Michael Tomasello: "Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation"

                                                                    
 Januar 2010 Eine wissenschaftlich Zeitreise in die Frühzeit der Menschheit
 
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BuchumschlagBeim Schreiben wie beim Lesen dieser Zeilen lief bzw. läuft ein komplizierter Kommunikationsprozess ab. Nicht nur müssen Rezensent und Leser über die selben Konventionen und grammatischen Kenntnisse der deutschen Sprache verfügen, sondern sie müssen darüber auch einen gemeinsamen "Hintergrund" aufweisen, d.h. wissen, was scheinbar triviale Begriffe wie Buch, Autor und Kommunikation "bedeuten". Weiterhin geht der Rezensent davon aus, dass ein Interesse an dieser Rezension besteht - Irrtum vorbehalten -, weil er sich die Arbeit ansonsten sparen könnte. Das heißt, der Rezensent versetzt sich in die potentiellen Leser und setzt gewisse gemeinsame "Intentionen" voraus.

Der aufmerksame Leser wird sich bereits nach diesen ersten Sätzen gedacht haben, dass sie konkret auf das Objekt der Rezension verweisen und nicht nur eine banale Einleitung darstellen. So ist es! Der Anthropologe Michael Tomasello hat sich intensiv mit den Anfängen der menschlichen Kommunikation beschäftigt. Da es aus der Frühzeit des homo sapiens aus nahe liegende Gründen keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt, musste er seine Untersuchungen bei den nächsten Verwandten des Menschen beginnen, den Affen. Bekanntlich weisen gerade die Schimpansen die größte genetische Ähnlichkeit mit dem Menschen auf - nur 3% Unterschied in den Genen - und dienen daher bevorzugt als anthropologischer Maßstab. Da die heutigen Affen jedoch einen "stillgelegten" Seitenzweig der Hominiden darstellen, kann man ihre Fähigkeiten und Verhaltensmuster lediglich als "status quo ante" ohne jegliche zwingende Extrapolation auf die Entwicklung des Menschen heranziehen. Das marginalisiert die Affen evolutionsbezogen zwar nicht gerade zur Bedeutungslosigkeit, liefert jedoch auch keine schlagkräftigen Argumente für die Evolution des Menschen. Deshalb hat sich Tomasello in seinen Untersuchungen intensiv mit Kleinkindern und deren Entwicklung hinsichtlich ihrer kommunikatioven Fähigkeiten beschäftigt. Dabei unterliegt er jedoch nicht dem Irrtum - schließlich ist er Wissenschaftler -, die frühe Kindheit sozusagen als eine Evolution "im Zeitraffer" zu betrachten, denn der Mensch kommt bereits mit einem wesentlich komplexeren und leistungsfähigeren genetischen Material auf die Welt als es jeder ausgewachsene Schimpanse sein eigen nennen kann. Dennoch kann man an den rudimentären kommunikativen Aktivitäten von Kleinkindern viele Anlagen sozusagen im "Rohzustand" betrachten, weil sie noch nicht durch die Konventionen des gesellschaftlichen Umfelds modifiziert sind.

Die Gestik ist für Tomasello ein grundlegendes Element aller Kommunikation, und aus der Beobachtung der Affen schließt er zu Recht (soweit wir mit unserem unwissenschaftlichen Blick das überhaupt beurteilen können), dass auch die menschliche Kommunikation sich aus Gesten entwickelte. Dabei erkennt er bei Affen "Aufmerksamkeitsfänger" und "Zeigegesten". Erstere sollen lediglich die Aufmerksamkeit des jeweiligen Partners wecken, letztere verweisen auf den gewünschten Gegenstand (Futter) bzw. die Handlung (Fellpflege). Sogenannte "ikonische" Gesten, das sind Imitationen von Handlungen, kennen Affen nur in sehr eingeschränktem Maße und die auch nur in zeitlicher und räumlicher Nähe. Will sagen, die Imitation von "Essen" kann den Wunsch nach Futter ausdrücken, doch die gestische oder gar mimische Darstellung von zeitlich (Vergangenheit) oder räumlich (nicht sichtbar) entfernten Handlungen ist den Primaten nicht möglich. Sie bleiben immer im Hier und Jetzt und kennen keine Geschichte.

Der Mensch dagegen drückt sich - trotz und auch mit Sprache - vorzugsweise durch Gesten aus, sei es, weil eine akustische Verständigung nicht möglich oder nicht angeraten ist (Geheimnis). Diese gestische Kommunikation ist laut Tomasello aufgrund einer "geteilten Intentionalität" entstanden und dient dem Zweck, dem anderen eine für ihn nützliche Information zu übermitteln. Geteilte Intentionalität meint dabei die Möglichkeit, sich in die Rolle des anderen zu versetzen, ihn zu verstehen und auch zu wissen, dass dieser das weiß usw.usw.. Erst dieser rekursive Prozess des gegenseitigen Verständnisses motivierte den frühen Menschen, seinem Nebenmann eine wichtige Information zu übermitteln. Über den rein "mutualistischen" Altruismus der Affen hinaus - dort herrscht durchaus ein "do ut des" - entwickelte sich damit ein strategischer Altruismus, der einen größeren Gruppenzusammenhalt und eine Identifikation mit der Gruppe zum Ziel und zur Folge hatte. Tomasello nimmt an, dass die Anfänge der geteilten Intentionalität und damit der ikonischen Gesten aus dem Wunsch entstanden, von der Gruppe anerkannt zu werden und zu ihr zu gehören. Die (Darwinsche) Evolution hatte zu diesem Zeitpunkt "festgestellt", dass kooperierende Gruppen eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit besaßen, und selektierte sie daher für die weitere Entwicklung

Diese Rezension kann und soll keine detaillierte Fachkritik sein, da sich der Rezensent diese Fähigkeit nicht anmaßt. Hier geht es nur darum, interessierten Laien die Theorien und Vermutungen Tomasellos nahezubringen und auf Kernthesen zu verweisen. Ob seine Thesen zutreffen, lässt sich im Gegensatz zu logischen Wissenschaften (Mathematik) mit ihrer zwingenden Schlussweise oder experimentellen (Chemie, Physik) mit ihren konkreten Reproduktionen nicht endgültig feststellen. In Kenntnis dieser Situation beschränkt sich Tomasello daher auch in vielen Fällen auf einschränkende Begriffe wie "Vermutung" oder "Hypothese". Er weiß, dass auch alles immer ganz anders abgelaufen sein könnte, und zieht die für ihn (und uns) wahrscheinlichste Linie weiter. Seine Strategie, die heute noch existenten Affen und kleine Kinder als Eckpunkte seiner Argumentation heranzuziehen, sichert seine Ausführungen bei allen Vorbehalten (s. o.) wesentlich besser ab als eine rein auf Vermutungen und logischen Schlussfolgerungen beruhende Argumentation. Der Leser kann Tomasellos Ausführungen stets folgen und sie als eine zumindest hochwahrscheinliche Beschreibung der tatsächlichen Entwicklung akzeptieren.

Tomasello bleibt auch nicht bei der Gestik stehen, denn schließlich ist unsere Kommunikationstechnik im Laufe der Jahrmillionen etwas weiter gediehen (sie die Einleitung). So kommt er im letzten Teil zur Entwicklung der Sprache, die sich aus anfänglichen Gesten und deren zunehmend komplexer werdenden Kombinationen ergeben haben mag. Auch hier dienen ihm Kleinkinder wieder als Beispiele, die ebenfalls frühe Gesten irgendwann zu kombinieren lernen und dann durch Worte unterstützen. So sind dann sprachliche Konventionen (Grammatik) und ihre Anordnung (Wörter, Sätze, Erzählung) ein Abbild der gestischen Kommunikation, nur auf höherem und wesentlich komplexeren Niveau. Die Sprache hat letztlich die (ikonischen) Gesten verdrängt - diese sind jedoch in der Kunst weiterhin virulent -, da sie räumliche und zeitliche Grenzen wesentlich besser überschreiten kann.

Wer sich für dieses spannende Thema wirklich interessiert, sollte sich das Buch zu Gemüte führen anstatt sich inhaltlich mit dieser kurzen und knappen Rezension zu begnügen. Doch Vorsicht: hier dreht es sich nicht um einen spannenden Entwicklungsroman sondern um ein wissenschaftliches Werk mit vielen Einzelbeispielen, konkreten fachlichen Belegen und
detaillierten Beschreibungen sowie umfangreichen Literaturverweisen. Potentielle Leser sollte sich mit der Lektüre wissenschaftlicher Literatur auskennen, sonst kann es schnell recht anstrengend - und langweilig - werden.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 987-3-518-58538-2 erschienen, umfasst 410 Seiten und kostet 39,80 €.



Frank Raudszus
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