Friedrich Christian Delius: "Die Frau, für die ich den Computer erfand"

                                                                    
 Dezember 2009 Eine romanhafte Biographie des Computer-Pioniers Konrad Zuse
 
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BuchumschlagWer dieses Buch liest, ohne die Gattungsbezeichnung wahrzunehmen, hält es für eine außergewöhnliche Biographie, die konsequent auf historische Authentizität und die subjektive Sicht des Protagonisten setzt. Erst Kleinigkeiten lassen den Leser stutzen und schließlich auf die Deckseite zurückblättern, wo "Roman" steht: kein einziges Mal erscheint auf den knapp dreihundert Seiten dieses Buches der Name des Porträtierten - Konrad Zuse. Damit verlagert der Autor die Biographie dieses Mannes in eine vermeintliche Fiktion, die ihm einige Freiheiten bei der Ausgestaltung der historischen Details erlaubt. Ist es doch immer schwierig und eine Gratwanderung, einen Roman über eine historische Person zu verfassen, ohne sich dabei dem Vorwurf der Ungenauigkeit oder gar der Gefahr juristischer Klagen auszusetzen - siehe Maxim Biller.

Konrad Zuse kam im Jahr 1910 zur Welt und verstarb 1995. Bereits als junger Mann faszinierten ihn Rechenmaschinen aller Art und die dahinter stehende Logik, so dass er früh begann, sich trotz eines nicht darauf hinweisenden Bauingenieur-Studiums diesem damals völlig neuartigen Gebiet zu widmen. Unter großen persönlichen Entbehrungen und  selbstloser Hilfe seiner Familie gelang es ihm, während des Zweiten Weltkrieges den ersten frei programmierbaren Computer zu entwickeln und erfolgreich einzusetzen. Die (nicht nur) technologische Beschränktheit der Nationalsozialisten verhinderte eine großzügige Förderung und zielgerichtete Weiterentwicklung dieser epochalen Erfindung, so dass schließlich die später auf diesem Gebiet erschienenen Amerikaner den Sieg davontrugen. Zuse gründete zwar nach dem Krieg eine eigene Computerfirma und hatte auch einige Zeit einen gewissen Erfolg, finanzielle Engpässe, mangelndes Verständnis der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft und  - nicht zuletzt - systematische Einwände der frühen US-amerikanischen Computerindustrie (IBM) gegen eine (weltweite) Patentierung seiner Erfindung zwangen ihn in den Sechzigern zum Verkauf seiner Firma. Der Nachruhm half ihm wenig und konnte die Bitterkeit über die Verkennung kaum kaschieren.

Soweit der historische Hintergrund, wie er sich unter anderm bei Wikipedia nachlesen lässt, als Standortbestimmung für Leser, die sich in dieser Sparte nicht auskennen. F. C. Delius, wie er abkürzend gern genannt wird, hat zu diesem Leben eine eigenwillige Biographie verfasst, die scheinbar dokumentarisch daherkommt. So trifft der Autor eines schönen Sommertages den berühmten, mittlerweile 84jährigen Pionier zu einem vereinbarten Interview in seiner nordhessischen Heimat. Man setzt sich gemeinsam auf die Terrasse eines Ausflugslokals, und der Computerbauer erzählt. In gewissem Sinne präsentiert Delius mit seinem Buch das Pendant zu Samuel Becketts "Das letzte Band". Dort hört sich ein alternder Mann seine selbst besprochenen Bänder aus früheren Jahren an und kommentiert sein eigenes Scheitern. Hier bespricht ein ebenfalls alter Mann im Laufe einer einzigen Nacht mehrere Bänder mit der Geschichte seiner Erfolge und seiner Niederlagen. Der Autor des Buches zieht sich dabei völlig auf die Rolle des Zuhörers zurück. In einem einzigen Monolog redet sich der Erfinder sein Leben und seine Liebe vom Herzen. Selbst kritische Nachfragen oder Einwände des Interviewers erscheinen nur implizit in den Antworten des Protagonisten, der sie aufnimmt - mal ironisch, mal sarkastisch, mal humorvoll - und stets umfassend beantwortet. Dabei lässt er den Fragesteller dessen technisch-naturwissenschaftliche Unkenntnis deutlich spüren, ohne deswegen überheblich zu werden. Durch den Mund des fiktiv-realen Konrad Zuse kritisiert Delius auf diese Weise die meist auf Unkenntnis und Borniertheit zurückzuführende Technophobie einer geisteswissenschaftlich gepolten Gesellschaft, in der man noch heute mit dem Ausspruch "In Mathematik hatte ich immer eine Fünf" einhellige Zustimmung und fast Respekt erheischen kann. Der Autor tritt in diesem Buch an die Stelle dieser "ungebildeten" Gesellschaft und nimmt sozusagen ihre Schuld auf sich - jedoch nur literarisch.

Doch Delius geht es nicht in erster Linie um die Person Zuse und seine Computer Z1 bis Z4 (ursprünglich A1 bis A4 oder V1 bis V4 genannt) sondern darum, was einen Menschen antreibt, sich in diesem Ausmaß für eine Idee zu engagieren und dabei alle anderen Bereiche des Lebens auf ein Minimum zu reduzieren. Schließlich hat Zuse - dem Roman zufolge und wohl auch in der Realität - bis zu sechzehn Stunden am Tag gearbeitet, ohne  Wochenenden und Ferien, und dabei Freunde und Familie weit über das normale Maß einspannen und motivieren können. Der Porträtierte führt diesen Anrieb auf eine platonische Liebesgeschichte zurück: die des jungen Konrad Zuse zu Ada Lovelace (1815-1852). Sie war die Tochter des Dichters Lord Byron und ausgebildete Mathematikerin, damals im puritanischen und männerfixierten England eine Sensation. Den späteren Computererfinder faszinierten die Schönheit und die Klugheit dieser Frau gleichermaßen, und so ernannte er sie zu seiner heimlichen Geliebten, Muse und Schirmherrin zugleich. Ihr klagte er seine Probleme, ihr widmete er seine Erfolge, ihr hat er sein Durchhaltevermögen zu verdanken.

Hier setzt sicherlich die Fiktion in Delius' Biographie ein, denn man kann zwar davon ausgehen, dass Konrad Zuse in den realen Interviews anerkennend von dieser Dame als Wegbereiterin des Computers gesprochen hat, aber man darf ebenso mit Fug und Recht annehmen, dass er dem Interviewer nicht seine stille Liebe in diesem Ausmaß gebeichtet hat. Das wäre denn des seelischen Exhibitionismus doch zu viel gewesen, vor allem in der Zeit vor den Nachmittagstalkshows den RTL und Sat.1. Doch Delius gelingt es mit diesem Kunstgriff nicht nur, den emotionalen Motor hinter einer Erfinderkarriere sichtbar zu machen, sondern gleichzeitig auch, dem Leser ein Stück Technikgeschichte zu vermitteln.

Die zweite große Liebe des echten Konrad Zuse galt schon immer der Kunst, und so liebt auch der halb fiktive Computerpionier in diesem Roman die deutsche Klassik. Dabei stellt Delius die Gestalt des "Faust" gezielt in den Mittelpunkt, da sich das immerwährende Streben nach "dem, was die Welt im Innersten zusammenhält", aus Goethes Werk so treffend auf die Gestalt des Konrad Zuse anwenden lässt. Allerdings bemerkt dieser in seinem Lebensrückblick lakonisch, dass
erstens bei ihm der Schweiß der täglichen Arbeit an die Stelle Mephistos getreten sei und zweitens er sich nicht nach Erfolg bei jungen Mädchen sondern nach der Lösung seiner technischen Probleme gesehnt habe. Dennoch sieht Delius' Zuse immer wieder die Parallelen zwischen Goethes Dichtung und der Naturwissenschaft im allgemeinen und sich im speziellen. Als Liebhaber der Klassik zitiert der "Roman-Zuse" immer wieder Goethe und andere Geistesgrößen dieser Epoche und zeigt damit das Spannungsfeld zwischen Geistes- und Naturwissenschaften auf.

Das Buch vermittelt nicht nur einen guten Überblick über die Frühzeit der Computerentwicklung - ohne dabei technisch unbedarfte Leser zu überfordern oder gar zu langweilen -, sondern führt den Leser darüber hinaus auch in die geradezu erotisch aufgeladene Welt des von einer Idee besessenen Naturwissenschaftlers ein. In diesem Sinne stellt Ada Lovelace neben ihrer historisch nachgewiesenen Rolle auch ein Symbol für die Erotik der Erkenntnis und des Erfindergeistes dar.

Das Buch ist im Rowohlt-Verlag unter der ISBN 987-3-87134-642-2 erschienen, umfasst 284 Seiten und kostet 19,90 €.



Frank Raudszus

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