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Helene Hegemann: "Axolotl Roadkill" |
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Versuch der Einordnung eines
"totrezenszierten" Buches |
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Mit
sechzehn
Jahren hatte Wolfgang Amadeus Mozart bereits acht Opern,
zwanzig Sinfonien und vier Klavierkonzerte geschrieben und trug mit
Recht den ambivalenten Beinamen "Wunderkind". Mit siebzehn Jahren wurde
- um ein ganz anderes Beispiel zu nennen - Boris Becker jüngster
Wimbledonsieger aller Zeiten und erhielt damit einen ähnlichen
Stempel. In beiden Fällen überschlugen sich die Medien der
jeweiligen Epoche mit Hymnen und Gehässigkeiten
gleichermaßen, denn Größe "wird störend oft
empfunden, dieweil sie arg mit Neid verbunden...".Nun also Helene Hegemann. Wir haben das Glück oder Pech - wie man's nimmt - das Buch erst nach dem ersten Mediensturm und der besagten "Entlarvung" gelesen zu haben. Man nähert sich einem derart vorbejubelten und -belasteten Buch natürlich nur noch auf Zehenspitzen und bezieht den kaum zu ignorierenden Pressediskurs zumindest unbewusst in die Lektüre ein. So weckte der erste Hinweis auf Fremdquellen eine gewisse Skepsis, und die vom Verlag mit schamhafter Verzögerung nachgereichte Liste der "adaptierten" Textstellen vertiefte diese Skepsis allein aufgrund ihrer Länge von über sechs Seiten. Zwar sind die dort detailliert aufgeführten Übernahmen aus anderen Texten auf meist kurze Passagen beschränkt, doch die Tatsache der späten Offenlegung hinterlässt den Verdacht, dass damit noch lange nicht alle Quellen "trockengelegt" sind. Eine Rezension dieses Buches zu einem etwas späteren Zeitpunkt läuft notwendigerweise auf eine Diskussion der bisherigen Rezensionen hinaus, weil die Bedeutung des Buches ohne diese nicht zu erfassen ist. Wir werden uns daher im Folgenden auf andere Rezensenten beziehen, ohne diese im Einzelnen namentlich zu nennen, wobei wir jedoch das jeweilige Zitat durch Anführungszeichen kennzeichnen. Mifti, die sechzehnjährige Ich-Erzählerin in Hegemanns Buch, ist - soweit man das beurteilen kann - entfernt autobiographisch angelegt. Sie hat ihre Mutter früh verloren - im Buch an die Psychatrie und bereits tot - und der Vater ist ständig unterwegs oder mit seiner zweiten Frau beschäftigt. Mifti wächst weitgehend unbeaufsichtigt auf, man kann auch von seelischer Vernachlässigung reden. Sie ist hochgradig drogensüchtig und nimmt neben Heroin alles, was sich anbietet. Das Buch - von Roman spricht man besser nicht - beschreibt einige Tage Miftis im Berlin der letzten Jahre. Einschlägige Clubs wie der "Berghain" oder Szene-Partys sind die Schauplätze, ansonsten treibt sich Mifti in S- und U-Bahnen herum, schwänzt ausdauernd die Schule und kuriert ihre diversen Drogenkater bei ähnlich desorientierten Freundinnen oder Freunden aus. Ihre beste Freundin - mit dem klangvollen Namen Ophelia - hängt ebenfalls an der Nadel, liebt Mifti lesbisch, kommt ihr aber in ihrem geradezu autistischen Drogenwahn nicht näher. Miftis ältere Geschwister - Bruder und Schwester - gehen zwar Berufen nach, ihr Lebensmittelpunkt liegt jedoch außerhalb betrieblicher oder gar familiärer Bindungen. Miftis ganzes Milieu ist geprägt von Menschen, die sich treiben lassen, keine persönlichen Zukunftsperspektiven sehen und die persönliche Frustrationen auf die Gesellschaft projizieren. Jeder, der auch nur entfernt nach Erfolg oder einem zielgerichteten Leben aussieht, wird mit aggressiven Tiraden förmlich hingerichtet. Helene Hegemann bedient sich dabei - fast - durchweg einer im wahrsten Sinne des Wortes prekären Sprache, die hauptsächlich aus den Silben "krass", "Scheiß-", "Arsch-", "fuck" und Kombinationen daraus besteht. Die Sprache wirkt dabei jedoch ausgeprochen authentisch und man hat nicht das Gefühl, das hier wie so oft ein abgeklärter Erwachsener eine vermeintliche Jugendsprache zu imitieren versucht. Die Ursprünglichkeit - man kann es auch "Primitivität" oder "Trivialität" nennen - dieser Sprache lässt das Buch über lange Strecken wahrhaftig wirken und man kann sich junge Menschen auf dem Drogentrip vorstellen, die sich in ihrer nicht zugegebenen Verzweiflung nur noch dieser Ausrucksform bedienen. Dazu gehört auch der bewusste Bruch mit allen sexuellen und ästhetischen Tabus. Nahezu alle sexuellen Spielarten werden - teiweise öffentlich - durchdekliniert und die menschlichen Ausscheidungen und- dünstungen nicht minder. Die Protagonisten begehren gegen die Erwachsenenwelt dadurch auf, dass sie deren angeblich schönen Schein durch Wortwahl und Betragen konterkarieren, und Mifti agiert dabei als das Paradeexemplar. Die subjektive Darstellung aus der Sicht der Ich-Erzählerin verstärkt die Wirkung des Buches ungemein, da hier keine ordnende Hand eines objektiven Autors mehr zu verspüren ist. Die eigene Körperlichkeit im und nach dem Drogenrausch kommt drastisch und ungeschönt zum Ausdruck, und jeglicher schwacher Versuch der Umwelt, Mifti auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen oder ihre Ausschweifungen auch nur einzugrenzen, stößt auf ihren aggressiven, kategorischen Protest, der sich mehr als einmal im Weglaufen manifestiert. So weit so schlecht, könnte man sagen, was den Gegenstand des Buches betrifft. Doch entgegen den Hymnen früher Rezensenten sind auch kritische Punkte anzumerken. So beschreibt Helene Hegemann lediglich einen sich dauernd fortzeugenden Zustand ohne jegliche Entwicklung. Sie erzählt keine Geschichte, etwa, warum Mifti so geworden ist, sie erhebt keine konkrete Anklage gegen die Erwachsenenwelt und sie baut ihre Protagonistin auch nicht zur Hoffnungsträgerin einer neuen Generation auf. Mifti ist von Anfang an am Ende und wird auch nicht mehr den Weg zurück in die Gesellschaft finden. Auch die anderen Figuren sind ähnlich statisch und geistern wie Zombies durch das Buch. Sie haben ihr Leben trotz ihrer Jugend bereits gelebt und verbringen ihre letzten Tage in einem geradezu apokalyptischen Berlin, das jedoch für jede beliebige Großstadt steht. Zeitweise fühlt man sich an Leopold Blooms Tagesreise durch Dublin erinnert, wobei Helene Hegemann diese Assoziation durch Namenswahl - da Daedalus, hie Ophelia - unbewusst(?) nahelegt. Dann wieder denkt man an Charles Bukowski oder andere Untergrundliteraten. Doch die von einigen Rezensenten behauptete Gesellschaftskritik lässt sich höchstens implizit feststellen. Zwar erwähnt Mifti sexuellen Missbrauch als Kind, doch ohne Nennung von Namen oder Orten, ganz so, als sei das eine weitere Heroin-Halluzination, die sie sich aus Gelesenem und Gehörtem zusammengebraut hat. Selbst die engere Familie greift sie nur summarisch ohne Angabe konkreter Gründe an, als seien die Verwandten schon seit langem aus nicht näher bekannten Gründen auf Ewigkeit verdammt. Der eigentlilche Vorwurf besteht dann nur noch darin, dass die Gesellschaft ein junges Mädchen derart tief sinken lässt, doch selbst diese Kritik gibt Hegemanns Text konkret nicht her. Sie beschreibt eine verlorene Welt ohne den Versuch einer Erklärung. Stilbrüche sind eine weitere Schwäche dieses Buches. So haben bereits andere Rezensenten bemängelt, dass inmitten der "abgefuckten" Jugendsprache plötzlich Sätze auftauchen, die von einem "fünfzigjährigen Habilitanten der Sozialwissenschaften" aber nicht von einer sechzehnjährigen Drogenabhängigen stammen könnten. Dazu gehören Formulierungen wie "..obwohl ich als aufgeklärter Mensch die Hölle lange Zeit nur als machtpolitisches Instrument gedeutet habe...", der Verweis auf das hochkomplexe Buch Homo Sacer des Philosophen Giorgio Agamben oder eine musikphilosophische Reflexion über Verdi und Wagner. Wohlformulierte Bemerkungen über Kapitalismuskritik oder den Mythos von Psychologie und Moral passen nicht in die Erfahrungswelt einer wenn auch noch so belesenen Sechzehnjährigen und nähren den Verdacht auf einen versteckten Ko-Autor, den auch schon andere Rezensenten geäußert haben. Angesichts der herausgehobenen Stellung von Helene Hegemanns Vater an der Volksbühne kommt man nicht an der Vermutung eines Gemeinschaftswerkes vorbei, was im Prinzip nicht zu beanstanden ist aber den Stern der Jung-Autorin nicht mehr ganz so hell erstrahlen lassen würde. Auf Seite 49 sagt Mifti "Mir wurde eine Sprache einverleibt, die nicht meine eigene ist." Das lässt sich bisweilen durchaus auch auf die Autorin übertragen; und wenn sie ihre Protagonistin von sexuellem Missbrauch Minderjähriger reden lässt, so kommt spontan die Erkenntnis auf, dass es auch eine Art intellektuellen Missbrauchs Jugendlicher gibt. Gegen Ende des Buches äußert Mifti/Helene Sätze wie "..ich soll...Erwachsenenwörter aneinanderreihen, ohne sie zu verstehen." Wie wahr! Dennoch erzeugt dieses Buch einen nicht zu leugnenden sprachlichen Sog, der mit hoher Wahrscheinlichkeit von der Autorin selbst stammt. Inwieweit sie weitere Passagen im Tonfall von anderen Quellen übernommen oder imitiert hat, lässt sich nicht mehr feststellen, doch bis zu einem gewissen Grad sind solche Adaptionen nicht nur gang und gäbe sondern auch legitim. Am Ende des Buches bleiben viele Fragen offen, deren Gewicht sich mit jeder kontroversen Rezension - also auch dieser - noch erhöht. Wünschen wir der Autorin, dass sie bald wieder in ruhigeres Fahrwasser gerät und beweisen kann, dass dieses Buch kein einmaliger Strauß aus fremden Federn bleiben wird und sie - wie Mozart oder Boris Becker - den Ersterfolg bestätigen kann. Schließlich hat auch Boris Becker noch zwei Wimbledon-Siege gelandet, von Mozart ganz zu schweigen. Das Buch ist im Ullstein-Verlag erschienen, umfasst 204 Seiten und kostet 14,95 €. Frank Raudszus |
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