Silvia Roth: "Der Beutegänger"

                                                                    

Psycho-Krimi über eine obsessive Liebe
 

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BuchumschlagFrauenmörder als Serientäter hat es in Literatur und Realität zu Genüge gegeben, man denke nur an "Jack the Ripper". Meist jedoch ging es dabei um gestörtes Sexualverhalten oder eine vorangegangene Demütigung seitens der jeweiligen Frau(en). In Silvia Roths Roman jedoch geht es um eine andere Art von Serienmörder, der wegen seiner Intelligenz und seiner Obsession besonders schwer aufzuspüren ist. Seine Morde sind keine Beziehungstaten im üblichen Sinne sondern Ersatzhandlungen mit Fetischcharakter, die  einer anderen Person - natürlich einer Frau - gelten.

Wie in einem guten Kriminalroman üblich, bleibt der Täter lange im Dunkeln, wenn auch seine Taten und sein Denken immer wieder aus seiner subjektiven Sicht geschildert werden. Doch seine Identität und gesellschaftliche Positionierung einschließlich seines Namens bleiben zwecks Erhaltung der Spannung lange verborgen.

Auf der anderen Seite des Verbrechens stehen ein Kommissar und seine junge Assistentin, die beide durch den Fall überfordert sind. Er, weil er gerade seinen Vorgesetzten, Freund und fachlichen Mentor durch den Tod verloren hat und plötzlich die gesamte verantwortung übernehmen soll; sie, weil sie gerade erst zur Mordkommission versetzt wurde - ihr Traumjob - und nebenbei noch ihre seit Jahren im Wachkoma liegende jüngere Schwester betreuen muss.


Die Autorin hat mit diesem Roman ein emanzipatorisches Buch für Frauen geschrieben, in dem die Männer nicht besonders gut wegkommen: der verstorbene Mentor des verantwortlichen Kommissars entpuppt sich im Nachhinein Stück für Stück als selbstherrlicher Macho, der Kommissar selbst leidet unter akuter Verantwortungsangst und Entscheidungsschwäche und behütet seine einzige Tochter wie einen Goldschatz, die Kollegen in der Mordkommission sind bräsig bis prollig, der Witwer des ersten Mordopfers ist ein blutarmer, Hausarbeit leistender Lektor, dessen Charakterbild sich die Autorin anscheinend aus der realen Erfahrung zurechtgeschnitzt hat, und der Mörder schließlich, na ja, der ist ein größenwahnsinniger Psychopath. Dagegen sind die Frauen, allen voran die junge Assistentin des Kommissars, patent und fit; auch die Opfer zeigen sich bis zum Moment ihres perfide eingefädelten Todes als selbstbewusste und entscheidungsstarke Frauen.

Aufschlussreich ist weiterhin, dass die Autorin drei Personen - den Kommissar, das erste Opofer und den Mörder - mit je einer Tochter im Kindergartenalter versieht. Dass die Tochter des Kommissars am ausführlichsten und ausgesprochen gewinnend - aufgeweckt, eloquent, selbstbewusst - porträtiert wird, liegt auf der Hand. Offensichtlich hat die Autorin selbst eine Tochter in diesem Alter, und wer macht das fiktive Abbild der eigenen Tochter schon gern zum Kind eines Mordopfers - makaber! - oder gar eines Mörders!

Abgesehen von der beschriibenen Verteilung der Sympathien auf die Geschlechter ist der Autorin ein spannender und psychologisch glaubwürdiger Roman gelungen. Während der Realitätsgehalt der Mörderpsyche schwer zu beurteilen ist, sind die Charaktere der beiden ermittelnden Beamten gerade wegen ihrer Vielschichtigkeit und Ambivalenz sehr gut getroffen.

Das Buch "Der Beutegänger" ist im Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) unter der ISBN 978-3-423-21138-3 erschienen und kostet 8,95 €.


Frank Raudszus

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