| Noam Chomsky: "Die
Verantwortlichkeit der Intellektuellen" |
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Kritische Essays eines Rebellen aus den
letzten fünfzig Jahren |
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Der
heute über achtzigjährige Noam Chomsky ist seit einem halben
Jahrhundert so etwas wie das politisch-intellektuelle "enfant terrible"
der US-amerikanischen Gesellschaft. Seine jüdische Herkunft und
seine unbestrittene Kompetenz als Lingustik-Professor am berühmten
MIT in Massachusetts verbieten eine pauschale Abwertung seiner
Wortmeldungen und lassen diese wie einen Stachel im Fleisch der von ihm
kritisierten Vertreter der Macht schmerzen.Das vorliegende Buch bündelt eine Reihe kürzerer und längerer Essays zu Themen wie Vietnamkrieg, Watergate, 09/11 und Irak-Krieg, die jeweils im engen zeitlichen Kontext zum jeweiligen Themenkomplex erschienen. Wer sich im Abstand von dreißig oder gar vierzig Jahren kritisch über den Vietnamkrieg und seine Hintergründe äußert, z. B. in einer historischen Aufarbeitung, geht kein persönliches Risiko mehr ein, da die damals Verantwortlichen längst aus dem Dienst oder gar Leben geschieden sind und sich die Ansichten mit den Zeiten geändert haben. Wer sich jedoch Mitte der sechziger Jahre frontal gegen die amerikanische Kriegführung in Vietnam wandte, ging zumindest ein persönliches Karriere-Risiko ein. Chomsky ist diesen Risiken nie aus dem Weg gegangen und hat seine oftmals radikalen und provokativen Ansichten offensiv in die Öffentlichkeit getragen. Die Essays befassen sich durchweg mit der amerikanischen Weltpolitik seit den späten fünfziger Jahren und zeichnen sich durch eine schonungslosen Kritik aus, die den verschiedenen US-Regierungen von Kennedy bis zu George "Dabbelju" nicht nur ein denkbar schlechtes "handwerkliches" Zeugnis ihrer Regierungsarbeit sondern darüber hinaus unverhüllte Machtpolitik und Hegemonialstreben vorwirft. Chomsky verzichtet auch darauf, den weltpolitischen Kontext als Erklärung oder gar Entschuldigung anzuführen, sondern misst die Handlungsweise der Regierenden ausschließlich an den Grundsätzen der amerikanischen Verfassung und der allgemein anerkannten Grundsätze zum Menschen- und Völkerrecht. Darüber hinaus analysiert er die Strategien und Taktiken der Verantwortlichen hinsichtlich der öffentlichen Meinung und der Darstellung der eigenen Absichten und Handlungen. Der titelgebende Essay, entstanden im Jahr 1966, befasst sich mit der Rolle der Intellektuellen in den USA am Beispiel des damals gerade "aufblühenden" Vietnamkrieges. Scharfsinnig analysiert er nicht nur die zunehmende Verstrickung der USA in diesen asiatischen Konflikt und die machtpolitischen Hintergründe sondern auch die Apologien der Intellektuellen-Szene in den USA, die den dortigen Einsatz als "Verteidigung der westlichen Freiheit und der Demokratie" rechtfertigte. Dabei widerlegt er die damals weit verbreitete Auffassung einer massiven Beteiligung der UdSSR auf nordvietnamesischer Seite und verweist sie in das Reich der wohlfeilen Propagandalügen. Heute weiß man, dass dies weitgehend zutraf, wenn auch der Ostblock diesen Konflikt auf seine Weise ausbeutete (und wenn auch nur in der Öffentlichkeit), damals jedoch war dies eine gewagte und unerhörte Behauptung. Im Essay "Über den Widerstand" greift er dasselbe Thema aus der Sicht des wachsenden Widerstandes vor allem der jüngeren Generation auf und untersucht deren Strategien und Vorgehensweisen sowie die Reaktion der offiziellen Politik und der internationalen Öffentlichkeit. Auch hier erscheint der Staat wiederum als kalt kalkulierende Machtmaschine, die sämtliche hehren Grundsätze einer friedlichen Weltordnung aus purem Machterhalt über Bord wirft und selbst die eigenen Bürger im Falle des Widerspruchs kriminalisiert. In "Sprache und Freiheit" befasst er sich mit seinem ureigenen Fachgebiet, kommt dabei aber zwingend wieder zu der politischen Aussage, dass Sprache das Recht und die Pflicht zur Artikulation unliebsamer Wahrheiten und damit zum politischen Widerstand beinhaltet. "Macht und Gewalt in internationalen Beziehungen" ist ein weiteres Begriffspaar, das er im gleichnamigen Essay im Jahr 1970 wiederum am Beispiel des mittlerweile uneingeschränkt tobenden Vietnamkrieges analysiert. Der Beitrag stellt die Kriegsverbrechen des US-Militärs in Vietnam denen der Nazis gegenüber und vergleicht ihre Aufarbeitung mit den Nürnberger Prozessen. Dabei kommt klar zum Ausdruck, dass My Lai durchaus kein Ausrutscher einer einzelnen, außer Kontrolle geratenen Einheit war, sondern zwangsläufige Folge eines "Vernichtungskonzeptes", das die führenden Militärs mit Billigung der Politik offensiv verfolgten. Die Watergate-Affäre gibt dem Autor 1973 eine weitere Steilvorlage für eine vernichtenden Kritik an der Nixon-Administration. Dabei belässt er es nicht bei wohlfeiler moralischer Entrüstung, sondern legt in einem sarkastischen, fast satirisch zu nennenden Stil die Abgründe der amerikanischen Innen- und Außenpolitik offen. Als Intellektueller weiß er, dass die kühle Analyse eines zutiefst unmoralischen Verhaltens dieses wesentlich wirksamer denunziert als plakative Empörung. Ein anderer Artikel ist dem prekären Thema des Verhältnisses zu Israel gewidmet. Die permanente Duldung israelischer Verstöße gegen verschiedene UN-Resolutionen, die gewaltige, halbherzig verschleierte finanzielle und militärische Unterstützung und die konsequente Verhinderung entsprechender UN-Resolutionen gegen Israel per Veto spießt er dabei ebenso auf wie die Motive der massiven Israel-Lobby in den USA. So hat Israel in den siebziger Jahren massiv fragwürdige mittelamerikanischen Regimes unterstützt, denen offen zu helfen den USA in der Öffentlichkeit geschadet hätten. Dabei verweist Chomsky in ätzender Ironie auf das Fehlen jeglicher Absprache zwischen den beiden Ländern. Dem Thema "0/11" ist natürlich ebenfalls ein Beitrag gewidmet. Doch Chomsky versteigt sich nicht zu einer Verschwörungstheorie mit der CIA als wahrem Drahtzieher der Katastrophe, sondern untersucht die Gründe für dieses Attentat und denkt vor allem über mögliche Reaktionen und deren Folgen nach. Der noch vor dem Irak-Krieg entstandene Artikel kennt natürlich weder diesen noch die desaströse Entwicklung in Afghanistan, prognostiziert jedoch beides in einem pessimistischen Zukunftstableau. Der Irak-Krieg selbst mit seiner ganzen Vor- und rudimentären Nachgeschichte kommt dann im 2003 entstandenen Grundsatzartikel über "Imperium USA: die >Grand Strategie<" zur Sprache. Hier entlarvt Chomsky die USA als einen "global player", der sich nicht nur die polizeiliche Verantwortung über den ROW (Rest of World) anzieht, sondern sämtliche internationalen Gremien, allen voran die UNO, mit einer Handbewegung beiseite wischt, die eigenen Interessen als einziges Kriterium für politische und militärische Aktionen betrachtet und die bestehende Vormachtstellung dafür als einzige Rechtfertigung anführt. Chomsky sieht sein eigenes Land, das er doch nie verlassen hat, in einer wahrhaft düsteren Prognose als Verusacher gerade der zukünftigen Katastrophen, die es mit seinen weltweiten Aktivitäten verhindern will: Verbreitung von Atomwaffen und zunehmender Terrorismus. Man muss nicht mit allen Ansichten Chomskys konform gehen und kann im einen oder anderen Fall mit Recht auf den jeweiligen weltpolitischen Kontext und die Unmöglichkeit der allumfassenden Prognose verweisen; Chomsky jedoch hat jedoch letzteres zu dem jeweiligen Zeitpunkt getan und lag mit seinen Vorhersagen leider selten falsch. Das Buch ist im verlag Antje Kunstmann unter der ISBN 978-3-88897-527-1 erschienen und kostet 24,90 €. Frank Raudszus |
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