Henriette und Joachim Kaiser: "Ich bin der letzte Mohikaner"

                                                                    
 August 2009 Die (Auto-)Biographie eines Universaltalents
 

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BuchumschlagBiographien zu Lebzeiten leiden stets unter gewissen Vorurteilen: einerseits befleißigen sich vorzugsweise sogenannte "C-Prominente", ihr Ego vor Abklingen ihres Bekanntheitsgrades in einer Selbstdarstellung meist sehr fragwürdiger Qualität zu zementieren, andererseits verbreiten die Biografien wahrhaft Prominenter, über deren Leben man zu Recht gerne mehr wüsste, unvermeidlich die Aura eines Nachrufs, denn nach dieser meist im fortgeschrittenen Alter erstellten Biografie kann nicht mehr viel kommen. Darüber hinaus weist eine Biografie zu Lebzeiten den Vorteil auf, dass man den so Geehrten persönlich befragen und zu Wort kommen lassen kann. Liegt die Verantwortung für eine solche Lebensrückschau in den Händen Dritter, so lassen sich auch eventuelle Peinlichkeiten von vornherein ausschließen, solange der Autor eine gewisse kritische Distanz einhält. Dies ist bei der Biographie von Joachim Kaiser der Fall, hatte doch seine Tochter Henriette bei deren Verfassung das Heft in der Hand.

Joachim Kaiser hat sich in der deutschen Kulturlandschaft im Laufe der letzten fünfzig Jahre als "Institution" etabliert. Seit Jahrzehnten schreibt er für die Süddeutsche Zeitung Kritiken und Kolumnen über Literatur, Musik und Theater. In den meisten Feuilleton-Redaktionen sind diese Ressorts auf verschiedene Redakteure verteilt, doch bei  der SZ hat Joachim Kaiser sich auf  allen drei Gebieten ein solches Expertentum erarbeitet, dass er bis in den Ruhestand und darüber hinaus alle drei unangefochten als Verantwortlicher betreuen durfte. Dabei hat er sich über seine Rolle als Rezensent einen derart herausragenden Namen gemacht, dass er Prominente aus allen drei Kunstgattungen und verschiedenen Ländern zu seinen persönlichen Bekannten und Freunden zählen konnte oder noch kann.

Joachim Kaiser kam 1928 im ostpreußischen Tilsit als Sohn eines musikbegeisterten und aktiv musizierenden Vaters zur Welt, während seine Mutter der Musik eher passiv verbunden war. Schon als Kind erlernte er das Klavierspiel und fand darin schnell seine Leidenschaft. Seine Eltern führten ihn bereits früh an die große deutsche Literatur heran, und das Theater faszinierte ihn ebenfalls schon als Jugendlichen. So lernte er schon früh, auf drei kulturellen Hochzeiten zu tanzen, und wurde bald in das Streichquartett seines Vaters als Pianist integriert. Krieg und Flucht machten der kulturell intensiven Jugend bald ein Ende und ließen ihn 1945 - glücklicherweise ohne heldische Aufopferung als letzte Reserve der HJ - im Westen landen. Dort führte ihn das Studium nach Frankfurt an die Wirkungsstätte von Adorno und Horkheimer, die ihm den entsprechenden philosophischen und literarischen Schliff verliehen. Als 1968 Adornos Studenten den Aufstand probten und dabei ausgerechnet dessen Thesen als Grundlage und Rechtfertigung heranzogen, war Kaiser bereits vierzig und mit seiner Kriegserfahrung der studentischen Revolte entwachsen. Soweit die Erinnerung nicht trügt, gehörte er auch nicht zu den Sympathisanten, die aus dem sicheren Hort eines Beamtenverhältnisses  mit Bausparvertrag die Revolution förderten, in der Hoffnung, dass diese nie stattfinden würde. Kaiser war stets in erster Linie Ästhet und Kulturmensch und erst in zweiter aktiver Vertreter politischer Ideen. Diese Haltung zieht sich auch durch die gesamte Biographie und gründet auf der Erkenntnis, dass die intensive Beschäftigung mit Hochkultur aller Art per se eine eminent politische Wirkung entfaltet.

Doch zurück zur Biographie. Anfang dieses Jahrzehnts erhielt Kaisers Tochter Henriette den Auftrag, eine Fernsehdokumentation über ihren Vater zu erstellen. Aus dieser Fernseharbeit entwickelte sich anschließend die Idee zu einem Buch, um der Biographie über den Tag der Sendung hinaus ein breites Publikum zu erschließen.

Man merkt dem Buch die Fernseh-Herkunft deutlich an, und diese Ähnlichkeit gerät durchaus zum Vorteil für die literarische Form. Biographien gehen üblicherweise chronologisch vor und leiden schnell unter Längen, da nicht jeder Tag und jedes Jahr eines gelebten Lebens einem wohl inszenierten Spannungsbogen folgt. So manche Rückschau wird dann leicht zur austauschbaren "Bleiwüste". Henriette Kaiser jedoch hat das Leben ihres Vaters fast wie eine Oper inszeniert. Da gibt es Rezitative - die Kommentare des Protagonisten über Fakten und Freunde - , da gibt es Duette - Vater/Tochter und Vater/Mutter -, Terzette und Quartette mit Freunden und Prominenten und schließlich die großen Arien des Helden: die Rezensionen und Aufsätze. Joachim Kaisers Leben war und ist das Schreiben. Laut eigenem Bekenntnis hat er zwar mit der Idee eines Romans gespielt, hat jedoch bald seine Stärken woanders als in der Fiktion gesehen: im täglichen Kommentar zum kulturellen Leben Münchens, Deutschlands und der Welt. Seine einzigartige Vielfalt und Bandbreite an Wissen erlaubte es ihm, kompetente und richtungsweisende Rezensionen über Operninszenierungen, Theaterstücke, Sinfonie- oder Kammerkonzerte sowie literarische Neuerscheinungen gleichermaßen zu verfassen. Dabei kommen seine Kenntnisse nicht nur aus der Lektüre von Sekundärliteratur sondern aus eigenem künstlerischem Erleben, jedenfalls bei der Musik. Beethovens 32 Klaviersonaten sind so etwas wie ein musikalischer Kompass für ihn, an dem er seine musikalische Welt ausrichtet. Großartig nicht nur seine Kommentare zu einzelnen Interpretationen bekannter Pianisten, sondern ebenso wie musikwissenschaftlichen Ausführungen zu diesen Werken. Dabei verfällt er nie in einen trockenen, akademischen Ton, sondern seine Begeisterung über diese einmalige Musik platzt dem "gelernten" Pianisten geradezu aus den Zeilen und überträgt sich auf den Leser. Diese Begeisterung hat er auch an die Zuhörer seiner langjährigen Abendveranstaltungen über Beethoven, Wagner oder andere große Komponisten weitergegeben. Man fragt sich angesichts der Bedeutung der Klaviermusik in Joachim Kaisers Leben, ob er je mit einer Solistenkarriere geliebäugelt hat. Seine stupenden kenntniss, sein Einfühlungsvermögen und sein Übungspensum als Jugendlicher lassen darauf schließen und ebenfalls das fast schon beharrlilch zu nennende Schweigen über diese Variante einer musikalischen Karriere. Vielleicht hat er diesen Jugendwunsch tief in sich verborgen.

Kaiser hat sich jedoch nicht immer beliebt gemacht. Schon allein der fachübergreifende Anspruch weckt bei vielen der Beteiligten Ängste und Ressentiments. So war er bereits in frühen Jahren Mitglied der berühmten "Gruppe 47" und hat sich als "junger Schnösel" durch seine mutige Kritik an altgedienten Schriftstellern nicht nur Freunde gemacht. Ähnliches, jedoch eher mit humorigen Beigeschmack, hat sich im Hause der SZ zugetragen. Vom siebenjährigen Sohn zum Besuch eines Bundesligaspiels des FC Bayern gedrängt, ging er dort mit Pressekarten hin. Doch statt die erwartete Kulturglosse über das Fußballumfeld zu verfassen, schrieb er einen so treffenden wie auch kompetenten Spielbericht, was die Sportredaktion mit eifersüchtigen Blicken vergalt.

Neben all den Gesprächen und Freundschaften mit großen Künstlern - Bernstein, Gulda, Pollini, um nur drei zu nennen -, spielt natürlich auch die Familie eine wichtige Rolle in Kaisers Leben. Doch deren Spuren sind in der Biographie eher ambivalent zu nennen. So hat seine Tochter Henriette ein Leben lang vergeblich versucht, ihm die U-Musik nahezubringen. Offensichtlich wollte sie dem Vater mit seinem allumfassenden Wissen noch etwas entgegensetzen können, statt sich dem Idol zu fügen. Der Sohn verweigerte nicht nur konsequent das Erlernen eines Instruments, sondern kommt auch in der Biographie nur am Rande vor, so mit der erwähnten Fußballgeschichte. Diese Absenz lässt den Verdacht eines Vater-Sohn-Konflikts oder zumindest eines Ausweichens vor der intellektuellen Dominanz des Vaters aufkommen. Am bedenklichsten nimmt sich jedoch die Rolle von Kaisers Frau Susanne aus. Ihre wesentlichen Aussagen zu seiner Person beziehen sich einmal auf die Anfangsphase der Beziehung, als sie sich eigentlich von ihm trennen wollte und dies nur wegen einer temporären Erkrankung Joachim Kaisers nicht tat. Eine Ehe aus Mitleid? Wohl eher ein verschlüsselter Vorwurf geringer Beachtung, der sich in dieser distanzierenden Bemerkung entlud. Schwerer noch wiegt die Bemerkung der 2007 verstorbenen Ehefrau, Joachim Kaiser habe sich für Menschen nur interessiert, sofern sie zwischen zwei Buchdeckeln passen, und ein letzter Tiefpunkt besteht in der Bemerkung, er habe das Zwitschern der Vögel (musikalisch?) kritisiert und das habe sie genervt. Es ist wohl eher ungewöhnlich, dass eine Ehefrau sich in dieser lakonischen, kritischen Weise in der "offiziellen" Biographie ihres eigenen Mannes über diesen äußert. Normalerweise würde ein Rezensent diese privaten Aspekte nicht nach außen kehren, da sie aber in der Biographie geradezu an exponierter Stelle stehen, kommt man um eine entsprechende Würdigung nicht herum.

Wahrscheinlich ist das jedoch der Preis, den ein in der Öffentlichkeit stehender und der Öffentlichkeit "gehörender" prominenter Intellektueller zu zahlen hat, wenn ihn die Geschehnisse der kulturellen Welt von morgens bis abends faszinieren und fordern. Die Leser dieses Buches profitieren von Joachim Kaisers unermüdlicher Neugier hinsichtlich der unterschiedlichen Ausprägungen der kulturellen Aktivitäten seiner Mitmenschen. Wohl kein anderer zeitgenössischer Journalist kann diese Weite des literarischen, musikalischen und theatralischen Blicks für sich in Anspruch nehmen, und nach dieser Lektüre weiß man mehr über die Bedeutung der Musik - speziell Beethovens "Hammerklavier-Sonate" - und die unermüdlichen Versuche der Menschen, sich metaphorisch über die Welt und das Leben zu äußern.

Nur wenige Kritikpunkte bleiben zu vermelden: so fehlt ein Register der Bücher von Joachim Kaiser, auf die er im Text hinweist. Auch ein Personenregister, gerade bei diesem personalintensiven Thema, vermisst man. Stilistisch fällt außerdem
Henriette Kaisers permanente Verwendung des Dativs bei der Präposition "wegen" störend auf, vor allem angesichts der Nähe zu den geschliffenen Texten ihres Vaters.

Das Buch ist im Ullstein-Verlag unter der ISBN 978-3-550-08697-7 erschienen und kostet 24,90 €.

Frank Raudszus

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