Gregor Hochreiter: "Krankes Geld - Kranke Welt"

                                                                    
 Januar 2010 Eine wissenschaftliche Abrechnung mit der Geldpolitik der Regierungen
 

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In Krisenzeiten blühen die Theorien über die richtige Art zu wirtschaften. Der Autor des vorliegenden Buches liefert dazu einige besonders abstruse Ideen. Hier nur ein Vorgeschmack in Gestalt von zwei Beispielen

  • Man (Personen, Unternehmen, Regierungen) sollte nie mehr ausgeben, als man hat,
  • Das Geld sollte den tatsächlichen Wert der gehandelten Waren repräsentieren.

BuchumschlagDer Autor suggeriert dabei, dass ohne die Einhaltung dieser Regeln auf die Dauer keine Wirtschaft gedeihen kann. Dabei übersieht er großzügig, dass die Regierungen fast aller und vor allem der westlichen Industrieländer auch ohne diese kleinbürgerlichen Einschränkuneg bestens fahren, zumindest bis heute, und "on the long run we are all dead" (J. M. Keynes).

Doch, Landsleute und Leser, wir sind nicht zum Verreißen hier sondern zum Rezensieren, und "the evil that men do" ... aber das ist eine andere Geschichte. Lassen Sie uns also kurz durch die Theorien des Autors gehen, die sich so konträr zu dem verhalten, was Leute mit Amt und daher Verstand tagtäglich in der Praxis vollbringen:

Hochreiter beginnt mit einer Begriffsklärung des Geldes. Dies ist seiner Meinung nach durchaus nicht eine Ausgeburt der kapitalistischen Hölle, sondern nur ein praktikables Tauschmittel. Wer in einer reinen Tauschwirtschaft eine Gans anbietet und Wein benötigt, muss erst den passenden Partner finden, und man kann sich vorstellen, wie ineffizient und mühsam der Handel wird, wenn eine gar nur eine Gänsekeule und der andere nur ein Glas Rotwein verlangt. Irgendwann ist man aus der Erfahrung darauf gekommen, dass das ideale Tauschmittel möglichst fein portionierbar und lagerfähig ist und überall benötigt wird. Was hilft mir frische Milch als Tauschmittel, wenn sie abends sauer ist! Und so kam man geradezu zwangsläufig auf das Metall. Gold und Silber garantierten aufgrund ihrer Seltenheit und ihres Materialwertes obendrein einen dauerhaften Wert. Anfangs entsprach der Materialwert des Geldes auch stets seinem Tauschwert, die gesamte Geldmenge repräsentierte damit die gesamte Warenmenge. Irgendwann fehlte den spätrömisch dekadenten Kaisern jedoch das Gold, und so "streckten" sie die Münzen mit billigem Metall. Dadurch konnten sie mehr Geld herstellen und an ihre Soldaten und Untertanen verteilen, und alle waren glücklich. Doch laut Hochreiter führt das zu einer unangenehmen Konsequenz, die natürlich total an den Haaren herbeigezogen ist: wenn ich doppelt so viel "Geldwert" wie Warenwert in den Markt drücke, steigen die Preise, denn alle wollen mit diesem Geld die unverändert gebliebene Warenmenge kaufen.

Mit dieser Theorie unterminiert Hochreiter mit einem Schlage die gesamte Geldpolitik aller "Kaiser" von M.A. (Marc Aurel) bis A.M. (Angela Merkel). Denn nichts anderes haben sie alle getan, wenn es eng wurde in der Staatskasse. Irgendwann in der frühen Neuzeit wurde es zu aufwendig, stets neue Münzen zu prägen, und man erfand das Papiergeld, dem eine bloße Platzhalterfunktion zukam, d.h. der Staat versprach, dass hinter diesem "Geld-Schein" (im wahrsten Sinne des Wortes!) das entsprechende Gold in den Tresoren lag. Das ging nicht lange gut, denn schon nach dem deutsch-französischen Krieg konnten die Franzosen ihre Kriegsschulden an Deutschland nur bezahlen, in dem sie diese stille Verabredung aufkündigten und einfach Geld druckten. Bald merkten auch andere Regierungen, dass man dadurch das Volk beglücken konnte - das alte römische "panem et circenses" feierte fröhliche Urständ - und schon nahte die erste große "Blase" mit dem anschließenden Crash. Die zusätzliche Geldmenge führte einerseits zu erhöhtem Konsum am Ende der Wertschöpfungskette. Es liegt jedoch nahe, dass zusätzlicher Verbrauch von Champagner, Weißbrot und Schokolade nicht gerade zu langfristigen Innovationen in der Industrie führt, denn die Konsumwaren lassen sich meist leicht herstellen. Den Höhepunkt dieser Politik des Gelddruckens erlebten unsere Großväter in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als täglich bis zu dreimal Gehalt gezahlt wurde, um mit den Miiliarden noch schnell ein Brot kaufen zu können.

Hochreiter beschränkt seine Theorien jedoch nicht aufs krude Gelddrucken, sondern weist auf wesentlich subtilere Mittel der "Inflationierung" hin. In diesem Zusammenhang erklärt er erst einmal den Unterschied zwischen "Inflation" und "Teuerung". Letztere entsteht zum Beispiel, wenn in einem eingeschwungenen Markt die Verbraucher plötzlich mehr Äpfel und weniger Birnen nachfragen. Bei kurzfristig unverändernder Produktionskapazität werden die Äpfel teurer und die Birnen billiger. Solange jedoch die Geldmenge allen Äpfeln und Birnen entspricht, bleibt die "Inflation" bei Null. Sie kommt erst hinzu, wenn der Staat künstlich Geld schöpft, und das kann man laut Hochreiter wunderbar mit dem Zins bewirken. In einem freien Markt pendelt sich der Zins, der ebenfalls kein Ausgeburt der Hölle sondern nur eine Entschädigung für kurzfristigen Konsumverzicht ist, je nach Angebot und Nachfrage auf einen bestimmten Wert ein. Wenn die Sparneigung hoch ist, besteht ein hohes zukünftiges Konsumpotential, das Unternehmer dazu ermutigt, langfristige Investitionen zu tätigen. Da eine hohe Sparquote zu einem hohen Geldangebot führt, sinkt der Zins und verbilligt damit die Investitionskredite. Bei geringer Sparneigung verhalten sich die Dinge genau gegenläufig,. Hochreiter spricht in diesem Falle von geringer (sofortiger Konsum) und hoher (späterer Konsum, Vorsorge) "Zeitpräferenz". Erstere führt in einem funktionierenden Markt normalerweise zu steigenden Zinsen und damit zu einer Eindämmung des Konsumrausches. Wenn nun aber eine Regierung die in einer Boom (oder einer "Blase") entstandenen Arbeitsplätze bewahren will und die Zinsen gegen die Marktentwicklung senkt, heizt sie den Konsum noch an. Niedrige Zinsen signalisieren jedoch den Unternehmen hohe Sparneigung und zukünftigen Konsum, und diese investieren in neue Produkte, für die langfristig nicht das Geld zur Verfügung steht. Denn der Staat senkt den Zins unter die vom Markt geforderte Grenze und drückt damit zusätzliches Kreditgeld ind en Markt, das die Summe der am Markt befindichen Waren übersteigt. Eine weitere Geldentwertung ist das zwangsläufige Ergebnis.

In diesem Zusammenhang weist Hochreiter auch auf die desaströse Entwicklung der Bankreserven hin. Lange Zeit mussten die Banken für Sichteinlagen ("Girokonto") Barmittel in gleicher Höhe zurückhalten, damit alle Bankkunden ihr Recht wahrnehmen konnten, ihre Guthaben von einem auf den anderen Tag einzulösen. Nur längerfristige Sparguthaben gingen temporär in den "Besitz" der Bank über und konnten verliehen werden. Da dies zu einer Begrenzung des Kreditvolumens führte, hob man diese "Deckungsforderung" auf, reduzierte sie erst auf 50% und dann immer weiter bis auf wenige Prozent. Das bedeutet, dass heute jede Bank unmittelbar bankrott geht, wenn alle Kunden ihre Girokonten auflösen! Diese "Zirkulationskredite" aus den Sichtguthaben führen jetzt zu einer geradezu potenzierten Aufblähung des Geldvolumens und damit zu einer entsprechenden Inflation.

Hochreiter geht in diesem Zusammenhang auch auf die von den statistischen Behörden herausgegebenen Inflationsraten ein, womit eigentlich Teuerungsraten gemein sind. Zum einen greift er die willkürliche Zusammensetzung des "Warenkorbs", der alle kritischen Warengruppen ausschließt. So kann man angeblich Energie herausnehmen, da diese Kostensteigerungen "extern" bedingt seien. Doch gerade die überschüssige Geldmenge lässt den Wert begrenzter Ressourcen steigen. Wenn weniger Geld im Markt wäre, könnte man weniger Benzin kaufen, was den Preis automatisch senken würde. Zum anderen verfälscht die geringe "Inflationsrate" im Euro-Raum die realität, weil ohne Inflation das Preisniveau erheblich gesunken wären!

Mit der Inflation handelt Hochreiter auch gleich die so gefürchtete "Deflation" ab. Für ihn ist sie nichts anderes als eine "Heilung" der in der Inflation entstandenen Missstände: die Geldmenge verringert sich, die Nominaleinkommen sinken, doch die Realeinkommen steigen über sinkende Preise und das Geld behält langfristig seinen Wert und erlaubt echte Vorsorge. In einer inflationären Wirtschaft müssen die Wirtschaftsteilnehmer letzten Endes kurzfristig denken und heizen über schnellen Konsum die Infaltion noch weiter an.

Der Autor geht auch kurz auf die Kampfbegriffe "Kapitalismus" und "Sozialismus" ein und weist nach, das sich in bezug auf Geld beide sehr ähnlich verhalten. In beiden Fällen hat das so genannte "Wohl des Volkes" höchste Priorität, entweder aus wahltaktischen oder aus ideologischen Gründen. Wenn dann übermäßige Geldschöpfung den Geldwert mindert und damit die Preise steigen (s. o.), führt man gerne Preisgrenzen ein, was wiederum zum Ausdünnen des Produktangebots und letztlich zur Mangelwirtschaft führt. Am Ende steht die Rationierung und die totale zentralistische Gängelung. Da nehmen sich die sozialistischen Regierungen mit ihrer Planwirtschaft und Verstaatlichung und die "marktwirtschaftlichen" mit Zinssteuerung, Mindestlohn und Sozialtransfers auf Pump nichts.

Hochreiter selbst ist ein Vertreter der sogenanten "Österreichischen Schule", die diese Zusammenhänge Mitte des letzten Jahrhunderts analysiert und in die Nationalökonomie verschiedener Länder, vor allem der USA, eingeführt hat. Hauptgegner ist John Maynard Keynes, der für den staatlichen Eingriff war, da er der Meinung war, dass Konjunkturzyklen mit Boom und Rezension naturgegeben seien und vom Staat geglättet werden müssten. Vor allem die europäischen Wohlfahrtsstaaten sind in den letzten Jahren wegen der populistischen Effekte
wieder Keynes' paternalistischem Konzept gefolgt, und den Erfolg sehen wir heute: die gesamten Schulden Deutschlands betragen 1,7 Billionen (1,7 Millionen Millionen oder 1,7 Tausend Milliarden für Leser, denen diese Größenordnung nicht geläufig ist) Euro, womit auf jeden Bundesbürger - vom Säugling bis zum Greis -  20.000 Euro entfallen. Wenn die Bundesregierung - angesichts stets knapper Budgets - davon jährlich 20 Milliarden Euro tilgen würde, wären wir bereits nach 85 Jahren schuldenfrei. Das ist endlich einmal eine positive Perspektive, die Hochreiters Katastrophenszanario deutlich widerlegt!

Hochreiter geht unter anderem auch auf die großen Rezessionen der letzten Jahrhunderte ein und weist in jedem Fall schwerwiegende Fehler der jeweiligen Regierungen
gemäß dem beschriebenen Muster nach. Vor allem die große Depression nach der Weltwirtschaftskrise 1929 führt er auf eine falsche Geldpolitik in den zwanziger und desaströse Reaktionen in den frühen 30ern zurück, wobei besonders der so oft gerühmte "New Deal" von Präseident Roosevelt nicht gut davonkommt. Darüber hinaus entwirft Hochreiter am Schluss des Buches einige Strategien, wie man den auf uns zukommenden nächsten Crash noch verhindern könnte und wie sich der Einzelne dagegen wehren kann. Seine dringende Empfehlung: keine Staatsanleihen mehr kaufen, weil man mit diesen den inflationären Kurs der Regierung(en) nur unterstützt. Außerdem beruht die angebliche Sicherheit (zumindest der deutschen Anleihen) nur auf Steuergeldern, d. h. der Bürger sichert seine Sparguthaben mit eben diesen ab........

Der Leser dieser Zeilen wird die tiefe Abneigung des Rezensenten gegen die Theorien des Autors und den immerwährenden Glauben an die Allmacht unseres Wohlfahrtsstaates erkannt haben und wir hoffen, dass ihn dieser Verriss dazu motiviert, sich Gregor Hochreiters Gedanken selbst einmal zu Gemüte zu führen. Wir möchten zum Schluss noch ein Beispiel geben, das deutlich zeigt, dass alles halb so schlimm ist: ein Mann fiel aus dem zwanzigsten Stockwerk eines Hochhauses. Beim ersten Stock angekommen, meinte er, das Leben sei wie fliegen, ringsumher herrsche frische Luft und eine herrliche Aussicht. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Das Buch ist im Resch-Verlag unter der ISBN 978-3-935197-94-6 erschienen, umfasst 264 Seiten und kostet 19,90 €.


Frank Raudszus
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