Jan Josef Liefers: "Soundtrack meiner Kindheit"

                                                                    
 Januar 2010 Autobiographischer Bericht über eine Kindheit in der DDR
 

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BuchumschlagWenn wir den Namen Jan Josef Liefers hören, denken die meisten - oder zumindest sehr viele von uns - an den exzentrischen Gerichtsmediziner Professor Börne aus der Münsteraner Tatort-Serie und erwarten unbewusst ähnlich ironische und treffsichere Sprüche. Diese vor allem aus der Fernsehwelt stammende Gleichsetzung von Rolle und Darsteller ist natürlich bei nüchterner Überlegung unhaltbar, aber dennoch können wir uns ihr nicht entziehen und müssen prompt mit der Ernüchterung leben. Denn der Autor dieser DDR-Biografie glänzt nur in bescheidenem Maße mit brillanter Ironie und zeigt auch wenig Ansätze gehobener Formulierkunst - wie sie Börne permanent als Markenzeichen vor sich her trägt. Aber eine solche Erwartungshaltung fällt eher auf den Leser zurück, legen wir sie also ad acta und kommen zum Buch.

Liefers kam im Jahr 1964 als Sohn eines Schauspielerehepaares auf die Welt und verbrachte wegen der vielfältigen Engagements seiner Eltern die ersten Jahre bei seinen Großeltern in Erfurt. Aus den 25 Jahren bis zum Mauerfall gibt es kein spektakulären Ereignisse - weder aus dem Leben des Heranwachsenden noch aus der politischen Welt - zu berichten. Außerhalb seiner kindlichen und jugendlichen Welt liegende politische Ereignisse erwähnt Liefers nicht, das sie ihn zu dem Zeitpunkt nicht berührten und ein Rückgriff auf die Politik zwecks Spannungssteigerung nicht nur den Rahmen des Buchs sprengen sondern auch aus der Sicht eines Kindes wenig authentisch wirken würde. Wir begleiten also den kleinen Jan Josef durch die Kinder- und Schulzeit, lernen seine Eltern und diversen Großeltern kennen und müssen uns durch manche Anekdote über Omi Gretel oder Oma Hilde hindurchkämpfen. Das ist teilweise recht amüsant, über Strecken jedoch auch ermüdend und belanglos. Von seinen Eltern erhalten wir einige durchaus aufschlussreiche Charakterstudien, die jedoch bei solch einem Buch konturierter hätten ausfallen können. Vielleicht hat Liefers jedoch mit Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte seiner Eltern auf detailgenauere Schilderungen verzichtet und sich auf allgemeine und generell positive, ja liebenswerte Wesenszüge beschränkt. Vor allem seine Mutter, die ihn schließlich lange Zeit alleine aufzog, schildert er als eine lebenslustige und humorvolle Frau. Den im fernen Berlin als Schauspieler und Regisseur tätigen Vater beschreibt er zwar mit einigem Respekt aber - wohl aufgrund der scheidungsbedingten Abwesenheit - mit einiger Distanz.

Liefers muss schon frühzeitig die Begrenztheit seines autobiografischen Materials erkannt haben und hat sich daher einen "roten Faden" gesucht und in der Musik gefunden. Schon früh spielt er "Luftgitarre" und erhält dann auch bald eine wenn auch recht dürftige Gitarre als Geschenk, auf der  er seine ersten musikalischen Versuche unternimmt. Später - mit einer besseren Gitarre - gründet er sogar eine Band und versucht mit Liedern zur Gitarre sein Glück bei den Mädchen - eigenen Aussagen zufolge durchaus nicht ohne Erfolg. So zieht sich die Musik durch das ganze Buch und hinterlässt in jedem Kapitel Spuren in Gestalt von Lied- und Schlagertexten. Dabei wechseln sich internationale Rocktexte mit FDJ-Liedern und Schlagern aus der VEB-Unterhaltungsmusik ab. Wir erinnern uns mit Liefers wieder an den unsäglichen Lipsi und andere "aufbauenden" Lieder des sozialistischen Alltags. In späteren Kapiteln, in denen der Autor die achtziger Jahre schildert, gewinnen diese DDR-Schlagertexte zunehmend subersiven Charakter, zumindest, soweit sie von "freien" Gruppen stammen. Mit der Pubertät ändert sich auch der Blickwinkel des jungen Jan Josef auf seine Umwelt und er erkennt immer mehr die Widersprüche des Systems. Doch er wird deshalb noch lange nicht zum aktiven Dissidenten und versucht auch gar nicht - und das ist sympathisch - sich nachträglich als Widerstandskämpfer zu stilisieren. Wie die meisten DDR-Bürger versucht er, sich mit dem System zu arrangieren und möglichst wenig bei den Behörden anzuecken.

Seine Liebe gilt neben der Musik schon früh der Schauspielerei - kein Wunder bei den Eltern - und schließlich erhält er dank einiger Beziehungen - schließlich ist sein Vater weder Arbeiter noch Bauer - die Zulassung zur Schauspielschule in Ostberlin. Damit beginnt für ihn in jeder Hinsicht ein völlig neues Kapitel, denn Ostberlin galt damals in der DDR - vor allem in Dresdner "Tal der Ahnungslosen" - als Metropole. Jetzt ergeben sich auch zunehmend Reibereien mit den Behörden, sei es bei seiner Verweigerung des Wehrdienstes oder beim Tragen provokativer Aufkleber, die den Wandel in der Sowjetunion - Glasnost und Perestroika - zum Gegenstand haben. Liefers droht zweimal der Rauswurf aus der Akademie, das letzte Mal kurz vor der Wende, aber er hat jedes Mal Glück, beim letzten Mal wohl schon, weil auch die "andere Seite" den Wind der Veränderung spürt. Schließlich landet er auf der großen Demonstration am 4. November 1989 auf dem Sprecherpodium, um mit seiner geschulten Stimme einige markante Sätze an die Menge zu richten, und lernt anschließend noch einen seltsam liebenswürdigen Markus Wolf kennen (aber nicht lieben). Dann ist das Abenteuer DDR zu Ende und Liefers beginnt seine westdeutsche Karriere, die vorerst in Professor Börne kulminiert und sicher noch nicht zu Ende ist.

Liefers trauert der DDR nicht hinterher aber schüttet auch nicht den Kübel nachträglicher Verachtung über sie aus. Er bleibt so fair, sie als eine lebenswerte Umgebung für ein Kind zu beschreiben, das noch keine Ansprüche an Reise- und Meinungsfreiheit stellt und das unter der Obhut wohlgesinnter Verwandter aufwächst. Man muss sich Jan Josef Liefers als glückliches Kind der DDR vorstellen.

Das Buch ist im Rowohlt-Verlag unter der ISBN 987-3-498-03933-2 erschienen, umfasst 410 Seiten und kostet 19,80 €.



Frank Raudszus
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