezeichnung, weder "Roman" noch "Dokumentation". Diese Tatsache verweist auf eine besondere formale Problematik, stellt Baker sein Buch doch fast vollständig aus mehr oder minder öffentlich zugänglichen Dokumenten zusammen. Da ein Großteil der Quellen sich aus internationalen Zeitungen des bewussten Zeitraums rekrutiert, die entweder auf entsprechende Seriosität und Glaubwürdigkeit verweisen können oder aber - sozusagen als Antipoden - Mentalität und Haltung der jeweiligen Regierung ungeschminkt wiedergeben, kann der Autor durchaus einen dokumentarischen Charakter seines Buchs belegen. Andererseits zitiert er darüber hinaus private Aufzeichnungen von privaten und politischen Personen, die natürlich ihre subjektive Sicht der politischen Entwicklung wiedergeben und keinen Anspruch auf objektive Gültigkeit beanspruchen. Da Baker die Kommentare und Behauptungen seiner histotischen Figuren bewusst weder analysiert noch hinterfragt, verbietet sich die Titulierung als wissenschaftliche Arbeit; da er jedoch auch konsequent darauf verzichtet, seinen Protagonisten Vermutungen oder gar fiktive Lebensumstände anzudichten, kommt auch die Bezeichnung "Roman" nicht in Frage. Es ist daher eigentlich ein politisches und gesellschaftliches "Stimmungsbild" einer in jeder Hinsicht chaotischen Epoche.

Baker setzt sein Buch aus redaktionellen "Schnipseln" zusammen, die selten länger als eine Seite sind und einen bestimmten Sachverhalt wiedergeben. Meist zitiert er Zeitungsartikel oder Verlautbarungen politischer Aktivisten aller Schattierungen sowie private Tagebücher. Jeder dieser Auszüge enthät einen fast schon standardisierten Satz wie "Es war der 1. September 1939", womit er die eindeutige zeitliche Einordnung sicherstellt. Die einzelnen Beiträge ordnet er bis auf den Tag streng chronologisch.

Die Aufzeichnungen beginnen bereits im Ersten Weltkrieg, und zwar 1914. Schon hier ortet Baker die ersten Anzeichen auf den Verlauf beider Weltkriege: die konsequente und kompromisslose Ausdehnung des Krieges auf die zivile Bevölkerung, die auf beiden Seiten vom ersten Tag an auf Maßnahmen wie Nahrungsmittel-Blockade setzte, um die Bevölkerung zu demoralisieren. Winston Churchill stellt dabei für Baker den Prototyp des Kriegspolitikers im 20. Jahrhunderts dar: unabhängig von der moralischen Rechtfertigung durch einen brutalen oder gar verbrecherischen Gegener - der Gaseinsatz der Deutschen in Frankreich oder Adolf Hitlers Schreckensregime - setzt er von vornherein sämtliche militärischen Mittel ein, um den Gegner "ganzheitlich" zu vernichten. Der Erfinder des "totalen Krieges" ist gemäß Baker nicht Josef Goebbels sondern Winston Churchill, wobei dieser lediglich den Vorteil genießt, seine Methoden gegen ein von international unbestrittenen Verbrechern regiertes Land eingesetzt zu haben.

Baker beschreibt in vielen kleinen Mosaiksteinen die zunehmende Verhärtung der poltischen Mentalität im ersten Weltkrieg und - nach einer kleinen "Erholungspause" - in der Zeit zwischen den Kriegen. Die führenden Politiker hatten offensichtlich aus dem Ersten Weltkrieg wenig gelernt und verfolgten weiterhin einen nationalistischen Kurs mit allen dazugehörigen Ressentiments des 19. Jahrhunderts. Die dramatische Entwicklung in Deutschland von einer chaotischen Demokratie zu einem furchteinflössenden Schreckensregime kommt in den verschiedenen Zeitzeugenberichten drastisch zum Ausdruck. Dabei hütet sich Baker vor jeglicher subjektiver Wertung und lässt die Berichte über anfängliche Judenpogrome und spätere Vernichtungsaktionen allein aus den Tatsachen wirken. Auch die Reaktionen der Allierten, die jüdische Flüchtlinge eher als potentielle Spione denn als leidende Menschen betrachten, bringt er in vielfältiger Form zum Ausdruck. Darüber hinaus wird aus Bakers Dokumentation ein weiteres Mal klar, dass auch Engländer und Amerikaner über eine gehörige Portion Antisemitismus verfügten, wenn dieser sich auch nie so eruptiv wie in Deutschland äußerte. Doch zur Ablehnung größerer Einwanderungskontingente vor 1940 reichte er allemal.

Als Amerikaner interessierte Baker natürlich vor allem die Haltung der USA zum europäischen (Vor-)Krieg und das Verhältnis zu England. Aus den Aufzeichnungen geht eindeutig hervor, dass es in den USA neben einer isolationistischen auch eine deutliche Friedensbewegung gab, die gegen jede Art von Kriegen war. Beide reichten jedoch nicht aus, um den "Wildwest"-Mythos zu brechen, der in jedem Fremden eine Bedrohung der Freiheit und des "american way of life" sah. Ein nicht zu unterschätzender Teil der US-Öffentlichkeit redete schon früh einem Kriegseintritt an der Seite Englands das Wort, wobei diese Fraktion natürlich mit dem nationalsozialistischen Terrorsystem gute Gründe anführen konnten. Winston Churchill zeigt sich in Bakers Buch als wahrer Meister der Manipulation und Intrige, sowohl gegenüber inländischen Kriegs-Skeptikern und Friedensaktivisten als auch gegenüber den zögerlichen Amerikanern. Nichts lässt er unversucht, um diesen anfangs möglichst viel Kriegsmaterial zu entlocken und sie dann in den Krieg zu ziehen.

Besonders umfangreich und erschreckend sind die Dokumente über den Bombenkrieg. Mit geradezu wolllüstiger Begeisterung verfolgen Churchill und seine Generäle von Anfang an die Möglichkeiten einer flächendeckenden Bombardierung des feindlichen Landes mit allen Konsequenzen und ohne jegliche Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Dabei werden auch chemische und biologische Waffen erwogen - Vernichtung der Ernte, Abbrennen des Schwarzwalds im Hochsommer - und nur die mangelhafte militärische und technische Infrastruktur verhindern eine effiziente Umsetzung. Kann man diese Bomben-Euphorie in einem selbst unter - deutschen - Bombardements leidenden Land noch bis zu einem gewissen Grade verstehen, so erweist sich die Haltung der US-Militärs geradezu erschreckend. Ohne selbst gefährdet zu sein - bisweilen schwadroniert man von möglichen japanischen Bombenangriffen auf Los Angeles - schlagen Generäle und Experten der US Air Force alle möglichen Varianten der Bombardierung vor und leisten den Engländern alle erdenkliche Hilfen. Nicht umsonst betont Baker diesen Aspekt in seiner Dokumentation der öffentlichen Diskussion so stark; er entzaubert damit bis zu einem gewissen Grad den Mythos der selbstlosen Beschützer der Freiheit, auch wenn die Amerikaner letztlich Europa vom Faschismus befreit haben.

Nun verlangt eine solche Dokumentation einer historischen Epoche wie dieser aufgrund der Fülle des Materials eine Auswahl der Dokumente und eine Beschränkung auf das vermeintlich Wesentliche, ohne deshalb die Geschichte zu verfälschen. Schließlich wissen wir alle, dass die Kunst der Geschichtsfälschung hauptsächlich im Weglassen besteht. Über weite Strecken und hinsichtlich des europäischen Geschehens zwischen 1914 und 1941 entspricht das Buch auch weitgehend den allgemein anerkannten historischen Erkenntnissen. Nur der pazifische Raum und speziell Japan bleiben in gewisser Weise ein weißer Fleck auf der weltpolitischen Landkarte. Das soll nicht heißen, dass die dortigen Geschehnisse nicht thematisiert werden, doch seltsamerweise mit einer erstaunlichen und unverständlichen Einseitigkeit. Der Krieg zwischen Japan und China erscheint mitnichten als brutaler imperialistischer Eroberungsfeldzug der Japaner mit allen Auswüchsen wie Rassendünkel und Massakern an der Bevölkerung sondern eher wie ein militärisches Scharmützel, dessen Ursachen im Dunkeln bleiben. Folgerichtig erscheinen die amerikanischen Militärhilfen an China und der Ausbau der britischen Stützpunkte wie Singapur als systematische Einkreisung Japans durch den Westen. Die Massierung der US-Flotte in Hawai - Pearl Harbour - wird denn auch in den wiedergegebenen Dokumenten als Provokation Japans suggeriert und nicht als verständliche Vorsichtsmaßnahme angesichts einer aufstrebenden, aggressiven Nationalmacht im pazifischen Raum Auch die uralte und nie bewiesene Behauptung, Roosevelt habe von Japans Angriff auf Pearl Harbour gewusst und diesen kaltblütig als idealen Kriegsgrund hingenommen, wärmt Baker zumindest unterschwellig duirch entsprechende Zitate wieder auf. Auch eine kritische Einstellung gegenüber der Haltung der USA gegenüber den Japanern zwischen 1939 und 1941 erklärt nicht die vollständige Aussparung der japanischen Kriegspolitik in diesen Jahren.

Das Buch endet logischerweise mit Pearl Harbour und der vollständigen Entfaltung des Zweiten Weltkrieges - von einigen verspäteten Trittbrettfahreren abgesehen. Nun sind alle Akteure "im Spiel" und das Massensterben kann richtig losgehen. Alle Chancen oder Möglichkeiten einer frühzeitigen Eindämmung von Spannungen oder gar Beendigung des Krieges sind vertan, die nationalen und ideologischen Emotionen können sich frei entfalten bis zur vollständigen Erschöpfung 1945. Zwar weiß niemand ein Patentrezept, wie man Hitlers Weltmacht-Irrsinn oder Japans hochmütige Imperialpolitik anders als militärisch hätte stoppen können, doch die allgemeine Bgeisterung für den totalen Krieg - vor allem in politischen Kreisen - kommt in diesem Buch doch sehr deutlich zuzm Ausdruck.

"Menschenrauch" ist im Rowohlt-Verlag unter der ISBN 978-3-498-00661-7 erschienen und kostet 24,90 €.


Frank Raudszus

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