Robert Pfaller: "Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft"

                                                                    
 August 2009 Symptome der Gegenwartskultur - wie sie ein Linzer Kulturtheoretiker sieht
 

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BuchumschlagEin durchaus bedenkenswerter Vorwurf gegen die moderne (Geistes-)Wissenschaft besteht in dem Hinweis auf das Spartendenken. In den Naturwissenschaften hat wachsendes Faktenwissen und zunehmende Komplexität geradez zwangsläufig zu dieser fragwürdigen Tendenz geführt, hat doch kaum noch ein Wissenschaftler die Zeit, sich inhaltlich in verwandte oder gar ferne Fachgebiete einzuarbeiten, will er nicht sein Fachgebiet vernachlässigen. In den Geisteswissenschaften ist dieser Sachzwang nicht im geichen Maße vorhanden, aber auch dort geht - nicht zuletzt wegen der wissenschaflichen "Ehre" - die Forschungsarbeit eher in die Tiefe als in die Breite. Da sind dann neuere Ansätze, die Grenzen des eigenen Fachgebiets zu überschreiten und bewusst nahe und weniger nahe Felder zu bearbeiten, zu begrüßen. Die Philosophen haben dies tendenziell schon seit längerem getan, man denke nur an Adorno, der eigentlich Musikwissenschaftler war, seine Arbeitsfeld jedoch souverän auf Soziologie, Philosophie, Literaturwissenschaften und Politologie ausdehnte. Ähnliches gilt heute für Sloterdijk, der, von der Kunsttheorie kommend, sein Zeitalter ebenfalls philosophisch und allgemein gesellschaftswissenschaftlich erfasst.

In dieselbe Kategorie fällt der Linzer Kulturwissenschaftler Robert Pfaller, der ursprünglich Philosophie studiert hat, heute jedoch Kulturwissenschaften lehrt. Sein vorliegendes Buch beschäftigt sich denn auch nicht mit der - etwa bildenden - Kunst im engeren Sinne, sondern dehnt den Kulturbegriff aus zu Philosophie, Soziologie und Psychologie bzw. Psychoanalyse.

Pfaller schließt von dem Verhalten gegenüber explizit kulturellen Objekten konsequent auf die gesellschaftliche Position des zeitgenössischen Menschen. Dabei weist er die gängige Behauptung eines überschießenden Hedonismus zurück und sieht stattdessen eine im Narzissmus endende Individiualisierungstendenz mit eher asketischen Zügen. Das zeigt sich für ihn z. B. in der Tatsache einer zunehmenden "political correctness" in der Kunst, die dazu führt, dass viele Filme aus den sechziger und siebziger Jahren heute nicht mehr so gedreht werden könnten, in dem europaweit gerade zu fanatisch durchgefochtenen Rauchverbot oder in dem Ersatz der sexuellen Befreiung und Selbstverwirklichung durch eine zunehmend distanziert-ästhetische Haltung gegenüber diesem menschlichen Urtrieb. Pfaller behauptet, dass der moderne Mensch die "reine Vernunft" über alles stelle, weil nur sie ihm die ersehnte Selbstachtung garantiere. Denn diese sei für die westliche Zivilisation heute die maßgebliche Richtschnur, während  jegliche emotionale und irrationale Regung letztlich kompromittierend wirke und den sich so Verhaltenden in das zweite Glied der Ernsthaftigkeit verbanne. Die Menschen verzichten laut Pfaller auf viele Annehmlichkeiten und neue Erfahrungen um dieser Selbstachtung willen, die letztlich darauf hinausläuft, nur das zu akzeptieren, was "Ich-konform" ist, d.h. was dem Individuum, seinem Lebensweg, seiner Herkunft und seiner Weltanschauung angemessen ist. Vor allem die großen Gesten und das Feierliche nehmen vor diesem Hintergrund den Geruch des Zweifelhaften, Uneriösen an, das mit dem Würde des Egos nicht zu vereinbaren ist.

Pfaller baut auf dieser Annahme eine Theorie des Spiels und der Magie auf. Die - vor allem von Männern gern gespielten - "sinnlosen" Spiele wie Besuch eines Autorennens oder Fußballspiels faszinieren die Spieler gerade deswegen, weil sie ihre Sinnlosigkeit erkennen. Ein Spiel mit einem praktischen Sinn kann nicht faszinieren, da es Alltag bedeutet. Das "dennoch" Spielen, sozusagen gegen das eigene bessere Wissen, erst verleiht dem Spiel den Hauch des Besonderen, Magischen. Pfaller führt dazu auch das Beispiel des Zauberers im Varieté an, der uns fasziniert, gerade weil wir wissen, dass er nicht wirklich zaubern kann. Würden wir das glauben, nähmen wir die Zauberei als selbstverständliche Alltagsfähigkeit hin. Von dieser Magie kommt Pfaller auf die Religion und rückt das alte Verständnis der Magie als naiver Vorläufer der Religion zurecht. Laut Pfaller war zuerst die Religion mit der naiven Annahme der göttlichen Allmächtigkeit da, aus der sich dann die Magie sozusagen als "aufgehobene Illusion" entwickelt hat. Daher haben auch die magischen Riten der sogenannten "Wilden" für Pfaller durchaus eine andere, "aufgeklärtere" Bedeutung als landläufig angenommen. Pfaller zitiert in diesem Zusammenhang auch den Kirchenvater Tertullian, der schon den frühen Christen den Genuss von Spektakeln aller Art und von Musik untersagte, weil er genau wusste, dass eben diese Betätigung den reinen Ernst der vom unbedingten Glauben abhängigen Religion unterminiert.

Im Rückzug des westlich zivilisierten Menschen ins Private unter Verzicht auf alles Öffentliche - denn jenes ist als "Externes" selten ich-konform - sieht Pfaller auch eine große Gefahr dahingehend, dass eine ins Private vereinzelte Masse wesentlich besser zu lenken und beherrschen sei als eine öffentlich organisierte und kommunizierende Gesellschaft. Der "Beuteverzicht", wie er den Rückzug ins Private nennt, führt letztlich dazu, dass man die Beute - die Annehmlichkeiten - für den Feind hält und bekämpft und den Feind - d.h. letztlich die gesellschaftliche Versklavung - immer laut Pfaller! - für die Beute und sie dankbar annimmt.

Pfaller geht, von diesen Gedanken kommend, auch auf Sloterdijks "Zorn und Zeit" ein und kritisiert dessen Behauptung, die Menschen hätten heute nicht mehr die Kraft oder den Willen zum (gerechten) Zorn, da jede Art von Aggressivität - auch die gegenüber dem Bösen - unter Bellizismusverdacht falle und damit politisch untragbar sei. Wir kennen das von der strikten Weigerung gewisser politischer Parteien, einen drohenden Völkermod mit militärischen Mitteln zu verhindern. Absoluter Pazifismus ist heute heilig! Pfaller jedoch behauptet - und belegt das auch mit einer längeren logischen Herleitung -, dass  gerade diese Bescheidung in der Verweigerung des Zorns keine Schwäche sondern blanker Hochmut sei, da der so Handelnde sich in seiner moralischen Position allen anderen überlegen fühlt und daher auch keine Notwendigkeit für deren Rettung sieht. Zwar kann Pfaller hier scheinbar einen kleinen Punktsieg über Sloterdijk erringen, doch erscheint dieser um seiner selbst willen erkämpft zu sein, da er Sloterdijk in seinen generellen Aussagen durchaus folgt.

Auch die Psychoanalyse Freudscher Prägung nimmt in Pfallers Ausführungen breiten Raum ein, und viele der Erkenntnisse, die er selbst gefunden hat, sieht er durch psychoanalatische Studien Sigmund Freunds bestätigt. Es würde zu weit führen, auch diese sehr detaillierten und komplexen Abhandlungen hier en detail wiederzugeben und zu kommentieren. Dem Leser sei jedoch empfohlen, sich diesen aufschlussreichen Kapiteln besonders zu widmen. Das gilt auch über das eigene  Kapitel über den Populismus, den Pfaller nicht nur in der Politik und den Medien - Fernseh-Talkshows! - sondern auch in der Kunst sieht. Dort erkennt er eine deutliche Bewegung weg vom künstlerischen Individuum mit Genieanspruch zu einer preudo-demokratischen Ideologie des "jeder kann mitmachen". Da man bei Herausstellung eines Einzelkünstlers den Vorwurf des undemokratischen Personenkults und der Autoritätsgläubigkeit fürchtet, schließt man in großen Ausstellungen - so die "documenta 12" - gleich alle sich individualistisch gebenden Künstler aus und ist noch stolz auf dieses "progressive" Konzept.

Aus der "aufgehobenen Illusion" entwickelt Pfaller dann noch eine Theorie des Komischen und des Unheimlichen, wobei er die Frage stellt - und auch beantwortet -, warum dasselbe Ereignis auf den einen komisch, auf den anderen unheimlich wirken kann. Er bezieht dies vor allem auf Beispiele aus Literatur - E.T.A. Hoffmann - und Theater, und kommt dann schließlich examplarisch auf einen zeitgenössischen Künstler zu sprechen, der diese Elemente des Komischen und Unheimlichen sehr subtil verarbeitet und gleichzeitig noch die populistische, sprich pseudo-demokratische Tendenz des heutigen Kulturbetriebs unterläuft.

Was bei aller Detailfreude, den intellektuellen Höhenflügen und überraschenden Theorien stört, ist die nur scheinbar unreflektierte, in Wirklichkeit aber gezielte Verwendung so abgegriffener und klischeebeladener Begriffe wie "neoliberal", "Kapitalismus" und "herrschende Klasse". Wer ansonsten Begriffe bis auf die Knochen seziert und ihre Bedeutung hinterfragt, kann Begriffe mit einer solchen zementierten Negativ-Konnotation nicht einfach "mitlaufen" lassen, es sei denn, er will gerade durch die "Nebensatz-Nutzung" die wertende Wirkung dieser Begriffe nutzen und verstärken. Da fragt man sich dann, wer denn die geheimen Verschwörer sind, die alle Menschen vereinzeln, um sie dann zu unterdrücken, oder man möchten ihm zurufen: "neo-liberal" heißt doch lediglich "neu-freiheitlich", was ist daran auszusetzen?

Es wäre intellektuell redlicher, solche aufgeladenen Begriffe nicht als Geschmacksverstärker zu nutzen oder sie zumindest zu diskutieren. Aber das fällt in dieselbe Kategorie wie das anfangs erwähnte Rauchverbot. Ist sich Pfaller doch nicht zu schade, gegen das Rauchverbot todernst die bisher nur als Kalauer bekannte Feststellung zu setzen, dass bisher noch niemand die hohe Toleranz der Raucher gegenüber den Nichtrauchern anerkannt habe. Pfaller muss selbst Kettenraucher sein!

Das Buch ist im S.Fischer-Verlag unter der ISBN 978-3-596-17729-5 erschienen und kostet 12,95 Euro.

Frank Raudszus

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