| Robert Pfaller: "Das schmutzige Heilige und die reine
Vernunft" |
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Symptome der
Gegenwartskultur - wie sie ein Linzer Kulturtheoretiker sieht |
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dieselbe
Kategorie fällt
der
Linzer Kulturwissenschaftler
Robert
Pfaller, der ursprünglich Philosophie studiert hat, heute
jedoch Kulturwissenschaften lehrt. Sein vorliegendes Buch
beschäftigt sich denn auch nicht mit der - etwa bildenden - Kunst
im engeren Sinne, sondern dehnt den Kulturbegriff aus zu Philosophie,
Soziologie und Psychologie bzw. Psychoanalyse. Pfaller
schließt
von dem Verhalten gegenüber explizit kulturellen
Objekten konsequent auf die gesellschaftliche Position des
zeitgenössischen Menschen. Dabei weist er die gängige
Behauptung eines überschießenden Hedonismus zurück und
sieht stattdessen eine im Narzissmus endende Individiualisierungstendenz
mit
eher asketischen Zügen.
Das zeigt sich für
ihn
z. B. in der Tatsache einer zunehmenden "political
correctness"
in
der Kunst, die dazu führt, dass viele Filme aus den sechziger
und siebziger Jahren heute nicht mehr so gedreht werden könnten,
in dem europaweit gerade zu fanatisch durchgefochtenen Rauchverbot oder
in dem Ersatz der sexuellen Befreiung und Selbstverwirklichung durch
eine zunehmend distanziert-ästhetische Haltung gegenüber
diesem menschlichen Urtrieb. Pfaller behauptet, dass der moderne Mensch
die "reine Vernunft" über alles stelle, weil nur sie ihm die
ersehnte Selbstachtung garantiere. Denn diese sei für die
westliche Zivilisation heute die maßgebliche Richtschnur,
während jegliche emotionale und irrationale Regung letztlich
kompromittierend wirke und den sich so Verhaltenden in das zweite Glied
der Ernsthaftigkeit verbanne. Die Menschen verzichten laut Pfaller auf
viele Annehmlichkeiten und neue Erfahrungen um dieser Selbstachtung
willen, die letztlich darauf hinausläuft, nur das zu akzeptieren,
was "Ich-konform" ist, d.h. was dem Individuum, seinem Lebensweg,
seiner Herkunft und seiner Weltanschauung angemessen ist. Vor allem die
großen Gesten und das Feierliche nehmen vor diesem Hintergrund
den Geruch des Zweifelhaften, Uneriösen an, das mit dem Würde
des Egos nicht zu vereinbaren ist. Pfaller
baut
auf dieser Annahme eine Theorie des Spiels und der Magie auf. Die
- vor allem von Männern gern gespielten - "sinnlosen" Spiele wie
Besuch eines Autorennens oder Fußballspiels faszinieren die
Spieler gerade deswegen, weil sie ihre Sinnlosigkeit erkennen. Ein
Spiel mit einem praktischen Sinn kann nicht faszinieren, da es Alltag
bedeutet. Das "dennoch" Spielen, sozusagen gegen das eigene bessere
Wissen, erst verleiht dem Spiel den Hauch des Besonderen, Magischen.
Pfaller führt dazu auch das Beispiel des Zauberers im
Varieté an, der uns fasziniert, gerade weil wir wissen, dass er
nicht wirklich zaubern kann. Würden wir das glauben, nähmen
wir die Zauberei als selbstverständliche Alltagsfähigkeit
hin. Von dieser Magie kommt Pfaller auf die Religion und rückt das
alte Verständnis der Magie als naiver Vorläufer der Religion
zurecht. Laut Pfaller war zuerst die Religion
mit
der naiven Annahme der göttlichen Allmächtigkeit da, aus
der sich dann die Magie sozusagen als "aufgehobene Illusion" entwickelt
hat. Daher haben auch die magischen Riten der sogenannten "Wilden"
für Pfaller durchaus eine andere, "aufgeklärtere" Bedeutung
als landläufig angenommen. Pfaller zitiert in diesem Zusammenhang
auch den Kirchenvater Tertullian, der schon den frühen Christen
den Genuss von Spektakeln aller Art und von Musik untersagte, weil er
genau wusste, dass eben diese Betätigung den reinen Ernst der vom
unbedingten Glauben abhängigen Religion unterminiert. Im
Rückzug
des westlich zivilisierten Menschen ins Private unter
Verzicht auf alles Öffentliche - denn jenes ist als "Externes"
selten ich-konform - sieht Pfaller auch eine große Gefahr
dahingehend, dass eine ins Private vereinzelte Masse wesentlich besser
zu lenken und beherrschen sei als eine öffentlich organisierte und
kommunizierende Gesellschaft. Der "Beuteverzicht", wie er den
Rückzug ins Private nennt, führt letztlich dazu, dass man die
Beute - die Annehmlichkeiten - für den Feind hält und
bekämpft und den Feind - d.h. letztlich die gesellschaftliche
Versklavung - immer laut Pfaller! - für die Beute und sie dankbar
annimmt. Pfaller
geht,
von diesen Gedanken kommend, auch auf Sloterdijks "Zorn und Zeit"
ein und kritisiert dessen Behauptung, die Menschen hätten heute
nicht mehr die Kraft oder den Willen zum (gerechten) Zorn, da jede Art
von Aggressivität - auch die gegenüber dem Bösen - unter
Bellizismusverdacht falle und damit politisch untragbar sei. Wir kennen
das von der strikten Weigerung gewisser politischer Parteien, einen
drohenden Völkermod mit militärischen Mitteln zu verhindern.
Absoluter Pazifismus ist heute heilig! Pfaller jedoch behauptet - und
belegt das auch mit einer längeren logischen Herleitung -,
dass gerade diese Bescheidung in der Verweigerung des Zorns keine
Schwäche sondern blanker Hochmut sei, da der so Handelnde sich in
seiner moralischen Position allen anderen überlegen fühlt und
daher auch keine Notwendigkeit für deren Rettung sieht. Zwar kann
Pfaller hier scheinbar einen kleinen Punktsieg über Sloterdijk
erringen, doch erscheint dieser um seiner selbst willen erkämpft
zu sein, da er Sloterdijk in seinen generellen Aussagen durchaus folgt. Auch
die
Psychoanalyse Freudscher Prägung nimmt in Pfallers
Ausführungen breiten Raum ein, und viele der Erkenntnisse, die er
selbst gefunden hat, sieht er durch psychoanalatische Studien Sigmund
Freunds bestätigt. Es würde zu weit führen, auch diese
sehr detaillierten und komplexen Abhandlungen hier en detail
wiederzugeben und zu kommentieren. Dem Leser sei jedoch empfohlen, sich
diesen aufschlussreichen Kapiteln besonders zu widmen. Das gilt auch
über das eigene Kapitel über den Populismus, den
Pfaller nicht nur in der Politik und den Medien - Fernseh-Talkshows! -
sondern auch in der Kunst sieht. Dort erkennt er eine deutliche
Bewegung weg vom künstlerischen Individuum
mit
Genieanspruch zu einer preudo-demokratischen Ideologie des "jeder
kann mitmachen". Da man bei Herausstellung eines Einzelkünstlers
den Vorwurf des undemokratischen Personenkults und der
Autoritätsgläubigkeit fürchtet, schließt
man
in großen Ausstellungen - so die "documenta 12" - gleich alle
sich individualistisch gebenden Künstler aus und ist noch stolz
auf dieses "progressive" Konzept. Aus
der
"aufgehobenen Illusion" entwickelt Pfaller dann noch eine Theorie
des Komischen und des Unheimlichen, wobei er die Frage stellt - und
auch beantwortet -, warum dasselbe Ereignis auf den einen komisch, auf
den anderen unheimlich wirken kann. Er bezieht dies vor allem auf
Beispiele aus Literatur - E.T.A. Hoffmann - und Theater, und kommt dann
schließlich examplarisch auf einen zeitgenössischen
Künstler zu sprechen, der diese Elemente des Komischen und
Unheimlichen sehr subtil verarbeitet und gleichzeitig noch die
populistische, sprich pseudo-demokratische Tendenz des heutigen
Kulturbetriebs unterläuft. Was
bei
aller Detailfreude, den intellektuellen Höhenflügen und
überraschenden Theorien stört, ist die nur scheinbar
unreflektierte, in Wirklichkeit aber gezielte Verwendung so
abgegriffener und klischeebeladener Begriffe wie "neoliberal",
"Kapitalismus" und "herrschende Klasse". Wer ansonsten Begriffe bis auf
die Knochen seziert und ihre Bedeutung hinterfragt, kann Begriffe mit
einer solchen zementierten Negativ-Konnotation nicht einfach
"mitlaufen" lassen, es sei denn, er will gerade durch die
"Nebensatz-Nutzung" die wertende Wirkung dieser Begriffe nutzen und
verstärken. Da fragt man sich dann, wer denn die geheimen
Verschwörer sind, die alle Menschen vereinzeln, um sie dann zu
unterdrücken, oder man möchten ihm zurufen: "neo-liberal"
heißt doch lediglich "neu-freiheitlich", was ist daran
auszusetzen? Es wäre intellektuell redlicher, solche aufgeladenen Begriffe nicht als Geschmacksverstärker zu nutzen oder sie zumindest zu diskutieren. Aber das fällt in dieselbe Kategorie wie das anfangs erwähnte Rauchverbot. Ist sich Pfaller doch nicht zu schade, gegen das Rauchverbot todernst die bisher nur als Kalauer bekannte Feststellung zu setzen, dass bisher noch niemand die hohe Toleranz der Raucher gegenüber den Nichtrauchern anerkannt habe. Pfaller muss selbst Kettenraucher sein! Das Buch ist im S.Fischer-Verlag unter der ISBN 978-3-596-17729-5 erschienen und kostet 12,95 Euro. Frank Raudszus |
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