James Frey: "Strahlend schöner Morgen"

                                                                    
 Dezember 2009 Eine ambivalente Roman-Hommage an Los Angeles
 
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BuchumschlagBelletristik über "L.A." gibt es wie Sand am Meer in jeglicher Form: Thriller aus dem Geheimdienst- und Firmenmilieu, heißblütige - vordergründig gesellschaftskritische - Romane aus der Welt der Schönen und Reichen und auch Betroffenheitsbücher aus der Sicht der Verlierer. Wenn jetzt noch eins dazu kommt, ist man leicht geneigt, es gedanklich und vielleicht auch physisch zu den anderen zu legen. Die Lektüre dieses Buches jedoch führt schnell zu einer anderen Sicht zumindest der literarischen Einordnung.

James Frey gehört mit gerade einmal vierzig Jahren zu den jüngeren amerikanischen Autoren und hat sich nicht zuletzt mit dem vorliegenden Buch innerhalb kurzer Zeit auf die Ebene von etablierten und wesentlich älteren Autoren wie John Updike und Philipp geschrieben. Dabei kann Frey bei diesem Buch sozusagen aus dem Vollen schöpfen, hat er doch jahrelang als Drehbuchautor und Filmproduzent in Los Angeles gearbeitet.

Das Buch ist denn auch zum großen Teil diesem Milieu gewidmet, aber auf eine Art und Weise, die man bei allem ungeschminkten Realismus als satirisch bezeichnen kann. Doch auch andere, durchaus entgegengesetzte Milieus sind Frey nicht fremd, und so erhebt er den - literarischen - Anspruch, in seinem Buch das gesamte Spektrum der Bevölkerung dieses südkalifornischen Stadtmolochs abzudecken.

Der Titel "Ein strahlend schöner Morgen" - englisch "Bright Shiny Morning" - bezieht sich vordergründig auf die statistisch nachgewiesenen 333 Sonnentage in L.A., darüber hinaus jedoch auf den ungebrochenen und in vielen Fällen unbegründeten und geradezu realitätsfremden Optimismus und Zukunftsglauben seiner Einwohner. Jeder Tag ist für sie der Beginn einer großen Zukunft, auch wenn die Gegenwart oftmals geradezu deprimierend aussieht.

Frey verzichtet bewusst auf eine durchgehende Geschichte, die alle auftretenden Personen mehr oder minder kunstvoll miteinander verzahnt. Man kennt diese Technik von Thrillern, die erst in parallelen Einführungsszenen verschiedene Personen(gruppen) vorstellen, um diese dann in einer spannenden Handlung miteinander in Kontakt und Konflikt geraten  und gemeinsam zu einem Spannungsklimax gelangen zu lassen. Frey jedoch stellt zwar ebenfalls mehrere Parallelhandlungen vor, lässt sie jedoch nebeneinander herlaufen, so wie auch das Leben der meisten der etwa zehn Millionen Menschen in Los Angeles parallel zueinander verläuft.

Einen herausragenden Platz nimmt natürlich die Filmbranche ein. Hier spielt ein berühmter "Action-Schauspieler", Hetero-Macho im Film und nach außen glücklich verheiraterer Vater dreier Kinder, eine zentrale Rolle. Dass hinter dieser Fassade eine von Agenten und Anwälten mit hohem Aufwand verborgene Homosexualität existiert, wissen nur wenige, darunter seine lesbische Frau, die ebenfalls beim Film und ähnlich gestrickt ist. Erfolg, Ruhm und Geld haben ihre Charaktere bereits soweit korrumpiert, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes ein virtuelles Leben außerhalb der eigentlichen Realität führen, abgeschirmt von der Öffentlichkeit durch zahlreiches Personal und Leibwächter, sündhaft teure Anwesen mit hohen Mauern und akribische juristische Planung jeglicher öffentlicher Auftritte. Frey beschreibt den Realitätsverlust dieser Menschen einerseits und den geradezu naiven Glauben, alles mit Geld kaufen zu können, bis hin zu erotischen Dienstleistungen durch beliebige Mitmenschen - bei Widerstand wird die berufliche Vernichtung angedroht. Der durch die Medien geradezu anerzogene Narzissmus treibt in diesem Biotyp geradezu tropische Blüten, und der Spiegel ist das beliebteste Möbelstück in den Häusern dieses Menschentyps.

Das genaue Gegenteil dazu lebt tagsüber am Strand von Venice und nachts unter den Bäumen oder in der Toilette einer drittklassigen Strandbar. Trinker und Landstreicher - meist beides in Personalunion - verbringen hier ein immergleiches Leben, das sich längst von jeglicher Bürgerlichkeit abgekoppelt hat, und erinnern sich in vielen Fällen nicht einmal mehr, wann und warum sie in diesen Zustand geraten sind. Der Protagonist, willkürlich aus der Gruppe Gleichgesinnter ausgewählt, sieht mit seinen vierzig Jahren aus wie siebzig und wartet an jedem strahlenden Morgen (sic!) auf eine Antwort auf seine diffusen Lebensfragen. Als er schließlich meint, diese Antwort durch eine Hilfsaktion für ein drogensüchtiges junges Mädchen selbst  erzwingen zu müssen, endet die so mutige wie unüberlegte Aktion der Obdachlosen in einem Desaster, das tiefe Spuren vor allem bei dem selbsternannten Anführer hinterlässt.

Los Angeles zieht junge Menschen aus allen Teilen der USA geradezu magnetisch an. Hier erwarten alle das Glück, das man ihnen zu Hause vermeintlich oder tatsächlich vorenthält. So entflieht auch ein Pärchen von noch nicht einmal zwanzig Jahren eines Tages den unerträglichen familiären Verhältnissen im Mittelwesten und macht sich ohne Geld und mit viel verzweifeltem Optimismus in einem alten Pickup auf nach Westen, wo sie Freiheit und Glück erhoffen. Wie sie sich in Los Angeles durchschlagen und eine Reihe von schwierigen und gefährlichen Situationen durchstehen, beschreibt Frey mit viel lakonsichem Realitätssinn und ohne aufgesetzte Sentimentalität, wie sie sonst in der amerikanischen Literatur - und vor allem im Film - üblich ist. Gerade diese nüchterne und doch intensive emotionale Darstellung lässt Komik und Tragik dieser Beziehung besonders deutlich zutage treten, so dass der Leser am Ende mit dem jungen Paar mitzittert und auf ein gutes Ende hofft.

Der vierte Handlungsstrang beschreibt den zähen und mit vielen Widerständen bestückten Aufstieg einer jungen Frau, die als Tochter illegaler mexikanischer Immigranten in Kalifornien zur Welt kommt und unter ausgesprochen ärmlichen aber emotional intakten Verhältnissen aufwächst. Ihre Intelligenz und ihr Ehrgeiz bescheren ihr eine erfolgreiche Schulkarriere und die Aussicht auf ein Stipendien, das sich jedoch aufgrund unglücklicher Umstände zerschlägt. So verdient sie sich ihr Studium als Hausgehilfin bei einer wohlhabenden weißen Frau, die ihr dasa Leben zur Hölle macht und ihr ständig ihre vermeintliche mexikanische und damit illegale Herkunft deutlich macht. Diese junge Frau durchlebt sowohl beruflich als auch privat eine schwierige Phase zwischen den Kulturen, denn in den USA ist sie noch nicht angekommen, und Mexiko kennt sie nur von den Erzählungen ihrer Verwandten.

Frey schildert diese vier Schicksale ohne spektakuläre Handlungselemente ganz im Stil einer durchschnittlichen Biographie ais dem jeweiligen Niveau. Vom Filmschauspieler abgesehen haben seine Protagonisten genug mit der alltäglichen Unterdrückung, Kriminalität und Diskriminierung zu tun, als dass der Autor diese Ereignisse noch dramatisch "aufwerten" müsste. Die Stärke dieses Buches liegt nicht in der Handlung sondern in der Beschreibung der jeweiligen ökonomischen und emotionalen Situation und deren Wirkung auf die Psyche seiner Figuren, ohne dass er daraus einen "Psycho-Krimi" entwickelt. Die Sprache ist direkt und ohne  Schnörkel, verzichtet jedoch auf alle modischen Effekte des Straßenjargons. Als stilistische Besonderheit sticht lediglich hervor, dass Frey Sätze der direkten Rede gerne mit dem kurzen Satz "Er/sie spricht" einleitet. Das klingt auf die Dauer etwas gedrechselt und der literarische Sinn erschließt sich nicht, doch vielleicht ist das einfach eine kleine Marotte, die man dem Autor durchgehen lassen sollte. Seine sprachliche Kraft bei der Schilderung der einzelnen Charaktere, die Beschwörung der seelischen Nöte in einfachen aber überzeugenden Sprachbildern macht solche Kleinigkeiten allemal wett.

Anstell von Kapitelüberschriften fügt Frey zwischendurch kurze historische Meilensteine der Entwicklung von Los Angeles ein, von der Gründung der Missionsstation im späten 18. Jahrhundert bis in die aktuelle Zeit. Außerdem würzt er den Inhalt mit einer Reihe von Statistiken, sei es die Aufzählung von berühmten Künstlern der Region, von Kriegsveteranen - Vietnam, Irak -, von Kunden eines Waffenladens, von Verbrechen oder von skurrilen Gesetzen.

Bei aller Kritik an den politischen, gesellschaftlichen und ethischen Abnormitäten in Los Angeles ist dieses Buch dennoch eine einzige Hommage an eine Stadt, die der Autor für die zukunftsträchtigste der USA oder gar des ganzen Planeten hält. Man muss ihm in dieser Einschätzung nicht unbedingt folgen, ohne deshalb dies zum Nachteil des Buches auzulegen.


Das Buch "Strahlend schöner Morgen" ist im Ullstein-Verlag unter der ISBN 987-3-550-08767-7 erschienen, umfasst 590 Seiten und kostet 22,90 €.



Frank Raudszus

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