Philipp Sarasin: "Darwin und Foucault"

                                                                    
 August 2009 Ein fast provokanter Vergleich zweier nur scheinbar unkorrelierter Wissenschaftler
 

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BuchumschlagWas hat Charles Darwin (1809-1882) mit Michel Foucault (1926-1984) zu tun? Oder besser gefragt: wer war Michel Foucault? Eine entsprechende Umfrage in einer zufällig ausgewählten Zielgruppe ergäbe hinsichtlich des Bekanntheitsgrades wohl einen "Vorsprung" für Darwin zwischen dem Zehn- und Hundertfachen. Dabei würde wohl Darwin in vielen Fällen auf die Aussage "Wir stammen alle vom Affen ab" und den unter Umständen ein wenig krude interpretierten Satz vom "Survival of the fittest" reduziert, aber ein grundsätzliches Verständnis von Darwins Position darf man wohl voraussetzen. Den Soziologen, Historiker und Philosophen Michel Foucault dagegen dürfte dagegen nur eine kleine Gruppe von "Eingeweihten" (den Begriff "Insider" vermeiden wir als Anglizismus) kennen.

Der Autor schildert die Positionen und Werke der beiden Wissenschaftler in parallelen Erzählsträngen und bezieht sie, soweit möglich, aufeinander. Dass sich dabei nur Foucault auf Darwin beziehn kann und nicht umgekehrt, ist aufgrund der Lebensdaten trivial, sei der Vollständigkeit hier aber noch einmal festgestellt. Dabei beweist Sarasin Kapitel für Kapitel, dass sich Foucault trotz nur sehr sporadischer Erwähnung Darwins für seine Arbeiten und Erkenntnisse bei diesem bedient hat, ohne dass dies in irgendeiner Weise als Plagiat zu verstehen ist. Dafür bewegen sich die beiden denn doch in zu verschiedenen Gebieten.

Für Leser, die Darwin - wie die meisten - nur oberflächlich oder gar als negativ besetztes Schlagwort ("Sozialdarwinismus") kennen, geht Sarasin noch einmal detailliert auf dessen Werdegang und vor allem die Theorien ein. Wie vielleicht wenige wissen, hat Darwin zwei wesentliche Werke verfasst: "On the Origin of Species by Means of Natural Selection" und "The Descent of Men, and Selection in Relation to Sex" (ab hier ist diese Seite in manchen US-Staaten wahrscheinlich blockiert). In ersterem schildert er - grob gesagt -, wie sich das Leben auf der Erde aus einfachen Grundorganismen entwickelt hat. Dabei geht er von einem einzigen Stammbaum aus, erklärt dies jedoch nicht zum Dogma. Wichtig ist für den ausgebildeten Theologen(sic!), dass nicht ein göttlicher Schöpfer die Arten in einem einmaligen Schöpfungsprozess erschaffen hat, sondern dass sich die Lebewesen aufgrund kleiner Änderungen im Erbgut und äußerlicher Bedingungen entwickelt haben. Nützliche Varianten dieser zufälligen(!) Änderungen führen zu höheren Überlebenschancen, während schädliche letzten Endes zum Aussterben der jeweiligen Art führen. Wichtig ist dabei, dass Darwin hinter der "Zuteilung" von genetischen Änderungen keinen Plan höherer Mächte sah, sondern ein reines Zufallsprinzip. Selbst seine theologische Ausbildung konnte ihn die Fakten nicht übersehen lassen, die alle für einen von der Umwelt gesteuerten Überlebens- und  Entwicklungsprozess sprachen. Ob hinter dem gesamten genealogischen Prozess ein höherer Wille steht, lässt Darwin offen.

Darwins Erkenntnisse beruhen auf sogenannten "Reihen" oder "Serien", das heißt Ergebnissen der Evolution, die sich in lebenden Exemplaren verschiedener Vertreter von Fauna und Flora sowie fossilen Funden niederschlagen. Diese Reihen bilden jedoch keine teleologische, d.h. zielgerichtete Linie, sondern verschwinden in vielen Fällen oder entwickeln sich aus anderen Zweigen neu. Dem ganzen System der Evolution ist für Darwin kein stringentes logisches Muster zu entnehmen, d.h. die Welt entwickelt sich nicht nach einem Plan, sondern lediglich aufgrund der beteiligten Kräfte.

Hier kommt nun laut Sarasin Foucault ins Spiel. Dieser französische Intellektuelle war das wissenschaftlilche "enfant terrible" in Reinkultur, Querdenker und Provokant in einem, aber gleichzeitig ein genialer Kopf mit einem umfangreichen multidisziplinären Wissen (s. o.) sowie einer hohen intellektuellen Kreativität. Nach dem zweiten Weltkireg hatte sich das Geschichtsbild der Historiker - nicht zuletzt aufgrund der gerade überstandenen Katastrophen - deutlich gewandelt. Das traditionelle Geschichtsbild ging von einer zielgerichteten Entwicklung der menschlichen Gesellschaft von unzivilisierten Wilden hin zu einer höheren, sprich friedvolleren und einsichtigeren Gemeinschaft aus. Dass auf diesem Weg viele Rückschläge einzustecken waren, nahm man als Ausfluss menschlicher Schwäche hin. Die Unterschiede historischer Interpretation bezogen sich dabei hauptsächlich auf die Bedeutung des Individuums. Der eine sprach großen Persönlichkeiten wie Alexander d. Gr., Cäsar oder Napoleon (von den großen Verbrechern ganz zu schweigen) mehr Einfluss auf den Gang der Geschichte zu, der andere sah diese eher als Summe vieler kleinerer Aktivitäten und regionaler Entwicklungen, die jedoch zusammen einen Prozess der Weiterentwicklung zu einem Ziel bildeten. Hegel ließ grüßen! Nachdem Marx diesen "auf den Kopf gestellt" hatte, aber selbst einigen größeren Irrtümern unterlegen war, entwickelten die Strukturalisten in den sechziger Jahren vornehmlich in Frankreich die Theorie, dass die Sprache als Struktur eine zeitinvariante Textur über die menschliche Gesellschaft lege. Geschichte wurde dadurch zu einem mehr oder minder deterministischen Prozess im Rahmen einer immer schon existenten Systemstruktur, konnte sich jedoch nicht gegen diese als eigenständige, teleologische Entwicklung behaupten.

Foucault, dem steten Fortschritt des traditionellen Verständisses in der Geschichte von vornherein abhold, räumte jedoch auch mit den Strukturalisten auf, und behauptete, dass Geschichte in erster Linie eine Folge von Interpretationen der Fakten sei und damit letzten Endes eine Frage der Machtverhältnisse. Geschichte ist laut Foucault eine reine Folge von Machtkämpfen, jedoch ohne das Ziel einer "Verbesserung". Man könnte dies auch mit dem alten - zynischen - Spruch illustrieren "der Sieger hat immer Recht". Damit liegt Foucault deutlich auf der Linie von Darwin, obwohl dieser sich eher auf die biologische Entwicklung der Arten als auf die historische Entwicklung der menschlichen Gesellschaft bezogen hat, wohl auch, weil letztere für seine Zeit ein viel zu heißes Eisen gewesen wäre. Er hatte schon mit seinem Affen als Urahn genug zu tun.  Doch zwischen Darwin und Foucault existiert noch ein weiterer Vermittler und Brückenbauer, den Foucault wie seinen persönlichen Mentor und sozusagen als Darwins Stellvertreter zitiert: Nietzsche! Hatte doch dieser schon früh die Implikationen von Darwins Theorien für die menschliche Gesellschaft erkannt und daraus sein zu Lebzeiten und vor allem später gründlich missverstandenes Prinzip des "Übermenschen" und des "Wille[ns] zur Macht" erarbeitet. Wer Nietzsche mit Bedacht und ohne Ressentiment gegenüber wem auch immer liest, kann darin statt Größenwahns nur das Weiterdenken der Darwinschen Erkenntnisse und die Anwendung auf die menschliche Gesellschaft sehen. Foucault war einer, der Nietzsche aus dieser Perspektive gelesen hat und dessen "Genealogie der Macht" wie auch andere Theorien weiterentwickelt hat.

Wie Nietzsche traf natürlich auch Foucault mit seiner Theorie der "blinden Machtkämpfe" in einer jedes höheren Sinns entbehrenden Welt auf den erbitterten Widerstand der gesinnungsorientierten Historiker und Philosophen. Was helfen Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie, wenn doch alles nur einem mörderischen und sinnlosen Zufall überlassen bleibt? Auch die intellektuell abgehobenen Strukturalisten, die ihr eigenes, fein gesponnenes Netz aus Signifikat und Signifikant von Foucault zerrissen sahen, konnten sich mit ihm nicht anfreunden. Sahen sie doch nur die strukturalen Relationen von Objekten und gestanden letzteren keine eigenständige Existenz zu, während Foucault - ein wenig wie Marx! - nur den konkreten Einzelfall mit seinen sehr realen Machtverhältnissen in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellte. Mit Zeitgenossen und Freunden wie Jacques Derrida zerstritt sich Foucault deswegen sogar gründlich.

Eine weitere Theorie Darwins betraf die "sexuelle Auswahl". Er hatte festgestellt, dass viele Merkmale von Lebewesen - Tiere, Menschen - keinen erkennbaren Nutzwert hatten und doch langfristig überlebt hatten. Daraus schloss er, dass die sexuelle Attraktion ein selbststabilisierender Prozess mit positiver Rückkopplung sein müsse. Eine gewisse ästhetische Präferenz bei der Partnerwahl, und sei sie noch so schwach ausgebildet, führe im Laufe der Generationen
über die Vererbung zur deutlichen Stärkung dieser Merkmale, da Partner mit den entsprechenden Merkmale sich aufgrund der Auswahl erfolgreicher reproduzierten als die anderen.  Er nannte dies - noch völlig unbefangen! - "natürliche Zuchtwahl", ein Begriff, der uns heute nur noch unter großen Widerständen über die Lippen geht. Wie auch immer man diesen Aspekt betrachtet: rein faktisch ist wenig gegen ihn einzuwenden. Aktuelle Untersuchungen belegen, dass die führenden gesellschaftlichen Schichten statistisch ein wesentlich attraktiveres Äußeres aufwiesen, da eben die Reichen und Mächtigen sich schöne Frauen wählten und diese sich hauptsächlich mächtige Männer suchten. Womit wir wieder bei Foucault und seiner Geschichte der Machtverhältnisse wären.

Inzestverbot und Körperlichkeit sind laut Sarasin weitere brisante und kontrovers diskutierte aApekte der menschlichen Evolutionsgeschichte - sowohl biologisch-natürlich als auch historisch-kulturell. Wenn das Inzestverbot eine reine Kulturleistung der Menschen ist, so liegt hier eine klare Trennlinie zwischen Natur und Kultur, Tier und Mensch. Der Mensch wäre dann eine auch biologisch über die Tiere erhabene Gattung. Lässt sich aber das Inzestverbot - wofür es logische Gründe gibt - auch in der Natur nachweisen, so existiert eine Kontinuität zwischen Mensch und Tier, die wiederum zwangsläufig zur Frage des unterschiedlichen Entwicklungsgrads menschlicher "Rassen" führt. Denn wenn es unterschiedliche "Reifegrade" im Tierreich gibt und ein gemeinsames Kontinuum sich über Tiere und Menschen erstreckt, so gilt diese Abstufung grundsätzlich auch für die menschliche Sphäre. Dieser Gedanke fällt jedoch spätestens seit der Eugenik des Dritten Reichs unter ein generelles Denkverbot.
Für die Körperlichkeit gilt Ähnliches. Die herrschende Anthropologie sieht den menschlichen Körper als eine invariante - von Merkmalsunterschieden innerhalb der Gattung abgesehen - Plattform, in den die kulturellen Merkmale "eingeschrieben" werden. Lässt sich jedoch eine Evolution und Änderung grundsätzlicher Körpermerkmale aufgrund äußerer Bedingungen nachweisen, so entfällt die einzige Referenz auf ein einheitliches, unveränderbares Menschenbild und damit die Einzigartigkeit. Der Mensch wird dadurch zu einer in jeder Beziehung veränderlichen Größe, die letztendlich auch jegliche moralischen und ethischen Maßstäbe relativiert. Sowohl Darwin als auch Foucault denken diese Gedanken nicht zu Ende, Darwin aus Rücksicht auf die religiös fundierte Grundstruktur seiner Zeit, Foucault wohl aufgrund einer ungeschriebenen Übereinkunft innerhalb der intellektuellen und ethischen Paradigmen seiner Zeit. Beide Fragen bleiben jedoch im Raum stehen und sind nicht endgültig beantwortet, von Gesinnungsaussagen einmal abgesehen.

Das sind in groben Zügen die Themen, die Sarasin in seinem streckenweise geradezu spannenden Vergleich zwischen zwei archetypischen Vertretern einer neuen Sicht auf Natur und Mensch verhandelt. Wer sich für die Grenzbereiche zwischen Biologie, Geschichte, Soziologie und Philosophie (und leider auch...) interessiert, der sollte dieses Buch zur Hand nehmen.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 978-3-518-58522-1 erschienen und kostet 24,90 €.

Frank Raudszus

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