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Wassili Grossmann: "Alles fliesst" |
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Ein kritischer
Zeitzeugenbericht über die düsterste Zeit des
sowjetrussischen Sozialismus |
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In
"Alles
fliesst"
hat Grossmann die Zeit von den zwanziger bis zu den
fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der Sowjetunion
aufgearbeitet, im wesentlichen die dreißig Jahre zwischen 1925
und 1955. Um das Buch zu verstehen, muss man wissen, dass Grossmann
lange Zeit ein glühender Vertreter des Sozialismus und der
Neuordnung der russischen Gesellschaft war. Selbst den komrpomisslosen
Kampf gegen alle Kritiker und Gegner des neuen Gesellschaftssystems bis
hin zur Vernichtung von Konterrevolutionären hielt er in den
Jahren nach der Revolution für gerechtfertigt. Erst der Krieg
gegen die Deutschen, den er natürlich zu Recht für einen
Verteidigungskrieg hielt, öffnete ihm die Augen nicht nur für
die
Brutalität
beider
Seiten
an
der
Front
sondern
auch für
die
Grausamkeit
des eigenen Systems. So brachte ihm die ungeschminkte Beschreibung des
russischen Antisemitismus in der Armee und bei den
politischen Eliten bald heftige Kritik bis hin zum Schreibverbot ein.
Das vorliegende Buch entstand Ende der fünfziger bis Mitte der
sechziger Jahre, und Grossmann hat daran bis zu seinem Tod gearbeitet. Die
Hauptfigur Iwan
Gregorjewitsch
erhält Mitte der fünfziger Jahre nach
dreißig Jahren Lagerhaft seine Freiheit wieder. Mitte der
zwanziger Jahre war er für vergleichsweise geringe Vergehen - er
hatte mehrfach eine abweichenden Meinung vertreten und war für das
freie Wort eingetreten - zu dreißig jahren Lagerhaft verurteilt
worden. Dort musste er jedoch bald feststellen, dass außer ihm
nicht nur eindeutige Konterrevoltionäre, unverbesserliche
Monarchisten oder Kriminelle saßen, sondern viele Vertreter des
Sozialismus, die diesen aufgebaut und bis vor kurzem noch hohe
Ämter bekleidet hatten. So konnte es durchaus geschehen, dass kurz
nach der Einlieferung eines aufgrund falscher Denunziationen
Verurteilten dessen Denunziant oder Richter selbst sich im Lager
wiederfand. Iwan Gregorjewitsch musste bald erkennen, dass sich die
russische Gesellschaft in zwei Teile geteilt hatte: die Verurteilten
und deren Verfolger, wobei sich der Status letzterer sehr schnell
ändern konnte. Nichts war sicher, alles floss...... Nun
sucht
Iwan Gregrojewitsch seine alten Verwandten auf. Sein Vetter hat
sich dem System immer angepasst und willig alle
Unterschriftsaktionen gegen jüdische Ärzte oder andere
burgeoise Elemente unterschrieben, nicht zuletzt, weil er den Anklagen
und Behauptungen der staatlichen Stellen glaubte oder glauben wollte.
Die Partei war eine unfehlbare Instanz, und den finsteren
Machenschaften der Konterrevolutionäre musste zu Recht endlich
einmal ein Ende gesetzt werden. Lange hat dieser Vetter mit seiner
politischen Geschmeidigkeit gut gelebt und sein Gewissen mit den harten
Notwendigkeiten der Revolution beruhigt. Dass rings um ihn seine -
fähigeren - Kollegen ihre Stellen verloren und verbannt oder zur
Lagerhaft verurteilt wurden, blendete er entweder aus oder hielt es im
Stillen für richtig. Doch nach Stalins Tod und der
anschließenden Amnestie vieler dieser Opfer regt sich bei ihm das
schlechte Gewissen, das er nur schecht verdrängen kann. Es
löst bei ihm zwar keine Läuterung aus, aber ein
latentes Unwohlsein. Da wirkt die Wiederkehr seines Vetters wie eine
stille Anklage, hatte dieser damals doch Mut und Rückgrat gezeigt.
Iwan
Gregorjewitsch
widert
die teils anbiedernde, teils herablassend-joviale
Art seines Vetters an, und er reist nach Leningrad, wo die Frau wohnt,
die er einst geliebt hat und die ihm irgendwann nicht mehr geschrieben
hat. Doch er verzichtet auf eine Kontaktaufnahme, nimmt stattdessen
eine einfache Arbeit an und zieht zu einer Witwe mit ihrem Neffen. Zu
dieser Frau entwickelt sich ein engeres Verhältnis, und eines
Nachts erzählt sie ihm ihr Leben. Doch die Person der Anna
Sergejewna ist ür Grossmann nur ein Mittel, um die große
Hungersnot in der Ukraine zu beschreiben. Zwar erzählt Anna ihre
Erlebnisse während dieser Zeit, aber sie tritt dabei völlig
in den Hintergrund. Die Kulaken, selbständige, freiheitlich
gesinnte Bauern, waren Stalin und seinen Parteikadern ein Dorn im Auge
und wurden systematisch ausgerottet. Die besonders perfide Art des
Genozids bestand darin, erst die Männer festzunehmen und meist zu
erschießen und dann den Rest des Kulakenvolkes von jeglicher
Nahrungszufuhr auszuschließen. So verhungerte ein ganzes Volk
innerhalb zewier Jahre auf grausamste Weise, sozusagen unter den
Stiefelabsätzen der Kommissare und Soldaten. Grossmann schildert
diese Ausrottung mit den Worten der Anna Sergejewna bis ins
schrecklichste Detail wimmernder, rachitischer Kinder und
existentieller Not bis hin zum Kannibalismus. An dieser Erzählung
der Anna Sergejewna wird Grossmanns essayistischer Stil am
deutlichsten, vergisst man doch über Dutzende von Seiten den
aktuellen Handlungszusammenhang. Das
schreckliche
Lagerleben
beschreibt Grossmann anhand der jungen Ehefrau
und Mutter Masha, die wegen eines konstruierten politischen Delikts zu
Lagerhaft verurteilt wird und doch täglich auf die ihr zustehende
Rehabilitation hofft. Hier wird besonders deutlich, dass die meisten
Lagerinsassen ihren Fall für einen tragischen Irrtum hielten -
schließlich hatten sie ja nichts verbrochen - alle anderen
Insassen jedoch für zu Recht verurteilt hielten. Nur durch diese
Unterwürfigkeit dem System gegenüber ist die duldende Haltung
des Volkes überhaupt zu verstehen. Masha leidet unter dem
fürchterlichen System der Lagerhaft - Kälte, Hunger,
Brutalität -, glaubt aber immer an die bevorstehende Freilassung,
bis sie an Entkräftung stirbt. Sie hat
mit der restlichen Handlung nichts zu tun; es gibt keine Verbindung
zu Iwan Gregorjewitsch oder zu anderen Personen; sie dient im Rahmen
eines journalistischen Ausflugs nur als Beispiel für die
Rechtlosigkeit und Grausamkeit der damaligen Zeit. Den
Abschluss dieses dokumentarischen Romans bildet eine längere
Abhandlung über die Persönlichkeiten Lenins und Stalins. Rein
formal macht sich Iwan Gregorjewitsch diese Gedanken, doch sind sie
eine unmittelbare Aussage des Autors selbst aus seinem journalistischen
Verständnis heraus. Daher macht er sich auch nicht die Mühe,
diese Reflexionen in irgendeiner Weise in die fiktive Handlung um Iwan
Gregorjewitsch einzubauen. Er kommt zu dem Schluss, dass Lenin ein Mann
mit vielerlei Talenten und Neigungen war und sowohl Beethovens
"Appassionata" als auch Tolstois "Krieg und Frieden" liebte. Doch im
Laufe seiner politischen Karriere entschied er sich für die Macht
und alle Konsequenzen bis zur mitleidlosen Vernichtung seiner Gegner
und wurde zum ideologischen Puristen. Stalin jedoch störte diese
"Unreinheit" von Lenins Wesen und merzte alle nicht der Ideologie und
ihrer mitleidlosen Durchsetzung dienenden Eigenschaften aus - in der
Wüdigung Lenins und in seiner Umgebung. Er selbst hegte solche
"abseitigen Visionen" erst gar nicht. Laut Grossmann unterstützte
die über Tausend Jahre gereifte Sklavenmentalität des
russischen Volkes diesen mitleidlosen Purismus noch, da sie ein
Revoltieren der Untertanen aus dem Reich des Denkbaren verbannte. Das
Volk kannte nur unbedingten Gehorsam und Ehrfurcht vor den
Herrschenden. Die Idee der individuellen Gedanken-, Rede- und
Handlungsfreiheit hatte in Russland nie eine Chance. Doch Stalin
fürchtete den Freiheitsgedanken und seine potentielle Sprengkraft
derart, dass er Grausanmkeiten nie als solche offen zugab, was er dank
seiner Machtfülle hätte tun können, sondern stets die
revolutionäre und ideologische Notwendigkeit zum Wohle des Volkes
betonte. Und das Volk glaubte ihm lange, eine nicht
unbeträchtliche Zahl von Russen noch heute. Das
Buch vermittelt einen ungeschminkten, erschütternden Eindruck der
Jahre zwischen 1930 und 1950 und kann als Beweis einer Wandlung des
Autors vom begeisterten Anhänger zum scharfen Kritiker des "real
existierenden Sozialismus" in der Sowjetunion gelesen werden. Das Buch ist im Ullstein-Verlag unter der ISBN 978-3-550-08795-0 erschienen und kostet 24,95 Euro. Frank Raudszus |
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