Wassili Grossmann: "Alles fliesst"

                                                                    
 April 2010 Ein kritischer Zeitzeugenbericht über die düsterste Zeit des sowjetrussischen Sozialismus
 

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BuchumschlagUnter dem Titel dieses Buches fehlt die übliche Gattungszeichnung wie "Roman" oder "Dokumentation". Auf den ersten Blick erscheint dieses Manko als nebensächlich und einer marginalen Unaufmerksamkeit geschuldet. Doch wenn man das Buch gelesen hat, wird klar, dass der Verlag ganz bewusst auf diese Einordnung verzichtet hat, denn sie gestaltet sich tatsächlich schwierig, und keine der bekannten Literaturkategorien würde hier passen. Im heutigen Fernsehen würde man ein solches Werk vielleicht als "Infotainment" bezeichnen, aber diese Bezeichnung hielten die Verantwortlichen zu Recht wohl doch für zu platt. Wassili Grossmann (1904-1964) hat sich Zeit seines Lebens sowohl journalistisch als auch literarisch betätigt, und wenn man zwischen diesen beiden Arbeitsgebieten überhaupt einen trennenden Keil setzen will, dann kann man den Journalismus als tägliche Einmischung in Politik und Gesellschaft, die Literatur dagegen als eher langfristig wirkende Auseinandersetzung mit den großen Themen einer Epoche bezeichnen. Wassili Grossmann hat Zeit seines Lebens für seine Arbeit beide Aspekte für unabdingbar gehalten, und so durchziehen seine Romane auch immer wieder essayistische Züge, die ganz bewusst eine eventuelle Romanhandlung in den Hintergurnd drängen.

In "Alles fliesst" hat Grossmann die Zeit von den zwanziger bis zu den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der Sowjetunion aufgearbeitet, im wesentlichen die dreißig Jahre zwischen 1925 und 1955. Um das Buch zu verstehen, muss man wissen, dass Grossmann lange Zeit ein glühender Vertreter des Sozialismus und der Neuordnung der russischen Gesellschaft war. Selbst den komrpomisslosen Kampf gegen alle Kritiker und Gegner des neuen Gesellschaftssystems bis hin zur Vernichtung von Konterrevolutionären hielt er in den Jahren nach der Revolution für gerechtfertigt. Erst der Krieg gegen die Deutschen, den er natürlich zu Recht für einen Verteidigungskrieg hielt, öffnete ihm die Augen nicht nur für die Brutalität beider Seiten an der Front sondern auch für die Grausamkeit des eigenen Systems. So brachte ihm die ungeschminkte Beschreibung des russischen Antisemitismus in der Armee und bei den politischen Eliten bald heftige Kritik bis hin zum Schreibverbot ein. Das vorliegende Buch entstand Ende der fünfziger bis Mitte der sechziger Jahre, und Grossmann hat daran bis zu seinem Tod gearbeitet.

Die Hauptfigur Iwan Gregorjewitsch erhält Mitte der fünfziger Jahre nach dreißig Jahren Lagerhaft seine Freiheit wieder. Mitte der zwanziger Jahre war er für vergleichsweise geringe Vergehen - er hatte mehrfach eine abweichenden Meinung vertreten und war für das freie Wort eingetreten - zu dreißig jahren Lagerhaft verurteilt worden. Dort musste er jedoch bald feststellen, dass außer ihm nicht nur eindeutige Konterrevoltionäre, unverbesserliche Monarchisten oder Kriminelle saßen, sondern viele Vertreter des Sozialismus, die diesen aufgebaut und bis vor kurzem noch hohe Ämter bekleidet hatten. So konnte es durchaus geschehen, dass kurz nach der Einlieferung eines aufgrund falscher Denunziationen Verurteilten dessen Denunziant oder Richter selbst sich im Lager wiederfand. Iwan Gregorjewitsch musste bald erkennen, dass sich die russische Gesellschaft in zwei Teile geteilt hatte: die Verurteilten und deren Verfolger, wobei sich der Status letzterer sehr schnell ändern konnte. Nichts war sicher, alles floss......

Nun sucht Iwan Gregrojewitsch seine alten Verwandten auf. Sein Vetter hat sich dem System immer angepasst und willig alle  Unterschriftsaktionen gegen jüdische Ärzte oder andere burgeoise Elemente unterschrieben, nicht zuletzt, weil er den Anklagen und Behauptungen der staatlichen Stellen glaubte oder glauben wollte. Die Partei war eine unfehlbare Instanz, und den finsteren Machenschaften der Konterrevolutionäre musste zu Recht endlich einmal ein Ende gesetzt werden. Lange hat dieser Vetter mit seiner politischen Geschmeidigkeit gut gelebt und sein Gewissen mit den harten Notwendigkeiten der Revolution beruhigt. Dass rings um ihn seine - fähigeren - Kollegen ihre Stellen verloren und verbannt oder zur Lagerhaft verurteilt wurden, blendete er entweder aus oder hielt es im Stillen für richtig. Doch nach Stalins Tod und der anschließenden Amnestie vieler dieser Opfer regt sich bei ihm das schlechte Gewissen, das er nur schecht verdrängen kann. Es löst bei ihm zwar keine Läuterung aus, aber ein  latentes Unwohlsein. Da wirkt die Wiederkehr seines Vetters wie eine stille Anklage, hatte dieser damals doch Mut und Rückgrat gezeigt.

Iwan Gregorjewitsch widert die teils anbiedernde, teils herablassend-joviale Art seines Vetters an, und er reist nach Leningrad, wo die Frau wohnt, die er einst geliebt hat und die ihm irgendwann nicht mehr geschrieben hat. Doch er verzichtet auf eine Kontaktaufnahme, nimmt stattdessen eine einfache Arbeit an und zieht zu einer Witwe mit ihrem Neffen. Zu dieser Frau entwickelt sich ein engeres Verhältnis, und eines Nachts erzählt sie ihm ihr Leben. Doch die Person der Anna Sergejewna ist ür Grossmann nur ein Mittel, um die große Hungersnot in der Ukraine zu beschreiben. Zwar erzählt Anna ihre Erlebnisse während dieser Zeit, aber sie tritt dabei völlig in den Hintergrund. Die Kulaken, selbständige, freiheitlich gesinnte Bauern, waren Stalin und seinen Parteikadern ein Dorn im Auge und wurden systematisch ausgerottet. Die besonders perfide Art des Genozids bestand darin, erst die Männer festzunehmen und meist zu erschießen und dann den Rest des Kulakenvolkes von jeglicher Nahrungszufuhr auszuschließen. So verhungerte ein ganzes Volk innerhalb zewier Jahre auf grausamste Weise, sozusagen unter den Stiefelabsätzen der Kommissare und Soldaten. Grossmann schildert diese Ausrottung mit den Worten der Anna Sergejewna bis ins schrecklichste Detail wimmernder, rachitischer Kinder und existentieller Not bis hin zum Kannibalismus. An dieser Erzählung der Anna Sergejewna wird Grossmanns essayistischer Stil am deutlichsten, vergisst man doch über Dutzende von Seiten den aktuellen Handlungszusammenhang.

Das schreckliche Lagerleben beschreibt Grossmann anhand der jungen Ehefrau und Mutter Masha, die wegen eines konstruierten politischen Delikts zu Lagerhaft verurteilt wird und doch täglich auf die ihr zustehende Rehabilitation hofft. Hier wird besonders deutlich, dass die meisten Lagerinsassen ihren Fall für einen tragischen Irrtum hielten - schließlich hatten sie ja nichts verbrochen - alle anderen Insassen jedoch für zu Recht verurteilt hielten. Nur durch diese Unterwürfigkeit dem System gegenüber ist die duldende Haltung des Volkes überhaupt zu verstehen. Masha leidet unter dem fürchterlichen System der Lagerhaft - Kälte, Hunger, Brutalität -, glaubt aber immer an die bevorstehende Freilassung, bis sie an Entkräftung stirbt. Sie hat mit der restlichen Handlung nichts zu tun; es gibt keine Verbindung zu Iwan Gregorjewitsch oder zu anderen Personen; sie dient im Rahmen eines journalistischen Ausflugs nur als Beispiel für die Rechtlosigkeit und Grausamkeit der damaligen Zeit.

Den Abschluss dieses dokumentarischen Romans bildet eine längere Abhandlung über die Persönlichkeiten Lenins und Stalins. Rein formal macht sich Iwan Gregorjewitsch diese Gedanken, doch sind sie eine unmittelbare Aussage des Autors selbst aus seinem journalistischen Verständnis heraus. Daher macht er sich auch nicht die Mühe, diese Reflexionen in irgendeiner Weise in die fiktive Handlung um Iwan Gregorjewitsch einzubauen. Er kommt zu dem Schluss, dass Lenin ein Mann mit vielerlei Talenten und Neigungen war und sowohl Beethovens "Appassionata" als auch Tolstois "Krieg und Frieden" liebte. Doch im Laufe seiner politischen Karriere entschied er sich für die Macht und alle Konsequenzen bis zur mitleidlosen Vernichtung seiner Gegner und wurde zum ideologischen Puristen. Stalin jedoch störte diese "Unreinheit" von Lenins Wesen und merzte alle nicht der Ideologie und ihrer mitleidlosen Durchsetzung dienenden Eigenschaften aus - in der Wüdigung Lenins und in seiner Umgebung. Er selbst hegte solche "abseitigen Visionen" erst gar nicht. Laut Grossmann unterstützte die über Tausend Jahre gereifte Sklavenmentalität des russischen Volkes diesen mitleidlosen Purismus noch, da sie ein Revoltieren der Untertanen aus dem Reich des Denkbaren verbannte. Das Volk kannte nur unbedingten Gehorsam und Ehrfurcht vor den Herrschenden. Die Idee der individuellen Gedanken-, Rede- und Handlungsfreiheit hatte in Russland nie eine Chance. Doch Stalin fürchtete den Freiheitsgedanken und seine potentielle Sprengkraft derart, dass er Grausanmkeiten nie als solche offen zugab, was er dank seiner Machtfülle hätte tun können, sondern stets die revolutionäre und ideologische Notwendigkeit zum Wohle des Volkes betonte. Und das Volk glaubte ihm lange, eine nicht unbeträchtliche Zahl von Russen noch heute.

Das Buch vermittelt einen ungeschminkten, erschütternden Eindruck der Jahre zwischen 1930 und 1950 und kann als Beweis einer Wandlung des Autors vom begeisterten Anhänger zum scharfen Kritiker des "real existierenden Sozialismus" in der Sowjetunion gelesen werden.

Das Buch ist im Ullstein-Verlag unter der ISBN 978-3-550-08795-0 erschienen und kostet 24,95 Euro.

Frank Raudszus



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