Jan  Fleischhauer: „Unter Linken“

                                                                    
 August 2009 Eine Abrechnung mit der Selbstgerechtigkeit der "besseren" Menschen
 

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BuchumschlagRezensenten ersparen sich gerne die Danksagungen am Ende (oder Anfang) eines zu kommentierenden Buches, da sie zum Inhalt wenig beitragen und eher eine Verneigung vor den meist weniger bekannten und vor allem für den Inhalt nicht verantwortlichen „Ko-Autoren“ darstellen. In diesem Fall liefert die Danksagung jedoch ein treffendes Stichwort für die Rezension, dankt doch der Autor einem Freund für die „Formulierungswut“, die er bei ihm gelernt habe. Vielleicht sollte man, Sloterdijk folgend, eher von Formulierungszorn sprechen, ist doch der Zorn im Gegensatz zur (blinden) Wut gerichtet und basiert auf einem konkreten Grund. Und Fleischhauers Zorn beruht tatsächlich auf einer Reihe akribisch recherchierter und sorgfältig belegter Fakten, die er sich in diesem Buch vom Herzen schreibt.

Der Untertitel des Buches lautet „von einem, der aus Versehen zum Konservativen wurde“. Abgesehen von der Ironie dieser Worte ist die intellektuelle Zivilcourage hervorzuheben, die den Autor dieses Buch in einem „ungeschützten“ gesellschaftlichen Kontext schreiben ließ. Schließlich arbeitet er seit Jahren beim „Spiegel“, gegenwärtig gar als stellvertretender Leiter des Berliner Büros. Nun kann man den „Spiegel“ sicher nicht als Hort konservativer Ideen bezeichnen, und die nach eigenen Aussagen wertkonservative FAZ hat dort auch schon den Beinamen „alte Tante FAZ“ erhalten. Was mag es da wohl bisweilen an Mut kosten, sich der geballten Kraft einer typisch journalistischen Links-Gemeinde zu stellen. 

Jan Fleischhauer stammt aus einer intellektuellen Hamburger Familie (wie üblich mit bildungsbürgerlichem Hintergrund) und stand als Jugendlicher unter dem Einfluss einer hundertprozentig der SPD anhängenden Mutter. Folglich führten ihn erst die Pubertät – 1977 mit dem „deutschen Herbst“ -  und dann das Studium von Literatur und Philosophie in hehre linke Gefilde, aus denen ihn der Leiter der Hamburger Journalistenschule riss, als er für einen Journalisten statt der rechten – sprich linken – Gesinnung fundierte Kenntnisse in Geschichte und mindestens einem konkreten Wissensfach forderte. Dieser frühe Schock und die genaue Beobachtung des aktuellen historischen Geschehens – Mauerfall, Untergang des real existierenden Sozialismus – führten den Autor schrittweise zu einer zunehmend kritischen Haltung gegenüber einer Weltanschauung, die er lange Zeit als die einzig richtige, anständige und intellektuell angemessene betrachtet hatte. Seine Erkenntnis, dass viele seiner Alters- und Berufsgenossen einer intellektuellen Mode folgten, die man bei Strafe des „sozialen Todes“ nicht in Frage stellte, veranlasste ihn dazu, sich hinzusetzen und das Phänomen der „deutschen Linken“ systematisch zu untersuchen.

Fleischhauer betrachtet die „Linke“ aus verschiedenen Perspektiven, von denen eine die der – echten oder vermeintlichen – Opfer ist. Findet man ein Opfer, so kann man sich zu dessen Beschützer und Wahrer der jeweiligen Interessen aufschwingen, ohne Gefahr zu laufen, in den Verdacht der Verfolgung eigener Interessen zu geraten. Die gute Gesinnung und die Ohnmacht der Opfer verbieten jeglichen solchen Vorwurf. Ob die vermeintlichen Opfer die Frauen oder  Hartz-IV-Empfänger sind, spielt keine Rolle, solange es gelingt, eventuelle Kritiker als Chauvinisten oder soziale Kältetechniker hinzustellen. Und mit einer entsprechend großen Opfergruppe – das ist wichtig! - gelingt dies auch recht gut.

Im zweiten Kapitel geht Fleischhauer auf den Urvater der Linken zurück, Jean-Jacques Rousseau, der den Menschen als von Geburt an gut definierte – Beweis?? - und seine negativen Seiten der bösen Gesellschaft zuschrieb. Außerdem sei das Privateigentum Quelle allen Übels und müsse daher zur Wiedergewinnung des „goldenen Zeitalters“ abgeschafft werden. Die Linke, angefangen bei Marx, schwenkte begeistert auf diese Linie ein, ohne sich die einfache logische Frage zu stellen (und zu beantworten), wie denn eine – aus guten Menschen bestehende – Gesellschaft eines oder mehrere ihrer Mitglieder moralisch verderben kann. Von Rousseau stammt auch der Utopismus der Linken, der in der Geschichte einen teleologischen Prozess hin zur friedlichen (und gleichgeschalteten) Gesellschaft sieht, den natürlich nur die Linke vollenden kann.

Das Bildungssystem ist ein weiteres Gebiet, auf dem sich die Ideologie der Linken laut Fleischhauer austobt. Gesamtschulen und möglichst langes gemeinsames Lernen von Schwachen und Starken werden gebetsmühlenartig als die ultimative Lösung gepriesen, und Studien, die diese Behauptung anzweifeln oder gar eindeutig als Wunschdenken widerlegen, ignoriert. Zufällige Korrelationen gelten, soweit passend, als Kausalitäten, und schlechte Ergebnisse von Leistungsvergleichen zwischen den Schultypen werden unterdrückt oder die Vergleiche von vornherein als repressiv denunziert und verweigert. Höhepunkt von Fleischhauers Recherchen auf diesem Gebiet sind Vorgaben in NRW, die Noten in Gesamtschulen sozusagen „a priori“ anzuheben.

Der Sozialstaat ist ein weiteres Gebiet, auf dem sich die Linke laut Fleischhauer extensiv engagiert, jedoch nicht nur aus altruistischen Motiven. Schließlich sind die Berufsaussichten für Soziologen und Politologen auf dem freien (bösen) Markt alles andere als rosig, und so müssen möglichst viele entsprechende Stellen im öffentlichen Dienst als Versorgungsposten geschaffen werden. In diesem Zusammenhang verweist Fleischhauer auf den seltsamen Umstand, dass in den siebziger Jahren die Gegner des demokratischen/kapitalistischen „Schweinesystems“ diesem ausgerechnet vorwarfen, sie nicht einstellen zu wollen. Als würde der Himmel der Hölle vorwerfen, keine Engel einzustellen. Höhepunkt dieser Paradoxie jedoch ist laut Fleischhauer, dass die meisten real existierenden und praktizierenden Linken im öffentlichen Dienst unkündbar ihr Brot verdienen.

Ein längerer Exkurs gilt der Einstellung der Linken zum „Volk“, das ja im Mittelpunkt der Erlösungsideen steht, heute jedoch aus guten Gründen nur noch Verachtung erfährt. Den – kaum noch existierenden – Arbeiter der Faust zitiert man zwar theoretisch noch recht gern, möchte jedoch mit diesem Spießer persönlich nichts zu tun haben. Statt dieses Schimpfwortes benutzt man jedoch lieber seit Adorno den Begriff „Kleinbürger“, da „Spießer“ bereits vom Bürgertum besetzt ist. In diesem Zusammenhang mutet es geradezu grotesk an, dass ausgerechnet der Kleinbürger, eigentlich das Paradebeispiel der „unterdrückten Masse“, diese geradezu aggressive Verachtung erfährt. Fleischhauer liefert jedoch auch den Grund dafür: das Volk habe die intellektuell „führende“ Linkselite in den letzten fünfzig Jahren drei Mal schmählich verraten: 1968 sei man nicht aus den Fabriken zu den roten Fahnen geeilt, sondern habe lieber für den nächsten Urlaub gearbeitet, 1977 habe das Volk den "faschistoiden Terror des Staates in Stammheim" nicht mit der ultimativen Revolte beendet, und 1990 – Höhepunkt des Verrats der Masse an den linken Idealen – habe das Volk den real existierenden Sozialismus mit der Wiedervereinigung beendet. Diesen dreifachen Verrat kann laut Fleischhauer keine Elite ihren Schutzbefohlenen verzeihen.

Eine zweite Seite der Opfertheorie hat laut Fleischhauer bei der Linken besonders böse Blüten getrieben: der Antisemitismus. Diesen kaschierten die Linken zwar als „Antizionismus“, der nur dem kriegslüsternen Israel und nicht den Juden allgemein gelte, doch Fleischhauer belegt aus verschiedenen Quellen, dass die Zwillinge Antikapitalismus und Antisemitismus immer noch vereint schlagen, auch wenn sie zeitweise getrennt marschieren. In diesem Zusammenhang stellt die Linke jüdische Siedlungen auf palästinensischem Gebiet als verabscheuungswürdige Verbrechen und palästinensische Selbstmordattentate als Notwehr dar. Gerne verwendet die Linke laut Fleischhauer für den Krieg der Israelis gegen die Raketenstellungen im Gaza-Streifen auch den Begriff „Holocaust“, damit die historisch einmaligen Opfer zu Tätern auf demselben Niveau degradierend. 

Der Begriff des „Bösen“ leitet sich bei der Linken laut Fleischhauer ebenfalls aus den Rousseauschen Idealen ab, nach denen es keine genetische Veranlagung zu sozialschädlichem Verhalten gibt. Fleischhauer leitet aus diesem Ansatz nicht nur die weitgehende „linke“ Marginalisierung der Kriminalität als Resultat einer verkorksten Jugend ab – außer natürlich rechtsradikale Umtriebe - sondern auch die große Strafrechtsreform in  den siebziger und achtziger Jahren, die nicht zufällig mit der sozialliberalen Koalition zusammenfiel. In diesem Kapitel zeichnet er eher historische Linien nach, ohne daraus offene Vorwürfe gegen die Linken zu konstruieren. Er stellt lediglich die immer wieder auftretenden Skandale einer zu großzügigen und mit fatalen Folgen endenden Resozialisierung schwerer Straftäter in den Raum. Als besonders eklatanten Realitätsverlust gegenüber dem „Bösen“ zitiert Fleischhauer die Sympathisanten der RAF, von Heinrich Böll bis Jean-Paul Sartre, die nicht nur die Baader-Meinhof-Bande zu verzweifelten Idealisten hochstilisierten sondern die – faktisch außerordentlich komfortablen – Haftbedingungen sogar als Folter beschrieben. Sartre gelang dabei der nie öffentlich widerlegte groteske Irrtum, den – zugegebenerweise nackten – Gesprächsraum mit der Zelle zu verwechseln. Aber wer widerspricht schon einem Sartre!

In dem Kapitel über „Türken und andere Juden“ berichtet Fleischhauer von seinen Erfahrungen in der Islamkonferenz, bei der sämtliche kritischen Äußerungen über „Hartz-IV-Migranten“ totgeschwiegen werden, auch wenn sie von einer Rechtsanwältin kommen, die als Tochter eines türkischen Gastarbeiters in Deutschland groß wurde. Er selbst erfuhr schlimmste Verdächtigungen und Aggressionen vor allem der einschlägigen islamischen Verbände, als er Selbstmordattentäter als eine durchaus potentielle Gefahr und Grund für berechtigte Ängste nannte. Auf der anderen Seite musste er sich anhören, wie vor allem die Linken in dieser Konferenz die Migranten der zweiten und dritten Generation zu potentiellen Opfern eines neuen „Holocaust“ hochstilisierten. Die nüchternen Hinweise auf die vorbildlichen finanziellen und sonstigen Maßnahmen zur Integration der Migranten speziell in Deutschland stießen dabei auf taube Ohren nicht nur bei den Betroffenen.

Auch mit dem Totschlagsargument „Faschismus“ der Linken beschäftigt sich Fleischhauer ausgiebig. Dabei stellt er fest, dass dieser ursprünglich im Kern sozialistisch war und der Antisemitismus im faschistischen Italien eine eher marginale Rolle spielte. Akribisch weist er die starke soziale – um nicht zu sagen sozialistische - und umverteilende Ideologie der nicht umsonst diese Bezeichnung tragenden „National-Sozialisten“ nach und stellt dazu einleitend die fast grotesk erscheinende Frage „War Hitler rechts?“. Eine solche eher rhetorische Frage ließe sich übrigens in einer einschlägigen Rezension hervorragend aus dem Kontext reißen. Sie soll aber lediglich auf die tatsächliche Nähe zwischen den pauschal als „ferner Feind“ titulierten Faschisten und ihren linken Gegnern aufzeigen. Soweit möglich, wird man einen solchen Vergleich mit gerechter Empörung als diffamierend zurückweisen, bei eindeutiger Faktenlage dagegen einfach ignorieren. Dass Antifaschisten automatisch auf der Seite des Guten, Wahren, Schönen stehen, ergibt sich aus der entsprechend aufbereiteten Ideologiegeschichte wie von selbst, zumal niemand im Ernst die böse Seite des Faschismus leugnen kann.

Abschließend beschäftigt sich Fleischhauer mit der eigenartigen Humorlosigkeit der Linken. Dies führt er einerseits auf die Wichtigkeit ihrer Erlösungsglaubens  – die christliche Kirche hat auch nicht gerade das Lachen erfunden – und damit auf ihre eigene Wichtigkeit zurück, andererseits auf die Unfähigkeit, über sich selbst zu lachen. Der wahre Linke will immer auf der richtigen, der „richtigen“ Seite stehen und kann sich selbst daher nicht relativieren. Dazu passt auch die Betroffenheitssucht und Nabelschau der Linken, die alles Private ins Politische dreht und im Gegenzug alles Politische zur privaten Betroffenheit umdefiniert. Und daraus ergibt sich auch der linke Kitsch, der mal den Atomtod, mal das Waldsterben oder die Erderwärmung in sentimentalen Bildern beschwört, die in anderem Kontext gerade bei den Linken nur hohnlachende Spießerschelte ernten würden.

Im Nachwort erklärt Fleischhauer, warum gerade die (Finanz-)Krise wieder konservative Werte wie Disziplin, Ehrlichkeit und Bescheidenheit in den Vordergrund rückt, Tugenden, die man laut Aussagen eines prominenten Linken auch oder besonders für den Betrieb eines KZs benötigt. Der Autor sieht daher gerade die Linke mit ihrem vor allem in ihren exponierten Teilen libertinären und individualistschen Ideen („mach kaputt, was Dich kaputt macht“) im historischen Abstieg, führt jedoch diese Vermutung mangels ausreichender konkreter Belege nicht weiter aus. Nun, es ließen sich sicher ausreichend Belege für solch eine Theorie einer untergehenden Ideologie finden, aber vielleicht sammelt der Autor diese bereits für ein weiter führendes Buch. 


Fleischhauers Stil besticht durch straffe Strukturierung, klare Formulierungen und - bei aller Pointierung - Sachlichkeit. Zwar argumentiert er im intellektuellen Zorn, jedoch nie in der blinden Wut des Ideologen, der nicht akzeptieren will, dass die Welt nicht so ist, wie er sie sich vorstellt. Seine Argumente schneiden zwar wie ein heißes Messer die Butter, verlassen jedoch nie den rationalen Rahmen. Allerdings nimmt er dabei kein Blatt vor den Mund und geht auch tabuisierte und seit langem der "political correctness" geopferte Themen ohne Hemmungen an. Sarrazins Interview kam für dieses Buch leider zu spät, hätte jedoch wie die berühmte Faust aufs Auge dazu gepasst. Man möchte dieses Buch auch bekennenden Linken empfehlen, wird bei diesen jedoch wahrscheinlich auf wenig Resonanz stoßen.

Das Buch ist im Rowohlt-Verlag unter der ISBN 978-3-498-02125-2 erschienen und kostet 16,90 €.

Frank Raudszus

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